Gutzkows Werke und Briefe
Kommentierte digitale Gesamtausgabe
herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff

Bookreviews

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Nordwest-Zeitung
Stuttgarter Zeitung
literaturkritik.de
Münsterische Zeitung

 

1 . Februar 2002
Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2002, Nr. 27, S. 46:

"Literatur

Wally läßt das Zweifeln sein
Eine neue Gutzkow-Edition im Internet, auf CD-ROM und als Buch

Arno Schmidt oder Rolf Vollmann sind die Staranwälte des literarisch Entlegenen. Selbst Karl Gutzkow, ein ziemlich weit abgeschlagener Ritter vom Geiste, erwachte durch ihren Geheimtip zu neuem Leben. Und es gibt Verlage, die für ein paar tausend derart warm empfohlener und noch dazu kommentierter Seiten jederzeit offen stehen. Schließlich kennt man die Buchlust der Gemeinde. Der Vorwurf, Gutzkow sei etwas für lesende Masochisten (F.A.Z. vom 13. März 1999), kann sie keineswegs schrecken - im Gegenteil: Am liebsten hätte man alle Helden aus Schmidts "Nachtprogrammen" komplett im Bücherschrank, also auch den ganzen Gutzkow.

Solche Wünsche, die auch Freunde von Gutzkows Protegé Georg Büchner oder neue Pioniere des neunzehnten Jahrhunderts teilen mögen, beginnen sich zu erfüllen. Allerdings sucht man für dieses Riesenoeuvre neue Wege. Denn der ganze Gutzkow, den man so leichthin fordern mag, reicht noch über Goethe hinaus - jedenfalls nach Zahl geschriebener Seiten. Aufschluß über die Vielfalt dieses Werks bringt erst die akribische Bibliographie von Wolfgang Rasch, die für den Zeitraum von 1829 bis 1880 sechshundert Seiten Primär- und nochmals soviel Sekundärliteratur verzeichnet, den handschriftlichen Nachlaß noch gar nicht mitgerechnet (F.A.Z. vom 29. August 1998). Diese Grundlagenarbeit sowie erste Auswahlausgaben machen deutlich, daß man sich verschätzt, wenn man Gutzkow allein literarisch an seiner "Wally die Zweiflerin" mißt. Denn über den unterhaltsamen Vielschreiber hinaus war er ein höchst umtriebiger Journalist, Literaturkritiker, Zeitschriftenherausgeber und Reformator des Buchmarkts. Gerade auch als solche Integrationsfigur des Literaturbetriebs, der es gelang, sich allein von der Feder zu ernähren, ist er interessant - für Germanisten ebenso wie für Buchwissenschaftler, Historiker oder Soziologen. Gutzkows weitverzweigte Korrespondenz ist schon für sich genommen eine kulturgeschichtliche Quelle von Rang.

Die kaum überschaubare Quantität, die umstrittene literarische Qualität und der hohe Quellenwert für verschiedene Disziplinen bilden zusammen eine editorische Herausforderung, die nach neuen Lösungen verlangt. Vergleichbar reizvoll und komplex sind beispielsweise das aus über zwanzigtausend Korrespondenzstücken bestehende Aufklärungsnetzwerk Friedrich Nicolais, das gigantische briefliche Salongespräch im Umkreis der Sammlung Varnhagen oder das etwa zehntausend Seiten umfassende Tagebuch Harry Graf Kesslers (F.A.Z. vom 12. Mai 1999). In all diesen Fällen sind Zweifel berechtigt, ob man gedruckte Gesamtausgaben veranstalten kann und soll. Mit solchen Projekten befaßte Herausgeber diskutieren deshalb seit längerem über Vorzüge elektronischer Editionen. Gleichzeitig hat sich die Öffentlichkeit bereits an Hypertexte in Form von CD-ROM-Ausgaben gewöhnt, die neben allem Suchkomfort eine Fülle von beigegebenen Kommentaren, Bild- und Tondokumenten bieten. Entweder begleiten sie in Hybridausgaben den Druck oder sie kommen als selbständige Digitalversionen auf den Markt.

Im Falle Gutzkows erprobt man jetzt erstmals im großen Maßstab einen dritten Weg: Eine textkritische, kommentierte Edition "in progress", die in allen Produktionsstadien im Internet (www.gutzkow.de) zugänglich ist und nach Fertigstellung einzelner Einheiten auch in Buchform erscheint. Der Clou liegt dabei im Teamwork. Nicht nur die bislang zweiundzwanzig Bearbeiter in Deutschland, Großbritannien und Irland stehen durch das Medium in ständigem Informationsaustausch, sondern auch alle Benutzer der Ausgabe werden mit einbezogen. Knifflige Kommentarprobleme sollen so nicht länger mit Standardformeln wie "nicht ermittelt" abgetan werden. Man hofft sie zu lösen, indem sie öffentlich zur Diskussion gestellt werden. Statt auf die Gelegenheit zur beckmessernden Rezension zu warten, kann sich jeder aktiv an dem Unternehmen beteiligen, der mehr über ein Detail weiß oder einen Fehler entdeckt. Diese Idee ist faszinierend demokratisch und könnte im Falle ihrer Bewährung zu einem Erfolgsmodell gerade für schwer zugängliche, mehrsprachige und fachlich vielseitige Autoren werden. Der Nutzen für Meister der Intertextualität wie Arno Schmidt oder große Briefund Tagebucheditionen, die mit Tausenden von entlegenen Namen und Realien zu kämpfen haben, liegt auf der Hand.

Der Fall Gutzkow demonstriert jetzt solche Möglichkeiten im einzelnen. Angestrebt sind möglichst zuverlässige Texte nach den Erstausgaben, die gelegentlich um Handschriftenfaksimiles ergänzt werden. Die Variantenapparate sollen auch ohne Spezialstudium benutzbar sein. Die Kommentare verteilen sich nach dem bewährten Prinzip der "Bibliothek deutscher Klassiker" auf Überblicke und Stellenerläuterungen. Zusätzlich erschließt ein eigenes Lexikon zentrale Begriffe und Personen. Der Bildschirmaufbau ist überall gleichmäßig schlank und eindeutig gestaltet.

Daß leichte Benutzbarkeit hier stets höchstes Gebot ist, beweisen die schon vorliegenden Texte im Netz und auf einer CD-ROM. Letztere begleitet den Eröffnungsband, der außer Projektbeschreibungen auch Editionsproben einiger Texte enthält: zwei Buchhandelsessays, die Novelle "Die Sterbecassirer", Auszüge aus autobiographischen und Reiseschriften sowie aus den Jahrhundertporträts "Die Zeitgenossen". Die kommentierte Vorrede zu den Charakterstudien - eine Adresse an den fiktiven Staatsmann "Sir Ralph****" - gewährt einen guten Einblick in die Editionswerkstatt. Gutzkow gibt "Die Zeitgenossen" 1837 noch als übersetztes Werk des englischen Erfolgsautors Bulwer aus, rückt unter dem späteren Titel "Säkularbilder" von dieser Maskerade aber ab. Die Geschichte der Entstehung, der verschiedenen Drucke sowie der Rezeption werden in diesem verwickelten Fall sehr ausführlich dargestellt und dokumentiert. Der Globalkommentar informiert besonders über die mit dem englischen Gewand verbundenen politischen und habituellen Wunschvorstellungen und profiliert den Ansatz als frühe Soziologie oder moderne Moralistik. Die Erläuterungen zu einzelnen Textstellen sind ausführlich und gespickt mit zahlreichen Querverweisen. Insgesamt vermitteln diese Proben einen vorzüglichen Eindruck von der Ausgabe, die zudem zügig voranzukommen scheint.

Ob sie Nietzsches Verdikt vom "widrigen Stil-Monstrum" Gutzkow zu überwinden und ihn wieder ins öffentliche Bewußtsein zu bringen vermag, wird die Zukunft zeigen. Der Innovationsversuch innerhalb der Editionsphilologie ist aber bereits jetzt höchst bemerkenswert.

ALEXANDER KOSENINA.

"Gutzkows Werke und Briefe". Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Eröffnungsband mit CD-ROM. Hrsg. von Gert Vonhoff und Martina Lauster. Oktober Verlag, Münster 2001. 400 S., br., 20,- . Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main "

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20 . Februar 2002
Nordwest-Zeitung, 20.02.2002, Nr. 43, Online-Seite:

"Querkopf auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.
Im Internet erscheint eine kommentierte Gesamtausgabe des Schriftstellers Karl Gutzkow

Von Florian Wolf

Exeter. "Wally, die Zweiflerin" sorgt im Jahr 1835 für einen handfesten Skandal. Die junge Wally und ihr Freund Cäsar ringen in dem Roman um sexuelle Freiheit, zweifeln am Christentum und wollen alle Konventionen über Bord werfen. Karl Gutzkow, 24-jähriger Autor des Buches, bekommt im reaktionären Klima des Vormärz Ärger mit der Obrigkeit und eine einmonatige Gefängnisstrafe.

Nach seiner Freilassung schreibt er weiter. Als Schriftsteller, scharfzüngiger Journalist, Literaturkritiker und Zeitschriftenherausgeber begleitet er das 19. Jahrhundert. Bei seinem Tod 1878 hinterlässt er der Welt ein unüberschaubares Riesenwerk. Vieles davon war lange kaum noch zugänglich - bis sich 1999 das "Editionsprojekt Karl Gutzkow" der Sache annahm. Nach und nach erscheint nun eine kommentierte Gesamtausgabe im Internet (www.gutzkow.de). Rund 20 Literaturwissenschaftler aus England, Irland, der Schweiz und Deutschland arbeiten gemeinsam an dem auf 15 Jahre angelegten Projekt.

Allein schon der Umfang von Gutzkows Werk erzwinge neue editorische Wege, sagt Professorin Dr. Martina Lauster von der Universität im englischen Exeter: "Kein Verlag würde das alles bringen." Zudem biete das neue Medium Vorteile. So solle der Kommentar der Ausgabe flexibel bleiben und im Internet permanent ergänzt werden. Wer bei der Erläuterung schwer verständlicher Passagen helfen kann, ist aufgefordert, sich per E-Mail zu melden.

Gedacht ist die Ausgabe nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für die "Gemeinde passionierter Leser", so Lauster. Wer doch lieber in einem Buch schmökert: Nach und nach erscheint eine gedruckte Ausgabe zahlreicher Texte, zusätzlich ausgestattet mit CD-ROM. Der Eröffnungsband (Oktober Verlag, Münster, 20 Euro) liegt vor."

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26 . März 2002
Stuttgarter Zeitung, 26.03.2002, Kultur:

"Die Ritter vom Geiste auf benutzerfreundlicher Oberfläche

Karl Gutzkow und sein 19. Jahrhundert, elektronisch erschlossen: die digitale Werkausgabe beschreitet neue Wege der Editionsphilologie

Als die Digitale Bibliothek vor fünf Jahren im Berliner Verlag Direct Media begründet wurde, sprachen einige von einer editorischen Wende. Die CD-Rom, billig und gleichzeitig mit enormem Speicherraum ausgestattet, erinnere an die publizistische Revolution des rowohltschen Taschenbuchs von 1953, hieß es. Mittlerweile hat die Editionsphilologie das Internet erobert; seit 1999 erkundet das "Editionsprojekt Karl Gutzkow" als Vorreiter den Weg der digitalen Textaufbereitung und -vermittlung.

Die Kommentierte digitale Gesamtausgabe der Werke und Briefe Gutzkows ist der Höhepunkt einer regelrechten Gutzkow-Renaissance. Die Gutzkow-Ausgabe des Verlags Zweitausendeins ist längst vergriffen, wissenschaftliche Einzelstudien sind erschienen, nicht zuletzt gab Wolfgang Rasch eine akribische, 1200 Seiten starke Personalbibliografie heraus. Sie zeigte, dass der "ganze" Gutzkow, der nie als Klassiker seiner Epoche kanonisiert wurde, eine Goethe-Gesamtausgabe um Zentimeterlängen schlagen würde. Karl Gutzkow (1811-1878), Zeitgenosse Heines und auch Fontanes, Büchners Förderer, gehörte zu den prominentesten Autoren zwischen Julirevolution und Reichsgründung. Heute ist er am ehesten noch als Skandalautor der "Wally" bekannt. Der Stuttgarter Literaturpapst Wolfgang Menzel trug mit einem Verriss des Romans zum Verbot der "jungdeutschen" Schriften im Dezember 1835 bei.

Aber nicht an der "Wally", am Roman "Die Ritter vom Geiste" sollte man Gutzkows Wert bemessen. Victor Klemperer las die neun Bände für seine Dissertation mit Vergnügen. Seine Mutter hatte sie in jungen Jahren als modernste und eigentlich verbotene Lektüre verschlungen. Der Herausgeber der digitalen Edition, Gert Vonhoff, entgegnet der oft gestellten Frage, ob sich die Lektüre der Werke Gutzkows heute noch lohne, mit einer Gegenfrage: das hänge ganz davon ab, wie gut man das 19. Jahrhundert zu kennen wünsche. Rolf Vollmann, "Romanverführer" und Anwalt der literarisch Vergessenen, sah das ähnlich. Er habe das 19. Jahrhundert, wie es ihm bisher "im Kopf gesessen" habe, nach der Begegnung mit Gutzkow gar nicht mehr wiedererkannt.

Denn Gutzkow hatte ein breites publizistisches Profil. Er war Literatur- und Theaterkritiker, innovativer Zeitschriftenherausgeber, Schlüsselfigur des Literaturbetriebs, nicht zuletzt Chronist seiner Zeit. Die Erschließung seines Werks wird auch Historiker, Soziologen, Buch- und Kulturwissenschaftler interessieren. Die digitale Gutzkow-Edition demonstriert eine bemerkenswerte Demokratisierung der Wissenschaft. Andere Großeditionen könnten sich daran orientieren. Denn bei der im Fall Gutzkows aufwendigen Kommentierung, etwa der Bestimmung längst vergessener Namen und Realien, sind nicht nur die 22 Wissenschaftler des Projekts aus Großbritannien, Irland, Deutschland und der Schweiz gefordert. Auch die Benutzer sollen sich mit sachdienlichen Kommentaren einmischen. Im so genannten Diskussionsboard "Fragen und Probleme" erscheint im besten Fall ein triumphierendes "gelöst!" Dem Arbeitsprozess kann in dieser öffentlichen Editionswerksstatt (http://www.gutzkow.de) dabei jeder über die Schulter schauen.

Die Ausgabe im Netz ist durch ihren Work-in-progress-Charakter immer auf dem neuesten Stand. Mühelos navigiert der Benutzer derweil auf einer überschaubaren Oberfläche vom Primärtext zur Kommentarebene. Fußnoten erscheinen auf Mausklick, kein unerwünschtes Material lenkt ab. Die Werke sind nach Abteilungen, chronologisch und alphabetisch geordnet, verschiedene Wegweiser werden aufgestellt. Wer den Pfad ins digitale Archiv verfolgt, erhält mit Fotografien und Radierungen einen bildlichen Eindruck der Zeit und der Zeitgenossen. Das Gutzkow-Lexikon erläutert schließlich Begriffe und Personen des 19. Jahrhunderts.

Die Grenze des bequemen Arbeitens ist allerdings bei längeren Texten erreicht. Dem trägt das Editionsprojekt Karl Gutzkow Rechnung. Die Ausgabe mit Kommentaren, Textgeschichte und Rezeptionszeugnissen erscheint im Netz. Die Texte Gutzkows werden gleichzeitig nach und nach als Buch erscheinen, ausgestattet mit einer CD-Rom.

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Eröffnungsband mit CD-Rom. Hrsg. von Gert Vonhoff und Martina Lauster. Oktober Verlag, Münster. 400 Seiten, 20 Euro. Im Internet ist die Edition unter http://www.gutzkow.de zu finden.

Von Nina Peters"

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April 2002
literaturkritik.de:

"Gutzkow lesen

Die kommentierte digitale Gesamtausgabe auf CD-Rom

Von Jan Süselbeck

Man mag sich "die Augen reiben", wie die Herausgeber Martina Lauster und Gert Vonhoff ihrem Band stolz voranschicken: Die an Umfang kaum zu überbietenden Werke des lange Zeit als "Vielschreiber" abgetanen Karl Gutzkow, zuletzt zum größten Teil selbst für Literaturwissenschaftler höchstens noch in Lesesälen zugänglich, werden endlich von Grund auf neu ediert. Überzeugend wird im nun vorliegenden Eröffnungsband dargelegt, was das besondere dieses Projektes ist. Es soll eine edition in progress werden, die gerade durch die Offenheit ihrer Arbeitsmaximen besticht und erwarten läßt, daß die Zeit endlich für Gutzkow zu arbeiten beginnt, wo sie doch bisher immer gegen ihn war: Gutzkow blieb (auch zu Lebzeiten) vollkommen unterschätzt und war fortan ein Opfer der an kulturpolitischen und nationalen Vorurteilen klebenden Literaturgeschichtsschreibung, die ihn rigoros aus dem Kanon verbannte. Tatsächlich leistete er aber Bahnbrechendes bei der Erschließung neuer Prosaformen innerhalb eines literarischen Realismus, der der explosiven Industrialisierung, den Debatten um die aufkommende soziale Frage, den Nationalismus und den europäischen Materialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts kaum noch gerecht werden konnte. "Die häufig gestellte Frage, ob es sich überhaupt lohne, Gutzkow zu lesen, läßt sich indes wohl am besten mit der Gegenfrage beantworten, wie genau man denn das 19. Jahrhundert zu kennen wünsche." (Vonhoff)

Drei exklusiv im vorliegenden Band zu lesende Aufsätze stellen das Vorhaben detailliert vor: Mit allen derzeit der Texterschließung zu Gebote stehenden Medien versucht das mittlerweile über einen festen internationalen Herausgeber- und Editorenstamm verfügende Projekt, das erstaunlicherweise bislang vollkommen ohne öffentliche Förderungsmittel ausgekommen ist, sämtliche Werke Gutzkows für einen möglichst breiten Leserkreis neu zu kommentieren. Im Internet besteht dazu für den fachkundigen Leser die Möglichkeit, seine Fragen oder Erkenntnisse in den wachsenden und ständig überarbeiteten Kommentarpool einzubringen, der so - neben einer schnellen und effizienten Verfügbarmachung der Texte im Netz, auf CD-Rom und in Form gebundener Bücher - immer umfangreicher und leistungsstärker werden wird. Da die Projektleiter in der Planung ihres Vorhabens begrüßenswerte Umsicht bewiesen haben, ist zu erwarten, dass die Entwicklungen im Bereich der Textverarbeitungssoftware der Erschließung der Werke Gutzkows zugute kommen werden. Anders als andere vergleichbare Vorhaben (wie z. B. die laufende digitale Edition der Werke Thomas Manns) vermeiden es nämlich die Herausgeber, aufwendige Vorarbeiten zu leisten, die womöglich durch die voranschreitenden Digitalisierungs- und Datenvernetzungsmethoden (z. B. für Suchfunktionen oder Textvergleiche verschiedener Ausgaben) bald obsolet werden könnten. Stattdessen präsentiert der vorliegende Band den beeindruckenden Stand der Arbeit, der durch die effiziente Konzentration auf das zunächst Wesentliche für sich spricht: Die schnellstmögliche Zugänglichmachung der historischen Erstausgaben und ihre akribische Kommentierung in progress. Für das innovative Projekt spricht zudem, dass es so viele neue Fragen wie möglich aufwerfen will, um sie mit der Zeit zu lösen, anstatt sie diplomatisch zu umschiffen, nur weil sie im Moment womöglich rätselhaft erscheinen. Gerade die Nutzung des digitalen Mediums wird es hier möglich machen, effektiv zu sammeln, anstatt - wie bisher notgedrungen bei vergleichbaren Projekten üblich - frühzeitig die Akten zu schließen. So ensteht etwa ein von Christine Haug und Ute Schneider (Mainz) vorgestelltes "Gutzkow-Lexikon", das zum grundlegenden Verständnis der Werke unerläßliche Informationen bündeln und den direkt textbezogenen Anmerkungsapparat entlasten soll; Wolfgang Rasch (Berlin) skizziert die Möglichkeit einer Gutzkow-Briefdatenbank im Netz. Neben der Präsentation des komplexen Projektes enthält der vorliegende Band verschiedene Arbeitsproben aus bereits bearbeiteten Werken Gutzkows, die ausgewiesene Wissenschaftler ediert und kommentiert haben. Die beiliegende (mit dem derzeitigen Inhalt der Internetseite identische, übersichtlich strukturierte) CD-Rom präsentiert u.a. Gutzkows Spätwerk "Die neuen Serapionsbrüder" (1877), herausgegeben vom kunsthistorisch und theaterwissenschaftlich ausgewiesenen Arno-Schmidt-Kenner Kurt Jauslin. Diese Edition wird voraussichtlich noch in diesem April in Buchform erscheinen. Bis zum Abschluss der Gesamtausgabe werden wohl aufgrund der Masse des Materials noch Jahrzehnte vergehen: Allein die Edition der ca. 8.000 erhaltenen Briefe Gutzkows bleibt ein "Projekt im Projekt" (Rasch). Aber schon jetzt lässt sich anhand des vorliegenden Eröffnungsbandes absehen, dass die wichtigsten Texte Gutzkows wieder mit Gewalt ins Bewusstsein nicht nur der Literaturwissenschaftler drängen: Man wird sie diskutieren und lesen, um endlich die "weißen Flecken auf der bewusstseins- und kulturgeschichtlichen Landkarte der Jahrzehnte von 1830 bis 1880 [...] zu beseitigen." (Vonhoff) Doch auch der reine Lesespaß kommt bei Gutzkow selten zu kurz, weswegen selbst Lesern, die ganz einfach noch eine intelligente Urlaubslektüre für die nächsten Ferien suchen, die folgenden Gutzkow-Werkausgaben im Oktober Verlag dringendst ans Herz gelegt werden müssen."

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Mai 2002
Münsterische Zeitung, 3.05.2002, Kultur:

"Der gläserne Herausgeber

Auftakt einer Gutzkow-Gesamtausgabe im Oktober Verlag

Von Georg Leisten

Nicht nur, weil die flotte Wally die Hüllen fallen ließ, scheuchte ihre Geschichte 1835 die biedermeierlichen Scham- und Sittenwächter auf. Mit seiner gesellschaftskritischen Verschränkung erotischer und religiöser Fragestellungen wurde der Kurzroman "Wally, die Zweiflerin" zum Kultbuch der Vormärz-Epoche, während Autor Karl Gutzkow (1811-1878) als "Pornograph und Gotteslästerer" sogar kurzzeitig ins Gefängnis wanderte. Jetzt wagt sich der münstersche Oktober Verlag daran, das weit verstreute Oeuvre des heute als spröde geltenden Vielschreibers in einer kommentierten Gesamtausgabe zu vereinen. Gert Vonhoff, ehemals Hochschulassistent in Münster und derzeit an der Universität Exeter tätig, hat sich gemeinsam mit einem internationalen Herausgeberteam aufgemacht, um Gutzkows schwer zugängliches, weil extrem anspielungsreiches Textuniversum zu vermessen und für heutige Leser genießbar zu machen. Ob Romane, Erzählungen, Essays, Briefe oder autobiographische Schriften - das Mammutprojekt dürfte noch viel Germanistenschweiß kosten. So will der nun vorliegende Eröffnungsband nicht mehr leisten, als mit den Prinzipien der Edition vertraut zu machen. Am Beispiel weniger kleiner Texte wie der düsteren Arme-Leute-Novelle "Die Sterbecassirer" wird das informative Nebeneinander von Gesamtkommentar und Einzelstellenerläuterung exemplarisch vorgeführt. Den interessierten Forscher beglückt die Gesamtausgabe nicht nur mit Hinweisen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, sondern reicht auch einen digitalen Nachschlag auf CD-ROM, so daß man die Schriften gezielt nach Suchwörtern durchfischen kann. Wer aber nicht auf die vielen, vielen Gutzkow-Bände bzw. -Scheiben, die da kommen sollen, warten möchte (Vonhoff bereitet uns schon mal auf eine Bearbeitungszeit von "Jahrzehnten" vor), dem bietet die besuchenswerte Homepage des Projekts (www.gutzkow.de) eine in der Fachwelt bislang wohl einzigartige Möglichkeit: Den einfachen Vorab-Zugriff auf die Texte und die im Entstehen befindlichen Kommentare. Also eine Art Big-Brother-Blick in den Editionscontainer. Georg

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Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
© Editionsprojekt Karl Gutzkow, 2000. / Not to be published in any form without the author's prior permission. / Layout Gert Vonhoff.

Autor der Seite: Gert Vonhoff.
Seite angelegt am 3.2.2002.
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Geschichte der Seitenänderungen: Fassung 1.0 vom 4.2.2002 (FAZ 1.2.2002).
Letzte Änderung: 15.05.2002 12:05.

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