Dritter Band, erstes Kapitel

381,24-25 wie Undine. Sie tauchte behaglich in ihrem Elemente, Verklärung des Gewöhnlichen, auf und nieder.] Friedrich de la Motte Fouqués Erzählung „Undine“ (1811) war ein berühmtes Exempel für die von Gutzkow bekämpfte romantische Entgrenzung der Wirklichkeit. Nach Friedrich Schlegel liegt die Grundlage der Romantik darin, „das Leben [zu] poetisieren“, um der Wirklichkeit eine „neue Mythologie“ zu gewinnen (Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Hg. von Ernst Behler unter Mitw. von Jean-Jacques Anstett und Hans Eichner. Abt. 1, Bd. 2. Paderborn [u.a.]: Schöningh [u.a.], 1967. S. 182, 312). Friedrich Theodor Vischers Theorie des Realismus setzt dagegen als „Grundlage des modernen Epos, des Romans, […] die erfahrungsmäßig erkannte Wirklichkeit, also die schlechthin nicht mehr mythische, die wunderlose Welt“ (zitiert nach: Realismus und Gründerzeit, Bd. 2, S. 216).

381,31 „Philosophie des Unbewußten“] → Erl. zu 282,15-16.

382,23 „Schmalz“] Umgangssprachlich für 'Geld‘ (Küpper, S. 723).

382,27 Equipagen] Pferdekutschen „mit der dazu gehörigen Bedienung“ (Meyer, Bd. 5, S. 881).

382,30-31 „nie schweigen seine Wünsche still!“] Nach dem geflügelten Wort (Büchmann 1879, S. 159): „Je mehr er hat, je mehr er will, / Nie schweigen seine Klagen still“ heißt es in dem Gedicht „Zufriedenheit“ von Johann Martin Miller (1750-1814), das durch mehrere Vertonungen, u.a. von Mozart, allgemeinere Bekanntheit erlangte.

383,9-10 Gloriette, ähnlich dem Vestatempel in Tivoli bei Rom] Eine 'Gloriette‘ gehörte zu den Zierbauten der barocken und klassizistischen Gartenkultur: ein offener Rundtempel oder eine offene Säulenhalle zur Bekrönung einer Anhöhe. Der antike Vestatempel in Tivoli ist dagegen ein geschlossener Tempel, der von einem offenen Säulenkreis umgeben ist, eine sogenannte 'Cella‘.

384,2-3 in Tressenhut, mit kurzen Pantalons, in Schuh und Strümpfen] Mit ,Tressen‘, durchbrochenen Bändern aus Seiden-, Gold- oder Silberfäden, wurden in der höfischen Mode des 18. Jahrhunderts Hüte, Ärmel und Kragen verziert; im 19. Jahrhundert waren sie nur noch bei Uniformen und Livreen üblich. ,Pantalons‘ sind im Französischen lange Hosen. Die hier gemeinten Kniebundhosen des 18. Jahrhunderts hießen ursprünglich 'culottes‘ und galten als modische Attribute des vorrevolutionären Frankreich; daher wurden die Revolutionäre als 'Sansculotten‘ bezeichnet (vgl. Meyer, Bd. 15, S. 365). Zur Kniebundhose gehörten Kniestrümpfe und Schnallenschuhe (→ Erl. zu 273,24-25). Wie der 'Zopf‘ dient die Mode des Ancien Régime als Metapher für die schleichende Abschaffung der Bürgerrechte in der Restaurationszeit (→ Erl. zu 16,9-10).

384,22 statt mit dem Prometheus mit dem Epimetheus] Die beiden Titanen der griechischen Mythologie sind gegensätzliche Brüder. Der kluge Prometheus handelt stets vorausschauend, während der törichte Epimetheus erst nachdenkt, wenn die Tat geschehen ist.

385,15-16 vie champêtre] Frz.: Landleben.

385,17 „Putzstube“] Nach Grimm (Bd. 2, Sp. 597) Bezeichnung für die 'gute Stube‘, die im Gegensatz zur Wohnstube nicht zum täglichen Gebrauch bestimmt war. Hier das Honoratiorenzimmer im Gegensatz zur Gaststube.

385,27 Das [...] grüne Gewölbe] Schatzkammer des königlichen Schlosses in Dresden.

385,27 Servante] „Gestell oder Glasschrank mit mehreren Fächern zur Aufbewahrung von kostbarem Porzellan, Glas, Silberzeug etc.“ (Meyer, Bd. 18, S. 377).

385,30 Brühl’schen Terrasse] Eine für ihre Aussicht berühmte Terrasse bei der Dresdener Elbbrücke, benannt nach Graf Heinrich von Brühl (1700-1763), der einflussreicher Minister König Augusts III. war.

385,33 Cicerone] Ein Fremdenführer in Italien, der wegen seiner Vortragskunst als 'kleiner Cicero‘ bezeichnet wurde. Im 19. Jahrhundert auch in Deutschland gebräuchlich für gedruckte Kunstführer (vgl. Meyer, Bd. 4, S. 147).

388,31 sans comparaison] Abkürzung für die frz. Redewendung 'soit dit sans comparaison‘, etwa: 'ohne einen Vergleich anstellen zu wollen‘. Als Fremdwort bei Petri „ohne Vergleich oder Vergleichung (Vorbehalt, daß man nicht spötteln soll)“ (S. 786).

390,3-4 Die wohlmeinende Therese aus dem Wilhelm Meister!] Therese ist in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ die Tochter eines adeligen Gutsbesitzers. Als dieser schwer erkrankt ist, führt sie für ihn die Wirtschaft, wird aber nach seinem Tod von ihrer Mutter vertrieben und unterstützt danach eine alte Nachbarin bei der Verwaltung ihrer Güter. Ihre Lebensaufgabe findet sie als Haushälterin, die dem „Verstand der Männer“ entspricht, aber auch der Ansicht ist, „daß wir Haushälterinnen eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden Mädchen keinen Wettstreit aushalten können“ (HA, Bd. 7, S. 454). Graf Udo bestätigt mit dem Goethe-Zitat Helenes Verdacht, sie spreche ihm zu sehr wie eine alte Haushälterin (389,23-24).

390,13-14 Dorothea, ja selbst die Leonoren und Iphigenien] Frauengestalten aus Goethes „Hermann und Dorothea“, „Torquato Tasso“ und „Iphigenie auf Tauris“.

390,19-20 Nausikaa aus der Odyssee] Nausikaa ist die Tochter des Phäakenkönigs Alkinoos, die bei Homer den gestrandeten Odysseus am Meeresufer findet, als sie ihre Wäsche wäscht, und ihn in das Haus ihres Vaters bringt.

390,33-34 J’aime le sublime!] Frz.: 'Ich liebe das Erhabene!‘ Zu Gutzkows Umgang mit dem Erhabenen → Erl. zu 214,15-16.

390,34 Talma] François Joseph Talma (1763-1826) war ein berühmter französischer Schauspieler, der durch die Natürlichkeit seines Spiels und die historische Treue seiner Aufführungen vorbildhaft für die Entwicklung des Theaters wurde.

391,22 „Weibe an sich“] → Erl. zu 130,19.

392,18 Er denkt mit Schiller: Die Welt gehört dem Narrenkönig!] → Erl. zu 246,22-24.

392,21 was Alle bändigt, das Gemeine] In Goethes „Epilog zu Schillers Glocke“, der auf Schillers Totenfeier am 10. August 1805 im Lauchstädter Theater vorgetragen wurde, heißt es: „Und hinter ihm in wesenlosem Scheine, / Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.“ Ging später in Büchmanns „Geflügelte Worte“ ein (vgl. Büchmann 1892, S. 120).

392,23 Actricen] Frz.: Schauspielerinnen.

394,4-5 Ihr Götter, lacht nicht von Eurem Olymp herab!] Das Lachen der Götter über die irdischen Verhältnisse ist ein häufig gebrauchter Topos, z. B. bei Georg Büchner in „Dantons Tod“ (vgl. MA, S. 79). Als Quelle des Zitats kommt Homers „Ilias“ in Frage: „Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern“ (Homer, S. 24).

394,6 Zauberer Merlin] In der Artus-Sage ist der Zauberer Merlin eine Schlüsselfigur in den Abenteuern der ritterlichen Tafelrunde um den König Artus.

394,28-29 Falle vor mir nieder und bete mich an und ich will Dir die Schätze der Welt geben!] Die Bibelstelle, welche die Versuchung Jesu durch den Teufel schildert, lautet im Matthäus-Evangelium: „Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest“ (Matth. 4,8-9).

394,31-32 Es ist Blutandrang, Fieber! sagt der Arzt. Der Philosoph muß sich doch tiefer ausdrücken.] Der Konflikt zwischen den gegensätzlichen Paradigmen der Philosophie und der neuen Naturwissenschaften war ein Jahrhundertthema, das Gutzkow lebenslang beschäftigt hat. Schon 1832 widersprach er in seiner Kritik zu Otto Friedrich Gruppes „Antäus“ (1831) dem Absolutheitsanspruch der Naturwissenschaften: Dürfen sie die Gränzen der Erfahrung da abstecken, wo die lezten Resultate ihrer mathematischen, chemischen, physikalischen Untersuchungen aufhören? (Literatur-Blatt. Stuttgart u. Tübingen. 21. Dezember 1832, S. 515-516. Rasch 3.32.12.21) An der spekulativen Philosophie kritisierte er zugleich, dass es ihr nicht gelungen sei, den empirischen 'Tatsachen‘ eine sinngebende Ordnung zu schaffen. In den Neuen Serapionsbrüdern wird der Konflikt über den gesamten Roman hinweg ausgetragen (→ Globalkommentar, 6.1.7.).

395,4 Alexander Dumas] Gutzkow bezieht sich auf den jüngeren Alexandre Dumas und dessen Theorie zur Bestrafung des Ehebruchs (→ Erl. zu 152,29-31).

Dritter Band, zweites Kapitel

396,29 Centifolien] Rosenart mit stark gefüllten und wohlriechenden Blüten.

399,9-10 Die neuere Diplomatie hat ja ein Beispiel in einem berühmten Proceß erlebt] Anspielung auf den Prozess gegen Harry Graf von Arnim (1824-1881), der dem diplomatischen Dienst sowohl in Preußen wie im Kaiserreich angehörte. 1872 wurde er als Botschafter des Deutschen Reiches bei der französischen Republik nach Paris gesandt. Er konspirierte gegen die Politik Bismarcks, der 1874 seine Abberufung erreichte. Dabei stellte es sich heraus, dass er aus dem Botschaftsarchiv wichtige Staatspapiere entwendet hatte. Der gegen ihn angestrengte Prozess endete 1875 mit einer Verurteilung zu neun Monaten Gefängnis. Er entzog sich der Strafe durch die Flucht in die Schweiz, von wo er seine Angriffe auf Bismarck fortsetzte. Wegen einer in Zürich publizierten Hetzschrift wurde er erneut angeklagt und 1876 in Abwesenheit zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Nachfolge des Prozesses wurde im Strafgesetzbuch der sogenannte 'Arnim-Paragraph‘ bezüglich „Strafbarer Handlungen im Dienst des auswärtigen Amtes“ erlassen (vgl. Meyer, Bd. 1, S. 801 und 464-465, Art. 'Amtsverbrechen‘). Gutzkow hat sich mit den historischen Vorbildern von Arnims ,Amtsverbrechen‘ 1874 in dem Artikel → Zur Arnim-Affaire in der „Allgemeinen Zeitung“ befasst (eGWB, pdf 1.0).

399,21-22 Jene Schule der Diplomatie will Nichts als ausweichen, hinhalten] Vgl. die Äußerung des berühmten Staatenlenkers (Bismarck) über den Fall Arnim und die Mängel der Diplomatie (559,14-560,2).

400,3-4 „Blut und Eisen“] Der Ausdruck geht auf eine Rede Bismarcks zurück, die dieser am 30. September 1862 im preußischen Abgeordnetenhaus hielt: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen, – sondern durch Eisen und Blut.“ Die Formulierung wird schon von Ernst Moritz Arndt sinngemäß verwendet und findet sich bereits bei Quintilian (Büchmann 1892, S. 449).

400,24 Iherings „Kampf um’s Recht“] → Erl. zu 374,21-22.

401,29 Somnambule] Eine Schlafwandlerin, hier aber Anspielung auf den von Franz Anton Friedrich Mesmer (1733-1815) begründeten Mesmerimus, wonach eine Person, durch Handauflegen in einen künstlichen Wachschlaf versetzt, zu Aussagen über andere Welten befähigt werde. Im 19. Jahrhundert wurde der daraus entstandene Okkultismus zur Mode in der besseren Gesellschaft.

401,31-32 dieser österreichische Leitartikelstyl! […] Alles Sensation!] Im → Vorwort zur zweiten Auflage des Romans führt Gutzkow speziell österreichische Schriftsteller als Beispiel für eine 'sensationelle‘ Schreibweise an, als stünde geradezu Jack mit der Peitsche hinter ihrem Pegasus und triebe ihn wie beim Wettrennen.

402,13 Stoff und Kraft mag der Philosoph ergründen] Ludwig Büchner (1824-1899) veröffentlichte 1855 seine Abhandlung „Kraft und Stoff“, die als Begründung eines radikalen Materialismus viel zitiert und diskutiert wurde. Auch Gutzkow rezensierte 1855 Büchners Werk (Rasch 3.55.08.25.1) und schrieb eine Sammelbesprechung mit dem Titel Der Kraft- und Stoffstreit (Rasch 3.55.12.29.2).

403,1-2 Armida von Gluck und Ariost] Armida ist in Torquato Tassos Epos „Das befreite Jerusalem“ (1575) die Tochter des Königs von Damaskus. Durch ihre Schönheit und Zauberkünste lockt sie die christlichen Helden in ihren Zaubergarten und hält sie dort gefangen. Christoph Willibald Glucks Oper „Armide“ entstand 1776 in Wien. Der italienische Dichter Ludovico Ariosto (1474-1533) hat kein Werk über Armida verfasst. Es handelt sich entweder um eine semantisch verunglückte Aufzählung oder darum, die Halbbildung des Briefverfassers hervorzuheben.

403,2 Polytechnikum] Die Bezeichnung für die im 19. Jahrhundert als Ergänzung zu den geisteswissenschaftlich orientierten Universitäten errichteten Technischen Hochschulen rührt von der École polytechnique her, die 1794 in Paris gegründet wurde. In den deutschen Staaten gab es die ersten Polytechnika seit 1825 in Karlsruhe und 1827 in München. Die Berliner Technische Hochschule entstand erst 1879.

403,3 die Sauflieder von N. N.] Möglicherweise denkt Gutzkow hier an Viktor von Scheffel, der zahlreiche populäre Trink- und Studentenlieder verfasste und in seinem Band „Gaudeamus! Lieder aus dem Engeren und Weiteren“ (Stuttgart: Metzler, 1868) sammelte. Sie waren vor allem in akademischen Kreisen des Kaiserreichs ungeheuer populär. Gegen diese Art von 'Saufpoesie‘ polemisierte Gutzkow 1878 in seinem Beitrag Zur Gymnasialreform (Rasch 7.78.01.1): Und in der akademischen und, wie die Scheffelfeier zeigte, in der polytechnischen Sphäre ist das „deutsche Lied“ so im „Engern“, wie im „Weitern“ (sagen wir es offen heraus) geradezu zum grunzenden Schwein geworden […]! Die Verbindung hausbackener Stubengelehrsamkeit mit der Poesie der Flasche kann nur verderblich auf unsere akademische und Gymnasialjugend wirken. Die „Poesie des Saufens“ erzeugt eine rüde Verachtung des zum Effekte mit herangezogenen Wissenschaftsstoffes, eine Rückwirkung auf die künftige gesellschaftliche und amtliche Haltung unserer akademischen Jugend und unser ganzes Leben. (Deutsche Revue über das gesammte nationale Leben der Gegenwart. Berlin. Bd. 2, [Heft 4, Januar] 1878, S. 140).

403,27 Talma] Vgl. → ? Erl. zu 390,34.

403,33-34 Gedicht vom Gerstenkorn von Robert Burns] Die Ballade „John Barleycorn“ von Robert Burns (1787 veröffentlicht) feiert die Lebenskraft des Gerstenkorns, das aus jedem Versuch zu seiner Vernichtung gestärkt hervorgeht und schließlich im Bier seine wahre Bestimmung findet.

404,3 Minstrels] Englische Bezeichnung für Spielleute, Tänzer, Musiker und Sänger, die in höfischem Dienst standen, von lat. 'ministeriales‘ (→ Erl. zu 304,19-20).

406,5-6 Baron Cohn von Cohnheim steckt schon so tief in den Rumäniern und Türken] Gemeint ist, dass Cohn von Cohnheim mit Eisenbahnaktien spekuliert. Seit den 1860er Jahren waren deutsche Gesellschaften am Ausbau der Bahnlinien auf dem Balkan und in der Türkei beteiligt (→ Erl. zu 187,29-30).

406,8 Animo] Lat.: „mit dem Vorsatze, in der Absicht“ (Petri, S. 60).

406,11 Duenna] → Erl. zu 226,15.

406,18 Manen] In der römischen Mythologie sind die Manen die Seelen der Verstorbenen, die nicht nur von ihren Angehörigen durch Opfer an Altären und Grabmälern verehrt wurden.

406,32 progressive Rente] → Erl. zu 119,20.

407,17 Cabriolet] Ursprünglich ein einspänniges zweirädriges Fahrzeug ohne Dach, später eine zweispännige Kutsche mit aufklappbarem Verdeck.

408,23-25 Mein Arm ist wie der der Könige! […] nicht zu recitiren gewagt.] Anspielung auf das geflügelte Wort aus Ovids „Heroiden“ (Brief 17, 166): „An nescis longas regibus esse manus? Weißt du denn nicht, wie weit reichet der Könige Hand?“ (Büchmann 1892, S. 324).

409,10 Garçons] → Erl. zu 257,15.

409,27 schlafen – vielleicht auch träumen] Zitat aus Hamlets berühmtem Monolog „Sein oder Nichtsein“ (ShW, Bd. 4, S. 316).

410,2 affichirt] Von frz. 'afficher‘: zur Schau stellen (Petri, S. 27).

410,11 Gutta-Percha] → Erl. zu 335,34-336,1.

410,26-27 Die größten Erscheinungen hatten kleinliche Familienannexe. Cäsar, die Macedonier, Napoleon] Anspielung auf das System der Patronage, das zum Sturz Julius Caesars, zum Niedergang des mazedonischen Reiches unter den Nachfolgern Alexanders des Großen und zur Misswirtschaft in den von den Brüdern Napoleons regierten Ländern führte.

411,8-9 Cabinetsformat] „Format für Photographien, etwas größer als das 'Visitenkartenformat‘, etwa 16 cm hoch und 11 cm breit“ (Art. ,Kabinettformat‘, Meyer, Bd. 10, S. 409).

411,10-12 „Was Euch Comödie dünkt, ist Andern Tragödie! […] ihn einen Weisen nennen!“] ▄? Als Zitat nicht nachgewiesen. ▀? Die hier angedeutete Verwechslung von Tragödie und Komödie findet sich in Grabbes „Hannibal“. Scipio verspottet den Schreiber Terenz, der ihm den tragischen Charakter des Krieges vorhält: „Eh, Freigelassener, was tragisch ist, ist auch lustig und umgekehrt. Hab ich doch oft in Tragödien gelacht, und bin in Komödien fast gerührt worden“ (Christian Dietrich Grabbe. Werke und Briefe. Hg. von Ernst Bergmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1961. Bd. 3, S. 104).

Dritter Band, drittes Kapitel

414,7-8 Postenlauf] Der 'Postenlauf‘ oder 'Postkurs‘ bezeichnet die Stationen, die von der Post zwischen Einlieferung und Zielort durchlaufen werden (Grimm, Bd. 13, Sp. 2025).

414,25 auf dem gräflichen Rentamte] Analog zur staatlichen Verwaltung konnten Gutsbesitzer ein eigenes Rentamt betreiben, das die Abgaben gegenüber Angestellten und Staat verwaltete.

415,12 der geraubte Hylas] Der Knabe Hylas, der Herkules auf dem Argonautenzug begleitete, wurde beim Bad in einer Quelle von den Nymphen geraubt.

415,33-34 Alexander Dumas’ Ideen] → Erl. zu 152, 29-31.

416,19 Atomenlehre] Die Atomtheorie, nach der sich die Materie aus kleinsten Teilen zusammensetzt, die einfach und unveränderlich sind und durch ihre Anordnung und Bewegung alle Erscheinungen der Körperwelt hervorbringen, lieferte die Grundlage für den radikalen Materialismus, der damit alle seelischen Prozesse und die Existenz der Seele leugnete. Gutzkow hat die Erkenntnisse der Naturwissenschaft nicht in Frage gestellt, zugleich aber der Folgerung, dass die Seele nicht existiere, entschieden widersprochen. 1853 veröffentlichte er in den „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ eine vierteilige Artikelserie Über Unsterblichkeit der Seele (Rasch 3.53.03.25.2; nur der Anfang der Serie stammt von Gutzkow, den Hauptteil schrieb der Jenaer Philosophieprofessor Karl Fortlage), die er am 24. September in der Nr. 52 der Zeitschrift durch einen eigenen Beitrag Ist unsere Seele materiell? (Rasch 3.53.09.24.2) ergänzte. Dem Physiologen Jakob Moleschott, der eine entschieden materialistische Lehre vertrat, widersprach er mit einer Rezension zu dessen Buch „Kreislauf des Lebens“ (Rasch 3.53.05.06.1).

417,1 Voilà l’amoureux!] Der französische Ausdruck „Voilà […]!“ kann auf etwas Typisches hinweisen, hier etwa: „Da siehst Du den Verliebten!“

417,16 Croisons les mains!] Frz.: Reichen wir uns die Hände! – eine verbale Versöhnungsgeste.

420,13 Entoutcas] Frz. Bezeichnung für einen Schirm, der sowohl vor Regen wie vor Sonnenlicht schützt (Petri, S. 305).

421,1 Confidenzen] Vertrauliche Mitteilungen (Petri, S. 199).

421,7-8 Was sich der Wald erzählt!] „Was sich der Wald erzählt“ ist der Titel einer märchenhaften Dichtung von Gustav Gans Edler zu Putlitz, die 1850 erschien und sehr populär wurde (50. Aufl. 1900). Es handelt sich um ein typisches Produkt der von Gutzkow bekämpften epigonal-romantischen 'Goldschnittliteratur‘ der Nachmärzzeit. Über die zeitgenössische Mode, sprechende Titel zu erfinden, machte sich Gutzkow schon 1851 in dem satirischen Märchen Was sich der Buchladen erzählt lustig (Rasch 3.51.03.15).

421,12-14 Wir spielen hier Shakespeare […] der melancholische Jaques!] Der melancholische Jaques ist eine zentrale Figur in Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“. Er entzieht sich den Vergnügungen und Liebeswirren der Hofgesellschaft im Ardennerwald, um seinem Hang zur Melancholie zu folgen und bleibt schließlich in einer verlassenen Höhle zurück. Jaques gilt als entfernter Verwandter Hamlets.

422,13-14 Wir müssen nun zu, „Wie es Euch gefällt“, wieder emporsteigen!] Der ganze folgende Absatz ist von Anspielungen auf Shakespeares Komödie geprägt. Die röthliche Jacke des Nebels, dem eine violette folgt, zitiert den Wunsch des melancholischen Jaques: „O wär ich doch ein Narr! Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke“ (2. Akt, 7. Szene. ShW, Bd. 1, S, 671). Ada ist von den Sehenswürdigkeiten ihrer Reisen nur angeödet: Von unseren Reisen her kenne ich Alles das und überschlage es, wenn’s beschrieben wird, und habe eigentlich einen Degout am landläufigen Naturgenuß (422, 18-21). Sie zitiert damit die Erinnerung des melancholischen Jaques bei „der Betrachtung meiner Reisen, deren öftere Überlegung mich in eine höchst launische Betrübnis einhüllt“ (4. Akt, 1. Szene. ShW, Bd. 1, S. 699). Wenn Jaques am Schluss beschließt, allein im Ardennerwald zu bleiben, so folgt ihm Ada auch darin: Es ist auch besser, ich wohne im dichten Walde und sähe Nichts mehr von den Menschen (422,26-27).

422,20 Degout] Frz.: Ekel, Widerwille (Petri, S. 243).

423,4 Fraubaserei] ,Fraubase‘ heißt laut Grimm (Bd. 4, Sp. 76) eine „plauderhafte verwandte“. Das Wort 'Fraubaserei‘ wird von Grimm bei Goethe nachgewiesen. Der Ausdruck 'Fraubase‘ war im 19. Jahrhundert bereits altertümlich, denn nach Küpper (S. 420) war das Wort 'Klatschbase‘ bereits gebräuchlich.

423,6 Tartüfferie] Nach der Hauptfigur in Molières Komödie „Tartuffe“ metaphorischer Begriff für Scheinheiligkeit und Heuchelei. Die Metapher geht auf eine Anekdote zurück: Zwei römische Kleriker waren in ihr Rosenkranzgebet vertieft, als ein Trüffelverkäufer vorbei kam. Darauf unterbrachen sie ihr Gebet und riefen: „Signore, tartuffi, tartuffi!“ (vgl. Adelung, Bd. 4, S. 534). Gutzkow zitiert den Zusammenhang zwischen den Trüffeln und der Figur des Tartuffe im 7. Auftritt des 1. Aufzugs seiner Komödie Das Urbild des Tartüffe (GE, Bd. 2, S. 173).

423,19-20 Sonst ist das Leben in der Welt schaal und unersprießlich!] Verkürztes Zitat aus Shakespeares „Hamlet“: „Wie ekel, schal und flach und unersprießlich / Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!“ (1. Akt, 2. Szene. ShW, Bd. 4, S. 274).

423,22-23 Sie hatte den Kreisrichter und die polnischen Wölfe auf der Zunge.] → Erl. zu 174,20.

424,7-8 Selbst die Engländerinnen, die Alles anstarren und mit dem Buch in der Hand verschlingen] Das Klischee von den englischen Touristen, „die mit dem Guide in der Hand […] umherrennen und nachsehen, ob noch alles vorhanden, was in dem Buche als merkwürdig erwähnt ist“ (Heine, DHA, Bd. 7/I, S. 64), war ein verbreitetes Motiv der Karikaturisten.

Dritter Band, viertes Kapitel

429,20 Disciplinargesetz] Das Disziplinarstrafrecht regelt die Behandlung von Dienstvergehen bei Beamten und im Militär. Disziplinarstrafen wurden nicht von ordentlichen Strafgerichten, sondern von Behörden verhängt. Infolgedessen verfügte die Kirche über eine eigene Disziplinarstrafgewalt, die aber durch die staatliche Gesetzgebung (Reichsgesetz vom 31. März 1873) eng begrenzt wurde (vgl. Meyer, Bd. 5, S. 58).

430,34 Unsere Könige sind Nichts als unsere Herzöge] Die Könige, die seit dem 18. Jahrhundert absolutistisch über die deutschen Staaten herrschten, verloren durch die Gründung des Deutschen Reiches wesentliche Teile ihrer Souveränität an den Kaiser. Triesel vergleicht hier die neue Ordnung mit der des alten Römischen Reiches deutscher Nation, als die späteren Könige noch als Herzöge Vasallen des von ihnen gewählten Kaisers waren.

431,30 Oberconsistorialrath] ,Konsistorien‘ hießen die für die gesamte protestantische Kirchenverwaltung zuständigen Organe. Sie überwachten den Haushalt, aber auch die Einhaltung der Lehre, die Amtsführung der Geistlichen und übten die Disziplinargerichtsbarkeit aus. Das Oberkonsistorium überprüfte auf Landesebene die Entscheidungen der in den Bezirken tätigen Konsistorien (vgl. Meyer, Bd. 11, S. 415).

432,26-27 Scharnhorst, Stein, Schill] Exponenten der preußischen Reformen seit 1807 und des Widerstands gegen Napoleon I. – Gerhard Johann David von Scharnhorst (1756-1813) reorganisierte als Chef des Generalstabes ab 1810 grundlegend das preußische Heer, das er vom Söldnerheer zum Volksheer umbaute. – Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein (1757-1831) schuf als Minister in Berlin die Grundlagen eines neuen bürgerlichen preußischen Staates. – Ferdinand Baptista von Schill (1776-1809), preußischer Freikorpskommandant, versuchte Preußen zum Krieg gegen Napoleon zu zwingen; fiel 1809 bei der Verteidigung der von ihm besetzten Festung Stralsund.

433,2-3 Niebuhr, Bunsen, Liebig] Drei bekannte Naturforscher. – Karsten Niebuhr (1733-1815) erforschte im Auftrag der dänischen Regierung die arabischen Länder, die er in mehreren Werken beschrieb. – Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899) und Justus Freiherr von Liebig (1803-1873) gehörten zu den bedeutendsten Chemikern der Zeit.

433,11 Franz Bopp] Franz Bopp (1791-1867) begründete mit seinen Forschungen, die ihn nach Paris und London führten, die indogermanische Sprachwissenschaft. Seit 1825 lehrte er in Berlin als Ordentlicher Professor für orientalische Literatur und allgemeine Sprachkunde.

433,12 Ministerium Manteuffel] Der konservative preußische Politiker Otto Theodor Freiherr von Manteuffel (1805-1882) war im November 1848 preußischer Innenminister und im Dezember 1850 preußischer Ministerpräsident geworden. Als Ministerpräsident unter Friedrich Wilhelm IV. war Manteuffel mit seinen Ministern verantwortlich für die reaktionäre Politik Preußens nach 1848. Im November 1858 wurde er vom Prinzregenten Wilhelm entlassen.

433,13 sieben Göttinger Professoren] Sieben Professoren der Universität Göttingen, darunter Jacob und Wilhelm Grimm sowie Georg Gottfried Gervoinus, unterzeichneten 1837 das von dem Historiker Friedrich Christoph Dahlmann verfasste Protestschreiben gegen die Aufhebung der Verfassung des Königreiches Hannover durch König Ernst August. Sie wurden daraufhin ihres Amtes enthoben.

433,16-18 die sieben genannten Herren wurden ausdrücklich um ihre Meinung befragt] Sanitätsrat Eltester bezieht sich hier auf die von König Ernst August eingesetzte Kommission, die unter Leitung des Ministers von Schele die Frage untersuchen sollte, ob er durch die alte Verfassung gebunden sei.

433,21-22 die schlechten Geschäfte der Deutschkatholiken und der Altkatholiken] Während die Deutschkatholiken sich seit 1844 als von der römischen Kirche abgespaltene Glaubensgemeinschaft formierten (→ Erl. zu 120,17), entstanden die altkatholischen Gemeinden erst als Protest gegen das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes, das auf dem vatikanischen Konzil von 1870 verkündet wurde. Im Unterschied zu den Deutschkatholiken, die als eigene Kirche anerkannt waren, wurden die Altkatholiken in Preußen weiterhin als der katholischen Kirche zugehörig betrachtet. Ein dauerhafter Erfolg war keiner der beiden häretischen Bewegungen beschieden.

433,22-23 Ohne die Fürsten wäre Luther vollständig geliefert gewesen.] Auf dem Reichstag zu Worms wurde über Luther 1521 gegen den Widerstand seiner Anhänger unter den Reichsständen die Reichsacht ausgesprochen. Um ihn vor den daraus resultierenden Verfolgungen zu schützen, ließ ihn der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise auf die Wartburg bringen, wo er zehn Monate inkognito verbrachte.

433,24-25 Wie der liebe Gott am siebenten Tage sagte: Siehe, Alles ist gut!] Der Bibeltext nennt einen anderen Zeitpunkt: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag“ (Genesis 1,31).

434,12 Denn der Herr züchtigt ja die, so er lieb hat!] „Denn welchen der Herr liebhat, den züchtigt er“ (Hebräerbrief 12, 6).

434,13-14 Wenn Trübsal da ist, dann suchet man dich, o Gott! spricht der Prophet.] „Herr wenn Trübsal da ist / So suchet man dich“ (Jes. 26, 16).

434,25-26 Die Wahrheit wird Euch frei machen! spricht ja der Herr.] „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8, 31-32).

435,9-10 der weltkluge Verfasser der Sprüche Salomonis] → Erl. zu 264,15.

436,32-33 die Lehre von der Gnadenwahl und der Rechtfertigung] Die Gnadenwahl ('praedestinatio‘) ist „der Act des göttl. Willens, durch welchen er die, welche durch Christum standhaft glauben u. tugendhaft leben würden, zur Seligkeit bestimmte“ (Pierer 1857-65, Bd. 7, S. 427). – Die Rechtfertigung ('justificatio‘) ist „nach der protestantischen Kirchenlehre der richterliche Act Gottes, durch welchen der sündhafte Mensch in Folge seines Glaubens um Christi willen für gerecht erklärt wird“ (Pierer 1857-65, Bd. 13, S. 882).

437,10-11 Affenthum, Descendenz, Kraft und Stoff, künftiger ewiger Nacht und dergleichen] Hinweis auf das Selbstverständnis des Materialismus, das im 19. Jahrhundert einerseits biologisch-physiologisch durch Darwins Evolutionstheorie (→ Erl. zu 3,13-14), andererseits durch das mechanische Weltbild der Physik (→ Erl. zu 416,19) bestimmt war.

438,29-30 O diese Procedur der Scheidung! Daß diese auch von den Aposteln zugelassen worden ist!] Nach Matthäus 5,31 ist die Scheidung bei Ehebruch der Frau erlaubt. Ebenso Matthäus 19,9: „Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um der Hurerei willen) und freit eine andere, der bricht die Ehe.“

441,19-20 den neuen Papst Alexander den Sechsten und eine zweite Lucrezia Borgia] → Erl. zu 125,24 und 129,10-11.

441,27 Leichenverbrennung] → Erl. zu 57,23.

445,4-5 aus dem grauenhaften Cultus der Diana zu Ephesus] Der Kultus der griechischen Göttin Artemis zu Ephesus geht nicht auf griechische, sondern auf vorderasiatische Traditionen zurück. Die so genannte ephesische Diana war eine Fruchtbarkeitsgöttin, der mit teilweise grausamen Riten Opfer gebracht wurden. Der Tempel zu Ephesus, der zu den sieben Weltwundern der Antike zählte, durfte nur durch „Jungfrauen und verschnittene Priester“ betreten werden (Vollmer, S. 166).

447,17 Thomas a Kempis] Thomas von Kempen (1380-1471), Augustinermönch, widmete sich der Bibel-Exegese. Seine „Schriften sind einfach, volkstümlich und führen von der praktischen Frömmigkeit des Alltags bis zur Höhe mystischer Erfahrung“. Thomas’ „Vier Bücher über die Nachfolge Christi“ gelten „nächst der Bibel als das meistgelesene Buch der Weltliteratur“ (RGG3, Bd. 6, S. 864).

448,12-13 „Die Liebe begehrt nicht das Ihrige!“] Dieses Zitat ist wie die folgenden in leicht veränderter Form aus dem 1. Korintherbrief 13 entnommen.

449,11 protestantischen Jesuiten] Der streng militärisch organisierte Jesuitenorden, der 1540 durch Ignatius von Loyola gegründet wurde, suchte die Alleinherrschaft der katholischen Kirche zu befestigen und dadurch auch Einfluss auf die politische Entwicklung zu gewinnen. Im Kirchenstreit des 19. Jahrhunderts gewann der Orden, der im 18. Jahrhundert mehrfach aufgelöst worden war, zunehmend an Gewicht. Die Rolle der Jesuiten hatte in Preußen die protestantische Kirche übernommen und unter Friedrich Wilhelm III. ihren Anteil an den Entscheidungen der königlichen Regierung zielstrebig erweitert. Die Pfarrer versuchten, ähnlich wie die Jesuiten, das gesamte öffentliche Leben nach den Ansprüchen ihrer Kirche zu regulieren (→ Erl. zu 227,1).

449,14-15 der gerupfte Hahn, den Diogenes dem Plato in sein Auditorium warf] Diogenes Laertius berichtet in einer seiner zahlreichen Anekdoten über Diogenes von Sinope: „Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch ist ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte er einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: 'Das ist Platons Mensch‘“ (Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Hamburg: Meiner, 1998. S. 314).

449,22-23 die Regierung hatte das Patronat auf jene Kirche] Als 'Patronat über eine Kirche‘ wird das Amt des Schutzherrn bezeichnet. „Es ist in der Regel ein dingliches Recht, das am Besitz eines Grundstückes haftet“ (Meyer, Bd. 15, S. 508).

449,33-34 Der Mann der heiligen Hermandad] Span. ,hermandad‘: Bruderschaft. – 'Die heilige Hermandad‘ war eine militärisch organisierte Polizeitruppe, die 1476 durch Ferdinand und Isabella von Kastilien eingerichtet wurde, aus der die heutige Guardia Civil in Spanien hervorging. Als ironischer Name für die Polizei bereits in Goethes „Clavigo“: „Ich schicke dir einen Burschen, der dir’s forttragen und dich hinbringen soll, wo dich die heilige Hermandad selbst nicht findet.“ (HA, Bd. 4, S. 296).

450,31 Galopp! Offenbach!] → Erl. zu 336,5-6.

451,4-5 Die abscheuliche deutsche Tanzmethode, Schulter an Schulter, Brust an Brust.] Der enge Körperkontakt beim Walzertanz wurde von der besseren Gesellschaft als unschicklich angesehen oder wie von Gutzkow im Zauberer von Rom als pathologisch bewertet: Der Walzer cancant, die Grazie tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Epilepsie (eZvR, Sechstes Buch, Erstes Kap., pdf 1.0, S. 1769).

451,32-33 in die Ueberziehertasche statt in den Gehrock] Der 'Überzieher‘ ist ein kurzer Mantel, der im Winter über dem Anzug bzw. über dem Gehrock getragen wurde, einer knielangen Jacke für offizielle Anlässe.

452,15-16 Excellenz-Gräfin] Verballhornung der Anrede, die hochgestellten adeligen Personen zustand: „Ew. gräfliche Excellenz“ (Adelung, Bd. 2, S. 772).

452,21 Duida] Ein volkstümlicher Ausruf, der die ausgelassene Stimmung des Tanzbodens und die Walzerseligkeit der zuvor kritisierten Operettenkultur sinnfällig wiedergibt. Ein Beleg dafür findet sich in der „Fledermaus“ von Karl Haffner und Johann Strauß Sohn (1874 uraufgeführt) in einem Rundgesang: „Erst ein Kuß, dann ein Du, Du, Du immerzu! Duidu, Duidu, la la la!” (Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Digitale Bibliothek, Bd. 125. Berlin: Directmedia, 2005. S. 22545). Ähnlich in Rudolf Bunges Opernlibretto „Der Trompeter von Säckingen“, wo es in einem Studentenlied heißt: „Zum Pedell? Hei duida! / Nennst du ihn, gleich ist er da“ (Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Digitale Bibliothek, Bd. 125. Berlin: Directmedia, 2005. S. 81349).

452,21 blaue Donau] Der Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauß Sohn (1867 uraufgeführt) gehörte zu den populärsten Tanzmelodien.

452,31-32 brahminische Warnung] → Erl. zu 50,8.

452,33 Hirten-Eklogen] Die Ekloge war im Griechischen ein zu einer Sammlung gehöriges kurzes Gedicht, seit Vergil die Bezeichnung für die besonders im 18. Jahrhundert beliebten Hirtengedichte.

453,32 sterbende Mänade] → Erl. zu 37,34.

454,6 Houri] Im Islam sind die Houris die ewigen Freudenspenderinnen, die im Paradies auf die gläubigen Männer warten.

454,14 Minores] Als 'Minores‘ werden in der katholischen Kirche die niederen Weihen zum Priesteramt bezeichnet, die noch nicht zum Zölibat verpflichten. Im Zusammenhang der vorliegenden Textstelle über Modeerscheinungen der Musik könnte eine Anspielung auf Franz Liszt vorliegen, der in Rom die niederen Weihen empfing und sich seither 'Abbé‘ nennen durfte.

455,9-11 „Sie wollen Blindenleiter sein, spricht der Apostel, und sie sind selbst blind!“] Als „blinde Blindenleiter“ bezeichnet Jesus bei Matthäus 15,14 die Pharisäer und Schriftgelehrten.

Dritter Band, fünftes Kapitel

457,32 St. Thomas] → Erl. zu 310,26-27.

458,3 Sackets Harbor] Hafenstadt an der zu den USA gehörigen Seite des Ontariosees.

458,10 Phidias und Praxiteles] → Erl. zu 47,10.

458,17 der Monitor […] der Merrimak!] Panzerschiffe, die erstmals im amerikanischen Bürgerkrieg eingesetzt wurden. 1862 zerstörte der „Monitor“ der Union die Fregatte „Merrimak“ der Sezessionisten (→ Erl. zu 323,30-31).

459,31 die productive Rente] → Erl. zu 119,20-21; „progressive Rente“ auch 260,3.

464,19-20 Er glich nicht dem alten Miller in „Kabale und Liebe“, der die Schuld auf Louisens schmachtende Augen wirft] Miller droht in Schillers Drama seiner Tochter mit dem Jüngsten Gericht: „Willst du dich vor des Allwissenden Thron mit der Lüge wagen: Deinetwegen, Schöpfer, bin ich da! wenn deine strafbare Augen ihre sterbliche Puppe suchen?“ (SSW, Bd. 1, S. 838-839).

464,33-34 Wasserflüsse Babylons] Aus der Klage über die Babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“ (Psalm 137,1). Heinrich Heine zitiert den Psalm in „Hebräische Melodien“. Das zweite Gedicht „Jehuda Ben Halevy“ beginnt mit den Versen: „Bey den Wassern Babels saßen / Wir und weinten, unsre Harfen / Lehnten an den Trauerweiden / Kennst du noch das alte Lied?“ (DHA, Bd. 3/1, S. 135).

464,34-465,2 Die trauernden Juden […] Seit dreißig Jahren sind die vergessen] Althing meint mit Krach (465,1) den Börsencrash von 1873, der das Vermögen der vorwiegend jüdischen Bankiers vernichtete. Zu den ,vergessenen‘ Bildern gehört das Gemälde „Die trauernden Juden im Exil“ des Berliner Malers Eduard Bendemann (1811-1889), das 1832 bei der Berliner Kunstausstellung großes Aufsehen erregte. Bendemann zählte als Schüler Schadows zur letzten Generation der Nazarener, die sich religiösen Motiven aus der Bibel widmeten. Nach 1848 (Seit dreißig Jahren) herrschten Motive aus der germanischen Mythologie vor.

465,16-17 im Uebrigen singt der Narr bei Shakespeare: Und der Regen, der regnet jeglichen Tag!] Das Lied des Narren in „Was ihr wollt“, mit dem das Stück endet, beginnt mit den Versen: „Und als ich ein winzig Bübchen war, / Hop heisa, bei Regen und Wind! / Da machten zwei nur eben ein Paar; / Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag“ (ShW, Bd. 1, S. 809).

466,1 die Sonne der Nacht] → Globalkommentar, 6.1.7..

466,29-31 alte Orthographie, die jetzt wieder neu wird [...] „Mein Mädgen!“] Zur Orthographiereform → Erl. zu 107,4-5 und 312,14-15. 'Mägdgen‘ ist wie 'Mädchen‘ eine Verkleinerungsform von 'Magd‘, die bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts auch in der Literatur gebräuchlich war (vgl. Grimm, Bd. 12, Sp. 1417-1418). In der Umgangssprache ist das Suffix -gen / -ken noch erhalten im Westfälischen, z. B. 'Pilsken‘ für 'Pilschen‘. Für die Behauptung, dass diese alte orthographische Form wieder neu geworden sei, findet sich kein Beleg.

470,9 à peu près] Frz.: fast, beinahe (Petri, S. 73).

Dritter Band, sechstes Kapitel

472,29-30 weil er vor seinem Weibe floh, wie Endymion in der Fabel] Endymion ist im griechischen Mythos die Personifikation des Schlummers. Er soll der Sohn des Königs von Elis oder des Göttervaters Zeus gewesen sein. Er war mit Chromia verheiratet, lebte aber als Hirte und schlief in einer Höhle. Dort wurde der Schlafende von der Mondgöttin Selene geliebt. Dieses Erlebnis war „so beseligend, […] dass er Jupiter um ewige Jugend, ewiges Leben, aber auch um ewigen Schlaf bat, was der Herrscher im Olymp ihm gewährte“ (Vollmer, S. 187).

473,6 Dictionnär] Wörterbuch (Petri, S. 262), nach frz.: dictionnaire.

473,10 Bagage] Frz.: Reisegepäck (Petri, S. 107).

473,13-15 tadelte grade den Kriegsminister Ochs [...] über die ungebührliche Größe des Trains] Ochs bezieht sich auf den französischen Kriegsminister Leboeuf, unter dem Oberbefehl Kaiser Napoleons III. Generalstabschef der Rheinarmee. Diese verzettelte sich im deutsch-französischen Krieg beim Angriff an der Grenze, „weil die Einziehung der Reserven höchst umständlich und zeitraubend und alles Material, Proviant, Munition, Wagen, Kleidung etc., in Paris konzentriert war und von dort bezogen werden mußte“ (Meyer, Bd. 4, S. 756).

474,9-10 Rouladen] Frz.: Roller oder Triller in der Musik, hier auf dem Klavier (Petri, S. 774).

474,27-28 Paul de Kock] Französischer Autor (1793-1871) von zahlreichen, seinerzeit sehr populären Unterhaltungsromanen über das Pariser Leben. Seine auch in Deutschland viel gelesenen Bücher galten als 'schlüpfrig‘: darin besteht die Pointe der Lektüre-Empfehlung Forbecks an den von Ada verlassenen Grafen Udo.

475,20-21 die ochsenäugige Here] → Erl. zu 76,16.

475,33-34 Eine Briseïs freilich, wie Achill, hatte ich nicht zur Seite.] Die schöne Briseïs ist in der „Ilias“ die Sklavin des Achilles. Sie wurde ihm von Agamemnon geraubt, und Achilles zog sich daraufhin vom Kampf zurück, was zu schweren Verlusten unter den griechischen Helden führte. Achilles kehrte zurück, nachdem Hektor seinen Freund Patroklos erschlagen hatte, um dessen Tod zu rächen, und versöhnte sich mit Agamemnon, der ihm die Entführte zurückgab (vgl. Homer, Ilias, 1. Gesang).

476,20-22 dieser Humor in den Erfindungen der Göttereinmischung, der uns zuweilen geradezu Offenbach im edlern Style zeigt] Anspielung auf Offenbachs Parodien der griechischen Götterwelt in den Operetten „Orpheus in der Unterwelt“ (1858) und „Die schöne Helena“ (1864); → Erl. zu 76,18-19.

476,26 Streit der Könige] Vgl. → Erl. zu 475,33-34.

477,6-8 es bettelte Jemand in Wien die „Gründer“ seines Theaters förmlich um „neue Ideen“ an] ▄ Nicht ermittelt. ▀

477,27 Conduite] Frz.: Benehmen, Lebensart (Petri, S. 198).

479,25 fait accompli] Frz.: vollendete Tatsache; wurde im 19. Jahrhundert auch als Fremdwort verwendet (Petri, S. 333).

480,18-19 „ochsenäugige Here“] → Erl. zu 76,16.

482,11 „encanailliren“] Ordinär werden, sich gemein machen (Petri, S. 299), nach frz.: s’encanailler.

482,16 Theater-Niobe] Metaphorisch für theatralisch vorgeführten verzweifelten Schmerz. Die mythische Niobe war die Tochter des Tantalos und Gemahlin des thebanischen Königs Amphion. Ihre zwölf Kinder wurden von Apollon und Artemis getötet, weil die Mutter beide Götter beleidigt hatte. Vor Schmerz versteinert, wurde Niobe von den Göttern in einen Felsen verwandelt.

482,18-20 sie würde allerdings auch der erzürnten Juno geglichen haben, die ja vor dem Speere des Achilles nicht zitterte] Im Ersten Gesang der „Ilias“ verhindert Hera (in der röm. Mythologie Juno genannt) den Waffenkampf zwischen Achilles und Agamemnon.

Dritter Band, siebentes Kapitel

484,9 Fauteuil] Frz.: Armsessel (Petri, S. 337).

484,22-23 karyatidengetragenen Laternen] Karyatiden sind weibliche Figuren, die an die Stelle einer tragenden Säule gesetzt sind, hier als Fuß einer Laterne. Karyatidengetragene Lampen dienten im Historismus und noch bis in den Jugendstil zur Beleuchtung des bürgerlichen Salons.

484,24-27 Portièren und Teppiche waren alle im türkischen Geschmack] Im Historismus wechselten die Stilrichtungen rasch. Der orientalische Stil, der sich durch extreme Prachtentfaltung auszeichnete, blühte in der Gründerzeit nach dem deutsch-französischen Krieg.

485,4-5 Nachbildung des schlafenden Mädchens von Canova aus der Villa Sommariva] Antonio Canova (1757-1822) war der berühmteste Bildhauer des Klassizismus. Seine beliebtesten Figuren dienten im späteren 19. Jahrhundert in verkleinerten Nachbildungen als Zimmerschmuck. Gutzkow hatte das Original auf seiner Italienreise im Frühjahr 1843 gesehen. In seinen Italienischen Fragmenten beschrieb er seinen Besuch der Villa Sommariva: Ein großartiger, in einfach edlem Styl erbauter Palast enthält in seinen Corridoren und Sälen Sculpturen und Bilder älterer und neuerer Meister. Und nicht etwa Modelle nur und arme Gypsabgüsse, mit denen wir übrigen Sterblichen uns befriedigen müssen, sondern die echten eigenhändigen Schöpfungen Thorwaldsens und Canova’s. (Karl Gutzkow: Aus der Zeit und dem Leben. Leipzig: Brockhaus, 1844. S. 214-215) Die Villa Sommariva (heute Villa Carlotta) befindet sich am westlichen Ufer des Comersees; sie wurde 1801 von dem italienischen Politiker und Kunstsammler Conte Giovanni Battista Sommariva erworben, der Haus und Gärten neu ausgestalten und mit Kunstwerken ausstatten ließ. 1843 wurde die Villa an Prinzessin Marianne von Preußen, die Frau des Prinzen Albrecht von Preußen, verkauft, die später das Anwesen ihrer Tochter schenkte.

486,10-11 die Sylvien und Miranden einer romantischen Zeit] Silvia ist die ebenso schöne wie kluge Tochter des Herzogs von Mailand in Shakespeares Komödie „Die beiden Veroneser“, die mit ihren zahlreichen Anbetern ihr Spiel treibt. Miranda ist die Tochter Prosperos in Shakespeares „Sturm“, ein Naturkind, das ohne Weltkenntnis auf der Insel aufgewachsen ist. Beide könnten als Vorbild für das antithetisch stilisierte Frauenbild der romantischen Literatur dienen.

486,15-16 „Was sich der Wald erzählt“] → Erl. zu 421,7-8.

486,24-25 der regelmäßige Schmerzensschrei der neuen Niobe] → Erl. zu 482,16.

486,26-27 die Cavallerie von den Husaren –! Sie meinte wahrscheinlich Cavalcade] Die Cavallerie ist die Gesamtheit der militärischen Reiterei, die Cavalcade ein zur Repräsentation aufgestellter Reiterzug.

486,30 Steeple Chase] Engl.: Hindernisrennen (Petri, S. 835).

486,33-34 General nur in Diensten gewesen beim Ausland, kein Geschulter aus dem Cadettenhause] Ein sogenannter Schreibtisch-General, der keine militärische Ausbildung absolviert hat und entweder im Ministerium oder im diplomatischen Dienst eingesetzt ist.

487,2 Gummibäumen] Gummibäume wurden in Treibhäusern gezüchtet und als „fast unverwüstliche Zimmerpflanze[n] kultiviert“ (Meyer, Bd. 6, S. 548).

488,34 das große Erdbeben] Die Stadt Lissabon wurde mehrfach durch Erdbeben heimgesucht. Als das große Erdbeben wird jenes vom 1. November 1755 bezeichnet, durch das zwei Drittel der Stadt zerstört wurde und über 30000 Einwohner ums Leben kamen (vgl. Meyer, Bd. 12, S. 607).

489,4 Elle est en colère?] Frz.: Ist sie zornig?

489,26-27 Der Landsmann der erfindungsreichen Scribes und Augiers] Eugène Scribe (1791-1861) war einer der produktivsten und populärsten französischen Dramatiker seiner Zeit. – Emile Augier (1820-1889) galt mit seinen moralisierenden Vers- und Prosadramen als „der bedeutendste Dichter des modernen französischen Theaters“ (Meyer, Bd. 1, S. 112).

489,34 sans façon] Frz.: ohne Umstände (Petri, S. 786).

490,2-4 Im letzten Acte der „Afrikanerin“ […] mit tödtlichen Giftausströmungen.] „Die Afrikanerin“, große Oper von Giacomo Meyerbeer nach einem Libretto von Eugène Scribe (→ Erl. zu 489,26-27), wurde 1865, ein Jahr nach dem Tod des Komponisten, in Paris uraufgeführt. Bei dem Blüthenbaum, der in der Oper vorkommt, handelt es sich um einen Manzanillabaum, dessen giftiger Milchsaft die Haut verätzt. Von dem aus Westindien stammenden Baum wurde zudem behauptet, „sein Schatten könne dem darin Ruhenden verderblich wirken“ (Meyer, Bd. 9, S. 361).

490,12 „Strauß’schen Irrthümer“] David Friedrich Strauß (1808-1874) entfesselte mit seinem Hauptwerk „Das Leben Jesu“ (1835) eine nachhaltige theologische Debatte. Strauß entmythisierte den biblischen Jesus, indem er ihn als rein historische Figur darstellte.

491,15-16 eine Taille, die nicht stutzerhafter herauskommen konnte] Durch Korsetts eingeschnürte Taillen waren seit Beginn der nach-napoleonischen Restauration Merkmal der Dandy- oder Stutzermode, von Karikaturisten oft aufs Korn genommen (→ Herrenmode: Der Elegante. eGWB, Bilder: Mode zur Zeit Gutzkows).

492,8 Commission] → Erl. zu 54,34.

492,15-16 Friedrich der Große entfloh, um endlich Freiheit der Bewegung als Mensch zu gewinnen!] Der damalige preußische Kronprinz Friedrich versuchte 1730 auf einer Reise, vor der Tyrannei seines Vaters, des 'Soldatenkönigs‘ Friedrich Wilhelm I., nach England zu fliehen. Der Plan wurde aber entdeckt, der Kronprinz inhaftiert und vor ein Kriegsgericht gestellt.

492,17-18 Röhrhofweg Nr. 15! Ein Gäßchen an einem freien Platze!] ▄? In historischen Berliner Stadtplänen und Straßenverzeichnissen nicht enthalten. ▀?

495,4 Höllenzwang Faustens] In der Szene „Studierzimmer“ in Goethes 'Faust I‘ zwingt Faust Mephisto mit Beschwörungsformeln und schließlich mit dem Kruzifix, aus der Gestalt des Pudels hervorzutreten (HA, Bd. 3, S. 46-47).

496,5-7 den Wächter auf dem Rathhausthurm, den Globus auf der Sternwarte anrief] Die königliche Sternwarte Berlin befand sich seit 1835 am Enckeplatz (heute Enckestraße, Berlin-Kreuzberg). Das 'Rote Rathaus‘ in Berlin Mitte wurde in den 1860er Jahren errichtet.

496,22 Inowraclaw! nach der Melodie: Nach Sevilla! ] Zum Ort Inowraclaw → Erl. zu 174,20. – „Nach Sevilla, nach Sevilla“ lauten die Anfangszeilen eines der Gedichte, die Clemens Brentano in sein Lustspiel „Ponce de Leon“ (1804) einfügte. Volkstümlich wurde das Gedicht als Lied in der Vertonung von Louise Reichardt.

Dritter Band, achtes Kapitel

502,22 Grillenfänger] Ein Griesgram, Murrkopf, Hypochonder (Grimm, Bd. 9, Sp. 327).

503,12-14 Ja mein Herr […] parodirte sie singend aus dem Don Juan] Mozarts Oper „Don Giovanni“ wurde bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht im italienischen Originaltext von Lorenzo da Ponte, sondern in deutscher Übersetzung gespielt. „Sì, signore“ antwortet Zerlina dort Don Giovanni auf die Frage, ob Verheiratete unter den Anwesenden seien, und fügt hinzu, sie selbst sei die Ehefrau: „e la sposa son io“ (I,8).

503,19 blauen Augen] Offensichtlich ein Versehen des Autors: Zuvor spricht Gutzkow von Adas dunkeln, strahlenden Augen (13,30; siehe auch 484,16).

504,6-8 „Die Würfel sind gefallen, lieber Freund! Der Rubikon ist überschritten!] „Alea iacta est“ („Der Würfel ist gefallen“) soll Julius Caesar – nach Suetons „De vita Caesarum“ – gesagt haben, als er im gallischen Krieg den Rubicon überschritt. Geflügeltes Wort (vgl. Büchmann 1879, S. 330).

506,22 die milchweißen Gasglaskugeln] Das Gaslicht wurde, seit zwischen 1810 und 1820 in England die Versorgung durch Gasanstalten gesichert war, dort zur gebräuchlichen Zimmer- und Straßenbeleuchtung. In Deutschland setzte es sich erst seit den 50er Jahren nach dem englischen Vorbild durch. Damit wurde in den Städten erstmals eine funktionierende nächtliche Straßenbeleuchtung ermöglicht. Durch seine Eigenart, Lichtkegel im Raum zu bilden, wurde das Gaslicht zum Stimmungsfaktor besonders in der Literatur, da es den Eindruck von Geborgenheit in abgeschlossenen Lichtinseln vermittelte, die aus der unheimlichen Finsternis herausragten. Im öffentlichen Raum wurde es seit Ende der 70er Jahre allmählich durch das elektrische Licht abgelöst, während es in Wohnräumen noch weiterhin überdauerte. (Vgl. Wolfgang Schivelbusch: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. München: Hanser, 1983. S. 37-38 und S. 113ff.).

506,34-507,1 Spitäler, die uns einige brave reiche Bürger gegründet haben] Als 'Spitäler‘ wurden auch Altenheime bezeichnet, die sich durch die Zuschüsse wohlhabender Bürger finanzierten, wie überhaupt die Armenpflege sich der privaten Wohltätigkeit verdankte, befördert durch die von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) begründete Innere Mission (→ Erl. zu 353,25).

507,10 Castellane] Im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts war mit 'Kastellan‘ der Aufseher eines öffentlichen Gebäudes gemeint (vgl. Meyer, Bd. 10, S. 729).

507,24 Lincolns tragischer Tod] Abraham Lincoln war seit 1861 Präsident der Vereinigten Staaten und fiel am 14. April 1865 einem Attentat zum Opfer. Die Abschaffung der Sklaverei in den Nordstaaten hatte zum Bürgerkrieg geführt und war nach der Wiederwahl Lincolns ein Motiv für seine Ermordung.

508,14 „Kampf um’s Recht“] → Erl. zu 374,21-22.

508,29 in der Wolle gefärbten] Verdeutschung des englischen Ausdrucks 'dyed in the wool‘ ('waschecht‘, ,eingefleischt‘). Ursprünglich ein Begriff aus der Textilverarbeitung.

508,31 Waterproof-Lebens] Die Technik, Textilien durch Gummierung wasserdicht zu machen, war in den 1820er Jahren durch den schottischen Hersteller Macintosh patentiert und danach ständig verfeinert worden. Wie mit der vorigen Anspielung auf die Wolltuchherstellung wird hier metaphorisch ein mit Deutschland assoziierter musikalische[r] Zukunftszauberkreis (508,33) gegen eine angelsächsische Produktionswelt ausgespielt.

508,33 musikalischen Zukunftszauberkreise] → Erl. zu 237,31-32.

508,33-34 des Indigo und Krapp, des Anilin und Alizarin] Durch die Fortschritte der Chemie gelang es im 19. Jahrhundert, die alten pflanzlichen Farbstoffe durch chemische Verbindungen zu ersetzen, z. B. das pflanzliche Indigoblau durch Anilinblau, das ebenfalls pflanzliche Krapprot durch Alizarinrot. Die neuen Farbstoffe wurden industriell produziert und revolutionierten sowohl das Färben von Textilien als auch die Malerei. Sie entlasteten die Künstler von der aufwendigen Herstellung ihrer Malmittel und ermöglichten die Malerei außerhalb des Ateliers.

509,5 Veranlasserin des trojanischen Krieges] Helena war die für ihre Schönheit berühmte Gemahlin von Menelaos, des Königs von Sparta. Ihre Entführung durch Paris nach Troja war nach Homer der Anlass für den trojanischen Krieg.

509,14 Staatsschulden] Ägypten hatte unter der Herrschaft des den Türken tributpflichtigen Khediven (Vizekönigs) riesige Staatsschulden angehäuft, die auch durch die englische Verwaltung (seit 1882) nicht abgebaut wurden. Erst 1901 wurde eine internationale Kommission zur Verwaltung der Staatsschulden eingesetzt (vgl. Meyer, Bd. 1, S. 190).

509,24 Victoriaschießen] Mit dem Ausruf 'Viktoria!‘ (lat. 'Sieg!‘) wurde eine erfolgreiche Tat besiegelt, ein Vorgang, der u. a. als 'Viktoriaschießen‘ bezeichnet wurde (vgl. Grimm, Bd. 26, Sp. 359).

Dritter Band, neuntes Kapitel

514,28-29 Alternativen Christus oder Belial] Belial ist der Satan, der Antichrist. Die Stelle bezieht sich auf den 2. Korintherbrief 6,14-16: „Wie stimmt Christus mit Belial?“

515,4 Dintenstechern] Es handelt sich um ein tragbares Schreibgerät, „ein kleines dintenhorn mit einem stachel, das die studenten, die in vorlesungen nachschreiben, auf dem pult feststecken“ (Grimm, Bd. 2, Sp. 1183).

516,17-18 die Lust- und Unlustphilosophie des Tages] Nach Eduard von Hartmanns „Philosophie des Unbewußten“ wird das menschliche Leben unter der Herrschaft des Unbewussten durch das Gefühl der Unlust bestimmt (→ Erl. zu 282,15-16).

518,2 „Meister vom Stuhl“] Titel des Vorstehers einer Freimaurerloge.

518,7 franchement] Frz.: freimütig (Petri, S. 353).

518,23-24 Noblesse oblige! muß ja auch die Bildung sagen] Mit der französischen Phrase ('Adel verpflichtet‘) sucht die 'ungebildete‘ Aristokratin ihren Machtanspruch gegenüber der Bürgersfrau, deren gesellschaftliches Selbstbewusstsein auf 'Bildung‘ beruht, zu legitimieren.

519,29 Expectoriren] Sein Herz ausschütten (Petri, S. 327), „seinem Herzen durch Aussprechen Luft machen“ (Meyer, Bd. 6, S. 222).

520,20 „Kampf um’s Recht“] → Erl. zu 374,21-22.

521,11 Durchstechereien] ,Durchstecherei‘ bezeichnet eine „geheime, mit einem andern verabredete betrügerei“ (Grimm, Bd. 2, Sp. 1691).

522,6 Va banque] Beim Hasardspiel alles auf eine Karte setzen (vgl. Meyer, Bd. 19. S. 986; Petri, S. 913).

522,15 A discretion] Frz.: nach Belieben (Petri, S. 20).

522,19-20 Die drei Männer sitzen im feurigen Ofen!] Drei jüdische Männer namens Sadrach, Mesach und Abed-Nego weigerten sich, das goldene Götzenbild des assyrischen Königs Nebukadnezar anzubeten und wurden zur Strafe in einen feurigen Ofen geworfen, aber das Feuer konnte ihnen nichts anhaben (vgl. Daniel 3).

522,29 Kathedersocialisten] → Erl. zu 282,3.

523,20 salarirte] Von frz. 'salarier‘ ('besolden‘): dotiert, bezahlt (vgl. Petri, S. 781).

524,11-12 Hingerichtet wird Keiner mehr] Nach dem deutschen Reichsstrafgesetzbuch wurden der vollendete Mord, der als Hochverrat strafbare Mord sowie der Mordversuch gegen den Kaiser und den Landesherrn mit dem Tod bestraft. Die Todesstrafe durfte nur vollzogen werden, wenn der Kaiser von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch machte. Allerdings hatte der Norddeutsche Reichstag 1870 mit Mehrheit für die Abschaffung der Todesstrafe gestimmt, den Beschluss aber zurückgezogen, „um das Zustandekommen des Strafgesetzbuches nicht zu gefährden“ (Meyer, Bd. 19, S. 588). Die triumphierenden Worte Ehlerdts, die den Leser zur Skepsis gegenüber einer Liberalisierung der Hinrichtungspraxis auffordern, spiegeln Gutzkows veränderte Einstellung zur Todesstrafe. Für deren Abschaffung hatte er Jahrzehnte zuvor in den Zeitgenossen mit einer ausführlichen rechtshistorischen Diskussion plädiert (eZg, Zweiter Bd., Kap. Sitte und Sitten, pdf 1.1, S. 422-435). Wenn er nun durch Ehlerdts Hinweis auf die angenehmen Lebensumstände im Zuchthaus die Todesstrafe zu rechtfertigen sucht, so ist das auf eine pathologische Furcht vor Angriffen aller Art gegen die bürgerliche Ordnung zurückzuführen, die sich in seinen letzten Lebensjahren bis zum Verfolgungswahn steigerte (→ Globalkommentar, 6.1.1.).

526,25 Papst Alexander] → Erl. zu 129,10-11.

527,34-528,1 Bischof Hatto von Mainz im Mäusethurm] Der Sage nach soll der Erzbischof Hatto von Mainz um 970 während einer Hungersnot die Armen in eine Scheune gesperrt und diese angezündet haben. Von unzähligen Mäusen verfolgt, flüchtete er in einen Turm, wo er von ihnen aufgefressen wurde.

529,21-22 Ein Wasserüberguß über ein Stück Fleischextractgallert ist keine Suppe] → Erl. zu 280,20-21.

530,6 Schlagnetz] Vorrichtung zum Vogelfang: „netz, welches bei der berührung niederschlägt und das tier fängt“ (Grimm, Bd. 15, Sp. 421).

530,13 spickte] Vom 'Spicken‘ des Bratens mit Speck abgeleitete Metapher für 'bestechen‘ (Grimm, Bd. 16, Sp. 2218).

530,29 Charade] Wort- und Silbenrätsel, bei dem der Name oder das Wort, das erraten werden soll, in seine einzelnen Silben zerteilt wird (vgl. Meyer, Bd. 17, S. 698).

530,34-531,1 einiger verrückten jüdischen Rabbinen, Marx und Heß] Der deutsch-jüdische Philosoph und Frühsozialist Moses Heß (1812-1875) gehörte 1842/43 mit Karl Marx zu der Redaktion der linksliberalen „Rheinischen Zeitung“. Heß hatte schon 1837 in seiner „Heiligen Geschichte der Menschheit. Von einem Jünger Spinozas“ sozialistische Gedanken entwickelt und damit auch Marx beeinflusst. Als Gutzkow 1842 nach Köln kam, soll Heß versucht haben, ihn zum Kommunismus zu bekehren (Rasch, Gutzkow-Doku., S. 165). Weder Moritz Heß noch Karl Marx waren Rabbiner. Heß stammte aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Bonn und bekannte sich zum orthodoxen Judentum. Marx war wie sein Vater, der einer bedeutenden Rabbinerfamilie entstammte, aber zum Christentum konvertiert war, getaufter Christ. Wolny reproduziert hier antisemitische Stereotypen, die sich auch gegen die Sozialdemokratie und die Arbeiterbeweging richteten.

531,13-15 Die allgemeine Wehrpflicht [...] ist [...] unser einziges Verderben –!] Die allgemeine Wehrpflicht geht auf die preußische Heeresreform durch Scharnhorst seit 1810 zurück (→ Erl. zu 432,26-27). Sie diente aber im Kaiserreich nicht zur demokratischen Legitimierung des Militärs, sondern zur Militarisierung der Gesellschaft, die durch den Sieg im deutsch-französischen Krieg noch gesteigert wurde. Die Kritik an dieser Entwicklung gehört zu den wichtigsten Themen der Neuen Serapionsbrüder (→ Globalkommentar, 6.1.6.1.).

533,29-30 von den hundert Zichys oder Esterhazys] Die Zichys und die Esterhazys waren berühmte Familien des ungarischen Hoch- und Hofadels.

534,7-8 Nichts vom albernen Tannhäuser und der abgenutzten Lorelei!] Die Sage vom Ritter Tannhäuser taucht als Ballade im ersten Band von „Des Knaben Wunderhorn“ (1806) auf. Eine ausführlichere Fassung der Sage schrieb Heinrich Heine 1836; sie erschien in der Sammlung „Neue Gedichte“. Richard Wagner hat in seiner Oper „Tannhäuser“ (1845) die Tannhäuser-Sage mit jener vom Sängerkrieg auf der Wartburg und damit mit der historischen Gestalt des Minnesängers Tannhäuser verbunden. – Heinrich Heines Gedicht mit der Anfangszeile „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ aus dem Zyklus „Die Heimkehr“ im „Buch der Lieder“ (1823-24) wurde unter dem Titel „Loreley“ so populär, dass es manchmal als Volkslied ausgegeben wurde. Die erste Fassung der Legende von der Loreley stammt von Clemens Brentano. Sein Gedicht mit den Anfangszeilen „Zu Bacharach am Rheine wohnt eine Zauberin“ wurde erstmals 1801 im „Godwi“ veröffentlicht.

534,9 Zephyr] Ein sehr glatter und dünner Stoff aus Wolle oder Baumwolle.

534,9 Battist] Feinfädiges Baumwollgewebe.

534,11-12 ganz andere Klagen ausstoßen, als die Sängerinnen im Lohengrin] Gutzkow wohnte der Uraufführung der romantischen Oper von Wagner am 28. August 1850 in Weimar bei. Die Weh- und Anklagen der beiden verfeindeten Heldinnen der Oper, Elsa von Brabant und Ortrud, Gemahlin des Grafen Friedrich von Telramund, sind wesentlicher Antrieb der Bühnenhandlung.

534,14 „Ich grolle nicht –“] Das Gedicht aus Heines „Buch der Lieder“ („Lyrisches Intermezzo“ XVIII) wurde von Robert Schumann für die befreundete Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient vertont und 1844 in dem Heine-Zyklus „Dichterliebe“ (Opus 49) veröffentlicht (vgl. MGG, Bd. 12, S. 82, 295).

Dritter Band, zehntes Kapitel

536,10 eine eigne Nemesis der Natur] Rabes Rückenmarkskrankheit wird als gerechte Strafe der Natur für seinen Lebenswandel gesehen. Nemesis war in der griechischen Mythologie die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.

536,24 Delirium tremens] Lat.: Säuferwahnsinn, „akute Geistesstörung bei chronischen Säufern. Es beginnt meist mit Schlaflosigkeit, allgemeiner Unruhe und Verstimmtheit und äußert sich in Sinnestäuschungen […]. Zuweilen schreien und toben die Kranken infolge schreckhafter Sinnestäuschung, wollen entfliehen oder sich aus dem Fenster stürzen. Andre Kranke sind stets heiter, lachen und schwatzen. Die Delirien machen Pausen und kehren dann um so heftiger wieder“ (Meyer, Bd. 4, S. 611).

536,28-29 Spenser] „Nach seinem Erfinder, Lord Spencer (unter Georg III.) benanntes eng anschließendes Ärmeljäckchen“ (Meyer, Bd. 18, S. 715).

537,8-9 Die Frauenfrage trat auch an Josefa heran.] Für die Frauen gab es auch im Kaiserreich nur sehr beschränkt Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt außerhalb von Ehe und Familie zu erwerben. Nach Meyer betrifft die Frauenfrage „vorzugsweise die Unverheirateten, da den Verheirateten Unterhalt und Wirkungskreis in der Familie geboten ist“. Der gesellschaftlichen Konvention zufolge „wird die soziale Stellung des weiblichen Geschlechts stets in erster Linie durch die Ehe und Familie und die hierdurch erwachsenden besondern Aufgaben bestimmt bleiben müssen“. Das galt verstärkt für die Unterschicht der Besitzlosen, die weder durch Eheschließung noch im Erwerbsleben auf dauerhaft ökonomisch gesicherte Existenz hoffen konnten, „und vielfach dem Elend einer dem Zufall preisgegebenen Existenz“ ausgeliefert waren (Meyer, Bd. 7, S. 39).

537,10 rückenmarkskrank] Die Rückenmarkskrankheit ist eine Spätfolge der Syphilis, die sich durch schmerzhafte Entzündung, Wucherungen und Schwund äußert.

538,4-5 Rombergs Nervenkrankheiten] → Erl. zu 5,26.

538,5 Traubes Schriften] Ludwig Traube (1818-1876), Professor für Medizin und Arzt an der Berliner Charité, war Verfasser grundlegender Werke zur Diagnostik und Pathologie.

538,5-6 Capriolen eines etwa unter die Luftpumpe gesetzten Frosches] Das Experiment mit einem unter die Glocke einer Luftpumpe gesetzten lebenden Frosch geht auf die Naturwissenschaft des 18. Jahrhunderts zurück und findet sich in zahlreichen physiologischen Abhandlungen des 19. Jahrhunderts. Damit sollten u.a. die Atemfunktionen erforscht werden. Der Hallenser Physiologe August Weinhold untersuchte die Entwicklung des Blutkreislaufes bei immer stärker verdünnter Luft (vgl. August Weinhold: Versuche über das Leben und seine Grundkräfte auf dem Wege der Experimental-Physiologie. Magdeburg: Creutz, 1817. S. 74-75).

538,15 Verkehr mit Hoboken und Broadway] Hoboken, heute ein Stadtteil von New York, war noch eine eigenständige Stadt im Staat New Jersey, obgleich sie praktisch schon eine Vorstadt New Yorks war. Der Broadway galt als die wichtigste Geschäftsstraße der Unterstadt (downtown) von Manhattan.

538,23 antedatiren] Ein Schriftstück mit einem früheren Datum versehen (Petri, S. 64).

539,8 Chimpanse im Aquarium] Das von Alfred Brehm konzipierte Berliner Aquarium an der Ecke Unter den Linden – Schadowstraße wurde 1869 eröffnet. Neben den Aquarien enthielt es auch andere Tiere, darunter seit 1870 als ersten Menschenaffen die Schimpansin „Molly“, die nur 20 Monate überlebte (vgl. Harro Strehlow: Exotik am Prachtboulevard. Berlinische Monatsschrift. Heft 5, Mai 1998, S. 4-12, hier S. 11. http://www.luise-berlin.de/bms/bmstext/9805prob.htm, Zugang 11. Dezember 2013).

539,12 Rabbi von Nazareth] Rabbi ist der Ehrentitel eines jüdischen Schriftgelehrten. Nach dem Matthäusevangelium steht die Bezeichnung 'Rabbi‘ einzig Jesus zu, während die Schriftgelehrten und Pharisäer sich zu Unrecht so nennen: „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder“ (Matth. 23, 8).

539,15 Piloty] → Erl. zu 313,13-14.

539,17-18 nach München in die Malerschule] → Erl. zu 313,13-14.

541,11 die sociale Frage] → Art. ,Soziale Frage‘, eGWB, Lexikon.

541,12 die productive Rente] → Erl. zu 119,20-21.

541,16-17 Les Dieux s’en vont! betonte Rabe, sich seines geliebten Heinrich Heine erinnernd.] „Les dieux s’en vont“: Zitat aus Heinrich Heines „Die romantische Schule“, wo der Satz folgt: „Goethe ist todt“ (DHA, Bd. 8/1, S. 163). – Der Satz „Les dieux s’en vont“ (frz.: 'Die Götter gehen dahin‘) wurde später auch mit Hinweis auf den Heine-Text in Büchmanns „Geflügelte Worte“ aufgenommen (Büchmann 1898, S. 285).

541,18-19 Romberg und Traube] → Erl. zu 538,4-5.

541,20-21 Ausgedämmerte Götter! übersetzte Cohn nach Richard Wagner’schen Reminiscenzen] Wagners Musikdrama „Götterdämmerung“ (1869-1874) ist der letzte Teil seines Zyklus „Der Ring des Nibelungen“ (vgl. → Erl. zu 77,28-29).

541,25 „beschlagener“] Umgangssprachlich für 'kenntnisreicher und erfahrener sein‘ (Küpper, S. 97).

541,25 Rechtsconsulenten] Rechtsberater, die keine wirklichen Rechtsanwälte waren. Sie konnten aber von der Justizverwaltung als Rechtsbeistand vor dem Amtsgericht zugelassen werden.

543,15 Filouterie] Frz.: Betrügerei (Petri, S. 344).

544,12-15 Was ist schon wieder mit dem goldnen Kalbe? […] die goldne Internationale!] Nach dem Auszug des Volkes Israel ließ Aaron ein goldenes Kalb gießen, das als Gott den Weg weisen sollte. Nur die Fürsprache Moses’ rettete das Volk vor dem Zorn Gottes (Exodus 32,1-14). – Die „Internationale Arbeiterassoziation“, kurz „Internationale“ genannt, wurde als Zusammenschluss von Sozialisten aller Länder am 28. September 1864 in London gegründet.

544,30 Traineur] Zur Vorbereitung einer Parforcejagd übte einer der Jäger als ,Traineur‘ die Hunde zur Verfolgung des Wildes ein, indem er zu Pferde Hirschläufe hinter sich herzog, deren Spur das Rudel aufnehmen musste (vgl. Pierer 1857-65, Bd. 17, S. 749; Petri, S. 888).

545,30 die Coursliste vom Mittag] Der so genannte 'Börsenzettel‘ verzeichnete den amtlichen Tageskurs, der vorlag, wenn der Börsenhandel in den frühen Nachmittagsstunden begann (→ Erl. zu 5,31).

546,10 „Passage“] Eine nach dem Pariser Vorbild in den Jahren 1869/73 errichtete Passage (→ Erl. zu 164,30) verband in Berlin die Prachtmeile Unter den Linden mit der Friedrichstraße – Ecke Behrenstraße. In der Passage waren neben dem Panoptikum auch mehrere Geschäfte und ein Café untergebracht.

546,29 Chambre garnie] → Erl. zu 48,22-23.

546,30-31 Althing hat Ehrenrath vom Officierscorps verlangt!] Der in jedem Regiment eingesetzte Ehrenrat hatte über eventuelle Dienstvergehen verabschiedeter Offiziere zu urteilen.

546,32 Mucker in Sittlichkeit] Ein 'Mucker‘ ist ein Heuchler, der ständig Moral predigt, ohne sich selbst an seine Maximen zu halten (vgl. Adelung, Bd. 3, S. 297).

547,25-26 des alten Althings Vision und Ahnung der Unsterblichkeit im capitolinischen Museum zu Rom] Die Stelle bezieht sich auf Althings Beschreibung der antiken Statuen in der vatikanischen Sammlung (S. 254-255). Während die Götter und Göttinnen nur die Vorstellung des 'Schönen‘ vermitteln, geht von den Statuen der Kaiser im capitolinischen Museum eine Ahnung der Unsterblichkeit aus: Die Statuen halten kein Gericht über deren Taten; der materielle Körper, der die Wissenschaft interessiert, ist in der Kunst verschwunden (→ Erl. zu 570,6-7).

549,9 Bocher] Auch Bacher oder Bachur, „bei den Juden ein Jüngling, der zum Talmudstudium zugelassen ist“ (Pierer 1857-65, Bd. 2, S. 128).

549,28 fallirte] → Erl. zu 281,24.

549,34-550,1 die stets auf’s Geschäft ideal-speculative Richtung im Judenthum] Eine ähnliche Auslassung machte Gutzkow 1875 über den im Vormärz erfolgreichen 'Zeitungsbaron‘ August Lewald, der jüdischer Herkunft war: Er hatte glänzende pecuniäre Erfolge durch bloße Angabe von Titeln zu Journalen, durch Prospecte, Ankündigungen. In Stuttgart trieb er dasselbe Geschäft, das später die Vérons, die Girardins, die auch nur literarische Faiseurs waren, auf die Politik und die Börse übertrugen. In Gutzkows Augen ist Lewald der Speculative, aber nicht Beharrliche und deshalb politisch unzuverlässig (Oeffentliche Charaktere, 1875, GWII, Bd. 9, S. 424; bei diesem Essay handelt es sich um eine leicht geänderte Fassung des 1871 veröffentlichten Beitrags → Eine männliche Gräfin Hahn-Hahn [eGWB, pdf 1.0]).

550,3 Table d’hôte] „Wirtstafel in einem Gasthaus (Hotel) mit festem Preise für das Gedeck, an der die Gäste gemeinschaftlich teilnehmen, ohne sich bestimmte Speisen bestellen zu können“ (Meyer, Bd. 19, S. 274).

550,17-18 Plüskower Haide] Diese Ortsbezeichnung ließ sich nicht nachweisen. Vermutlich handelt es sich um die Schwinzer Heide, in Mecklenburg bei Dobbertin zwischen Borgsee und Goldberger See gelegen. Ihre Verwaltung unterstand dem Landrat Josias von Plüskow (1815-1894), dessen Namen Gutzkow in die regionale Geographie übertrug (vgl. Rostocker Matrikel-Portal, http://matrikel.uni-rostock.de; Zugang 11. Dezember 2013).

550,33-34 den Bock, den die Juden in die Wüste jagten] Gott forderte von seinem Volk, als Sühnopfer einen Bock zu schlachten und auf einen zweiten „alle Missetat der Kinder Israel und alle ihre Übertretung in allen ihren Sünden“ zu legen und ihn in die Wüste laufen zu lassen (vgl. Leviticus 16,21).

551,31 Goldstücke wären Scheidemünze!] Unter 'Scheidemünze‘ versteht man das Kleingeld, das nicht aus Edelmetall besteht, mit dem man Kleinigkeiten bezahlt oder das man als Wechselgeld erhält.

551,32 das tägliche Bulletin der Syndicate] → Erl. zu 250,32-33.

552,1 Wir bahnen der richtigen socialen Frage den Weg!] Forbeck propagiert an dieser Stelle eine marktliberale Revolution von oben zur Lösung der 'sozialen Frage‘ (→ Art. ,soziale Frage‘, eGWB, Lexikon.

Dritter Band, elftes Kapitel

553,27 Portièren] → Erl. zu 24,28.

554,1 Bücheretagère] Frz. 'Etagère‘: „ein Absatzgestell statt mit Seitenwänden mit Glastafeln (zuweilen auch offen), hinten mit Spiegeln (um Tassen u. s. w. darauf zu stellen)“ (Petri, S. 317).

554,3-5 Herkules bei der Omphale [...] ein buntes Garn haltend] Während seiner Abenteuerreise im Auftrag des Königs Eurystheus wird Herkules von Merkur an die lydische Königin Omphale verkauft. Er gewinnt deren Liebe, so „dass sie mit seiner Löwenhaut und seiner Keule tändelte, während er Fäden an der Spindel drehte“ (Vollmer, S. 242).

554,13 Steeplechase-Reitern] → Erl. zu 486,30.

554,22-23 Va banque] → Erl. zu 522,6.

554,28 Ehrenrechtsverlust] → Erl. zu 546,30-31.

555,6-7 Jeder Gewinn, er mag kommen, woher er wolle, hat Wohlgeruch!] Der Ausspruch Kaiser Vespasians wird meist nach Suetons „Leben der Caesaren“ zitiert, nämlich „Geld stinkt nicht“ (pecunia non olet). Die Quelle des vorliegenden Zitats ist aber die von Juvenal überlieferte Fassung: „Lucri bonus est odor ex re qualibet“, die Büchmann übersetzt: „Gut ist der Geruch des Gewinnes, woher letzterer auch stamme“ (Büchmann 1879, S. 333).

555,7 Nemesis] → Erl. zu 536,10.

556,2-3 Confectioneusen] → Erl. zu 69,17-18.

556,3-4 Crèpe de Deuil] → Erl. zu 15,10.

556,13-14 „Das Urproblem der Gesellschaft. Zur Lösung der socialen Frage“] Satirischer Buchtitel, der einerseits auf die unzähligen Publikationen zur socialen Frage zielt, andererseits auf den Verfasser Dieterici. Dieser hat von der verehrten „Philosophie des Unbewußten“ Eduard von Hartmanns nichts als den Begriff des 'Urproblems‘ behalten, den er unsinniger Weise mit der socialen Frage verknüpft, von der er nichts versteht und die Hartmann nicht interessiert hat (→ Erl. zu 282,15-16).

556,15-17 die Lösung bestand [...] einfach in einer umgekehrten Richtung der Krupp’schen Kanonen] Dietericis Vorstellung von einer Behebung der sozialen Probleme besteht darin, gegen den inneren statt gegen den äußeren Feind vorzugehen, d. h. auf die protestierenden Arbeiter schießen zu lassen ( → Erl. zu 81,5-6).

556,21 Krotoschin] Kreisstadt im damaligen preußischen Regierungsbezirk Posen.

556,23 Bonvivant] Frz.: Lebemann (Petri, S. 129).

556,26 Rendantenstellen] ,Rendant‘ war ein Kassenbeamter, der die Ein- und Auszahlung der öffentlichen Gelder verwaltete.

557,30-31 Die Schriften gegen die Juden als Auflöser des germanischen Princips] ▄ Nicht ermittelt. ▀

557,31-32 nazarenische Sentimentalität] Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert enstanden in Deutschland und Osteuropa mehrere strenggläubige Sekten, die sich nach dem Vorbild der urchristlichen Gemeinden am Wohnsitz Jesu als 'Nazarener‘ bezeichneten (vgl. Meyer, Bd. 14, S. 476). In Anlehnung an diese Sekten erhielt die deutsche Malergruppe „Lukasbrüderschaft“, deren Mitglieder einem weltabgewandten spirituellen Katholizismus huldigten, den Spottnamen 'Nazarener‘. Gegründet an der Wiener Akademie, führten sie seit 1810 in Rom als Gemeinschaft der „Klosterbrüder von San Isidoro“ ein mönchisches Leben. Im Gegensatz zur weltlichen Kunst der Hochrenaissance propagierten sie, nach dem Vorbild der italienischen Prorenaissance, eine naiv-spirituelle, teils auch sentimentale Malerei. Heinrich Heine, der Börne mehrfach des 'Nazarenertums‘ beschuldigte, erkannte darin eine antiaufklärerische Alternative, „ob der trübsinnige, magere, sinnenfeindliche, übergeistige Judäismus der Nazarener oder ob hellenische Heiterkeit, Schönheitsliebe und blühende Lebenslust in der Welt herrschen solle“ (Heine: Elementargeister, DHA, Bd. 9, S. 47).

558,1 freisinnige] Als 'freisinnig‘ galt jeder, der in der Tradition der Aufklärung eine freiheitlich-liberale Gesinnung zu erkennen gab, ohne dass damit eine bestimmte Parteizugehörigkeit verbunden war. Die „Deutsche Freisinnige Partei“ entstand erst 1884 in Konkurrenz zur „Nationalliberalen Partei“, die seit ihrer Gründung 1866/67 die vorherrschende deutsch-nationale Politik unterstützte.

558,7-8 Lord Byron und Trevelyan auf dem Canapé] Der Dichter George Gordon Lord Byron (1788-1824) und der Schriftsteller und Politiker Sir George Trevelyan (1838-1928) repräsentieren den spezifisch englischen, aristokratischen Autor-Typus, der im politischen Leben aktiv ist: Byron engagierte sich im griechischen Freiheitskampf, Trevelyan war, wie der von Gutzkow geschätzte Edward Bulwer-Lytton, Parlamentsmitglied und später Minister. Damit kontrastiert die von den deutschen Bildungsbürgern gepflegte Abneigung gegenüber der politischen Praxis: Graf Udo politisiert nur privat auf dem Canapé.

558,21 Menschen der „Gesellschaft“] Die 'bürgerliche Gesellschaft‘ des 19. Jahrhunderts ist eine exklusive Vereinigung und zugleich eine moralische Instanz: Wer ihr angehört, nimmt eine herausgehobene Position ein, die er aber nur erhalten kann, wenn er sich ihren Regeln fügt. In Fontanes „Schach von Wuthenow“ formuliert Victoire von Carayon dieses Gesetz einmal lakonisch so: „Die Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft, ist verwerflich“ (NFA, Bd. 2, S. 326).

559,5 die goldlockige Iris] Iris ist im griechischen Mythos die Botin der Götter und mit goldenen Flügeln ausgestattet. Sie personifiziert den Regenbogen, der Himmel und Erde verbindet.

559,8-9 den großen Staatsmann] Gemeint ist der Reichskanzler Bismarck.

559,22-23 er nannte einen unglücklichen Namen der neuern Geschichte] Anspielung auf Harry Graf von Arnim, der als Gesandter in Paris gegen Bismarck konspiriert hatte (→ Erl. zu 399,9-10).

559,23-24 wie Kaiser Max daran in Mexiko zu Grunde gegangen ist] Ferdinand Maximilian Joseph, Erzherzog von Österreich (1832-1867), wurde 1862 auf Veranlassung Napoleons III. zum Kaiser von Mexiko gekrönt. Er unterlag im Kampf gegen den mexikanischen Präsidenten Juarez, der Mexiko von der französischen Besatzung befreite, und wurde durch ein Kriegsgericht zum Tod verurteilt.

559,28 Kladderadatsch] → Erl. zu 214,22-23.

559,31-32 am Wiener Congreß die Länder am Bostontisch verspielt] Auf dem Wiener Kongress wurde 1814-1815 die Neuordnung Europas nach der Auflösung des napoleonischen Reiches beraten und beschlossen. Ausgehandelt wurde sie aber in Geheimgesprächen zwischen den Fürsten, die jeweils auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht waren. – Bei 'Boston‘ handelt es sich um ein Kartenspiel mit vier Teilnehmern.

559,32 am Bundestage] Der Bundestag in Frankfurt am Main war von 1815 bis 1848 und 1851 bis 1866 das zentrale politische Organ Deutschlands unter österreichischer Führung; es handelte sich um einen Gesandtenkongress des Deutschen Bundes, beschickt von den fürstlichen Regierungen.

559,33 Varnhagen-Manier] → Erl. zu 233,14.

561,13-14 der große Sesostris hatte 150 Söhne] Sesostris ist der Name eines sagenhaften ägyptischen Königs, der von mehreren griechischen Historikern der Antike überliefert ist. Er soll um 1950 v. Chr. gelebt (Meyer, Bd. 18, S. 380) und „167 Kinder“ gezeugt haben (Christian Radenhausen: Isis. Der Mensch und die Welt. 2. Aufl. Bd. 3. Hamburg: Meißner, 1871. S. 388).

562,19 Anfang der Iliade: Der Königsstreit] → Erl. zu 475,33-34.

562,25 d’un quartier très-vilain] Frz.: von einem sehr häßlichen Stadtviertel.

Dritter Band, Zwölftes Kapitel

564,15-16 grünes Papier, die Farbe des Propheten] Grün ist die Farbe Mohammeds, des Propheten des Islam.

564,31 Corregios Magdalena] Eine Magdalena in der geschilderten Haltung findet sich auf Correggios „Maria mit dem heiligen Hieronymus“ (1527-1528). Ein Totenkopf ist auf dem Bild nicht zu erkennen.

566,16 majorenn] Mündig, volljährig (Petri, S. 515); → Erl. zu 17,10-11.

566,27 Duenna] → Erl. zu 226,15.

567,9 Eure Rahel] → Erl. zu 233,14.

568,29-30 petillanter] → Erl. zu 180,4.

569,33-34 Nichts wollte dieser von Aderöffnung wissen.] Der so genannte Aderlass, bei dem eine Vene geöffnet wurde, um Blut abfließen zu lassen, wurde in der alten Medizin als eine Art Allheilmittel gebraucht, gegen Ende des 19. Jahrhunderts nur noch in medizinisch begründeten Fällen, aber „bis vor 50 Jahren wurde fast jeder Mensch mehrmals im Jahre zur Ader gelassen“ (Meyer, Bd. 1, S. 107).

570,6-7 Der junge Arzt dachte dasselbe und freute sich über die Eroberung für den Secirtisch seiner Poliklinik.] Im Unterschied zur stationären Klinik wurden Poliklinik-Patienten zu Hause durch medizinische Praktikanten unter ärztlicher Aufsicht behandelt, oder sie begaben sich dafür in die Ambulanz. Diese Behandlung war unentgeltlich (vgl. Meyer, Bd. 11, S. 144). Das ambivalente Verhältnis zwischen Voyeurismus und wissenschaftlichem Interesse beim Sezieren der weiblichen Leiche ist in Verbindung zu sehen mit der 'Nachtseite der Naturwissenschaften‘ (→ Globalkommentar, 6.1.7.).

570,9 mit dem Korbe] Der Leichenkorb war ein „korb in welchem die leichen verunglückter oder an einer seuche gestorbener ins leichenhaus getragen“ wurden (Grimm, Bd. 12, Sp. 620).

570,9 Ein nicht anerkanntes illegitimes Kind existirt nicht.] Nach dem seinerzeit in Preußen gültigen Recht waren uneheliche Kinder nur mit der Mutter und nicht mit dem Vater verwandt. Der Vater war zwar unterhaltspflichtig, einen weitergehenden Einfluss hatte er aber nur, wenn er das Kind als legitimen Nachkommen anerkannt hatte.

571,20 Alcäus? [...] Phrynichus] Alkäos war ein berühmter und einflussreicher griechischer Lyriker (um 600 v. Chr.), Phrynichos (511-470 v. Chr.) ein griechischer Tragödiendichter.

Letztes Kapitel

577,18-19 Der Adel „edler Weiblichkeit“, hohe „Frauenwürde“ und des Weibes „weltgeschichtlicher Culturberuf“] Die von dem Schul-Emeritus (577,22) als Phrase bezeichneten Formulierungen gehören zum emanzipatorischen Vokabular der zeitgenössischen Frauenliteratur. Hedwig Dohm (1831-1919) belegt den Anspruch auf höhere Bildung mit der Forderung, „[d]aß Grazie, edle Weiblichkeit und wissenschaftliche Erkenntnis einander nicht ausschließen“ (Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau. Berlin: Wedekind & Schieger, 1874, S. 3). Als „Muster edler Weiblichkeit gelten“ aber auch „Frauen, die gerne den ernstlich Strebenden helfend die Hände reichen“ (Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf. 4. verbesserte Aufl. Leipzig: Th. Thomas, 1872. S. 173). Louise Aston (1814-1871) verteidigt die weibliche Sinnlichkeit „gegen die Zeit der Madonnen“, denn: „Nicht in der Entsagung, sondern in der liebenden Hingabe finden wir die edle Weiblichkeit“ (Louise Aston: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1847. S. 107). Der Begriff der „Frauenwürde“ zielt auf die wichtigsten emanzipatorischen Forderungen: Auch für Aston gehören „eine tiefere Bildung und ein höheres Bewußtsein der Frauen selbst“ zum „neuen Cultus der Frauenwürde“ (Louise Aston: Meine Emancipation. Verweisung und Rechtfertigug. Brüssel: C.G. Vogler, 1846. S. 47). „Frauenwürde und Frauenstolz“ müssten neu erweckt werden durch „Arbeit für Alle und Arbeit vor Allen für euch“, um die Frauen zu heilen von „Seelenschmerzen und eingebildeten Leiden“ (Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf, S. 12). „Frauenwürde“ müsse die männliche Vorstellung von den „sogenannten kindlichen Seelen“ und „der einfältigen Hilflosigkeit des weiblichen Geschlechtes“ außer Kraft setzen (Fanny Lewald: Für und wider Frauen. Vierzehn Briefe. Berlin: Otto Janke, 1870. S. 10). Louise Otto (1819-1895) fordert die „Bethätigung deutscher Frauenwürde“ im politischen Leben der Nation (Louise Otto: Frauenleben im deutschen Reich. Leipzig: Moritz Schäfer, 1876. S. 7).

577,22 Schul-Emeritus] ,Emeritus‘: ein in den Ruhestand Versetzter.

578,15 cooptiren] „Zuwählen, besonders von einer Körperschaft (Komitee etc.) oder von dem Vorstand einer solchen gebraucht, der sich durch eigne Erwählung neuer Mitglieder ergänzt oder verstärkt.“ (Meyer, Bd. 11, S. 454).

579,23-25 So ein Narr, wie Benvenuto Cellini bin ich nicht!] In seiner Lebensbeschreibung, übersetzt von Goethe, berichtet Benvenuto Cellini, wie sein Bronzeguss des Perseus „unter vielen Hindernissen und mit großer Anstrengung vollendet“ wurde, nachdem sich Menschen und Material gegen den Künstler verschworen hatten (Benvenuto Cellini. Viertes Buch, sechstes Kapitel. In: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. 17 Bde. Hg. von Ernst Beutler. 2. Aufl. Zürich: Artemis, 1961-66. Bd. 15, S. 795-806).

580,20-21 Sonne der Nacht] → Erl. zu 33,23-24 und → Globalkommentar, 6.1.7.

580,25-31 wo in der Umarmung beim Manne der Liebesrausch der stärkere ist [...] Die Natur erzeugt immer das dem Erzeuger Entgegengesetzte!] ▄Quelle nicht ermittelt. ▀

581,18 Lusitanien] Die römische Provinz Lusitania erstreckte sich über das Gebiet des heutigen Portugal.

581,24-25 rechnete auf Anspach, um einmal eine Abwechslung mit Bayreuth zu haben] Fürst Rauden wendet sich mit seiner kompositorischen Arbeit an dem dramatisirten Anfang der Iliade (581,23-24) von der germanischen Mythologie Wagners, also von Bayreuth, ab und der Antike zu. Seine Hoffnung auf Anspach bezieht sich auf einen mit dem Wagner’schen Festspielhaus kontrastierenden Aufführungsort, das barocke Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Es wurde 1748 unter Wilhelmine von Preußen vollendet, der Schwester Friedrichs des Großen, die mit dem Markgrafen Friedrich von Bayreuth verheiratet war. Unter ihrer Ägide wurde das Opernhaus zu einer Kultstätte der spätbarocken Opera seria, für die sie auch selbst komponierte und Libretti nach antiken Stoffen verfasste. Eine Generation später wurden Ansbach und Bayreuth, die bis 1603 in der alten fränkischen Linie der Hohenzollern vereint gewesen waren, nach dem Aussterben der Bayreuther Linie wieder in Personalunion von Ansbach aus regiert. Die Verwechslung der Kleinfürstentümer Ansbach und Bayreuth bzw. des im Vergleich zu Bayreuth noch geringeren Ansbach ist geläufig und wird von Gutzkow in seinem Lustspiel Zopf und Schwert (Uraufführung 1844) verspottet.

581,28-29 Löwenritte, Blumenrachen und Aehnliches declamirten] Anspielung auf zwei populäre Gedichte Ferdinand Freiligraths aus den 1830er Jahren: „Löwenritt“ und „Der Blumen Rache“.

582,1 ohne „productive Rente“] → Erl. zu 119,20-21.

582,5-7 Die sociale Bewegung hatte sich von den Strikes mehr der Urne des allgemeinen Stimmrechtes zugewandt.] Nach 1871 waren die Streikwellen der industriellen Boomjahre abgeebbt. Die Aufmerksamkeit der socialen Bewegung konzentrierte sich auf die politischen Umwälzungen, die mit der Reichsgründung verbunden waren. Nachdem der Versuch der Frankfurter Nationalversammlung, ein allgemeines Stimmrecht einzuführen, 1849 gescheitert war, wurde es 1867 in die Verfassung des Norddeutschen Bundes aufgenommen und 1871 in die Verfassung des Deutschen Reiches. Allerdings galt es nur mit Einschränkungen. So waren neben Frauen auch Männer ausgeschlossen, die Armenunterstützung erhielten, ebenso wie Soldaten im aktiven Dienst. Gutzkow, der 1848 das allgemeine Wahlrecht verteidigt hatte, stand ihm im Alter skeptisch gegenüber (→ Vorwort zur zweiten Auflage).

582,28 Zündnadelgewehr] Beim Zündnadelgewehr wurde der Schuss durch eine Nadel ausgelöst, die über eine Feder in die Patrone getrieben wurde. Die Waffe war seit den 1840er Jahren als Infanteriegewehr in der preußischen Armee gebräuchlich.

582,31-32 Einzel- dann Collegial-Richter] Nach der Gerichtsordnung des Deutschen Reiches wurden nur im Amtsgericht die Verhandlungen von Einzelrichtern geführt. Alle höheren Instanzen waren Kollegialgerichte, die mit drei, fünf oder sieben Richtern besetzt waren.

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
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Autor der Seite: Kurt.Jauslin (E-mail:Kurt.Jauslin@t-online.de).
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Geschichte der Seitenänderungen: Fassung 1.0: Mai 2013. Fassung 1.1: Bei Anfertigung des gedruckten Bandes von diesem Kommentar (erschienen Ende 2015) fielen zahlreiche Korrekturen und Erweiterungen an, die in die Netzversion des Kommentars übernommen wurden. Einarbeitung März 2016 ML. Fassung 1.1a mit Minimalkorrekturen: Anpassung an revidierte Editionsprinzipien ML Mai/Juni 2018.
Letzte Änderung: März 2013.

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