[1] Erstes Kapitel.

Ueber den unheimlichen Tiefen des Gebirges, an den Felsenklippen entlang, den Abgründen und waldigen Schluchten blühte die holde Blume der Geselligkeit auf Hochlinden fort und fort.

Alle sahen die Gefahren, in denen sich ringsum die Herzen befanden, und Niemand floh sie!

Niemand entrang sich der verstrickenden, überlistenden Gelegenheit!

Diese Verführerin zur gedankenlosen "Sünde" schien siegen zu wollen.

Selbst Ottomar, der sich doch sein Leben von allem rosigen Schein des Idealismus befreien zu wollen oft erklärte, der nur Ringen nach Existenz, nach Aufgehen in die große Allgemeinheit unsrer Zeit für einzig erstrebbar hielt, erlag dem Rapport zum Welträthsel, das in der beseligenden Liebe liegt.

Er sprach von Geschäften, von der Nothwendigkeit abzureisen, und doch folgte er nicht!

[2] Der Graf kam des Morgens im leichten Rock und mit der Cigarre auf sein Zimmer. Die frisch angekommenen Zeitungen gaben Stoff zur Unterhaltung. Als Generalconsul in weiten Landen hatte Graf Udo vielerlei Merkwürdiges erlebt und gesehen, das ihn über die Maßen beredt machen konnte. Nichts Unbedeutendes kam über seine Lippen.

Dabei war Ada wie Undine. Sie tauchte behaglich in ihrem Elemente, Verklärung des Gewöhnlichen, auf und nieder. Sie, die seit den Schuljahren schon angefangen hatte, sich einer vollständigen Blasirtheit zu ergeben, Alles zu begähnen, Alles zu bespötteln - es war das eben die allgemeine Mode - sie fand nun jedes Zufällige wunderbar, jedes Hergebrachte erstaunlich, jede Gewöhnlichkeit überraschend. So ist die menschliche Seele! dachte Ottomar. In seiner "Philosophie des Unbewußten", die er sich zu studiren mitgenommen hatte, fand er Alles aus Trieben erklärt, die nicht die eingestandenen waren. Und in der That, Alles, was an Ada Ueberzeugung und Wahrheit schien, war nur Ueberspannung durch die Liebe, nur Glück, der Muth, Glück und Liebe zu bekennen.

Die Gräfin Schwiegertante hatte vom Jahrmarkt in Weilheim reden hören.

Das sollte ein Fest, ein fröhlicher Auszug werden!

[3] Ada dachte sogar an einen förmlichen Ausritt durch die Budenreihen im phantastischen Costüme mit hinausgeworfenen Bonbons, Geldmünzen und ähnlicher Wildheit.

Gräfin Constanze mußte ihr solche Extravaganzen untersagen. Diese faßte den Plan nach ihrer Weise. Sie wollte Menschen glücklich machen, Verkäufer und solche, denen sie das Eingekaufte schenkte. Die ehrwürdige Matrone füllte am Tage der wirklichen Ausführung dieses Plans ihr Portemonnaie reichlich mit Geld. Sie hatte Hochlindner genug, denen sie mit Tand, und noch mehr, denen sie mit nützlichen Dingen Freude machte. Auf dem Lande nimmt man mit kleinen Ereignissen fürlieb! Ein Jahrmarkt, eine Kirchweih - es sind Weltbegebenheiten! Kommt gar ein Kunstreiter durch's Dorf, eine Zigeunerbande läßt sich nieder und fordert die kupfernen Pfannen zum frischen Löthen zusammen und bettelt um den bei den Zigeunern unerläßlichen Tribut an "Schmalz", oder es tönt auch nur ein Orgelkasten unter unseren Fenstern, so hängt man auf dem Lande wieder mit dem Leben der Zeitgenossen zusammen und hat Fühlung mit dem Jahrhundert!

In den beiden aufgeschlagenen Equipagen, die jedoch zum Schließen eingerichtet waren, da es zu regnen drohte, was von den Landleuten schon wieder für den [4] Aufgang der neuen Saat und für die neue Ernte ersehnt wurde - "nie schweigen seine Wünsche still!" kann man wohl vom Landmann sagen - stieg die Gesellschaft so getheilt ein, daß zur alten Gräfin sich Martha und Ottomar, die beiden Gäste, setzten, in den zweiten Wagen der Graf, Helene und Ada.

Alles war angeregt. Die Mittheilung wurde die lebhafteste; selbst Ottomar wurde gesprächig. Naturumgebung regt ja an! So die muntern, krystallklaren Bächlein verfolgen, wie diese durch die grünen Wiesen rinnen und trotz ihrer Unscheinbarkeit doch irgendwo so abgeleitet und gesammelt sind, daß sie ein starkes Gefäll bilden und große Mühlräder in Schwung bringen können, da wird man ja angenehm zerstreut! Auch sieht man an einer schroffen Felsenwand dort ein leuchtendes Tempelchen! Graf Wilhelm hatte dort diese Gloriette, ähnlich dem Vestatempel in Tivoli bei Rom, hinstellen lassen zum - Nameneinkritzeln von hundert reisenden Schullehrern und Schulknaben! Das Holz an den Säulen wird an sich vielleicht nicht wurmstichig, sagte Ada, aber die hineingeschnittenen Unsterblichkeiten machen die Säulen allmälig wankend! O, wie viel Müller und Schulze, fuhr sie fort, sind da schon oben eingeschrieben! Der Graf wollte behaupten: Vielleicht auch inzwischen herangereifte Humboldts und Liebigs!

[5] Aber Ada schüttelte den Kopf und recitirte schon laut ihre Liste von Bedürfnissen, die sie durch den Jahrmarkt befriedigen wollte; Helene dachte denn doch über die Herkulesse nach, die schon alle die Thüren zum Tempel der Unsterblichkeit eingedrückt haben, ohne hinein gelangt zu sein - das Beispiel Raimund Ehlerdts lag nahe! Sie sprach auch davon und es that dem Grafen wohl, daß man Rücksicht auf seine Einfälle nahm.

Man begegnete überall schnelleilenden Menschen aus den kleinen Ortschaften. Ottomar hatte an den treuherzig beschränkten Gesichtern besonders deshalb seine Freude, weil man den Leuten ansah, daß sie noch nicht vom Geist der socialen Bewegung angesteckt waren. Noch waren sie für freundliche Anrede, fröhlichen Gruß empfänglich und zeigten nicht jene böse, tückische Miene, die beim Volke immer mehr überhand nimmt. Die beiden Wagen waren in dem Städtchen von Menschen umringt, die das mit Silber ausgelegte Geschirr der Rosse anstarrten, die Livrée der Bedienten bewunderten. Die Gräfin-Wittwe liebte ihren alten fürstlichen Glanz zu entfalten. Die Bedienten, in Tressenhut, mit kurzen Pantalons, in Schuh und Strümpfen, mußten die Winke der Herrschaften zum Halten, zum Aussteigen, Einsteigen streng und hurtig beobachten. Alles das geschah in dem Oertchen, vor den Buden, vor dem Wirthshause zum [6] Ochsen, ohne daran geknüpfte Glossirung des Publikums, wie sie etwa Mahlo angestellt haben würde, der sich hämisch auf seinen Knotenstock würde hingestellt und gefragt haben: Warum sitze ich nun nicht da drinnen in dem Eckpolster? Warum kann ich nicht sagen: Jean, wo ist die Trüffelpastete?

Aber im Gegentheil, hier ging Alles sehr einfach zu. Nur der Eifer, Freude zu machen, war rege. Graf Udo überließ seinem La Rose die Bezahlungen für seine Einkäufe, die er reichlichst und um die Wette mit den beiden Gräfinnen machte.

Es verdüsterte sich leider in der That der Horizont. Ein Sturmwind drohte sämmtliche Buden in die Luft zu entführen. Ein Kreischen, ein Laufen, Rennen durcheinander. Man konnte einen baldigen gewaltigen Regensturz erwarten. Die Freude war aus. Man wollte noch buntlackirte Spielsachen kaufen, wollene Strümpfe und Jacken, allerlei Voraussichtliches schon auf den Winter, aber es war zu spät. Die Frauen, die es überhaupt zu sehr statt mit dem Prometheus mit dem Epimetheus halten, das heißt, nicht mit dem Gott des Vorausdenkens, der Eventualität (manchmal berechnen sie nicht die Zahl ihrer Messer und Gabeln, wenn sie ein Diner geben), machten sich Vorwürfe, daß sie nicht eiliger eingekauft, nicht Marthas Rath befolgt [7] hatten, die sogleich schlechtes Wetter geahnt und Eile angerathen hatte! Und was wußte sie für eine Menge Persönlichkeiten, die sie als arm und gebrechlich in Hochlindens Umgebung schon kennen gelernt hatte! Da war noch dieser oder jener ganz versteckte Gegenstand in dieser oder jener Bude zu kaufen! Martha machte jedoch noch Manches möglich. Die Gräfin war ganz glücklich, sich so am Gängelbande der Intelligenz und des guten Herzens geleitet zu sehen. Ihre Blicke sprachen ihre ganze Freude über diesen Gewinn aus, während Martha an eine Leinwandbude rannte, noch die vorgelegten Ballen prüfte, den Baumwollengehalt genau herausforschte und über das Aechte und Zuverlässige entschieden unterhandelte.

Aber der Regen machte der Freude wirklich ein Ende. Ada rief weinerlich: Die armen Pfefferkuchen! Diese Waare hatte unter der Veränderung der Temperatur am meisten zu leiden. Sie kaufte sich auch noch rasch Könige und Kaiser, Feldherren und Schornsteinfeger, wie sie rief. Im Wagen spannte man die Schirme auf. Einige Blitze zuckten schon durch die grauen Regenwolken. Man mußte sich entschließen, im "Ochsen" einzukehren und die Wagen, wenn es beim Regen blieb, in einer Remise unterzustellen und aufzuschlagen.

Das war nun Alles im Leben der alten Gräfin schon oft vorgekommen. Der Jugend aber waren diese [8] Freuden der vie champêtre neu, und mit wahrer Wonne nahm man in der oberen "Putzstube" des Ochsenwirths Platz unter den gläsernen Schränken mit allerlei versilberten Trinkgefäßen oder vergoldeten Tassen, geheimnißvoll drehbaren Büchsen, Püppchen und sogar unter einer Kuckucksuhr.

Großmama ist komisch! sagte Ada leise. Denn Gräfin Constanze übte sich bei all diesem Durcheinander mit La Rose in französischer Conversation, gleichsam als dächte sie jetzt erst in die Welt zu treten.

Ada war ganz ausgelassen. Sie fand reiche Gelegenheit, über die niedlichen Sächelchen zu lachen, die hier aufbewahrt wurden. Das vollständige grüne Gewölbe! rief sie an einer Servante voll Nippsachen aus. Kommen Sie doch, Herr Althing, erklären Sie mir diese erhabenen Raritäten! Wir sind jetzt Beide im Dresdener Schlosse! Auf der Brühl'schen Terrasse! Geben Sie mir doch den Arm, mein Herr! Sehen Sie! Da strömt die Elbe! Sie zeigte auf die Regengüsse und wollte nur Ottomars Arm drücken. Zeigen Sie jetzt Ihr Talent als Cicerone! sagte die verschmitzte Verführerin.

Ueberhaupt führte Ada die Verstellungsrolle so gewandt durch, daß der Graf dem Gang über die Brühl'sche Terrasse applaudirte und Ottomar alle Bedenken über Bord werfen mußte, um nicht gar verdutzt [9] und unbeholfen zu erscheinen. Man mußte über den Staub, der durch die mannichfache Bewegung erregt wurde, trotz des Regens die Fenster öffnen. Auch pflegt die Luft in solchen ländlichen "Putzstuben" nicht die beste zu sein.

Helene ergötzte sich an dem bunten Bilde, wie sich da unten beim strömenden Regen Alles zu bergen, seine Waare zu schützen suchte. Und Martha wagte sich sogar in die unterste Region des Wirthshauses, in ein Summen und Brausen von Menschen, die sich geborgen hatten. Es sollte doch etwas auch der Herberge, die man gefunden, zu Gute kommen. Man war mit dem Einfachsten zufrieden, hörte aber im Gegentheil von wahren Wunderdingen, die heute auf dem Speisezettel stünden, von Saurem, Geselchtem und allerlei kühnen Anläufen an ein geregeltes Kochbuch, wozu denn aber doch nur die Männer den Appetit des Versuchens hatten.

Der Regen währte so lange, bis darüber die Abenddämmerung hereinbrach. Die Gräfin-Tante hatte sich sogar der Schinken und Eier, die sich die Männer geben ließen, enthalten und bekam Sehnsucht nach ihrem Thee. Die Nachhausefahrt konnte eine kleine Stunde dauern. Es mußte schon vollkommen Nacht sein, wenn man im Schlosse ankam. Die Diener hatten alles Gekaufte sorgfältig in die Kutschkästen verpackt. Die aus der Ochsen-[10]küche gelieferten Speisereste wanderten noch zur Dienerschaft. Schon begann etwas von moderner Straßenbeleuchtung mit Petroleum in der Stadt zu dämmern, ein Fortschritt, der die conservative alte Gräfin mehr mit Schrecken als mit Freude zu erfüllen schien. In die unterm Thorweg vorfahrenden Wagen stieg man rasch ein. Es war noch immer ein Gedräng von Menschen zu vermeiden. Lange konnte man mit den Sitzen und Personen nicht wählen. Und so ergab sich denn die Fügung, daß sich in den ersten Wagen zur alten Gräfin wieder Ottomar, Martha und ihre Schwiegertochter Ada gesetzt hatten. Der Wagen fuhr ab, während man noch über eine Aenderung parlamentirte. Das Gedränge und die Rinnsale von nassen Regenschirmen ließen es als zweckmäßig erscheinen, daß die zufällig Zurückgebliebenen, Helene und Udo, jene beim Suchen ihres Shawls, der Graf beim Berechnen der Zeche mit La Rose in den offenen Schlag sprangen und die Pferde, die vor Begierde stampften nach Hause zu kommen, anzogen.

Solche Situationen, wie die sich nun ergebende, hatte Helene seit den glücklichen Wochen, wo sie hier mit klarer und verständiger Regelung ihrer Gefühle gelebt hatte, immer zu vermeiden, Graf Udo herbeizuführen gesucht. Schon so weit war sein Geständnißdrang gediehen, daß [11] er Helenen zu sagen wagte, er wäre mit einer tiefen Verstimmung und Enttäuschung aus Italien zurückgekehrt. Nichts hätte sich für Ada sympathisch wirkend dort gestalten wollen. Ihre Parteilichkeit für ihre Mutter (deren unwürdiges Betragen, auf die künftige Vermählung ihrer Tochter hin Schulden zu machen, sie doch zu beurtheilen Verstand genug gehabt hätte -! eine Aeußerung gegen Ottomar) hätte den ersten Anstoß zu Differenzen gegeben, die bis zum gegenseitigen Vorwerfen der Willenlosigkeit, eines passiven Müssens gegangen wären, denen man sich eben gefügt hätte. Auch Ada selbst hatte gelegentlich zu Helenen gesagt: Wie soll ich mir nur diesen schlechten Charakterzug abgewöhnen, den meines Wissens alle Frauen haben, immer, wenn der Anstoß dazu gegeben wird, sich über einen einzelnen Gegenstand zu beklagen, sogleich die Veranlassung zu ergreifen, einen ganzen Waschkübel voll Bosheit auszuschütten! Helene hatte lachend erwidert: Liebe Freundin (so wollte Ada von ihr genannt sein), das erklärt sich aus einem zu lange zurückgedrängten Triebe zur Meinungsäußerung! Die Bildung legt uns diesen Zwang auf! Selbst meine gute Mama, die gewiß ein Engel ist, weil sie sonst (unter uns gesagt) mit dem Vater nicht ausgekommen wäre, geht gewöhnlich, wenn es eine Differenz giebt - und das kann des Morgens beim Kaffee kommen - [12] über die Schnur und packt mehr Dinge aus, als die zur Sache gehören!

Helene erschrak nicht wenig, als sie sich mit dem Grafen in dem dunkeln, noch von keiner Laterne erleuchteten Wagen allein befand. Die Landstraße war wenig belebt. Das zartgebaute Mädchen, das sich überdies vor der veränderten Temperatur zu schützen hatte, drückte sich in eine Ecke und wickelte sich in einen schönen türkischen Shawl, ein Geschenk der Gräfin. Das zarte Gewebe bedeckte den ganzen Körper. Man sah nur den lieblichen Kopf mit den sprechenden braunen Augen, das geschmackvoll geordnete, goldblonde Haar, den Hut, der allerdings nur eine Idee von einem Hut war. Nicht einmal einem an einer Mauer klebenden Schwalbennest läßt sich eine solche moderne Kopfbedeckung vergleichen. Die starken Haare waren niederwärts gewunden.

Der Graf hatte beim Einsteigen Cigarren geraucht.

Rauchen Sie nur fort! sagte Helene. Sie haben dann einen Gewinn von der Verwechslung!

Verwechslung? Wie so? fragte der Graf.

Welche Dummheit! sagte Helenens Gewissen. Was brauchst du gleich von Verwechslung zu sprechen!

Graf Udo beutete aber den Ausdruck aus. Wie kommen Sie auf Verwechslung, Fräulein? sagte er, die [13] Cigarre zum Schlage hinauswerfend. Es ist immer so, als wenn Sie sich vor mir fürchteten! Ich habe Ihnen das schon oft vorgeworfen!

Helene lachte. Sie wußte nur nicht, wie reizend ihr dies Lachen stand, das doch nur ein Lachen der Verlegenheit, ein künstliches war.

Schon in der Stadt, fuhr der Graf fort, wenn da im Atelier nicht Ihr Vater oder der Vegetarianer zugegen war, bekamen Sie regelmäßig vor mir Furcht! Das Kaninchen, sans comparaison, fühlt so in der Nähe der Klapperschlange! fuhr er fort, durch sein gewagtes Bild andeutend, wie sehr ihn dies Ausweichen, das sich Helene auferlegte, kränkte und reizte.

Helene hatte eine weise Regel von ihrer Mutter mit auf die Reise bekommen. Vermeide alle Erörterung von Seelenzuständen! Bleibe mit dem Grafen immer nur bei Aeußerlichkeiten! Die meisten jungen Mädchen machen sich unglückliche Schicksale, indem sie mit den Herren zu denken anfangen, Gefühle, Ansichten ausspinnen, auszupfen, philosophiren! Der letzte Paragraph solcher Erörterungen ist dann regelmäßig eine Liebeserklärung, die besser unterblieben wäre!

Helene begann vom Jahrmarkt und der bevorstehenden Freude verschiedener Personen, die bedacht worden waren. Der Frau Pfarrerin, sagte sie, wird das schöne Tischtuch [14] für die Servirung bei einem Kaffeebesuch besondere Freude machen.

Bah! der Frau Pfarrerin! wiederholte der Graf fast ärgerlich.

Auch wohl dem Herrn Pfarrer! sagte Helene, die harmlose Unterhaltung forcirend. Die Männer wissen jede geschenkte Mehrung des Hausstandes zu schätzen! Sie that, als wenn sie das Staunen und den Verdruß über diese Unterhaltung nicht verstünde, nicht die Spottrede des Grafen über den Pfarrer. Früher oder später, fuhr sie in ihrem Gedankengange fort, kommt die Hausfrau und begehrt dergleichen als nothwendig.

Fräulein Althing, wie schade, daß Sie Goethe noch nicht gekannt hat! sagte der Graf über dies Ausweichen aufwallend.

Wie so? Ich spreche Ihnen zu sehr wie ein Buch? Oder wie eine alte Haushälterin? Ich würde ihm keine bessere Vorstellung von den Frauen beigebracht haben, als er gehabt zu haben scheint! Goethe dachte gar nicht gut von uns!

Schon mußte sich die Bedrängte eine andere Lage geben, da ihr Hütchen in Gefahr kam, zerdrückt zu werden. Der Shawl glitt allmälig nieder, weil er ihr zu heiß machte und die schöngeformte Gestalt trat immer deutlicher in ihren Umrissen hervor. Die Landstraße [15] entbehrte hier der Anpflanzung von Bäumen. Alles war dunkel und still. Man hörte nur das Knirschen der Räder im neuaufgeschütteten Kieselsande der Chaussee.

Ich meine dies, sagte der Graf - sein Lächeln konnte Helene nicht sehen - Sie würden Goethen einige seiner Charaktere recht bestätigt haben! Par exemple! Die wohlmeinende Therese aus dem Wilhelm Meister!

Da haben wir's ja! sagte Helene halb verletzt, aber doch lachend. Die absolute Prosa! Die ist aber ganz nützlich, Herr Graf! Ueber diese Goethe'schen Personnagen sollten Sie einmal meinen Vater reden hören! Der hat überhaupt eine Literatur- und Kunstgeschichte ganz für sich! Wenn ich aus der Schule kam und meine Weisheit auskramte, lachte er immer laut auf. Goethes Frauen nennt er sämmtlich verhutzelte, alte weimar'sche Hofdamen und Hofräthinnen! Sogar, denken Sie sich, nimmt er die Dorothea, ja selbst die Leonoren und Iphigenien nicht aus! Alle hätten nur Reflexionen im Munde, Tiraden über Frauenwürde! Es wären aber keine Frauen! Sie hätten gar kein Blut in den Adern! Und sogar die Dorothea wäre blos Basrelief! Keine Statue voll wirklichen Lebens! Sie sei vom Dichter gewollt, er hätte sie aber nie gesehen, ebenso wie den Hermann! Immer spielte Dorothea die Nausikaa aus [16] der Odyssee und träte mit bewußter antiker Attitüde auf. Goethe hätte sich blos auf Damen verstanden wie - Nun regte sich das kleine Teufelchen, das in allen Frauen steckt, auch in Helenen; sie war eine Evatochter wie Alle. Wie mit lang verhaltenem Mißtrauen platzte das Wort heraus: Wie das Fräulein Edwina Marloff!

Der Graf schwieg. Er staunte und überlegte nur. Eifersucht ist denn doch Liebe! dachte er. Im Gefühl, vollkommen unschuldig und rein von dem Verdacht zu sein, den vielleicht Helene ausgesprochen haben wollte, sagte er: Ei, ich wünschte, ich kennte die merkwürdige Dame! Nicht nur sie selbst - sie soll bildschön und geistreich sein, sondern auch die Person, die ihr die Wirthschaft führt. Diese ist mir als unendlich lächerlich geschildert worden, aber vielleicht ist mir ihre Lächerlichkeit sympathisch. J'aime Ie sublime! Sie soll das Erhabene vortragen wie Talma! Der Atelierstaub Ihres Papas kommt ihm doch wohl zuweilen in die Augen und er urtheilt - blind!

Sie werden bitter, Herr Graf! sagte Helene gereizt und richtete den Blick auf die Landstraße hinaus, indem sie sich zugleich eine Wendung ihres Körpers gab. Vergessen Sie aber nicht, setzte sie gutmüthig hinzu, daß Sie die kleine Fehde angefangen haben und ich bin doch nicht Goethes Therese!

[17] Nein! Nein! wollte der Graf im Tone des höchsten Entzückens aufwallen, aber Helene zog das Glas der Wagenthür auf, der Graf beherrschte sich und schwieg. Es ist mir durch jenen Namen, den Sie nannten, begann er nach einer Weile des Bereuens, daß er zu weit gegangen, - nicht Therese, sondern - wie heißt sie doch? Enfin - Aspasie! Cocottille -

Edwina! ergänzte Helene.

Richtig! fuhr er fort. Durch diesen Namen war die Veranlassung gegeben, das Geheimniß zu berühren, das die Tochter eines Feldmessers umgiebt. Es wird Ihnen nicht unbekannt geblieben sein. Entzieht es sich auch unserer Conversation, so kann ich doch sagen, aus dem schriftlichen und theilweise persönlichen Verkehr, den die aufopfernde Güte Ihres Bruders vermittelte, ist mir ein Wort unvergeßlich gebliebender Mann hätte das Bedürfniß nach dem : "Weibe an sich", nach dem Ideal, wie ich's nennen möchte, dem Bilde unserer glücklichen Träume! Glauben Sie, daß ich in Ihnen nur eine Schwester, eine Tochter, eine mögliche Mutter, eine Frau Hofräthin oder dergleichen sehe und nicht vielmehr - jetzt steigerte sich wieder des Grafen Stimme - einen Blumenkelch, der Alles in sich schließt, was es nur Geheimnißvolles im Bunde beider Geschlechter geben kann?

[18] Helene wollte auf dies rücksichtslose Wort des Grafen laut auflachen. Aber sie vermochte es doch nicht recht. Ihr Lachen wurde nur ein Ansatz zum Erzittern ihres ganzen Seins; auch zum Erzittern vor Furcht. Denn Neues sagte ihr dies Bekenntniß nicht, nur das Alte in sinnlicherer, die äußerste Gefahr drohender Form.

Der Graf war kaum wiederzuerkennen. Er spielte förmlich mit seinem Opfer, das ihm heute gewiß erschien. Denn der Regen strömte. Es mußte das geöffnete Fenster des Wassers wegen wieder geschlossen werden. Der Regenschirm des Dieners, der auch den Kutscher zu decken hatte, verhinderte jeden Einblick in den Wagen, der völlig dunkel blieb und kaum beide auf den schwellenden Kissen ruhende Gestalten in Umrissen erkennen ließ.

Nicht Mitleid, Uebermuth, mindestens Seligkeit und Glück waren es, wenn Graf Udo im Stande war, nach einem so gewagten Worte ganz, als wäre Nichts geschehen, wieder auf Goethes Frauengestalten zurückzukommen und zu sagen: Ihr Vater zerstört wirklich Alles! Sogar, was er selbst geschaffen hat! Er wird noch das Monument meines Onkels zerstören!

Und nach Allem, was man hört, mit Recht! entgegnete Helene, sich Muth fassend. Es ist wieder sein "Amor und Psyche", die in Thon zusammenbrachen, das Schöne, das am Gemeinen scheitert! Aber Papa [19] findet sich jetzt in Alles viel leichter! Er denkt mit Schiller: Die Welt gehört dem Narrenkönig!

Das ist Ihr Glaube nicht! rief der Graf wie berauscht. Oder glauben auch Sie, daß Jener, der da sang: Was hinter uns liegt und was Alle bändigt, das Gemeine! nicht das Allgemeine, die Gewohnheit, das Gewöhnliche verstanden hat? Selbst die berühmtesten Actricen betonen dies "Gemeine" immer so, als handelte es sich um eine Collegenintrigue oder um einen nichtswürdigen Zeitungsartikel! Es ist zum Lachen! Das Gemeine ist ja hier die Sitte, die Gewohnheit, etwas ganz Anständiges, das uns Alle bändigt! Ich bin ganz für dies "Gemeine", aber gebändigt soll es mich niemals haben!

Der Graf rückte dem bedrängten Mädchen bei diesen Plaudereien immer näher. Im Aufruhr der Elemente fühlte sie ihre Schwäche. Der Wind peitschte die Bäume. Es standen doch jetzt endlich wieder welche am Wege.

Den Grafen schien alle Fassung verlassen zu haben. Der Gedanke, es rücke das Geheimniß eben dieses Hochlinden, eben dieser kleinen Stadt, von wo Marloff die naheliegenden Eisenbahnen vor Jahren vorgezeichnet hatte, immer mehr heraus und Graf Wilhelm hätte die richtige Philosophie des Lebens gehabt, den Schmerz über die unterdrückte Natürlichkeit der Empfindungen, den Schmerz [20] über Zwang und Vorurtheile, diese Ideenverbindung gab ihm einen Schwung, der im Stande war, auszurufen: Widersprüche ringsum! Incompatibilitäten! Hahaha! unterbrach er sich. Das Wort verstehen Sie nicht! La Rose! Er hört nicht. Ich erkläre Ihnen das halsbrechende Wort ein andermal!

Der Kutscher fährt so schnell, sagte Helene wahrhaft angsterfüllt. Der Graf wurde immer wunderlicher.

Denken Sie bei diesem Regen an die Verleumdung in der Welt, Fräulein! Wie das rinnt! Wie das fluthet! Und immer neue Wolken ziehen heran! Und die Nebel wallen, besonders die, die aus den Thälern nicht herauskönnen! O, wo doch Etwas noch vorhanden ist, eine Wahrheit, eine Liebe, sie muß entstellt werden! Glauben Sie nicht, Fräulein, schloß er dreist, daß es einmal heißen könnte: Sie würden meine rechtmäßig mir angetraute Gemahlin?

Helene verstand diesen Humor nicht mehr. Er war zu diabolisch. Das Blut war dem rasend Verliebten in den Kopf gestiegen. Und demnach sprach er, wie geistesirr:

Ruhe, Ruhe! Nein, zittern Sie nicht, Fräulein! Ich mißbrauche die Situation nicht! Ich bin nicht unedel! Aber - der Abgott meiner Seele bleiben Sie! Das ist gewiß! Und das Wort Scheidung spreche ich [21] aus wie Nichts! Es ist das Allerbeste am Protestantismus, den ich sonst hasse wie alle offenbarte Religion!

Des Grafen Hand zitterte. Sie wollte die Hand Helenens ergreifen. Das erschütterte Mädchen hatte gleich Anfangs vor Schrecken vergessen, diese mit den Handschuhen zu versehen. Entsetzt zog sie ihre entblößten Hände zurück. Aber der Graf ergriff so stürmisch und drückte die wie blutlos und kalt gewordenen Finger so lange, als sollten sie durch seine Zärtlichkeit erwarmen; er drückte sie an seine Lippen und unterbrach sich, während Helene stumm blieb, während sie mit den Händen, um ihm diese zu entziehen, rang, und ihr Antlitz ganz in den Shawl verbarg, mit den Worten: Ihr Götter, lacht nicht von Eurem Olymp herab! Denn die Situation ist bei Alledem komisch! rief der Graf. Hier im Wagen, du verdammter Zauberer Merlin, das Paradies! Kaschmirs Rosengärten neu aufblühend und dabei die schwankenden nassen Wagengurte, die uns in's Gesicht schlagen! Wenn ich könnte, würde ich über Alles lachen, göttliche, angebetete Helene! Sagen Sie nur ein Wort! Sie sollen mir nur sagen: Ich verzeihe Ihnen - und wenn Sie wollen, ich verzeihe Ihnen alle Ihre Dummheiten, die aber aus einem nur für Sie schlagenden Herzen kommen!

[22] Die letzte Wendung erfolgte, weil der Graf Helenen schluchzen hörte. Sie hatte ihr Haupt in den Shawl verborgen, darüber erschrak denn doch der Graf. Sein Seelenstudium verließ ihn. Er wußte nicht, warum man weinen kann, wenn man in solcher Weise von einem steinreichen Grafen eine Liebeserklärung empfängt. Es durchfuhr ihn ein Schrecken über vielleicht verletzte Weiblichkeit, verletzte sittliche Würde, ungeziemenden Mißbrauch einer vom Zufall gegebenen Situation. Er dachte auch an Ottomar und schwieg. Sein Herz hämmerte. Er konnte nicht ganz verstehen, daß Helenen war, als bräche ihr eine Welt zusammen, daß Alles, was sie bisher für schön, gut, sittlich gehalten, schwankte, aber er ahnte dergleichen. Aus dem Grafen sprach Helenen, der Neugläubigen, in der That die alte Schlange, Luzifer, der Versucher! Sie sah Christus auf dem Berge: Falle vor mir nieder und bete mich an und ich will Dir die Schätze der Welt geben! Wie das so im Hirn hin und hergeht! Wie die Bilder auftauchen, ungerufen! Die Vorrathskammer der Jugendeindrücke öffnet sich eben! Es ist Blutandrang, Fieber! sagt der Arzt. Der Philosoph muß sich doch tiefer ausdrücken.

Der Graf hatte sich in die andere Ecke zurückgezogen und sprach still für sich, aber hörbar: Ich muß meine Zukunft retten! Ada geschieht es ja nach Wunsch! Es [23] kommt nur noch auf eine grobe Verletzung der Treue an! Das Schauspiel muß uns Einer, der daraus Geschäfte macht, erst dichten! Wir wollen Alexander Dumas fragen! Wir studiren's ein! Das ist die Ordnung unserer civilisirten Welt! Ja, ja, sprach er dann mit wunderlichem Humor und zum klappernden Wagenfenster hin, ihr Wipfel der Bäume, hört wenigstens ihr mein stilles Hoffen! Bewahrt es stumm! Geliebt um seiner selbst willen! Nicht um schnöden Reichthum! Da ergreift mich Seligkeit, das zersprengt mir die Brust!

Damit öffnete er das Fenster. Es war die höchste Zeit, daß der Wagen anhielt. Helene wäre sonst hinausgesprungen. Noch hielt das Gefährt nicht vor'm Schlosse. Aber es fielen doch einzelne Lichtstrahlen in's Dunkel. Der Kutscher ließ den Wagen der alten Gräfin voranfahren. Dann fuhren der Graf und Helene langsam nach. Es wurde nun kein Wort mehr gesprochen. Helene ordnete sich zum unbefangenen Erscheinen vor den Uebrigen. Daran konnte man keinen Anstoß nehmen, daß sie sich, keinen Appetit zum Nachtessen zu haben, erklärend, auf ihr Zimmer begab und sich schnell einschloß. Hier brach sie in Thränen aus vor Scham und Verzweiflung. Wie in einen schönen Garten war ein wilder Eber gefahren! Sie verwarf dies Bild. Lucifer stand vor ihr, ja er verwandelte sich in einen Engel - [24] Sie wußte sich keinen Trost als Marthas kluges Wort. Vor Ottomar mußte sie ja fliehen, weil sie ihre eigne zertrümmerte Welt auch bei ihm, wenn auch in anderer Art, vorfand. Das anerkannte sie: Die letzten Worte des Grafen - wie waren sie so tief empfunden, so edel, so ergreifend gewesen - -!

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
© by-nc-nd Editionsprojekt Karl Gutzkow, 2012. Not to be published in any form without the author's prior permission. / Layout Judith Näther & Juliane Schaefer.

Autor der Seite: Kurt Jauslin (E-mail:Kurt.Jauslin@t-online.de).
Seite angelegt im Dezember 2000.
Fassung: 2.1
Geschichte der Seitenänderungen: Fassung 1.0 CD-ROM Sept. 2001; Fassung 1.1 Korrektur von Textfehlern, Aug. 2002; Fassung 2.0 Verlinkung für Einzelstellenkommentar, KJ, Juni 2012. Fassung 2.1 mit Korrektur der Fusszeile, ML, M?rz 2016.
Letzte Änderung: 11.05.2016 17:51