Die neuen Serapionsbrüder

(Bearbeitung: Kurt Jauslin, Altdorf)

Inhaltsübersicht des Kommentars


1. Textüberlieferung
2. Textdarbietung
3. Quellen, Folien, Anspielungshorizonte
4. Entstehung
4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte
4.2. Dokumente zur zweiten Auflage
4.3. Entstehungsgeschichte
5. Rezeption
5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte
5.2. Dokumente zur zweiten Auflage
5.3. Rezeptionsgeschichte
6. Kommentierung
6.1. Globalkommentar
6.1.1. Déformation professionnelle und Pathologie der Gesellschaft
6.1.2. Der Roman des Nebeneinander - Tradition und Differenz
6.1.3. Digression und Kontingenz - Der Rahmen als Panorama
6.1.4. Liberalismus - Idealismus oder Realismus?
6.1.5. Ästhetik des Bruches
6.1.6. Die Tendenzen der Zeit
6.1.6.1. Die Idee in der Realität des Krieges
6.1.6.2. Der Aufstieg der Sozialdemokratie
6.1.7. Die Naturwissenschaften unter der
Sonne der Nacht

1. Textüberlieferung

1.1. Handschriften

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke

J1 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. In: Schlesische Presse. Breslau. Nr. 723, 15. Oktober 1876, bis Nr. 60, 25. Januar 1877 (Rasch 3.76.10.15N).
J2 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. In: Berliner Tageblatt. Nr. 245, 19. Oktober 1876 bis Nr. 306, 31. Dezember 1876 und Nr. 1, 1. Januar 1877 bis Nr. 10, 13. Januar 1877 (Rasch 3.76.10.19). Rasch registriert einen weiteren Zeitungsdruck "ungefähr zeitgleich" in der "Dresdner Zeitung", zu dem keine näheren Angaben vorliegen.
E1 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. Breslau: Schottlaender, 1877. (Rasch 2.48)
E2 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. Zweite Auflage. Breslau: Schottlaender, 1879. (Rasch 2.48a)

Der Textband (GWB I, 17) enthält im Anhang (S. 587-596) Gutzkows Vorwort zur zweiten Auflage. Dieses ist im gedruckten Kommentar (GWB I, 17, Supplement) auf S. 32-40 und hier im Internetkommentar unter → 4.2.2 zu finden.

2. Textdarbietung

2.1. Edierter Text

E1. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Buch-Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Die Liste der Textänderungen nennt die vom Herausgeber im Vergleich mit der zweiten Auflage berichtigten Druckfehler. Fehlende oder überzählige Spatien wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Textänderungen

58,25 des Meisters] der Meisters
59,32 am wenigsten] am wenigstens
66,33 den] denn
71,34 Französisch] Franzosisch
75,29 im Stich] in Stich
97,15 Mitleid] Mittleid
107,30-31 Strikecomités] Streikecomités
144,18 Vereinssecretär] Vereinsseccetär
159,25 Cortège] Cortége
179,8 paßt sie] paßt Sie
198,22 Es war] Er war
248,21 worin] wohin
255,20 das] daß
256,21 wollte] wolle
265,12 gezogene] bezogene
267,33 deren] dessen
269,14 das] daß
272,15 sie] Sie
278,29 auf- und abgehend] auf und abgehend (vgl. 477,22)
279,11 über] uber
279,14 vereint -!] vereint !
281,6 dessen] deren
291,25 dem] den
297,32 es] er
312,1-2 Hofmaler Triesel] Hofmaler Triefel
320,1 George Sand] Georg Sand
347,8-9 gehandelt] gehandelst
410,12 eine Schlange] ein Schlange
456,23-24 ausgesprochen besonnen] ausgesprochen, besonnen
471,5 bösartiger] bosartiger
506,26 den Sie wie] den Sie, wie
507,19 der Schlaue] der schlaue
526,34 Vaters] Vater
539,21 geworden war, und] geworden war und
541,18 Romberg] Ramberg
553,17 besuchten] besuchen
561,13 Christenthum"?] Christenthum?"
566,14 in die welke Hand] in welke Hand
Vermerk des Herausgebers: 269,14, 526,23 und 541,18 sind in der ersten Auflage des Textbandes (2002) noch nicht berichtigt.

2.1.2. Problemfälle

262,29 Shlipse] Die Schreibweise findet sich unverändert auch in E2.. Sie wurde nicht korrigiert, da es sich um eine am Englischen angelehnte Schreibweise handeln könnte. Belegstellen wurden nicht gefunden.
424,9 Sie sind eben verrückt und rennen Kunst] Die Stelle findet sich textgleich in E2.

2.2. Lesarten und Varianten

Vor der Drucklegung von E2 hat Gutzkow den Text der komplett neu gesetzten Ausgabe E1 nochmals durchgesehen und korrigiert. Im wesentlichen hat er sich dabei auf die Revision von Druckfehlern und auf Änderungen der Interpunktion und in selteneren Fällen der Absatzgestaltung beschränkt. Durch Änderungen im Seitenumbruch differiert der Umfang der drei Bände zwischen E1 und E2: E1 276, 297, 309 Seiten; E2 270, 293, 301 Seiten.

Eingriffe in die Interpunktion betreffen häufig den Wechsel von ! zu anderen Satzzeichen, z.B.:
8,3 Ohr!] Ohr.
Durch einfache Änderungen der Interpunktion wurden lange Sätze geteilt, z.B.:
33,18 Vergnügen" - der] Vergnügen". - Der
33,19 dazu - in] dazu. - In.
Die Genitivform der Eigennamen wurde in E2 häufig, wenn auch nicht durchg?ngig, mit einem Apostroph versehen, z.B.:
7,24 Kants] Kant's
17,22 Adas] Ada's
26,25 Hamlets] Hamlet's.
Weitere Änderungen betreffen die Groß- und Kleinschreibung, z.B:
13,5 bis vier] bis Vier.
Zum Teil weisen sie auf den Wandel der orthographischen Konvention, z.B.:
17,34 Sechszigen] Sechzigen
18,28 Nichts] nichts 30,24 Proceß] Prozeß
203,17-18 von Statten] von statten
385,29 Beide] beide.
Das trifft auch auf Änderungen der Schreibweise bei der Deklination verschiedener Wörter zu, z.B.:
13,30 dunkeln] dunklen
214,21 unsre] unsere
sowie die Korrektur anderer variabler Schreibweisen:
8,30 gradezu] geradezu
141,3 neuste] neueste
133,27 Officier] Offizier
139,24 hectisch] hektisch
54,24 Streikgedanken] Strikegedanken
68,15 Streik] Strike und Änderungen in Wortzusammensetzungen:
63,8-9 fünf und fünfzig] fünfundfünfzig
90,23 Elias Krummgedanken] Elias-Krumm-Gedanken. Bei den Eigennamen ergeben sich Varianten:
5,33 Ascherson] Aschersohn
174,22 Inowraslaw] Inowraclaw.

Es ist nicht mehr zu klären, ob die durchgehende, wenn auch nicht ganz konsequente, Modernisierung der Orthographie in E2 von Gutzkows Hand erfolgt ist oder durch einen Korrektor des Verlags vorgenommen wurde. Auch sind die in E1 enthaltenen echten Druckfehler nicht vollständig beseitigt worden. Die vorliegende Ausgabe hält an der Schreibweise von E1 fest. Korrigiert wurden nur offenkundige Druckfehler, und zwar auch dann, wenn sie in E2 nicht revidiert worden waren.

Folgende Abweichungen zwischen E1 und E2 sind festzustellen:

25,10 Abends] den Abend
55,22-23 wegen Schroffheit] wegen mit Schroffheit
56,8 die Sache] die Sachen
80,23 Vereintwirken] Vereinswirken
98,29 vom Fenster] vom Fenster aus
102,17 bestimmen] bestimmte
131,10 trug] trugen
159,6 schüttete] schüttelte
168,33-34 von höchster Bedeutung] von der höchsten Bedeutung
194,25 hingeworfen] hingeworfen worden
263,9 mangelnde] ermangelnde
272,12 Broche] Brosche
299,15-16 Hebeamme] Hebamme
328,5 Hemdkragen] Hemdekragen
366,18 mannichfach] mannigfach
392,34 eben] neben
448,10 um deshalb beschämt] deshalb beschämt
458,15-16 den beiden berühmten Panzerschiffen] den berühmten Panzerschiffen
458,23-24 kam es zu keiner rechten Frage und keiner rechten Antwort] kam es zu keiner rechten Antwort
465,23 Sieh', sieh' die Alte!] Sieh' die Alte!
466,31 Mein Mädgen] Meine Mädgen
480,19-20 Was räthst Du hier zum Untergang der Deinigen an?] fehlt in E2
512,8 noch bei mir nicht abgesetzt] bei mir noch nicht abgesetzt
518,6 sollten denn doch] sollten doch
567,13 Entweder Oder -] Entweder - Oder.

3. Quellen, Folien, Anspielungshorizonte

3.1. Gattungsfolien

Gutzkows umfangreiche Gesellschaftsromane der 50er Jahre Die Ritter vom Geiste und Der Zauberer von Rom (Globalkommentar: → 6.1.2. Der Roman des Nebeneinander - Tradition und Differenz)

E.T.A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. Gesammelte Erzählungen und Mährchen. 4 Bände. Berlin: Reimer, 1819-21

Ludwig Tieck: Phantasus. Eine Sammlung von Mährchen, Erzählungen, Schauspielen und Novellen. 3 Bände. Berlin: Realschulbuchhandlung, 1812-16

Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman. 2 Teile. Tübingen: Cotta, 1809

Der Roman "Sturmflut" von Friedrich Spielhagen, der unmittelbar vor den Neuen Serapionsbrüdern im "Berliner Tageblatt" in Fortsetzungen veröffentlicht wurde und zeitgleich mit Gutzkows Roman 1877 in Buchform erschien (→ 5.2. Rezeptionsgeschichte)

3.2. Anspielungshorizonte

Gutzkows Aufenthalt in Berlin in den Jahren 1869-1873, erstmals wieder Wohnsitz seit 1834; Krankheit, familiäre und finanzielle Probleme (→ Globalkommentar: 6.1.1. Déformation professionnelle und Pathologie der Gesellschaft)

Die Berliner Gesellschaft der Gründerzeit in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg

Der Börsensturz in der Folge der Weltwirtschaftskrise von 1873 (→ Globalkommentar: 6.1.4. Liberalismus - Idealismus oder Realismus)

Die sozialen Verwerfungen infolge der beschleunigten Industrialisierung und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung

Bismarck und die Entwicklung des Nationalstaats; die Entwicklung der Sozialdemokratie (→ 4.2.2. Vorwort zur 2. Auflage; → Globalkommentar: 6.1.6.2. Der Aufstieg der Sozialdemokratie)

Die Philosophie Arthur Schopenhauers und Eduard von Hartmanns ("Philosophie des Unbewußten", 1869) als Zeugnisse einer pessimistischen Weltsicht (→ Erl. zu 282,15-16

Die Musik Richard Wagners (→ Art. ,Wagner', Lexikon) als Ausdruck eines rückwärtsgewandten, die gesellschaftliche Wirklichkeit romantisierenden Kunstverständnisses

Der in den 50er Jahren mit den "Grenzboten" ausgefochtene Streit um das Verständnis von ,Realismus' und ,Idealismus' in der Literatur Globalkommentar: 6.1.4. Liberalismus - Idealismus oder Realismus)

Die Entwicklung der neuen Naturwissenschaften und die von ihnen bewirkten Veränderungen im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft (→ Globalkommentar: 6.1.7. Die Naturwissenschaften unter der Sonne der Nacht)

4. Entstehung

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte

4.1.1. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 24. Februar 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,54 (maschA).

Einen größern Roman habe ich angefangen u benutze dazu theilweise das vor 3 Jahren von Ihnen kopirte Stück, dem ich bald diesen bald jenen Titel gab. Leider kann ich erst nach Vollendung des Ganzen an die Ueberarbeitung gehen u dann auf Ihre Hilfe rechnen.

4.1.2. Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 10. März 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,70 (maschA).

Ich schreibe an einem 3 bändigen Roman, freilich erst für eine gutzahlende Zeitung.

4.1.3. Gutzkow an Johannes Nordmann, Heidelberg, 19. April 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,109 (H, maschA).

Ich bin in der Lage, eine Existenzsumme für ein ganzes Jahr verdienen zu müssen, 3 bis 4000 Thaler, die Zersplitterung ruinirt mich u meine Familie. Ich habe daher, seitdem nun die 12 Bände der Ersten Serie meiner Ges. Werke bei Costenoble erschienen sind u das dafür empfangene Honorar verzehrt ist, ferner die Zweite Serie sich vor Jahren nicht ermöglicht, da ich keine Mittel habe, meine Schriften von Brockhaus u Janke loszukaufen, ich sage, ich habe seitdem anfangen müssen, etwas Grösseres zu arbeiten, einen Roman à 3 Bänden, der bis Oktober fertig sein muss [...]. Ich bin nun im Zuge meiner Arbeit, die zugleich eine Expektoration über empfangene Berliner Eindrücke ist.

4.1.4. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 16. Juni 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,155 (maschA).

Ich schreibe an einem Quasi-Roman, um zu Geld zu kommen. Diese Tendenz ist die vorherrschende. Was sonst draus wird kann ich noch nicht bestimmen.

4.1.5. Gutzkow an Otto von Leixner, Heidelberg, 30. Juni 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,180I (hsA).

Aber für jetzt muß ich [...] an eine größere Arbeit denken, die auch zu 2/3 schon fertig ist.

4.1.6. Gutzkow an Otto von Leixner, Heidelberg, 6. Juli 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,186 (hsA).

Mein Buch soll 3 Bände haben, gegen Lindau's Wunsch wir möchten uns mit Einem Band begnügen. Aber ehe ich nicht ein Ganzes fertig habe, fehlt mir an die Sache der Glaube. Ich arbeite wie alle Dramatiker vom 5ten Akte rückwärts. Alle Dramatiker, ich hätte sagen sollen, die ihr Handwerk verstehen. O die prächtigen ersten Akte, die wir haben! Ich könnte eine Literatur der ersten Akte schreiben - Dingelstedts Haus des Barneveldt, Uffo Horns Ottokar - erste Akte wunderbar! Aber die folgenden! Der richtige Dramatiker spinnt aus einem ihm klar vorschwebenden 5ten Akt - das Berliner ungeduldige Parkett hat die 4 Akt-Theorie eingeführt - die früheren heraus.

So geht's mir fast auch im Romane. Da muß ein Motiv verändert, eine Person schon früher eingeführt, die Spannung des Lesers auf ein Kommendes eingeleitet werden, man kann recht klar sehen, wenn die produktive Beserkerwuth ausgerast hat. Und das geht noch diesmal bei mir, leider mit sehr unliebsamen Intervallen, bis zum September so fort.

4.1.7. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 12. Juli 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,192 (maschA).

Vormittags, wo ich das Sitzen am ehesten aushalte, nimmt mich meine grössre Arbeit in Anspruch, die ich eigentlich ganz gedankenlos mache u am Ende in den Ofen werfen muss. Erst zwei Situationen haben mich selbst befriedigt.

4.1.8. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 29. Juli 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,209 (maschA).

Lieber Freund, die erst einmalige Wiederkehr Ihrer Copie beunruhigt mich grade nicht, aber zur Constatirung des richtigen Verlaufs von Hin- und Zurück bemerke ich doch, dß ich erst eine Sendung Copie nach der Wiederaufnahme meiner Zusendungen erhalten habe, bis Seite 640.

4.1.9. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 5. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,215 (maschA).

Ich befinde mich leidlich, [...] denke mit Sorgen an die richtige Unterbringung eines im Grunde sehr einfachen Romans und arbeite, vorläufig um mir selbst zu genügen. [...] Mein Roman soll heissen: "Die neuen Serapionsbrüder". Erinnern Sie sich der Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann?

4.1.10. Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 6. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 183 (H).

[...] der Roman Spielhagens wird am 1 Oktober zu Ende gehen, spätestens Mitte Oktober. Da drängt es mich denn - bevor ich irgend weitere Verbindungen aufsuche - zuerst Ihnen die herzliche Bitte vorzulegen, uns den neuen Roman zu überlassen, von welchem Sie mir erzählt haben. Ich glaube, daß Sie ihn pekuniär vortheilhafter irgendw<‹o>› anders unterbringen zu [sic] können, zumal der Abdruck im Tagebl. mit keinerlei Präjudiz für die Buchausgabe verbunden ist. Auch dürfte man Ihnen eventuell über die möglichst gewinnreiche Verwerthung des Manuscripts Vorschläge machen können, die Ihnen sehr wohl conveniren würden. - Darf ich also um einige definitive Mittheilungen über den Stand Ihrer neuen Dichtung und über Ihre etwaigen Entschlüsse freundlichst bitten?

4.1.11. Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 11. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 184 (H).

Mit der größten Freude haben ich und Herr Mosse aus Ihrem so liebenswürdigen ausführlichen Schreiben Ihre Bereitwilligkeit ersehen, uns den Roman zu überlassen. Ich bin überzeugt, daß Ihre eigenen Bedenken aus zu großer Gewissenhaftigkeit hervorgehen, und handle im Einverständniß mit Herrn Mosse, wenn ich schon jetzt definitiv auf Ihre neuen, voraussichtlich hochinteressanten "Serapionsbrüder" Beschlag lege. Ihren Wünschen bezüglich des Druckes u.s.w. wird natürlich Rechnung getragen werden. Auch bin ich bereit, wenn Sie es gestatten, Herrn Günther, dem Verleger der "Monatshefte", den von Ihnen angedeuteten Vorschlag zu machen, den umbrochenen Tageblattsatz in den Buchverlag zu übernehmen. Ich bitte Sie daher um genaue Angabe Ihrer Honorarbedingungen, deren Annahme ich Herrn Mosse dann sofort ans Herz legen werde. Erwünscht wäre es mir auch, das Manuscript bald zu erhalten, damit ich über die von Ihnen hervorgehobene Ähnlichkeit mit der "Sturmfluth" mich orientiren kann. Ich würde nämlich dann vielleicht zwischen den Spielhagen'schen Roman und den Ihrigen eine kürzere Novelle einschieben, um die Ähnlichkeit zu vertuschen.

4.1.12. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 21. [?] August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,231 (maschA).

Ich habe die Redaction (Durchsicht der Abschriften) meines Buches u die Spekulation auf einen möglichst hohen Ertrag im Kopfe u soll noch obenein dieser Tage ins Gebirg.

[...]

Assings waren hier, Oscar Blumenthal von Berlin, ein Abgesandter der Kölnischen Zeitung.

4.1.13. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 26. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,236II (maschA).

Sollte das Material Ihrer Abschriften für eine Sendung zu angewachsen sein, so machen Sie zwei. Ich habe nur die Abschrift bis Seite 344. [...] Neulich besuchte mich Oskar Blumenthal [...] Ich erwarte, dss Sie ihm nichts von meinem Roman mittheilen; nichts zur Lektüre.

4.1.14. Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 26. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 185 (H).

Einliegend die schon telegraphisch angekündigten zwei Contrakte, von welchen ich Sie bitte, einen mit Ihrer Unterschrift zurückzusenden. Der Wortlaut entspricht Ihrem Entwurf; nur unter alinea 3 hat sich Herr Mosse das Recht zu nehmen gewünscht, den vom 1 November an eintretenden Abonnenten die ersten fünfzehn Fortsetzungen nachzuliefern. Der Roman soll nämlich am 15 Oktober beginnen. Ich denke, daß Sie da nichts einwenden werden. Auch Spielhagen hat seiner Zeitung die Erlaubniß dazu ohne Weiteres ertheilt.

Die Briefe an die deutschen Blätter werden unmittelbar nach Empfang Ihres Contraktes vom Stapel gehen. Ich glaube Ihnen versichern zu können, daß auch hier noch - außer Ihrem Honorar von 4000 Thalern - ein erklecklicher Gewinn für Sie herausgucken wird.

Mit dem herzlichsten Dank für Ihre mir erwiesene Gastfreundschaft [...]

4.1.15. Gutzkow an Carl Theodor Fasoldt, Heidelberg, 28. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,236 (maschA).

Ich behalte mir Ausführliches von Heidelberg vor. Zu sehr drängt der Abschluß eines neuen Buches um - zu Geld zu kommen! Wäre doch ein Dresdner reiches Blatt dahin zu bringen, daß es sich mit Rudolf Mosse (Berliner Tageblatt) zum Nachdruck im Feuilleton verständigte. Ich habe nämlich ein Abkommen mit diesem im Werke, das aber nur gelingt, wenn mehre Zeitungen geneigt sind, den Abdruck zu bringen. Wende Deinen Einfluß bei Liepsch u. Reinhardt oder wer sonst lange "Fortsetzung folgt's" nicht scheut, an zu diesem Liebesdienst. Mit 4 - 500 Thaler ist die Sache gemacht, Bagatelle für so reiche Blätter.

4.1.16. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 1. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,241 (maschA).

Ich habe den Roman an Mosse in Berlin verkauft, der ihn nach dem Spielhagen'schen im Tagblatt und einigen andern Blättern erscheinen lassen wird. Um den ersten Band abzuschliessen habe ich doch vorgezogen, noch 3 Bogen des 2ten Bandes herüberzunehmen. Dadurch sind aber soviel Correkturen nöthig geworden, dss ich Sie bitte, diese 3 Bogen noch einmal zu kopiren.

4.1.17. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 2. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,242 (H, maschA).

Den jetzigen Anfang des 2ten Bandes bitte ich auch noch einmal abzuschreiben. [...] Weiter habe ich leider Ihre Abschrift nicht empfangen. [...] Ich habe von erster Copie, überarbeitet, Ihnen zur zweiten Copie bis Seite 328 geschickt gehabt! [...] Die Lücken dessen, was ich noch nicht bekommen, die ganze Scene mit Rabe, ist ja sehr groß! Ihre Sendung wird doch nicht verloren sein?

4.1.18. Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 6. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 186 (H).

Contrakt erhalten. Ich warte nun mit größter Sehnsucht auf Band I des Mscpts und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie's womöglich noch heute an mich sendeten. / Acceptirt hat vorläufig nur die "Schlesische Presse".

4.1.19. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 10. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,250 (maschA).

Ich dabei grüblend über meinen sonderbaren Roman, der vom 15. Okt. an die Leser des Tagblatt und der "Schlesischen Presse" in Breslau ennuyiren soll. Weiss der Himmel, in welcher Stimmung ich das Ding geschrieben habe! Ich wollte durchaus nichts erfinden! Und schrieb doch täglich 10 Seiten! Jetzt revidire ich nun das Ganze, ergänze, feile - es ist ein Liebesroman im alten Goetheschen Sinne ohne alle Sensationsbestrebung. Kurz, ich werde beim Publikum schön ankommen!

4.1.20. Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 12. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 187 (H).

Meine Frage hatte keinen andern Zweck, als einen rein technischen. Je früher wir das Mscpt in Händen haben, um so <‹leichter>› ist die Erfüllung Ihres Wunsches, daß immer ein genügender Vorrath Satz vorhanden ist. An eine beschwerdeführende Kritik oder die Möglichkeit einer solchen habe ich gar nicht gedacht. / Einliegend der Brief von Schottländer.

4.1.21. Gutzkow an Max Kurnick, Heidelberg, 15. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,255 (H, maschA).

Einen jungen unternehmungslustigen Verleger zu gewinnen, scheint mir eine sehr glückliche Chance, aber ich bin allerdings verpflichtet alles zuvor Costenoble anbieten zu müssen. Mein Buch wird die Erwartungen der durch Annäherung an den Colportageroman gebildeten Leser nicht befriedigen. Ich habe mich in gemüthlich naiven Lebensbildern gehen lassen u auf Effekt gar nicht geschrieben. Ich lasse den Namen meines Helden Ottomar, obschon er bei Spielhagen vorkommt. Ich hatte ihn früher gebraucht, ehe ich eine Zeile von der "Sturmfluth" sah.

Ich denke nun so: Ich stecke noch zu sehr im Herstellen des 2ten u 3ten Bandes, um jetzt schon viel an die Buchverwerthung zu denken. Habe ich den 3ten Band, etwa Ende Oktober, aus dem Kopf, so nehme ich die Frage der Buchverwerthung auf. Erscheinen kann ja natürlich das Ganze als Buch erst im Januar, wenn auch vorhergegangene Verständigungen den Druck zu präpariren haben. Wenn nicht Costenoble für vielerlei geübte Unbill ganz genügende Satisfaktion giebt, stelle ich die Bedingungen so, dss sich seine Ablehnung von selbst versteht. Es kann sich bei mir immer nur um eine mässige Auflage von 1500 - 2000 Exemplaren handeln, wo dann nach dem Preise des Buches u. der Ausstattung das für den Autor mögliche Honorar bald bestimmt ist.

4.1.22. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 17. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,257 (H, maschA).

Lieber Freund, ich muß Sie bitten, dß Sie diesen Anfang des Ganzen noch einmal so copiren, dß der Inhalt wieder auf 32 Seiten herauskommt u dann die folgenden Bogen fortgehen.

Es kommt auf den Anfang so viel an! Ich fürchte mich förmlich vor dem Publikum des Berliner Tagblatts.

Da die Redaktion um das Manuscript des ersten Bandes drängt, so bitte ich Sie, mir diese 4 Bogen so schnell als irgend möglich zurückzuschicken!

Zugleich arbeite ich die Abschrift vom 2 ten Bande durch. Ich habe Besorgniß, dß er nicht stark genug wird! Schreiben Sie ja nicht zu weitläuftig. Es wird mir sonst bei der Taxation des Bandes vorgehalten.

4.1.23. Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 17. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,257I (maschA).

Nachdem Sie von mir vor einiger Zeit die Herausgabe einer Sammlung von Journalarbeiten abgeschlagen haben, nahm ich Anstand, Ihnen schon so bald wieder mit einem gleichen Ansinnen zu kommen.

Es versteht sich von selbst, daß ich meine Misstimmung überwinden und über die Buchausgabe dieser in mehren Journalen zu gleicher Zeit erscheinenden Arbeit mit Ihnen zuerst verhandeln werde.

Ich bitte Sie aber, lassen Sie mir zu diesem Briefaustausch noch etwa 3-4 Wochen Zeit. Ich bin von den Ankündigungen, Reclamen, der Aussicht für ein hunderttausendfaches Lesen geschrieben haben zu sollen, so erschreckt so aufgeregt, daß ich meine ganze Kraft zusammennehmen muß, um meine Lieferungen an die Zeitung druckfertig herzustellen.

4.1.24. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 19. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,259 (maschA).

Leider, leider, ersehe ich aus Ihrer heute empfangenen Sendung, lieber Freund, dss der 2te Band viel zu kurz ist, trotzdem dss Sie enger geschrieben haben.

Nun will ich das Capitel, das Sie mir abgeschrieben schickten, erst durchgehen, bis ich Ihnen für das weitre Manuscpt, das Sie bis Seite 504 haben werden, Weisung gebe. Ich glaube nämlich wieder eine Scene erst einschalten zu müssen, ehe Sie mit dem beginnen können, was Sie als Anfang von Bd. 3. haben.

Die Ankündigungen Mosses, die vielen Meldungen, die wegen gewünschten Nachdrucks einlaufen, erregen mich so, dass ich in Rücksicht auf die gespannte Erwartung u die Einfachheit meiner Fabel noch auf einige Motive gekommen bin, die nun ausgeführt werden müssen. Lassen Sie sich also nicht befremden durch vorher gar nicht Angedeutetes! Zum Glück habe ich den ersten Band noch nicht abgeschickt. Ich kann also diese kleinen ergänzenden Momente nachtragen. Morgen treffen wol die ersten 4 Bogen wieder ein? Ich warte sehnsüchtig darauf. Vielleicht schreibe ich schon morgen Näheres über den Wiederbeginn Ihrer treuen Beihülfe.

4.1.25. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 21. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,261 (H, maschA).

Lieber Freund, ich schicke Ihnen anbei ein Material zu 1) nochmaliger Copie u 2) Weiterführung in der Paginirung. Der 2 te Band muß stärker werden. An dies Manuscript schließen Sie dann, aus Ihrem noch bis S. 504 gehenden Vorrath, mit "Sechstes Kapitel" an, also mit dem früher projektirten dritten Bandanfang. Ich werde dann sagen, wo Sie aufhören mögen.

Das wie Sie sehen werden ganz neu in das Buch hineingekommene Motiv habe ich im ersten Bande durch kleine Änderungen u Zusätze vorbereitet.

Meine Bitte, sie möchten enger schreiben, muß ich zurücknehmen. Im Gegenteil, ich bitte jetzt eher um Weitläufigkeit! Der Schein spricht sonst gegen mich. Die Zeitungen wollen die Geschichte natürlich ins neue Jahr hineinziehen.

4.1.26. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 24. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,264 (hsA).

Gern würde ich auf Ihren, meinen Roman betreffenden Wunsch sofort eingehen, wenn ich nicht schon von H. Costenoble eine energische Mahnung an unsre "Verträge" erhalten hätte. Diese bestehen eben darin, dß ich ihm alles, was ich drucken lassen will, zuvor anbieten muß. Weil nun, unter uns gesagt, das Verhandeln mit H. Costenoble mich gewöhnlich sehr aufzuregen pflegt, so habe ich ihm geschrieben, ich wünschte die ganze Angelegenheit noch um einige Wochen verschoben. Vor Januar, Februar könnte ja die Buchausgabe ohnehin nicht erscheinen.

Würden Sie denn, im Fall ich H. Costenoble überredete, mich diesmal freizulassen, eine Vereinbarung etwa auf der Grundlage eingehen: 3000 Exemplare, im Preise von ca. 10 Mark für 3 Bände oder 12 und 2000 Thaler Honorar?

4.1.27. Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 30. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,270 (maschA).

Die Buchausgabe meines 3 bändigen modernen Romans Die neuen Serapionsbrüder, dessen vorheriges Erscheinen in 5-6 Blättern nach einstimmigem Urtheil der Redakteure den Absatz des Buches nur fördert, weil selten Jemand die Geduld hat, alle Fortsetzungen zu lesen, dürfte etwa im März stattfinden oder früher, wenn eine Druckerei der Erscheinung in den Zeitungen folgt.

Aber ich gestehe Ihnen ganz aufrichtig, ich möchte, Sie entsagten diesem Verlage! Sie haben soviel Verlust bei unsrer letzten Unternehmung gehabt, Ihre Sprache hat in unserm Verkehr so tief Verletzendes bekommen, daß ich Sie bitten möchte, an die rechte Belebung u mögliche Verwerthung Ihrer älteren Werke von mir, z. B. auch meiner dramatischen zu denken [...] und von Neuem abzustehen. Ich kann Ihnen das Neue nicht schenken, sondern muß Gewinn daraus ziehen soweit ich kann. Das giebt aber Enttäuschungen, bittre Vorwürfe, Erweiterungen unsres Zwiespalts, die mich schmerzen müßten.

Ein junger Buchhändler bietet mir für 3000 Exemplare 2000 Thaler. Kann ich eine solche Chance zurückweisen? Ihnen biete ich sie gar nicht an; weil Sie sagen würden: 3000 sind ohnehin zu hoch u.s.w. [...] Ich lebe nicht von Fürstengunst, das deutsche Volk ist lässig im Kaufen, zu den Lieblingen der Vornehmen u Reichen gehöre ich nicht, warum soll ich nicht die Chance nutzen, die einmal für den Augenblick eine günstige für mich ist! Ich werde 66 Jahre alt u meine Familie ist leider an Entbehrungen nicht gewohnt.

4.1.28. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 1. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,271 (maschA).

Ich stecke natürlich ganz in meinem Roman u schaudre über die Verantwortlichkeit! Heute kommen die ersten Correkturen, die ich aber nicht mehr Abends lesen werde. Ich habe mir mit dem Lesen von 1000 Druckbogen (weil Manches zweimal) mehr, glaube ich, geschadet als mit dem Rauchen.

4.1.29. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 6. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,276 (hsA).

Anknüpfend an Ihre unterm 2. u. 21. v. M. ausgesprochenen Wünsche u die am 26. mir gemachte Zusage gebe ich Ihnen die Anzeige, dß ich Veranlassung nehmen werde, die Tergiversationen (Versuche Zeit zu gewinnen) Costenobles zu unterbrechen. Es scheint, als glaubte er nicht recht an das Vorhandensein einer andern auf mein Buch reflektirenden Firma u hält mein Verfahren für ein Manöver. Ich habe kontraktlich keine andre Verpflichtung, als ihm alles, was ich erscheinen lasse, vorher anzubieten. Mein Gebot entspricht der Summe, die ich forderte, aber, wie wenn ihn die gesunde Vernunft verlassen hätte, bedingt er sich die Erlaubniß, den Roman auch noch in Zeitungen erscheinen zu lassen!! Wo die Publikation in Berlin, bei Ihnen u ein paar andern Orten, am 15ten beginnt u ich schon die Correkturen lese, die mir Mosse schickte!

In Ihrem Letzten erschrack ich über die Wendung "wenn Sie auch Opfer brächten." Ich möchte das nicht. Ich möchte Sie befriedigt sehen. Wollen Sie einen andern Modus der Vereinbarung? 3000 Exemplare sind zu hochgegriffen, glaube ich fast! 2000 wären genug! Wobei eine Reduktion des Honorars auf 1500 rl eintreten könnte. Oder wollen Sie 1. u. 2. Auflage gleich bezahlen, dann freilich müßte es bei der ersten Foderung bleiben.

In einem besonders aufzusetzenden Contrakte würde ich bedingen:

Eigenthumsrecht veräußert an Sie auf 5 Jahre, worauf ich den Roman in meine Gesamm. Werke aufnehmen kann. Ich komme schwerlich dazu.

Bei einer neuen Auflage neue Vereinbarungen.

Das Uebersenden der letzten Revision der Druckbogen zu meiner Durchsicht u. umgehenden Remittirung.

Geheftete, nicht geleimte Exemplare.

10 Freiexemplare.

4.1.30. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 6. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,276I (H, maschA).

Bester Freund, ich schicke Ihnen da einen traurigen Invaliden von Bogen. Mitten im Corrigiren stocke ich auf die gräulichste Art! Ja, ist denn Ihr unendlich schätzenswerther, mit innigster Dankbarkeit aufgenommener Glaube an mich so groß, dß Sie Seite 230 Bd. 2. den Unsinn haben schreiben können, der sich bei dem Zeichen [ an den Text anschließt?!

"nach einem so ereignißreichen Tage ein paar Talglichter u s. fort!

Es muß da ein ganzes Blatt fehlen, übersehen sein!

Ich bin gehemmt in meiner ganzen Arbeit.

Machen Sie aufs Schleunigste die Ergänzung, die sich in Ihrem gewiß sorglich u wohlgeordnet aufbewahrten ursprünglichen Texte befindet. Es handelt sich um eine später geschriebene besondre Einlage von meiner Hand.

Es muß Ihnen ja alles, was ich neuerdings über Holl, Luzius, Schindler hineingebracht habe, total unklar geblieben sein.

4.1.31. Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 6. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,276Ia (maschA).

Die Bedingungen, die Sie mir in Ihrem Werthen vom 4. d. stellen, sind nicht annehmbar. Ich habe meine Verpflichtung gelöst, Ihnen die Buchausgabe (wie bei Fritz Ellrodt, der auch erst in 2 Zeitungen u dazu einer der größten, der Neu. Fr. Presse erschien) angeboten zu haben. Ich sage dem andern Verleger zu.

4.1.32. Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 12. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,282 (maschA).

Ihre "Rechte" bestehen in nichts, als daß ich Ihnen, als Buch- und Verlagshändler, das, was ich für den Buchhandel erscheinen lassen will, zuerst "anbiete."

Das Anbieten geschieht vernünftigerweise mit einer Forderung.

Diese haben Sie nicht acceptirt, haben sich Erwägungen nach Zeit u Umständen bedungen, die Summe herabgemindert u das Colossalste an Unbegreiflichkeit darin geleistet, daß Sie von noch "eventueller fernerer Journalexploitation" zu Ihren Gunsten sprechen!!!

Da hört denn doch alles auf! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen herumzustreiten, wie ich diese Ideen allmälig in Ihrem Kopf tilge. Ich muß meine Arbeit rasch unter Dach bringen, ehe mir die Zeitungspublikation allerlei Urtheile nach sich ziehen könnte.

4.1.33. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 18. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,286I (maschA).

Mich ärgert dieses Wettrennen im Tagblatt mit dem Spielhagen'schen Roman, der kein Ende nehmen will!

4.1.34. Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 19. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 189 (H).

Die Priorität der Provinzialblätter kann Ihnen wie uns sehr gleichgültig sein. Warum soll Ihr Roman durch den Beginn der Veröffentlichung in der Schlesischen Presse, wie Sie schreiben, von der löblichen Litteratenschaft ruinirt sein? Im Übrigen werden wir nach Beendigung des Spielhagen'schen Romans rasch fortschreiten.

Nur eine Bemerkung bitte ich Sie, mir nicht zu verübeln. Ich kann nämlich nicht verschweigen, daß durch Ihre an sich so ehrenwerthe Akribie und Unermüdlichkeit in der Ausfeilung und Verbesserung des Romans der klare Fluß der Rede und der schlanke Wuchs der Perioden hier und da recht empfindlich gelitten hat. Beachten Sie z. B. folgenden Satz: [an dieser Stelle ist ein Ausschnitt aus dem Abdruck des Romans in den Brief eingeklebt; das Wort beugte wurde von Blumenthal handschriftlich unterstrichen].

Dem nun folgenden Fragestellen, dem Versichern eines belesenen Assessors, daß auch ihm ein ärztlicher Freund im Vorüberfluge (alles hat hier Flügel, selbst die Freundschaft, woraus man nicht schließen darf, daß sie immer zu helfen bereit ist) von einem gestrigen Vortrage Eltesters, den dieser im "Aerztlichen Verein" gehalten hätte, gesprochen, beugte das in diesem Augenblicke erfolgende Eintreten des "Wolfes in der Fabel" vor.

Gerade für ein volksthümliches Publikum, wie es das Tageblatt nun einmal hat, wird durch diese parenthesereichen schwerübersehbaren Satzfügungen der Lesegenuß und das Behagen eines raschen Verständnisses wesentlich vermindert. Und das liegt nach meinem Dafürhalten nur an Ihrem allzu großen Eifer, in jeden Satz möglichst viel Gedanken- und Pointen-Material hineinzupacken und hineinzuverbessern. Ich würde die Sache nicht erwähnen, wenn mir nicht leider schon heute aus dem Kreis unserer Leser, - die sehr unbequem scharfe Augen haben - beschwerdeführende Episteln zu Händen gekommen wären. Ich bitte Sie also, diese offene Ansprache nicht übel zu nehmen [...]

[Geänderte Syntax der von Blumenthal monierten Stelle in der Buchfassung:

Dem nun folgenden Fragestellen, dem Versichern eines belesenen Assessors, daß auch ihm ein ärztlicher Freund von einem gestrigen Vortrage Eltesters, den dieser im "Aerztlichen Verein" gehalten hätte, im Vorüberfluge gesprochen (Alles hat hier Flügel, selbst die Freundschaft, woraus man nicht schließen darf, daß sie immer zu helfen bereit ist), beugte das in diesem Augenblicke erfolgende Eintreten des "Wolfes in der Fabel" vor. (4,12-18)

→ Auch Dokumente 4.1.39. und 4.1.45.]

4.1.35. Gutzkow an Anton Hübner, Heidelberg, 23. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,293 (H, maschA).

Der junge Weltstürmer Schottländer druckt in der Schlesischen Presse einen Roman von mir ab, wie er ihm aus Berlin aus einer Druckerei geliefert wird, ohne daß ich die Druckfehler verbessere, die letzte Hand an die Arbeit lege!

4.1.36. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 24. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,294 (H, maschA).

Sie haben lange von mir nichts gehört. Die ganze Zeit war ich

1) mit der Durcharbeitung des 2ten Bandes u. Durchsicht einer nochmaligen Abschrift beschäftigt die ich hier der vielen Correkturen wegen von einem Bekannten, dem ehemaligen Posthalter in Wieblingen, veranstalten ließ.

2) bin ich an den 3ten Band gegangen, dem ich ja leider eine viel größere Ausdehnung geben muß, als ich in der alten Fassung Material habe!

Ich möchte Sie nun bitten, damit ich in den Zusammenhang komme, daß Sie mir Ihren angefangenen Bogen S. 161 u alles folgende schicken. Sie müssen doch schon weiter, als über einen angefangenen Bogen sein, denn ich schickte Ihnen 24 geschriebene Seiten, die auf S. 161 folgten. In den Zusammenhang dieser ganzen Umänderung möchte ich nun kommen und bitte um Uebersendung.

Ich setze dann die weitere Gestaltung mit Ihrer Hülfe von S. 25 des geschriebenen Supplementes fort.

Leider kann mein Roman wegen der Spielhagenschen Sturmfluth nicht zur rechten Ausdehnung im Tagblatt kommen.

4.1.37. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 27. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,297 (maschA).

[...] so eindruckslos wird Ihnen doch mein Roman Die neuen Serapionsbrüder, die seit 8 - 10 Tagen im Mosse'schen alten "Berliner Tageblatt" figurieren, nicht vorgekommen sein, dss er Ihnen ganz unter den Händen verschwindet. Ich für mein Theil finde das, was bis jetzt erschien, ganz gut u lesenswerth. Nur heute war ich mit der Donnerstagsnummer ein bischen unzufrieden. Ich hatte in dem Zwiegespräch zwischen den beiden Gehülfen des Bildhauers das entscheidende Wort "Vegetarianer" vergessen.

Der Ärger, den ich mit der Organisation der Veröffentlichung in verschiedenen Zeitungen habe, ist unsäglich! Der contraktlich von Mosse erlaubte Nachdruck geschieht in diesen Blättern ohne meine Correktur, weil ich nur die Correktur im Tagblatt machen kann! Im Tagblatt aber hinderte Spielhagens Sturmfluth mit meiner Arbeit früher vorzurücken u so gab Mosse den fremden Zeitungen Correkturabzüge, die ich alle nicht gelesen hatte! [...]

Haben Sie nun (Pardon für meine dicke Tinte!) wirklich nicht als geistvolle Kritikerin geschwiegen, sondern auf ein falsches Tageblatt abonnirt, so will ich bemerken, dss das

Berliner Tageblatt

Abonnements von 1 November annimmt u diesen neuen Abonnenten das von meinem Roman Erschienene in Buchform als Extraergänzung giebt, um sich über die Fortsetzungen zu orientiren!

Und dabei habe ich den 3ten Band noch nicht fertig!

4.1.38. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 28. Oktober 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,298 (H, maschA).

Sie schrieben ab bis Fünftes Capitel, wo auf S. 24 (glaube ich) das Neugeschriebene der Anfang war (Trauliche Stille der Familie! u.s.w.) wo dann mit dem was ich vor einigen Tagen schickte, die richtige Fortsetzung erfolgte, sodaß nichts bei Ihnen noch unerledigt Lagerndes vorhanden war!

Ich muß mit Aufopferung alle meiner Kräfte daran arbeiten, die Bände 1) rechtzeitig abzuliefern u 2) nicht so dünn, wie sie früher ausfielen. Ich habe die Anlage in einem Vormittag geschrieben, gar nicht durchgesehen, verbessern Sie wie Sie wollen, nur daß allmälig ein neuer stärkerer Text gewonnen wird. Ich muß alles leidenschaftlicher, packender machen. Sonst verspiele ich.

4.1.39 Ada Christen an Gutzkow, Wien, 12. November 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,312 (maschA) und A II 2, Nr. 373 (H).

[...] ich habe viel Herzeleid erfahren durch mein ganzes Leben aber ich meine daß ich nie so jäh so unerwartet einen tiefgehenden Schmerz erlitt wie gestern da ich in der letzt mir zugekommenen Fortsetzung Ihres neuesten Romanes im "Berliner Tageblatt" eine kurze mich vernichtende Bemerkung las, die Alles was ich bisher geschaffen mit einem Schlage zerschmetterte. [...] soll das Einzige was von mir zurückbleibt, mein in Ihrem Buche gedruckter Name eine Erinnerung an eine Schmach sein welche ich nicht erlebte, soll mein Name dastehen neben einem Ortsnamen welcher allein schon genügt um mich verächtlich zu machen, obwohl ich vor nicht langer Zeit erst seine Bedeutung erfuhr, u. den Ort selbst nie im Leben mit meinen Augen gesehen habe. Wird nicht jeder Leser dem großen Dichter glauben u. sein Urtheil bestätigen? Dem Geiste, dem Herzen des Dichters lege ich diese Frage vor als eine Bitte: mit wenigen Strichen ist das Urtheil geändert ist von mir die unverdiente Schmach genommen!

[Die Stelle, an der Ada Christen Anstoß nahm, lautete im Zeitschriftendruck:

Er möchte das Problem lösen, wie sich hier [in Ada Christens heinisirende[n] Ergüsse[n]] Sentimentalität mit dem Hamburger Berg vereinigen konnten.

Gutzkow änderte in der Buchausgabe (→ 4.1.45.) Hamburger Berg zu Hörselberg (124,20).

4.1.40. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 13. November 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,313 (hsA).

Obschon sich mir soviel Schmerz u Herzleid an die Veröffentlichung meines Romans knüpfen, dß ich noch keine Stelle aus demselben in Ihrer Zeitung anders als flüchtig habe ansehen können (immer in der Angst, Druck- u Sinnfehlern zu begegnen) so habe ich doch soviel erfahren, dß die Fahnen, die ich corrigirt habe u die Ihnen vielleicht (die erbärmlichste Wirthschaft in Berlin antwortet darauf gar nicht) vielleicht corrigirt zugehen, nunmehr nächstens zu Ende sind. Ich hatte gehofft, Sie würden nach dem gewiß drastischen Schluß des 1. Bandes eine Pause von einigen Tagen machen. Die Sache hätte es schon vertragen.

Da ich nun, wenn man Ihnen uncorrigirte Fahnen schickt, dies für die niederträchtigste, empörendste Gemeinheit gegen meine Person erklären muß, eine Gemeinheit Mosses, Blumenthals u Aller, die an solcher Nichtachtung meiner Ansprüche betheiligt sind, so bitte ich Sie:

Bieten Sie Alles auf, entweder dem bösen Willen oder dem Schlendrian in Berlin zu steuern und auf Ehre u Gewissen von Mosse zu verlangen, dß er Ihnen nur Fahnen schickt, die ich durchgesehen habe, u die eine gewissenhafte Offizin wirklich corrigirt hat?

Wann denken Sie den 1. Bogen der Buchausgabe zu schicken? Ich möchte nach einem Texte setzen lassen, den ich erst revidire. Doch bin ich noch zu sehr mit dem 3 ten Bande beschäftigt.

4.1.41. Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 18. November 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,318 (maschA).

Sie haben wol an meinen nicht einmal von mir durchgesehenen Zusendungen gemerkt, in welcher Aufregung ich mich befinde. Die Nothwendigkeit, meinen zu kurz ausgefallenen Roman auf volle 3 Bände zu bringen, u. die Lärmtrompete des Rudolf Mosse, zwangen mich über meine Kräfte zu arbeiten. Nun die Correkturen! Der Ärger über Blumenthal, Mosse, die den Contrakt verletzten u der "Schlesischen Presse" den Vortritt liessen, während das Tageblatt immer mit kleinen Portionen nachhinkt! Selbst die grossen Summen, die mir gezahlt worden sind, können den Verdruss nicht aufwiegen, den ich schon gehabt habe u noch habe. Es führt zu weit Ihnen alles im Detail zu erzählen.

Da Sie meine Art zu arbeiten kennen, so können Sie sich denken, dss ich noch im 3ten Bande stecke.

Die Leser des Tageblatts sind leider meistens dem Roman nicht gewachsen. Befremdlich, wenn nicht gar langweilig muss den Leuten, die eigentlich Mord- u Todtgeschichten wollen, mein Werk vorkommen.

4.1.42. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 23. November 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,323 (hsA).

Mit heutiger Paketpost sandte ich Ihnen alle seither erschienenen Lieferungen des Berliner Tagblatts von meinem Roman. Bei diesem Texte habe ich die Garantie, dß ich ihn durchsah. Lassen Sie die Druckerei, die Sie wählen, daraus absetzen. Die mir zur Revision gesandten Einzelbogen werde ich immer schnell erledigen und keine erheblichen Änderungen machen.

Stackmann, Spielhagens Freund u fürsorglicher Verleger, hat die "Sturmfluth" 4 Wochen nach Beendigung in den Zeitungen fertig gehabt. So muß es auch sein, wenn man das Eisen schmieden will.

Ich glaube fast, dß wir ganz den Wachenhusen'schen Satz adoptiren müsssen, um für jeden Band den nothwendigen Umfang herauszubringen. Jedes Capitel muß mit einer neuen Seite anfangen.

Doch entscheidet da wohl der Ueberblick der Druckerei. Dünne Bände u. weitläufiger Druck sind unangenehm. Auch der übergroße weiße Papierrand ist störend.

4.1.43. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 6. Januar 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,6 (H, maschA).

Die Neuen Serapionsbrüder, die nächstens im Berliner Tageblatt endigen, verlegt ein Breslauer junger Buchhändler Schottländer. Leider mit einem mir sehr odiösen Prinzip. Er läßt die 3 Bände nicht auf Einmal, sondern nur successive erscheinen. Vernunft da zu reden, zu sagen: Sie schaden sich u mir! ist ganz unmöglich. Ich hätte solche Willkürlichkeiten im Contrakt voraus berücksichtigen sollen.

4.1.44. Gutzkow an Max Kurnick, Heidelberg, 12. [recte: 21.?] Januar 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,21 (hsA).

Auf Ihre Empfehlung hin habe ich mich mit dem jungen Herrn Schottländer eingelassen, aber ich verfluche die Stunde, wo ich Ihnen Gehör gab! Gewissermaßen sind Sie verantwortlich, dß Sie mir wenigstens einen Menschen in ihm herausstellen, mit dem sich wie mit andern Verlegern verkehren läßt. Muß ich mir auf meine alten Tage diesen Ärger, diese Beschädigung meines literarischen Rufes gefallen lassen, einen mir so hingeschleuderten Vorwurf "ich verstünde den Buchhandel nicht" und dann seine Abreise in die Weite! Wo ich mit meinem Herzblute, das ich in den Roman hineingeschrieben habe, auf eine subtile, fürsorgende, alles mit Maaß betreibende Operation rechne, das schnelle Hervortreten der 3 Bände auf Einmal wie bei Spielhagen, Heyse, Auerbach u allen andern; wo ich im Contrakt nur Angst hatte, der Heißsporn käme zu früh; muß ich nun erleben, daß von Band 2. auch noch nicht eine Zeile mir zur Correktur geschickt und der ganze Roman, wie eine bandweise erscheinende Geschichte Schlesiens oder dergleichen oder ein Colportageroman behandelt wird, u gerade, als wenn der Verleger 10,000 Thaler dafür hätte zahlen müssen!!! [...]

Der einfache, aller auf die Masse wirkender Motive entbehrende Liebesroman, dem nicht die Spur von "Sensation" anklebt, geht dabei zu Grunde!

4.1.45. Gutzkow an Ada Christen, Heidelberg, 16. Januar 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,16 (maschA, ZfDr).

Der erste Band der Neuen Serapionsbrüder erscheint dieser Tage und bringt den "Hörselberg", den man ja allgemein als die Wohnstätte der Frau Holle und den Tannhäuserberg kennt. Die Aenderung konnte ich nicht weiter ausdehnen.

[→ 4.1.39.; → Entstehungsgeschichte; → Erl. zu 124,19-20.]

4.1.46. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen, 2. Januar 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,2I (hsA).

Möge sich die Hoffnung auf eine 2te Auflage der N. Serapionsbrüder erfüllen.

4.1.47. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen, 20. Februar 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,50 (hsA).

Warum mußte ich Unglücklicher das Opfer Ihrer ersten Verlegerphantasien werden, die Sie bestimmten, mir zu sagen: Ich verstünde nichts vom Buchhandel?!

Total im Ruf u theilweise im Existenzbereich bin ich geschädigt durch die Plötzlichkeit Ihres Einfalls, von meinen Neuen Serapionsbrüdern 5000 Exemplare zu drucken, die Bände nach 4 u 4 Wochen erscheinen zu lassen u dann nach Italien, Frankreich zu verreisen u mich sozusagen ganz im Stich zu lassen, selbst der Druckerei gegenüber, mit der ich erst allmälig in die Reihe kam!!

[...]

Ein Roman kann im ersten Anlauf nur 1500 Exemplare absetzen. Dann ist er glänzend gegangen. Wurden vernünftigerweise 2000 Exemplare gedruckt, so wurde dem Verleger beim Nachliefern, wenn er 1400, 1500 los zu sein glaubte, allmälig bange um den Nachschub u er brachte die zweite Auflage, die dem Buche neuen Schwung, dem Autor Ehre einbringt. Er druckt sie, ob auch darüber 3-400 Exemplare der ersten Auflage als Makulatur fürs Erste riskirt werden müssen. All meine Sachen bei Hallberger u. A. (bei Brockhaus) erlebten noch die wirkliche 2te Auflage. Sie aber und Ihr System, das Sie bei Andern ganz verlassen haben, zerstörten mir den Credit eines wie ich mich z.B. aus der Lektüre andrer Werke überzeuge, achtungswerthen, originellen Werkes!

Ich brauche ästhetischen Kredit u Geld. Soll ich den ersteren nur dem Berliner Faiseur, den unter sich u ihren Frauen sich bekomplimentirenden Juden lassen? Wie lange hat es gewährt, bis dieser Herr Lindau ein leidlich gnädiges Wort für mich in der Gegenwart hatte! Aber bei einer Fortbewegung mit einem Güterkarren von 5000 Auflage ist auch keine Anregung, kein "Selbst ist der Mann" möglich. Kurz, der Schluß des Jahres, mein kostspieliger Umzug hieher u vielerlei Andres bestimmten mich zu der Frage: Wie denken Sie es mit dem Ueberdruck des 1ten Bandes von 3000 Exemplaren zu halten? Wie komme ich aus der einfachen Lage: "Der Mann hat Pech!" heraus? Warum muß ich so das Opfer Ihrer ersten Verlagsstudien sein?!!

4.1.48. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen, 25. Februar 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,55 (hsA).

Obschon ich nun im Wesentlichen gern bereit bin, mit Ihnen "auf Treu u Glauben" dies u das abzuschließen, so muß ich doch 1) dagegen protestiren, daß mein Contrakt "Klauseleien" enthält! Ich bitte Sie um Alles, sehen Sie sich diese paar Paragraphen an, die nicht einfacher sein können. Noch nie habe ich einen so einfachen Vertrag geschlossen! 2100 Exemplare - 5 Jahre Eigenthum - Neue Auflagen neue Vereinbarungen Punktum. Wo sind da "Klauseln?" Erschreckend wurde mir nur Ihr plötzliches 3000 mehr, das Nach u Nach, worin ich nachgab, weil Sie drängten, telegraphische Antwort begehrten, reisen wollten.

2) bin ich gegen jeden Schein von Titelauflagen.

Müssen Sie Band 2 u 3 neu drucken, so können Sie auch Band 1. makuliren, Band 1. neudrucken.

Sie drucken in völlig veränderter Schrift u mit einer Vorrede von mir eine 2te Auflage, pure neu. Merkt man ihr das vorgeklebte neue Titelblatt an, so ist die Sache verdorben, futsch!

Das Eigenthumsrecht erstreckt sich vom Erscheinen wieder fünf Jahre. Natürlich würde eine Auflage von 1500 Exemplaren völlig ausreichen, so daß wir leicht auf eine 3te kommen.

Die Honorarfrage will ich, obschon ich noch nie in meinem Autorleben diesen Modus eingegangen bin, annehmen. Nur ist die Berechnung 1 Mark 50! pro 3 Bände zu ungünstig für mich. Ich müßte auf mindestens 2 Mark pro Ex. bestehen, wobei natürlich über die 2100 Ex. der ersten Auflage ein Strich mit abgemacht gezogen wird. Es handelt sich nur um einen wirklichen Neudruck von 3 Bänden in 1500 Ex.

[...]

Sie sprechen von meinen 3 Verlegern, Costenoble, Janke u Sie! Aber sagen Sie selbst, wie weit ich wol mit meiner Existenz käme, wenn ich mehr solcher Vereinbarungen annähme, wie ich Ihnen jetzt, mit entschiedenem Protest gegen eine "Titelauflage", vorschlage! Ein sehr verklausulirter Contrakt bindet mich an Costenoble, dem ich die ersten Angebote machen muß, wobei denn in der Regel die Möglichkeit, Nein! zu sagen u sich anderweit zu helfen, ergiebt. Es ist mit dem Mann nicht zum Auskommen.

[...]

Nach nochmaligem Durchlesen. Ob Sie nun 2 oder 3 Bände neu drucken ist doch tout egal. Und der Erwerb von 3000 Bänden Makulatur (die vorsichtig zu verwenden wäre) ist auch nicht zu verachten. Uebrigens gebührt mir davon ein Antheil, nehmen wir das Honorar für die neue Vorrede, 30 Mark. Die ganze Unternehmung müßte auch rasch erfolgen, von Ihrer Druckerei jeder Band gleichzeitig gesetzt.

4.1.49. Gutzkow an Klara Mosson, Sachsenhausen, 18. März 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,78 (maschA).

Die 2te Auflage der Neuen Serapionsbrüder habe ich vorgestern contraktlich abgemacht. Leider aus besondern Gründen - ohne Honorar!

4.1.50. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen, 21. März 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,81I (maschA).

Wenn Sie schon beginnen (Correktur muß ich Ihnen u einem intelligenten Correktor überlassen), so schicke ich Ihnen nächstens schon die versprochene Vorrede.

4.1.51. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen 18. Juni 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,168 (hsA).

Ich sehne mich nach den bewußten Aushängebogen u gehe dann sogleich an eine möglichst anziehende Vorrede, die jene Auffrischung ersetzt, die Sie so gern gehabt hätten. Für jetzt, wo ich von diesem Neudruck kein Honorar erhalte, kann ich nichts dafür thun. Die Correktur übernehme ja ein Mann, gewissenhaft u streng, damit Ihrer Druckerei u mir selbst alles zu Ehren gereicht! Ab u zu ein Inserat dürfte zu empfehlen sein.

4.1.52. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen, 27. Juli 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,217 (hsA).

Besten Dank für die Abdrucke der Vorrede.

Leider wimmelt sie von Druckfehlern.

Man kann, wenn man mit Ehren vor der Welt als Schriftsteller bestehen will, nichts von sich herausgehen lassen, ohne die Correktur bedingt zu haben!

4.1.53. Gutzkow an Christoph Wiese, Sachsenhausen, ca. 15. August 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,ca225a (H, maschA).

Sie sehen an dieser meiner Vorrede zur 2ten Auflage der Serapionsbrüder (ohne Honorar!!) wie erschöpft, angegriffen im Denken fast gestört ich bin. Dabei die Furcht, die Satansbrut der Feinde zu mehren, das Judenvolk - ach, es ist ja kein Wunder, dß Nobilings u Hödels kommen bei soviel Bestialität der Presse, Mangel an Ehrfurcht, der politischen Tollwuth usw.

4.1.54. Gutzkow an Salo Schottlaender, Sachsenhausen, 6. September 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,246 (maschA).

Die Correkturen der Serapionsbrüder, der Offiziersehre, der neuen Auflage der Ritter v. Geist kommen alle mit der größten Regelmäßigkeit bei mir an.

4.2. Dokumente zur zweiten Auflage

4.2.1. Gutzkow an Salo Schottlaender. Sachsenhausen, 19. August 1878. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 78,229 (hsA).

Alles Andre, was noch zu erledigen wäre (die Correktur der Vorrede zur 2ten Auflage der N. Serap. (die beiläufig gesagt Aufsehen gemacht hat) auf den nächsten freien Augenblick verschiebend mit herzlichem aufrichtig gefühltem Dank für Ihre Theilnahme [...].

4.2.2. Karl Gutzkow: Die neuen Serapionsbrüder. Vorwort zur zweiten Auflage. (→ 1.2. Drucke, E2, S. I-XVI; Neudruck in: GWB I, 17, S. 587-596).

Wol nicht oft mag ein Buch in so heiterer Laune geschrieben worden sein, als das nachfolgende.

Und dennoch, dennoch hat der Autor, und das selbst bei dem gebildeten Leser, so viel Gelegenheit gegeben, mit ihm unzufrieden zu sein!

Denn was brauchte ich den wunderlichen Einfall zu haben, die alte Tieck-Hoffmannsche Umrahmung der Erzählung durch die Plaudereien einer geschlossenen Gesellschaft zu unterbrechen! Retardation in einer Zeit des Dampfes, wo alles auf dem qui vive steht: Wo? Wie? Was? Warum? Wer läge heute noch auf dem Sopha und läse ruhig einen Roman von Tieck oder Steffens! Wo sind die Menschen stiller Versenkung und Absperrung gegen die immer, sagen wir es offen heraus, dümmer und dümmer werdende Außenwelt! Denn dumm machend ist es doch, ewig an das "deutsche [II] Reich" denken zu sollen und an die Wahlen und die Verdienste der Herrn N. N. und N. N! Höchstens der gebundene Vers hat noch bei einigen Liebhabern und Selbstversuchern in dieser Gattung Poesie das Privilegium, etwas langsam vorschreiten zu dürfen. Die Prosa dagegen soll beflügelt, stoffreich, sensationell, "packend" sein, und es giebt auch Schriftsteller genug, besonders österreichische, die in einer Manier schreiben, als stände geradezu Jack mit der Peitsche hinter ihrem Pegasus und triebe ihn wie beim Wettrennen.

Wie ich vor einigen Monaten gegen den "ästhetischen Schwulst" geschrieben habe und in aller Ruhe an den höchst wirksam gewesenen, wenn auch natürlich nicht eingestandenen Erguß meines Zornes zurückdenken kann und mit dem Erfolge meines Votums (die Antworten der Getroffenen und die Blätter der Aufhetzenden konnten mir von vornherein gleichgültig sein) durchaus zufrieden sein kann, so gestehe ich auch hier in diesem Vorwort ganz offen: Ich habe zun?chst beim Schreiben dieses Buches Behagen nur für mich selbst gesucht, und den Leser vollst?ndig ignorirt! Ich sagte mir: wohin soll denn das in unserer Literatur noch führen? Willst wieder einen Roman schreiben? Wieder in hundertfache Concurrenz treten, die in Deutschland die erzählende Muse zu bestehen hat? Man sehe doch nur allein das [III] wöchentliche Volumen unserer illustrirten Journale an. Wo soll der Schwindel noch hinaus? Die Erbschaftsprocesse, die Geldunterschlagungen, die Mündelbetrügereien, die Ehebrüche, die Abenteuer zu Wasser und zu Lande, es reißt nicht ab, und mit ihm die Unmasse neuer Namen, neuer Unsterblichkeiten! Der Roman ist Busineß des hundertarmigen Briareus Industrie geworden. [→ Globalkommentar, 6.1.1. Déformation professionnelle und Pathologie der Gesellschaft] Geschäftig, rasch, an sich selbst glaubend, wie ein Donnerwetter, wie aus der Pistole geschossen geht das von Journal zu Journal. Wer macht das noch gern mit? Der deutsche Roman als ein dem Leser mit Geflissenheit gewidmeter ständiger Drang der literarischen Mittheilung ist mir, das ist mein Geständniß, geradezu ein Gegenstand der Widerwärtigkeit geworden. Denn, das Talent in Ehren, so muß doch auch diese Dichtungsform aus Weihestunden hervorgehen. Und diese hat wohl, trotz Goethe's bekanntem Spruch vom "Commandiren der Poesie", eine Nation und ein Individuum so zu jeder Stunde nicht zur Hand! Unsere "beliebten Erzähler" lassen es uns freilich glauben. Die stete Roman-Marschbereitschaft von N. N. und N. N. (nomina sunt odiosa) erfüllt mich weniger mit Bewunderung als mit Entsetzen.

Das Nichtvorhandensein dessen, was ich schreibe, auf dem Lesepult der Anhänger des "ästhetischen Schwulstes" [IV] ist so banal und wird so methodisch von der Kritik unterstützt, von mancher Seite sogar mit bewußter "Bosheit" unterstützt, daß selbst wohlwollende Kritiken über den Tadel der oben erwähnten Umrahmung und die üble Wirkung des Ueberspringenmüssens von Gesprächen nicht haben hinauskommen können. Warum denn aber, frage ich, seid Ihr so humorlos? Warum denn nur die paar Maßstäbe der Beurtheilung, die in die Spalten einer unserer Zeitungen passen? Warum denn nur verrathen, daß man erst zwei oder drei Jahre in der Tretmühle der Literatur arbeitet und von der Vergangenheit außer dem Nothwendigsten nichts weiß? Das ist den Neulingen geläufig: Tadel hebt, Lob aber nur unter Umständen. Und das Komische ist, diese Kritiker wollen gebildeten literarischen Ursprungs sein und gleichen doch in ihren Ansprüchen an Spannung, Unterhaltung, Weglassung "alles Ueberflüssigen", sie wissen es selbst nicht, dem Publikum der Leihbibliotheken. Ich spreche noch nicht einmal von einer Sensationsbedürftigkeit, die jetzt maßgebend geworden ist und die nur aus den Hinterhöfen, aus den Kellern der Aesthetik der Socialdemokratie, im Uebrigen aus der Blasirtheit der Börse stammt.

Die Persönlichkeiten der "Neuen Serapionsbrüder" sollten mit der Handlung verknüpft sein, lautet ein Ver-[V]dict. Natürlich! Das sage ich auch. Denn - als wäre dem nicht so! Es ist geradezu Unwahrheit, zu bestreiten, daß es nicht geschähe. Aber von sämmtlichen Persönlichkeiten, die an jener Tafelrunde auftauchen, zu verlangen, daß sie in der Handlung eine eingreifende Rolle spielen, das wird keinem Billigdenkenden einfallen. Von den meisten und hervorragendsten Personen geschieht es.

Was das Sujet anlangt, so gebt dem hier geschilderten Raimund Ehlerdt das Zimmer Unter den Linden Nr. 18 und das Arsenal von Schußwaffen, das man dort am 2. Juni dieses Jahres in einem Schrank gefunden hat, so ist es Nobiling, und noch ehe Hödel existirte, stellt ihn Mahlo bei mir dar bis in die Einzelheiten des Castan'schen Panoptikons. Auch Mahlo war Colporteur. Mein Wolny spricht über das Capital Worte, von denen es mir leid thun würde, wenn sie ganz auf den Weg fielen. In gewissem Sinne werden sie es freilich. Bekanntlich kann man in Deutschland tausende von Wahrheiten aussprechen, es "kräht kein Huhn oder Hahn" darnach, wenn nicht das Wort aus dem Sessionszimmer der Praxis oder allenfalls aus der Studirstube eines ordensbehangenen, wegen der Cumulation seiner Aemter umschmeichelten Gelehrten schallt.

[VI] Wo ist der Lehrstuhl, von welchem aus man z. B. Hörer hat für folgenden Vortrag: Alle Eure Experimente, die socialdemokratische Bewegung aus der Welt zu schaffen, führen zu nichts! Weder die Kirche noch die Schule kann helfen, noch Eure Ausnahmegesetze! Die Kirche kann es nicht, weil die Orthodoxie einfach von Jedermann, der denken kann, abgewiesen wird. Wir behandeln die Kirche mit Pietät, mit Ehrfurcht vor den Männern, die einmal auf die Evangelien angewiesen sind. Aber jene Geister, die man jetzt zähmen, bändigen, aus dem Calibanischen heraus mit der Kunst eines Prospero bilden, umformen will und muß, diese Menschen sind für das Heilmittel "Gottesfurcht" so ablehnend, wie wenn man einem Vegetarianer Fleisch anbieten würde. Ja, wenn man verstünde und Genie besäße, Religion als große Sittenfrage zu behandeln, als Culturfrage, Genie, ein Profet zu sein, Luther, Spener, Riese im Sprechen, und das Rechte zu treffen. Das Rechte? Dazu gehört: Auch der Unglaube kann Religion werden! In meinen lange nicht genug nach Gebühr gewürdigten, mit Herzblut geschriebenen "Rittern vom Geist" ist die deutschkatholische Luise Eisold eine solche Profetin, die für Millionen Arbeiter die richtige Religion predigen und keine Nobilings und Hödels erzeugen würde.

[VII] Gervinus hat in seiner Schrift über die Deutschkatholiken Aehnliches geschrieben. Wenn die evangelische Kirche (mutatis mutandis) auf dem Standpunkte der "Stunden der Andacht" stehen könnte und wie der katholische Klerus schon von den Präparandenanstalten an für künftige Kanzelberedsamkeit sorgte, feurige Sprecher, muthige Erwecker heranbildete, so würden sich schon die Kirchen füllen, die Herzen heben, die sittlichen Rückschläge auf das Familienleben in den Tabellen der Criminalstatistik und Politik zeigen. Aber - lahm, lahm, lahm geht Alles - der Genius fehlt, Schwung, Talent - im achtzehnten Jahrhundert war es besser! Jetzt hat man nur Dünkel, Bewußtsein der Würde, Streben nach Genuß, Auszeichnung!

Die Schule soll wirken! Du lieber Himmel! Die deutsche Schule, sie taugt ja selbst nichts. Sie ist die wahre Pflanzstätte des Dünkels, der Blähsucht, der Gemüthsleere, des Pietätsmangels. Nehme man doch die meisten modernen Lehrer. Wo ist denn da ein Funke von Demuth? Alles wissen ja die Herren. Alles können sie. Die Schullehrer haben Königgrätz gewonnen, Wörth und Sedan. Was kann aus der Schule Anderes kommen, als Prahlsucht? Unser grassirender Streberdrang? Stetes Drängeln? Unsere ganze wissenschaftliche Gegenwart sogar auf den Universitäten ist Drängeln.

[VIII] Die Socialdemokratie, wie Lasker nach seiner Meininger Rede will, "ihre Ziele lassen" und nur die Methode rectificiren, wie sich diese zum bestehenden Staate stellt, das heißt dem Advocatengeist und dem Juristentag die Oberhand lassen in unserem Jahrhundert und uns immer tiefer ins Verderben stürzen. Der Trieb, gerecht zu sein, ist zur Laxheit geworden. Ein Zugeständniß, ein Compromiß nach dem andern ist erfolgt. Das Grauenhafteste ist die Basis, auf welcher man jetzt steht, das allgemeine directe Stimmrecht. Durch einen Irrthum scheint es in die Welt gekommen, ein Mißverständniß, vielleicht einen Macchiavellismus. Andere Blüthenträume hatten die Staatsmänner, die einen Humboldt neben einem Droschkenkutscher mit gleicher Wirkung abstimmen ließen und die Masse souverän machten, vielleicht in Fernsicht! Sie dachten sich nicht, daß es bis zu Kugeln und Rehposten unter den Linden kommen würde. Auch die stabilen "Begnadigungen" der scheußlichsten Raubmörder dachten nicht an künftige Rehposten.

Furchtbarere Schilderungen der sittlichen Verwahrlosung des Volkes, als es bereits giebt, vermag ich nicht zu entwerfen. Sie finden sich in hundert Büchern, Broschüren, Zeitschriften.

Zur Heilung des Uebels möchte ich nur die Vorstellung vom Socialdemokraten in natura, seine In-[IX]dividualität, sein Abbild vorführen. Nicht wie es in einer Schmoller-Held'schen Broschüre lebt, sondern so, wie sich die Phantasie des Gesetzgebers in unser entartetes Volksleben und dessen Ursachen hineinversetzen muß. Um ein paar Schwärmer, die Ferdinand Lassalle in den Sechsziger-Jahren um sein großes Rednertalent versammelt hatte, handelt es sich ja nicht mehr. Das uns gewährte allgemeine Stimmrecht, dies abscheuliche Danaergeschenk, bildet den Anfang der Bildung von "Arbeiterbataillonen", die noch nicht ganz uniformirt sind, aber sich doch einander ähnlich sehen.

Der Socialdemokrat, den ich um sechs Uhr Feierabend machen sehe, Sonnabends schon um 4 Uhr, der dann rasch an die schon im Putz harrende Gattin den Wochenlohn abliefert, sich wäscht, Toilette macht, etwas soupirt und von 20 Theatern sich dasjenige aussucht, wo ihm das Bier aus der besten Quelle zu fließen scheint; derselbe, der oft mit Kind und Kegel bis lange nach Anbruch der Nacht in diesen Musentempeln mit offener Luft, qualmenden Gasröhren, Bratenfettgestank aushält und der in der Regel taumelnd, mit Verwünschungen auf Gott und die Welt, manchmal mit jenen "Majestäts-Beleidigungen", die jetzt mit so drakonischer Strenge gestraft werden, nach Hause wankt, das ist der eigentliche Caliban (Abends seht ihr ihn in dem Gewühl der [X] Oranienstraße in Berlin, aus allen Sommergärten, Tingeltangeln, Volkstheatern, Schanklokalen treten), von welchem Lassalle nicht Montags seine 6 Pfennige sammeln konnte zu einem anständigen Vereinszweck, der aber in die Büchse des "Alligators" (Agitators) wirft, wenn die Stimmung da ist, alles zu verrungeniren, Commune, Internationale, was weiß ich, zu machen. Es ist das "Stimmvieh" in natura. Den ersten Anschlag mit den 6 Pfennigen hatte der Bürgermeister Ziegler gemacht, ein edler Schwärmer, geschäftlicher Volksbeglücker. 200,000 Arbeiter, die zahlungsfähig angenommen wurden, brachten den plötzlich so liebevoll betrachteten Beobachtungsobjecten auf diese Art aus ganz Deutschland 100,000 Thaler heraus. Lassalle betrog sich in diesen Voraussetzungen eines socialistischen Dilettanten, wie in so vielem. Er hatte ein Heer von Schmeichlern um sich und in Wahrheit nur Deficit. Letzteres war so enorm, daß es zur Tragik werden durfte. Aber die nach ihm gekommenen Führer brachten den Calcul etwas höher und allmählich entstanden aus den Strikes die verschiedenen Gewerkvereine, so daß der allgemeine Verein des großen Lassalle zuletzt ganz aufhörte. Ob Verein oder nicht, sechs Pfennige oder nicht, der Geist, der das Gewühl dieser Menschen verbindet, ist derselbe. Das [XI] Stimmrecht (Alexander von Humboldt wählend mit gleichem Ausschlag wie der Droschkenkutscher) und die allgemeine Theaterfreiheit (Entrée 30 Pf.) haben das Bewußtsein des Mannes und aequal das der Frau gesteigert. In die Familie des Arbeiters ist die Vergnügungssucht gedrungen. Sie ist die Zerstörung des ans Haus gebundenen Sinnes, die Verbreitung frivoler Anschauungen geworden. Wen klage ich noch an? Die Toleranz unserer Theatercensur, die gegen Männer von Geist und Charakter ablehnend sein kann, aber in den Punkten, die für die Volksbildung maßgebend sind, eine arkadische Nachsicht hat. - "Madamken, wat bilden Sie sich ein! Ick soll das Holz vom Boden holen? Kohlen aus dem Keller tragen? Ha, das fehlte noch!" Das ist die Sprache der Sphäre, wo der Witz unserer Possendichter die Lacher auf seine Seite zu ziehen sucht. Die Köchin, das Stubenmädchen, der Hausknecht bilden sich darnach. Wer schreibt überhaupt für diese Bühnen? Schauspieler, denen die Stimme ausgegangen ist, um noch ein Engagement zu finden, witzlose Mitläufer am Theaterwesen, Plagiatoren am ersten besten alten Stücke, das mit neuen Lumpen behangen wird, ohne daß irgend eine Kritik die Quelle aufdeckt, eine Anzahl Unberufener, die mit Hilfe von Agenturen die Stücke "anzubringen" und den Blödsinn [XII] permanent zu machen verstehen. Schlägerei, Hinauswerfen, Auftrumpfen, Krakehl innerhalb der Familie, in Hosen gehende junge Mädchen, die sich jeden Ausbruch des Uebermuths erlauben dürfen, das sind die gewöhnlichen Motive dieser Arbeiten, welche jetzt die Schule des Volkes bilden. Im "Couplet" wird der souveräne Verstand des Komikers, des Hausknechts, der Köchin, der Probirmamsell, der "leichten Person", des Barbiers, einmal sentimental, im Uebrigen Richter über Alles, was in der Welt gerade zur Sprache kommt, über Türken, Russen, Bismarck, Windhorst u. s. w. wie in den Witzblättern. Alles ist Schein! Alles ist Lüge! lauten die Refrains. "Da ist ein Minister mit blinkendem Stern, der hätte den Stern auch im Hause so gern. Die Ministerin aber liebt Oper, Concert, der Musiklehrer ist ihrem Herzen so werth." Das sind die Leistungen der Presse aus der Mühler-Zeit! Der Komiker ist der Erzieher des Volks geworden. Die Reife des Urtheils nimmt man aus dem Munde der Nähterin, des Barbiers im Theater. Ich bin gewiß für Theaterfreiheit, aber nur für Freiheit im geschlossenen Raum, bei einem dermaßen normirten Preise, daß sich der Begriff des ersten Ranges und des Fünfgroschenplatzes durchaus unterscheide.

Das dritte sind die Witzblätter, die ich mich zu [XIII] charakterisiren scheue, weil ich einige Bekannte und Freunde unter den Redacteuren derselben habe. Ich will mich nur darauf beschränken, auf den Londoner "Punch" aufmerksam zu machen. Eine große Nation, wie die englische, faßt den Humor in der Journalistik anders auf, als die deutsche. Der "Punch" giebt in jeder Nummer ein großes, dem Weltpanorama entnommenes satyrisches Bild, ob es nun England und den britischen Leoparden oder das Sternenbanner der Vereinigten Staaten, Disraeli und Isabella von Spanien berührt. Der übrige Inhalt des Blattes kommt den Münchener "Fliegenden Blättern" gleich. Es sind harmlose Illustrationen des letzten Wettrennens, einer mißlungenen eingeregneten Wasserpartie, eines ersten ländlichen Versuches junger Damen, auf Mauleseln zu reiten; es sind die Illustrationen von Jahrmarktsmerkwürdigkeiten, die gerade besprochen werden, einer neuen Erfindung, eines Vorfalls in einem Aquarium, einem zoologischen Garten. Eine entlaufene Schlange besucht in seiner Studierstube einen Gelehrten, der über Schlangen schreibt. Wird man über das Stutzen desselben nicht lachen? Was aber bei uns? Eine fortwährende hämische Sucht auf Persönlichkeiten! Ein ewiges Karrikiren und Nörgeln an den Parteigegnern! Erzieht das ein Volk? Ungroßmüthiger Mißbrauch der Presse [XIV] und des Zeichenstifts, ist das eine Schule des Edelmuthes? Eine parlamentarische Niederlage, die Verstimmung einer Minorität gehört der Debatte an, aber nicht der Satyre. Die methodische Erziehung des Volkes zum Gemeinen, Unedlen, Pietätlosen liegt hier auf der Hand. Ist die beständige Karrikirung der Priester, Windhorst's und anderer Persönlichkeiten nicht eine wahre Gemeinheit? Und der fortwährende Triumph anderer Personen nicht die erbärmlichste Anleitung zur hündischen Schmeichelei und Gesinnungslosigkeit? Alle Sprungfedern der sittlichen Haltung eines Volkes sind bei uns losgelassen, wie bei einem Divan, der reparirt werden soll. Alles zittert ohne Halt in der Luft.

An diese Quellen geht! Diese verstopft! Denn aus ihnen geht die Schundgesinnung hervor, deren Culmination das eherne Lohngesetz, die Theilung der Rente, die productive Genossenschaft, die Verdonnerung des Capitals, der Schuß Hödels, die Frivolität Nobilings entsprungen sind! Auch die Debatte über die "Arbeit" auf den Kathedern muß von den Regierungen ohne Weiteres abgesetzt werden.

Ernest Renan hat den verrückt gewordenen Geist der Commune, der "Anarchisten" (die nur Städte, keinen Staat wollten) in einem allegorischen Drama, "Caliban" [XV] genannt, schildern wollen. Der erste Caliban, der in Shakespeare's "Sturm" vorkommt, hat, wie Paul Lindau richtig bemerkt, nicht die mindeste Spur einer Bezüglichkeit auf eine andere Verwilderung, als die sich seit Terenz und Plautus bei den Dienenden gefunden hat. Im Gehorchen ist der Hausknecht träge. Die Entdeckung der Bermudasinseln regte in London die Neugier und Phantasie an und bevölkerte jene Inseln mit allerlei Humbug, den dann Shakespeare im Interesse der wahrscheinlich sehr geschmacklosen Maschinerieen von Inigo Jones noch überbot. Das Curiosum, daß jener Schauspieler, der wahrscheinlich den Polonius gespielt hat, auch den im "Sturm" vorkommenden hochweisen Rathgeber Gonzalo spielte und bei den Unterhaltungen den auf ein Abbild der Bermudasinseln verschlagenen vornehmen Herrschaften die vollständige Lehre der Communisten predigt, diese humorvolle Scene war wohl auf die Atlantis des Thomas Morus gemünzt. Sie ruft mir vollständig die Worte zurück, die ich auf einer Delegirtenversammlung in Berlin einen Redner aus Kassel habe vortragen hören. "Wer untersteht sich zu sagen: Mir gehört das Feld? Mir gehört der Wald? Gott hat Alles für Alle wachsen lassen! Wozu das Erbrecht? Darf Einer Millionen erben, die er nicht selbst erworben hat?" Schutzmänner standen dabei [XVI] und ließen ruhig den verrückten Sprecher die Tragweite seiner Stimme zeigen, gerade, als wenn er Griechisch spräche. Wenn das Eure Kurmethode ist! Die Duldung war wie von oben bestellt.

Sei mein Werk Wohlwollenden empfohlen.

Sachsenhausen bei Frankfurt, im August 1878.

4.3. Entstehungsgeschichte

Gutzkow begann mit der Niederschrift seines letzten Romans, nachdem er im Oktober 1875 mit seiner Familie nach Heidelberg gezogen war. Motiv für die umfangreiche Arbeit an einem dreibändigen Roman war seine prekäre finanzielle Situation, die er in einem Brief an Johannes Nordmann vom 19. April 1876 schildert: Er müsse die Existenzsumme für ein ganzes Jahr verdienen, sich deshalb ganz auf den Roman konzentrieren und könne sich nicht mit journalistischen Arbeiten verzetteln (→ 4.1.3.). Ausschließlich finanzielle Gründe nennt er auch in seinem Brief an Clara Mosson vom 15. Juni 1876 (→ 4.1.4.), und seinem Verleger Costenoble kündigt er den Roman mit dem Hinweis an, er sei zunächst für eine gutzahlende Zeitung bestimmt (→ 4.1.2.).

Aus einem Brief an seinen Kopisten Christoph Wiese vom 24. Februar 1876 geht hervor, dass er für den Roman einen älteren Text benutzte und überarbeitete (→ 4.1.1.). Es handelt sich dabei um ein Theaterstück über die sozialen Verhältnisse in der Gründerzeit mit dem Titel Verletzte Rechte der Natur, das Gutzkow 1872 verfasst hatte. Das Manuskript ließ er damals von Wiese kopieren und an Franz Dingelstedt, den Direktor des Wiener Burgtheaters, mit dem Hinweis schicken, es könne nur anonym aufgeführt werden (vgl. BrDing1, S. 99). Dingelstedt lehnte ab (vgl. BrDing1, S. 100-101). Das Theaterstück von 1872 ist verloren gegangen, aber in einem Brief Gutzkows vom 6. Juli 1876 an Otto von Leixner, der seit 1874 in der Redaktion von Lindaus "Gegenwart" in Berlin tätig war, findet sich ein Hinweis auf die 'Überarbeitung'. Gutzkow erklärt dort, er arbeite bei seinem Roman fast wie ein Dramatiker, nämlich vom 5ten Akte rückwärts, und: Da muß ein Motiv verändert, eine Person schon früher eingeführt, die Spannung des Lesers auf ein Kommendes eingeleitet werden (→ 4.1.6.). Offenbar hat Gutzkow bei der Niederschrift des Romans immer wieder auf das alte Stück zurückgegriffen. Das erklärt auch, warum er Wiese in seinem ersten Brief mitteilte, er müsse erst mit der Überarbeitung fertig werden, bevor jener mit dem Kopieren beginnen könne.

Die erste Fassung des Romans, an der Gutzkow bis in den November hinein schrieb, war für das "Berliner Tageblatt" bestimmt. Sie erschien dort in laufenden Fortsetzungen vom 19. Oktober 1876 bis zum 13. Januar 1877 (Rasch 3.76.10.19). Die Suche nach einer gutzahlenden Zeitung hatte sich erledigt, weil der Verleger des "Berliner Tageblatts" Rudolf Mosse durch seinen Feuilletonredakteur Oscar Blumenthal das dringende Interesse an Gutzkows neuem Roman bekundete. In einem Brief vom 6. August 1876 versicherte ihm Blumenthal, dass die Veröffentlichung im "Tageblatt" unmittelbar nach dem Abschluss von Spielhagens "Sturmflut" im Oktober beginnen könne, stellte ein "pekuniär vortheilhaftes" Angebot in Aussicht und versprach Vorschläge für eine "möglichst gewinnreiche Verwerthung des Manuscripts" (→ 4.1.10.). Schon am 11. August bedankte sich Blumenthal für die Bereitschaft Gutzkows, dem "Tageblatt" die "Serapionsbrüder" zu überlassen und bat darum, ihm die "Honorarbedingungen" mitzuteilen. Offensichtlich beunruhigt durch die von Gutzkow erwähnte Ähnlichkeit seines Romans mit Spielhagens "Sturmflut" erwog Blumenthal, zwischen die beiden Romane eine kürzere Novelle einzuschieben (→ 4.1.11.). Dazu ist es aber nicht gekommen, da der Abdruck der "Sturmflut" im "Tageblatt" sich länger als geplant hinzog. Nicht weiter verfolgt wurde auch der Vorschlag Blumenthals, dem Verlag der "Monatshefte" die Buchveröffentlichung zu überlassen. Otto Blumenthal war Herausgeber der Zeitschrift "Neue Monatshefte für Dichtkunst und Kritik" (1875-1877), deren 2. Jahrgang 1876 bei Günther in Leipzig erschien.

Die Modalitäten der Vertragsgestaltung wurden bei einem Besuch Blumenthals in Heidelberg besprochen, den Gutzkow in einem Brief an Klara Mosson vom 21. August erwähnt (→ 4.1.12.) und auf den sich auch Blumenthal selbst am 26. August in einem Schreiben bezieht, mit dem er Gutzkow die Verträge zur Unterschrift übersandte. Blumenthal bestätigt darin das vereinbarte "Honorar von 4000 Thalern" und bittet um Zustimmung zu einer Klausel, nach der Mosse das Recht erhält, neuen Abonnenten die ersten fünfzehn Fortsetzungen nachzuliefern. Dagegen hatte Gutzkow offenbar keine Einwände, denn er weist Klara Mosson am 27. Oktober darauf hin, dass sie auf diese Weise die ihr eventuell entgangenen Fortsetzungen erhalten könne (→ 4.1.37.).

Gutzkow hatte mit dem Verleger des "Tageblatts" Rudolf Mosse ein Abkommen getroffen, wonach weitere Zeitungen für den Vorabdruck gewonnen werden sollten (→ 4.1.15.). Darauf bezieht sich Blumenthal mit der Ankündigung, dass die "Briefe an die deutschen Blätter unmittelbar nach dem Empfang Ihres Contraktes vom Stapel gehen" sollten (→ 4.1.14.). Bis zum 6. September lag allerdings nur eine Zusage der Breslauer "Schlesischen Presse" vor (→ 4.1.18.), die von Salo Schottlaender verlegt wurde. Am 28. August richtete Gutzkow deshalb an seinen alten Freund Carl Theodor Fasoldt die Bitte, sich für einen Abdruck in der "Dresdner Zeitung" einzusetzen (→ 4.1.15.). Der Roman erschien dann etwa zeitgleich in allen drei Zeitungen (vgl. Rasch 3.76.10.19). Am 1. September berichtete Gutzkow in einem Brief an Wiese, dass er das Buch an Mosse verkauft habe (→ 4.1.16.).

In ständigem Austausch mit seinem Kopisten arbeitete Gutzkow kontinuierlich bis in den Herbst an seinem Manuskript. Schon in dem Brief an Nordmann vom 19. April 1876 hatte er erwähnt, dass der Roman bis Oktober abgeschlossen sein müsse (→ 4.1.3.). Am 30. Juni teilte er Otto Leixner mit, dass sein Manuskript zu 2/3 schon fertig sei (→ 4.1.5.). Es kann sich dabei aber nur um eine Rohfassung gehandelt haben. Dafür spricht auch eine Bemerkung gegenüber Clara Mosson vom 12. Juli, wonach ihn erst zwei Situationen selbst [...] befriedigt hätten, und er äußert die Befürchtung, alles in den Ofen werfen zu müssen (→ 4.1.7.). Die Korrespondenz mit Wiese belegt auch, dass laufend neue Manuskripte kopiert wurden, die vor allem zum zweiten und dritten Band gehörten. Tatsächlich gelang es ihm nicht, den Oktober-Termin einzuhalten, zumal die Produktion durch Textrevisionen immer wieder unterbrochen wurde. Im August entschied er sich, drei Bogen des zweiten Bandes in den ersten zu übernehmen, wodurch eine erneute Korrektur nötig wurde (→ 4.1.16.). Der zweite Band erwies sich danach als zu kurz; Gutzkow erweiterte ihn um eine Scene (→ 4.1.24.). Kurz vor Beginn des Abdruckes im "Tageblatt" erhielt Wiese am 17. September den Auftrag, die ersten vier Bogen des ersten Bandes nochmals zu kopieren (→ 4.1.22.). Am 24. Oktober teilte Gutzkow Wiese mit, dass er die Revision des zweiten Bandes abgeschlossen und die des dritten Bandes begonnen habe, dessen fünftes Kapitel er ihm zur Korrektur beilegte (→ 4.1.36.). Am 28. Oktober bestätigte er den Erhalt der Korrekturfassung, äußerte aber zugleich die Absicht, die beiden ersten Bände nochmals zu bearbeiten: Ich muß alles leidenschaftlicher, packender machen. Sonst verspiele ich. Sichtlich aufgeregt teilte er Wiese mit, er solle die neue Fassung verbessern [...] wie Sie wollen, nur daß allmälig ein neuer stärkerer Text gewonnen wird. (→ 4.1.38.). Gemeint ist wohl die Aufteilung der Kapitel auf die beiden Bände mit dem Ziel eines gleichmäßigen Umfangs. Auch im November war der dritte Band für den Vorabdruck in den Zeitungen, der inzwischen begonnen hatte, noch nicht abgeschlossen (→ 4.1.41.).

Gutzkows penible Arbeitsweise bei der Korrektur und Revision des Romantextes ist aus den Briefen an Christoph Wiese ersichtlich. Er beschränkte sich dabei nicht auf die reine Korrektur der Abschriften, sondern stellte einzelne 'Szenen' um (→ 4.1.24.), sprang im Manuskript vor und zurück, nahm Änderungen im Text vor und verlangte Modifikationen der Schreibweise (→ 4.1.25.). Selbst in der bewährten Kooperation mit Wiese kam es zu Missverständnissen, weil Wiese sich über Zusammenhänge zwischen den einzelnen ihm übersandten Teiltexten nicht mehr im Klaren war (→ 4.1.30.). Schließlich beschäftigte Gutzkow im Oktober, angesichts der Vielzahl der Änderungen, einen zweiten Kopisten an seinem Wohnort Wieblingen und versuchte anschließend den Zusammenhang mit den bei Wiese vorliegenden Texten zu rekonstruieren (→ 4.1.36.).

Die erhaltenen Briefe an Wiese lassen zwar das Ausmaß der Textrevision erkennen, Details aber können nur in einigen Einzelfällen rekonstruiert werden. Vor allem setzen die vorhandenen Briefe nach der Ankündigung des Romans am 24. Februar erst am 29. Juli wieder ein, als Gutzkow bereits mit dem zweiten und dritten Band beschäftigt war. Über die gemeinsame Arbeit am ersten Band liegen keine Briefzeugnisse vor. Mit dem Brief vom 1. September 1876, in dem Gutzkow mitteilt, dass er drei Bogen des zweiten Bandes in den ersten übernommen habe, entwickelt sich eine engmaschige Korrespondenz. Wie aus einem Brief an Klara Mosson vom 10. September hervorgeht, hatte Gutzkow zu diesem Zeitpunkt damit begonnen, den gesamten Romantext noch einmal zu revidieren (→ 4.1.19.), d. h. er arbeitete nebeneinander an allen drei Büchern. Am 17. September schickte er Wiese eine Neufassung des Romananfangs zum Kopieren, da ihm die alte Fassung nicht schlagkräftig für das Publikum des Berliner Tagblatts erschien, gleichzeitig korrigierte er Wieses Abschrift des zweiten Bandes, der viel zu kurz geraten sei, wie er dem Kopisten zwei Tage später schrieb. Inzwischen waren ihm einige Motive zur Ergänzung des Romananfangs eingefallen, die er in Wieses neue Abschrift eintragen wollte (→ 4.1.22.). Schon am 21. September geht diese erweiterte Fassung zur nochmaligen Kopie an Wiese. Zur Verstärkung des zu kurz geratenen zweiten Bandes erhält Wiese den Auftrag, den bisherigen Anfang des dritten Bandes als "Sechstes Kapitel" in den zweiten zu übernehmen (→ 4.1.25.).

Die im Hinblick auf den bevorstehenden Beginn des Romanabdrucks im "Berliner Tageblatt" immer hektischer werdende Produktionsweise blieb nicht ohne Pannen. So übersah Wiese beim Kopieren des zweiten Bandes eine später geschriebene besondre Einlage, wodurch der Zusammenhang des Textes verlorenging. Es handelt sich um eine der wenigen Stellen, die sich exakt lokalisieren lassen. Die Szene mit den 'Talglichtern' steht, allerdings in völlig veränderter Form, am Ende des fünften Kapitels des zweiten Buches (309,27), in dem Luzius sich seine Schuld gegenüber Holl eingesteht (→ 4.1.30.). Vermutlich handelt es sich nicht um die Korrektur einer älteren Fassung, denn Gutzkow zitiert auch den Anfang des fünften Kapitels im dritten Band nur ungefähr (glaube ich) mit den Worten Trauliche Stille der Familie! u.s.w. (→ 4.1.38.), eine aus der Erinnerung verkürzte Fassung des Wortlauts der Buchfassung, wo es heißt: Beglückte Stimmung der Herzen im traulichen Verein einer nur dem Guten, Schönen, der Sittlichkeit lebenden Familie! (456, 2-4)

Tatsächlich hat Gutzkow auch während der Textrevision der drei Bände nicht nur an der Gliederung des Romans gearbeitet, sondern weiterhin Formulierungen geändert und Ergänzungen eingefügt. In einem Brief an Wiese vom 18. November spricht er von der Nothwendigkeit, meinen zu kurz ausgefallenen Roman auf volle 3 Bände zu bringen, in höchster Aufregung darüber, dss ich noch im 3ten Bande stecke (→ 4.1.41.). Die Manie, ständig auszubessern und umzuschreiben, führte nicht nur zu Irritationen in der Kooperation mit Wiese, der sich manchmal in dem übersandten Material nicht zurechtfand, sondern auch zu sprachlichen Irritationen im Text. Oscar Blumenthal moniert in einem Brief vom 19. Oktober Gutzkows "allzu großen Eifer, in jeden Satz möglichst viel Gedanken- und Pointenmaterial hineinzupacken und hineinzuverbessern". Nachdem er den Romananfang im "Tageblatt" veröffentlicht hatte, seien dazu "beschwerdeführende Episteln" aus der Leserschaft eingegangen. Anhand einer besonders verschachtelten Stelle am Anfang des Romans beklagt er, "daß durch Ihre an sich so ehrenwerte Akribie und Unermüdlichkeit in der Ausfeilung und Verbesserung des Romans der klare Fluß der Rede und der schlanke Wuchs der Perioden hier und da recht empfindlich gelitten hat" (→ 4.1.34.). Gutzkow hat die Stelle in der Buchfassung (4,12-18) in der Tat entzerrt. Ein weiteres Mal änderte er eine Stelle für den Buchdruck, nachdem sich die Wiener Schriftstellerin Ada Christen am 11. November 1876 (→ 4.1.39.), schockiert über die Erwähnung ihres Namens in der Zeitschriftenfassung, bei ihm beklagte. Sie nahm nicht so sehr Anstoß daran, dass Gutzkows Roman sie als Heine-Epigonin darstellte, sondern dass der Buchdruck der Neuen Serapionsbrüder ihr literarisches Andenken im Zusammenhang mit dem Hamburger Berg, dem Vergnügungs- und Prostituiertenviertel der Hafenstadt, verewigen würde. Aus dem verrufenen Ort machte Gutzkow, wie er der Schriftstellerkollegin am 16. Januar 1877 mitteilte (→ 4.1.45.), im Buchdruck den zahmeren Hörselberg (124,19-20 und → Erl. dazu). Dass Gutzkow, der Verletzungen dieser Art in der Schriftstellerzunft nur allzu gut kannte, durch Christens Brief berührt war, lässt sich nicht nur aus seiner Erfüllung ihrer Bitte ersehen, sondern möglicherweise auch daraus, dass er ihren Ausdruck "Herzeleid" wohl gleich nach Erhalt ihres Briefes in seiner eigenen Korrespondenz mit Schottlaender verwendet (→ 4.1.40.): Obschon sich mir soviel Schmerz u Herzleid an die Veröffentlichung meines Romans knüpfen [...].

Die Publikation der Neuen Serapionsbrüder in der Presse brachte Gutzkow tatsächlich Leid. Blumenthal weist in seinem bereits erwähnten Brief jedoch den Vorwurf zurück, durch den vorzeitigen Beginn der Veröffentlichung in der "Schlesischen Presse" sei der Roman "ruinirt" worden. Tatsächlich führte die Zusammenarbeit mit Mosses Berliner Verlag und Schottlaenders Breslauer Verlag schnell zu Spannungen, nachdem es dem Autor gelungen war, die Veröffentlichung des Romans bei Schottlaender gegen Costenobles Einwände durchzusetzen. Gutzkow war mit Costenoble, in dessen Verlag zuletzt seine "Gesammelten Werke" von 1873 bis 1875 erschienen waren (Rasch 1.5.), durch einen Vertrag verbunden, der jenem ein Vorkaufsrecht auf alle seine künftigen Bücher einräumte. Im Fall der Neuen Serapionsbrüder hätten sich daraus Probleme vor allem für den Vorabdruck in den Zeitungen ergeben. Sein Freund Max Kurnick schlug ihm deshalb Salo Schottlaender vor, der auch Verleger der "Schlesischen Presse" in Breslau war. In einem Brief an Kurnick vom 15. September 1876 zeigte sich Gutzkow geneigt, für den neuen Roman mit Schottlaender einen jungen unternehmungslustigen Verleger zu gewinnen. Allerdings kündigte er an, die Verlagssuche angesichts seiner Arbeitsbelastung vorerst zurückzustellen (→ 4.1.21.). Schon am 24. September aber bot er Schottlaender den Roman gegen ein Honorar von 2000 Talern bei einer Auflage von 3000 Exemplaren an, unter der Voraussetzung, dass es ihm gelinge, Costenoble von seinem Vorkaufsrecht abzubringen (→ 4.1.26.). Nachdem Costenoble auf ein entsprechendes Schreiben vom 30. September hinhaltend reagiert hatte, fuhr Gutzkow in Briefen vom 6. und 12. Oktober (→ 4.1.31. und → 4.1.32.) schwereres Geschütz auf und erhob Vorwürfe, die zum Abbruch der Verhandlungen führen mussten.

Das Verhältnis zu Schottlaender blieb aber nicht lange ungetrübt. Bereits am 6. Oktober beantwortete Gutzkow einen Brief Schottlaenders, der sich offenbar über die Höhe der Honorarforderung beklagt hatte, mit dem Vorschlag, die Auflage auf 2000 Exemplare und das Honorar auf 1500 Taler zu reduzieren. Als Alternative schlug er vor, bei seinem ersten Angebot zu bleiben und dafür auf ein neues Honorar für die zweite Auflage zu verzichten, eine Regelung, nach der schließlich auch verfahren wurde. In einem zusätzlichen Kontrakt verlangte Gutzkow die Begrenzung des Eigentumsrechtes für den Verlag auf fünf Jahre und neue Vereinbarungen für eine weitere Auflage. Ausdrücklich sollte im Kontrakt fixiert werden, dass Gutzkow auch die letzte Revision der Druckbogen zur Durchsicht erhalten sollte (→ 4.1.29.). Das Procedere der Korrektur zwischen Autor und Verlag gab denn auch bald Anlass zu Verstimmungen (→ 4.1.37.). Grundsätzlich war Gutzkow an einen zügigen Austausch der Korrekturen gewöhnt, da Wiese, wie die meist rasch aufeinander folgenden Briefe belegen, ebenso konzentriert an seinen Kopien arbeitete wie sein Autor an der Niederschrift des Textes.

Bei der Kooperation zwischen dem Autor und den Verlagen in Berlin und Breslau geriet dieser Austausch sofort ins Stocken. Gutzkow arbeitete seit Oktober 1876 an der Revision des dritten Bandes für den Vorabdruck in den Zeitungen, zugleich korrigierte er die Druckfahnen des "Tageblatts" für die Buchausgabe (→ 4.1.40.). Die ersten Probleme ergaben sich aus der Kooperation mit und zwischen den beteiligten Zeitungen. Weil der Vorabdruck von Spielhagens "Sturmflut" im "Berliner Tageblatt" nicht rechtzeitig abgeschlossen war, verzögerte sich das Erscheinen der Neuen Serapionsbrüder in dieser Zeitung. Gutzkows Empörung über dieses Wettrennen mit Spielhagen (→ 4.1.33.) wurde noch gesteigert, weil Mosse und Blumenthal dadurch der "Schlesischen Presse" den Vortritt beim Abdruck des Romans ließen. Zudem hatte Mosse der "Schlesischen Presse" unkorrigierte Druckfahnen geschickt, so dass die dortigen Fortsetzungen ohne Textrevision des Autors veröffentlicht wurden. Gutzkow, der inzwischen mit der Korrektur der Berliner Druckfahnen für die Buchausgabe beschäftigt war, versuchte über seinen Verleger Schottlaender zu intervenieren (→ 4.1.40.), blieb aber ohne Erfolg. Am 23. November sandte Gutzkow die bisher erschienenen und von ihm korrigierten Lieferungen des "Berliner Tageblatts" an Schottlaender als Druckvorlage für die Buchausgabe und bekräftigte ausdrücklich seine Forderung, die neuen Bogen zur abschließenden Korrektur zu erhalten. Besonderen Wert legte er darauf, die Bände möglichst rasch nach dem Abschluss des Zeitungsdrucks folgen zu lassen, wobei er Schottlaender den beispielhaften Umgang des Verlegers Stackmann mit Spielhagens "Sturmflut" vor Augen führte (→ 4.1.42.).

Umso größer war seine Erbitterung darüber, dass Schottlaender ohne Absprache mit ihm beschloss, die drei Bände nicht geschlossen erscheinen zu lassen, sondern in monatlichen Abständen von Januar bis März 1877 (→ 4.1.43.). In einem Brief an Max Kurnick vom 12.(?)Januar 1877 beklagt er sich bitter darüber, dass er sich auf dessen Rat hin mit Schottlaender eingelassen habe, der seine Argumente mit dem Vorwurf beantwortet habe, "ich verstünde den Buchhandel nicht" und ohne Antwort verreist sei. Von den Korrekturen des zweiten Bandes habe er noch nicht eine Zeile erhalten (→ 4.1.44.).

Gleichwohl einigte sich Gutzkow, der im Oktober 1877 von Heidelberg nach Sachsenhausen umgezogen war, im Winter 1877/78 mit Schottlaender darauf, eine zweite Auflage des Romans zu veranstalten (→ 4.1.46.). Allerdings entwickelte sich aus dem Vorhaben ein neuer Konflikt. Schottlaender hatte den ersten Band des Romans in einer Erstauflage von 5000 Exemplaren drucken lassen und eine entsprechend hohe Restauflage im Lager. Gutzkow rügte dies als unprofessionelles Verhalten, durch das er sowohl wirtschaftlich als auch in seinem Ruf als Autor beschädigt worden sei: Warum mußte ich Unglücklicher das Opfer Ihrer ersten Verlegerfantasien werden, die Sie bestimmten, mir zu sagen: Ich verstünde nichts vom Buchhandel?! Er wies seinen Verleger auf die bewährte Praxis hin, die erste Auflage niedriger zu kalkulieren, so dass die zweite dem Buche neuen Schwung, dem Autor Ehre einbringt (→ 4.1.47.). Am 25. Februar 1878 wehrte sich Gutzkow gegen das Ansinnen, eine Titelauflage unter Verwendung der Restauflage des ersten Bandes zu drucken: Müssen Sie Band 2 und 3 neu drucken, so können Sie auch Band 1. makuliren, Band 1. neudrucken. Schließlich sei auch der Erwerb von 3000 Bänden Makulatur einzukalkulieren (→ 4.1.48.).

Schon in dem 1876 geschlossenen Vertrag war vereinbart worden, dass für eine zweite Auflage ein neuer Kontrakt zu schließen sei. Wie damals ausgehandelt, sah der neue Vertrag vor, dass Gutzkow für die zweite Auflage kein Honorar zu beanspruchen hatte, sondern nur die Gewinnbeteiligung aus dem Verkauf, wofür Gutzkow statt der von Schottlaender angebotenen 1 Mark 50 auf 2 Mark pro Exemplar bestand (→ 4.1.48.). Offenbar hatte Schottlaender auf eine Neubearbeitung gedrängt, denn Gutzkow bot ihm stattdessen am 18. Juni seine Vorrede zur zweiten Auflage an, die jene Auffrischung ersetzt, die Sie so gern gehabt hätten (4.1.51.). Am 27. Juli erhielt er die Druckfahnen der Vorrede: Leider wimmelt sie von Druckfehlern (→ 4.1.50.). Gutzkow schickte sie am 15. August an Wiese zur Abschrift (→ 4.1.53.).

Seit Spätsommer 1878 arbeitete Gutzkow neben den letzten Korrekturen an der 2. Auflage der Neuen Serapionsbrüder vordringlich an der Korrektur der neuen Auflage der Ritter vom Geiste, der Erzählung Offiziers-Ehre (→ 4.1.54.) und an der Neufassung des Romans Hohenschwangau, dessen Rechte von Brockhaus zurückgekauft werden mussten. Sie blieb unvollendet, wurde von einem Verlagsmitarbeiter zu Ende geführt und erschien 1880 unter dem Titel Die Paumgärtner von Hohenschwangau bei Schottlaender (Rasch 2.37a). Gutzkow starb am 16. Dezember 1878 in Sachsenhausen. Kurz zuvor war im November die zweite Auflage der Neuen Serapionsbrüder erschienen, vordatiert auf das Jahr 1879.

5. Rezeption

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte

5.1.1. Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 23. Dezember 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,353 (maschA).

Aber das will ich doch nicht verschweigen: Die Art u Weise, wie Sie mein neues Werk, die Frucht meiner trüben Krankheitsstunden, aufgenommen haben, hat mich tief verletzt! So spricht man nicht mit dichterischen Schöpfern, wie Sie gethan! Hätten Sie einfach geschrieben: Ich will es doch lieber als Buch lesen! es würde mir so natürlich erschienen sein! Aber Ihr "drittes Kapitel" u dann 6 Wochen Schweigen - das sagt: Meine Sphäre ist, was in Berlin grade Mode ist, bei Ebers, Richter u wo sonst besprochen wird - den Gutzkow kaufe ich, lasse ihn einbinden u stelle ihn in meine Bibliothek! Er kann in meiner Sphäre nicht en vogue kommen u mir fehlt die Courage, ihn en vogue zu bringen!

5.1.2. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 6. Januar 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,6 (H, maschA).

Der erste Band kommt dieser Tage, der 3te, wie es den Anschein hat, Ende März. Da ist Ihre so dankenswerthe Bereitwilligkeit, den Vorsprung an so wichtiger, maaßgebender Stelle zu behaupten, nur durchzuführen, wenn Ihnen gestattet wird, successive die einzelnen Bände zu besprechen. [...] Nur das wollte ich schon jetzt sagen, dß mich der Ekel an aller Romanschriftstellerei, die Concurrenz mit all den großen Meistern u Meisterinnen, die sich um Janke, Hallberger u in allen Feuilletons drängen, bestimmte, mir eine mich selbst unterhaltende Form zu wählen, den Rahmen der kleinen Tafelrunde alten Styls von Tieck u Hoffmann hergenommen. Auch das Sensationsgetreibe ist mir schrecklich. Spannung u immer Spannung - wo bleibt da Natur u Wahrheit?

5.1.3. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 9. Januar 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,9 (H, maschA).

Mein lieber theurer Freund, ich schicke Ihnen denn also die Aushängebogen vom 1. Bande meines Romans, der, wie schon gesagt, von dem Verleger in einer Weise publicirt wird, die gar nicht nach meinem Geschmack ist. Ich hatte im Contrakt diesen Punkt ganz vergessen u muß es nun büßen. Vernunft reden läßt sich mit dem von Lindaus Bayreuther Briefen ganz berauschten jungen Manne nicht; er reist jetzt wohlgemuth in Italien! Von Band 2. habe ich noch nicht eine Zeile zur Correktur erhalten.

Und doch steigt Interesse u Darstellung erst mit dem 2ten Bande. Der 1ste ist, wie ich schon sagte, ein erster Akt. Mehrere Handlungen werden angesponnen. Noch kommt nichts, außer dem Leben im Wolny'schen Hause, recht zum Ausdruck. Der Charakter der Commerzienräthin Rabe ist gewiß naturwahr, wenn auch herbe, wie so Vieles. Denn ach! Mein Gemüth ist verbittert. Es liest sich alles wie spielend u doch bin ich nie mit solcher Schroffheit u Offenheit aufgetreten. Lesen Sie, was morgen oder übermorgen im Berl. Tageblatt über die sittliche Weltordnung des Herrn Moritz Carrières, eines Schwätzers, zu lesen ist.

Das moderne Gepräge, der Charakter der Aktualität scheint mir dem Ganzen aufgedrückt. Und fast immer such ich die absolute Romanform zu vermeiden. Und warum? Ich sagte es schon neulich, weil sie mich enuyierte. Dennoch wird der Schlußeindruck der eines einfachen Liebesromans sein, nicht allzuweit vom Thema der Wahlverwandtschaften.

Sollten Ihnen Frenzel u Dernburg schon eine Anzeige dieses ersten Bandes gestatten, so würde ich eine große Förderung haben.

5.1.4. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 30. Januar 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,30 (H, maschA).

Verehrter Freund, ich schicke Ihnen noch ein paar Aushängebogen von meinem durch die richtig charakterisirte Tollheit meines Verlegers total ruinirten Roman. Sie finden sich vielleicht schwer in die Einfachheit meiner Fabel. Man ist das tobsüchtige Wüthen bei Spielhagen gewohnt, das Anstreifen an die letzte Kammersitzung, diesen fürchterlichen Glauben des Autors an die Wichtigkeit seiner problematischen Erfindung. "Schmidt hatte einst auf den Barrikaden dem General gegenübergestanden u deßhalb einen tödtlichen Haß auf ihn geworfen." Welch ein Unsinn! Man macht auch so auf der Barrikade persönliche Bekanntschaften u haßt Menschen, die ihre Pflicht thun müssen! Und darauf geht die Kritik so ein, als wäre das Natur, Abbild der Zeit! Diesem blutigen Ernst suche ich überall aus dem Wege zu gehen, obschon mein spielender Humor nicht ohne ernsten Hintergrund ist. Ich nenne das Spielhagensche Produziren Sichdenkopfabreißen.

5.1.5. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 5. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,65 (H, maschA).

Für Ihre Voranzeige bin ich Ihnen sehr dankbar, obschon sie matt ist u unter der Furcht vor Frenzels Haß auf mich leidet. Auch mögen Sie zu sehr im Schwunge der Spielhagenerei leben, als dß Ihnen diese meine Rückkehr zur alten Tieck'schen Einfachheit, Langsamkeit der Fabel, Behaglichkeit der Ausführung gefallen könnte. Ich versichere Sie, was hier Mangel scheint ist Absicht. Ich wollte nichts Auffallendes erfinden. Seitdem L. Habicht u wie sie alle heißen, erfinden u Bewunderung ernten, ist mir der deutsche Roman zum Ekel u ich schrieb nur zu meinem Vergnügen. Wenn mir nicht O. Blumenthal das Manuskript für Mosse sozusagen unter der Hand weggenommen u sich die Kölnische Zeitg. in eine überraschende Concurrenz gestellt hätte, würde ich geglaubt haben, mit dem Buche ganz nur in der Stille zu wirken. [...]

Mein Roman ist kein Zeitroman, verehrter Freund, sondern er greift in meine alte Weise zurück, die ich in meinen Novellen, Selbsttaufe, Wellenbraut usw. gegeben habe u die nur durch die freche Aufdringlichkeit der Auerbachschen Dorfgeschichte u das Treiben der Grenzboten, das von Auerbach dirigirt wurde, nicht zur Anerkennung kam. Mein Roman ist ein Liebesroman im Geiste der Wahlverwandtschaften. Dß dabei moderne Substrate vorkommen, ist durch die Zeit geboten. Ich habe aber alles Temporäre nur spielend u bis zu einer gewissen Grenze behandelt, nicht mit der Energie u dem Einsetzen des ganzen Menschen, wie in den Rittern vom Geist u Zauberer von Rom, für welche Werke ich zwar Anerkennung, aber nach dem erbärmlichen Charakter unserer Nation nicht genug bekommen habe. Die Schullehrer kommen ja über Schiller u Goethe nicht hinaus.

[...] Band 3, sagt der über Sie sehr erzürnte Verleger Schottländer (aber noch mehr über mich - er glaubt, ich hätte Ihnen das "wunderlich" soufflirt) soll in 14 Tagen erscheinen. Fertig gedruckt ist er.

5.1.6. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 6. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,66 (hsA).

Zuvörderst muß ich gegen jeden Schein der Annahme protestiren, als wenn die kleine Anzeige in der Nationalz. irgendwie von mir inspirirt wäre! Der junge Mann, ein Königsberger, ist nach Berlin gezogen, schreibt, wie ich höre, für das Neue Berl. Tagblatt und steht unter dem Einfluß der literarischen Potenzen, die in Berlin das große Wort führen.

Da wird dann alles heruntergerissen, was nicht auf Gegenseitigkeit Bürgschaft giebt. Es würde mich sehr freuen, wenn Lindau den zwischen uns jetzt obwaltenden Frieden einhielte und Ihnen die Wirkung dieses Verlagsartikels nicht störte. Ich komme immer wieder auf mein Früheres zurück: Ich habe das Buch gleichsam mit Protest gegen die modernen Roman-Spektakel-Wirthschaft geschrieben, absichtlich einfach, absichtlich antisensationell. Ich wünschte wol, Sie fänden eine Feder, die dieser Absicht einen kritischen Ausdruck gäbe. Der dritte Band wird ja nun wol bald folgen?

Annoncen habe ich noch nirgends als in Ihrer Zeitung gesehen.

5.1.7. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 6. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,66I (H, maschA).

Lieber Freund, das vergaß ich gestern ganz, dß Sie auch Adas Stellung unbegreiflich unterschätzen. Mein größter Feind könnte nicht ungerechter, gleichgültiger, kälter urtheilen. So spricht Frenzel über jede Persönlichkeit, die er nicht selbst erfunden hat oder einer geselligen Rücksicht oder der Gegenseitigkeit zu Liebe anerkennt. Die harmlose Einführung Adas gehört zum Charakter des Anspruchslosen u Natürlichen des ganzen Romans. Sie repräsentirt die gestern bezeichnete Bildungssphäre, die ich die der Generalstöchter nannte. Sie fühlt aber trotz ihrer berlinisch-preußischen Erziehung u Bildung dß sie nicht gut ist. Ein fremder anspruchsloser Mensch, ein Demokrat, passiv u ohne jede romantisirende Demonstration, giebt ihr bei jeder Begegnung diesen elan zur Wahrheit, zum Nachdenken. Zuletzt überwältigt sie dieser magnetische Rapport u wird rasende Liebe. Wer wie Sie sich in meine Schriften zu vertiefen behauptet, muß die Originalität dieses Charakters u den mit ihm der vulgären Frauenbildung empfohlenen Bildungsweg herausfühlen u da denunciren Sie mir diese bis zum Schluß durchgeführte weibliche Hauptperson als die "schwatzhafte Ada"!

[...] Die "Schwätzerei" Adas hat einen bestimmten Zweck, über den Sie selbst schon durch den Ersten Band des bessern belehrt sein konnten.

5.1.8. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 13. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,73 (hsA).

Mit Sehnsucht erwarte ich Band III. Mögen Sie richtig profezeien, wenn Sie sagen, der in Aussicht stehende Referent würde auf meine Ideen eingehen.

Die Liste der Blätter, denen Sie Annoncen schicken, nimmt mich Wunder. Sie scheint nach einem besondern Prinzip entworfen, das in der Bevorzugung der kleinen Lokalblätter vor den größern besteht? Einige größere, die ich aufgeschrieben habe, dürfen doch wol nicht umgangen werden.

Österreich finde ich ganz mäßig vertreten. Das neue Wiener Tageblatt und auch andere Blätter.

5.1.9. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 20. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,80 (H, maschA).

Es liegt mir an der Nationalzeitung. Sie ist maßgebend für einen ganzen deutschen Bildungskreis. Frenzel hat mir mit liebloser Tücke mein Hohenschwangau u meinen Fritz Ellrodt ruinirt. Nur die Mittelmäßigkeiten um ihn her ließ er leben. Woher sich der Haß schreibt, nachdem ich ihn doch an die Nationalzeitg., wie an andre Stellen befördert habe, ich weiß es nicht!

Herr Dernburg ist mir immer freundlich gewesen u gewährt mir gewiß die Bitte, eine schöne, ein ganzes Feuilleton füllende, theilweise geistreiche Kritik abzudrucken, die ich besitze u ihm schicken kann, wenn Sie nicht muthig einsetzen u einen mir förderlichen Standpunkt gewinnen können. Grade mit Triumph ist es Julian Schmidt ins Gesicht zu schleudern: Ja, Ottomar Althing ist derselbe Dankmar Wildungen aus den Rittern vom Geist, derselbe Benno Asselyn aus dem Zauberer, "Gutzkows Lieblingsfigur" wie es irgendwo heißt. Aber mein Rezensent, (ein Freund, der die Arbeit geschrieben) sagt: Alle diese Gutzkowschen Helden kämpften bei Sedan u sitzen jetzt in den Gerichten - strebsame Naturen - Ausbauer des Reiches. Dieser nichtswürdige Mensch Julian Schmidt, der die Phrase (von Auerbach ihm inspirirt) aufbrachte: Meine Menschen seien Mollusken!

[...]

Man denkt, das ist so leicht, solche dramatischen Ensemblesätze u -scenen zu schreiben, wie ich deren eine Menge habe! Die Scene mit Reimund, Mahler [recte: Mahlow] u den Druckerburschen, die Scene auf dem Ball mit den Platzpatronen, wo Gruppe u Einzelfigur u dabei noch Nebendetail (Ada u Ottomar) in steter naturwahrer symphonischer Bewegung sind - die Kindtaufe u. s. f. . Das ist das innere Musikwerk, das in mir lebt u das meiner undankbaren Zeit, die sich ewig nur mit Schiller u Goethe u ihrem Fritz Reuters beschäftigt, nicht kennt, nicht mir zugestanden sieht. Alexander Jung kannte es vor Jahren. Aber er ist alt geworden. Wo sind feinfühlende Kritiker! Anmaßende Gegenseitigkeitsreferenten! Höher bringt mans nicht.

5.1.10. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 28. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,88 (hsA).

Ihr in Aussicht gestellter Literat, der auf meine Intentionen eingehen würde, ist, wie die Berliner sagen, ein "Nöhlfritz", den schlesischen Ausdruck kenne ich nicht. Ueber soviel Langsamkeit u Schwunglosigkeit können so boshafte Kritiken erscheinen.

Das frische resolute Wort, das ich heute in der Neuen Frankfurter Presse finde, wünschte ich in vielen Zeitungen verbreitet. Drucken Sie es in extenso in der Schles. Presse nach. Ihr Schlesien kann auch nicht aus der Allein-Vergötterung Gustav Freytags herauskommen, besonders auf dem Lande.

5.1.11. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 29. März 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,89 (hsA).

Nun habe ich den Artikel gelesen.

Ich bin ein kurioser Kauz. Ich verschlinge solche mich aufregenden Sachen nicht sofort. Diesmal habe ich eine Nacht darüber hingehen lassen, um ruhig u gesammelt zu lesen.

Denn das Gefühl, selbst im Lobe sich reproduzirt zu sehen, ist immer peinlich. Man kennt seine Fehler u in diesem fraglichen Buche habe ich mich eigentlich über das, was zwischen den Zeilen stehen soll, nicht ausgelassen. Denn dann würden es 9 Bände geworden sein!

Sagen Sie Freund Kurnick u. Herrn Dr. Berndt meinen verbindlichsten Dank. Ich bin überrascht, wie ergreifend, mächtig der letztere die Charakteristik durchzuführen verstanden hat. Eine wahrhaft geharnischte, tiefe, feste, charaktervolle Sprache! Ist das nicht ein Druckfehler, wenn es auf der letzten Spalte heißt: Helene kehrte zur - doch nein, ich lese eben die Stelle noch einmal. Es ist alles richtig.

Die Kritik von Dr. Goldbaum in der N. F. Presse kenne ich noch nicht. In der Nationalzeitung rückt Eugen Zabel nicht vor! So grimmig ist der Haß dieses Frenzel u seiner ganzen Meute! Haben Sie denn dem Redakteur, Advokat Dernburg, ein Exemplar geschickt?

Bei der Allgemeinen Zeitung liegt auch schon eine Anzeige, zu der ich noch ein Exemplar hinzufügen muß.

Meine Freiexemplare sind (nur im Interesse des Buches!) alle vergeben. Sogar ein paar Annoncen in der Nat. Ztg. u im Tagblatt habe ich gemacht, da ich Ihrerseits nur in Lindaus neuer Revue eine Anzeige entdeckt habe, sonst nirgends. Wie kommt das?

5.1.12. F. N.: Ein neuer Roman von Karl Gutzkow. In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Nr. 97, 7. April 1877, S. 1466-1467. (Rasch 14/48.77.04. 07)

"Seit vierzig Jahren ist in Deutschland kein zweiter Schriftsteller aufgestanden welcher so mit Kopf und Herz in und mit seiner Zeit gelebt und gestrebt hätte wie Gutzkow, dessen tüchtige und vielseitige Bildung ihn befähigt alle die tausend Fäden des Gewirkes auf dem Webstuhl der Zeit zu kennen und zu nennen, ihr Wesen zu werthen und sie allesammt zu nationalliterarischem Ausdruck zusammenzufassen. Mit offenem und scharfem Auge hat er das Wirkliche angesehen, aber er hat sich daran nicht so kurzsichtig gesehen, daß er den Blick auf das Ewige eingebüßt hätte. Sein Dichten, seine ganze schriftstellerische Thätigkeit trägt die Signatur des Idealismus, aber eines mit realen Anschauungen gesättigten Idealismus. Er gesteht der Materie ihre Berechtigung zu, aber kein Monopol, kein Privilegium. Auch er ist Realist, insofern er Menschen und Dinge sieht und malt wie sie sind; aber er läßt das Centralsonnenlicht der Idee auf sie fallen. - - Gutzkows Werke sind ein höchst werthvoller nationalliterarischer Spiegel der Zeit von 1830 bis heute. Alle Erscheinungen und Begegnisse derselben hat Gutzkows Autorschaft kenntnißreich und theilnahmvoll begleitet, als ein rastloser Vorkämpfer der Sache der Vernunft, der Freiheit und des Vaterlandes."

Kein Geringerer als Johannes Scherr ist es der diese warmen, anerkennenden Worte über Gutzkow vor kaum Jahresfrist in O. Blumenthals Monatsheften (III. 2. Karl Gutzkow, ein literarischer Dialog) ausgesprochen hat, und im Verlauf seiner Würdigung diesen Autor als den nationalliterarischen Hauptträger der Culturentwicklung Deutschlands binnen der letzten vierzig Jahre proklamirt. [...]

Die "Serapions-Brüder" sind Menschen der Gegenwart, in ihnen tritt uns eine geistreiche Auffassung der gesellschaftlichen Bewegung einer großen Stadt entgegen, welche Professor v. Treitschke in der Reichstagssitzung vom [1467] 19. März d. J. mit den Worten charakterisirte: daß "der frische Zug des öffentlichen Lebens in Deutschland in ihr mächtiger als irgendwo" pulsire.

In des alten Hoffmanns Serapions-Brüdern kamen einige Freunde an bestimmten Tagen zusammen, um sich die Schöpfungen ihres Geistes und ihr wechselseitiges Urtheil darüber mitzutheilen. Sie gaben sich diesen Namen nicht bloß weil sie am Kalendertage des Märtyrers Serapion sich zum erstenmal vereinigt hatten, sondern auch weil sie im Geist jenes Heiligen, den die Legende unter Kaiser Decius den Märtyrertod erleiden läßt, dichten und trachten wollten. Dieser einsiedlerische Heilige hatte wirklich geschaut was er verkündete, er hatte aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht, und in diesem Geiste der Wahrheit und des offenen Aussprechens des als wahrhaft Erkannten wurde er zum Cultus der Serapions-Brüder Hoffmanns. Die Serapions-Brüder die Gutzkow vor uns in Scene setzt, kommen zwar auch in einer Weinstube des 19. Jahrhunderts zusammen, aber sie erzählen sich keine Geschichten aus denen sich eine Novellensammlung machen läßt. Es ist ein Kreis gebildeter Männer, die nicht bloß vom Reichstag, von Wahlen, Parteien, vom Hof, von kaiserlichen Reisen, Paraden und Theaterprinzessinnen berichten, sondern die das Bedürfniß haben sich auch über andere Interessen der Menschheit auszusprechen. Unsere Serapions-Brüder glossiren - gleich dem Chor der antiken Tragödie - die Begebenheiten des Tages und auch der Geschichten die wir im Roman miterleben. Diese Geschichten sind mannichfaltig genug, die meisten der Serapions-Brüder sind darin mit Hauptrollen bedacht, und wir ahnen nicht, wenn wir so zu Anfang unserer Erzählung aus dem Hin und Wieder der geistreichen in dieser Meisterschaft des Mundöffnens und Mundschließens nur von Gutzkow gehandhabten Discussion diesen und jenen Namen hören, welche fesselnde Bekanntschaft uns dessen Träger noch außerhalb der montäglichen Weinstube gewähren wird. Hierin liegt schon angedeutet daß die Schwerpunkte der Handlung nicht im geschlossenen Kreise der Serapions-Brüder, sondern außerhalb desselben liegen und, sagen wir es nur gleich heraus, daß wir darum den Titel des Romans für keinen glücklich gewählten halten. Ja, der Schwerpunkt desselben liegt, noch mehr als in manchen anderen Dichtungen Gutzkows, in dem "Ewig-Weiblichen," und ohne die "Schwestern" der Serapions-Brüder hätten wir nicht diese von Capitel zu Capitel sich reicher entfaltende Darstellung aus dem Leben der Gegenwart bis hinauf zu dem großen Staatsmann (III. 273-74).

Die "Serapions-Brüder" sind unseres Erachtens als Roman einigermaßen schwer zu classificiren. Aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft führen sie uns in das beglückte Familienleben eines bedeutenden Künstlers, in das Getriebe einer großen Fabrik und in das Boudoir einer Dame von zweifelhaftem Ruf, Edwina Marloff, der wieder Frauengestalten von den edelsten Eigenschaften des Herzens und Gemüths gegenüberstehen, wie Martha Ehlerdt und Helene Althing. [...] Die Schilderung der einzelnen Charaktere, besonders der weiblichen, ist unübertrefflich, deren Seelenleben bis in die feinsten Nüancen klar legend und der Hintergrund der Erzählung, aus welcher wir nur die Geschicke einiger Hauptpersonen angedeutet haben, von einer solchen Mannichfaltigkeit der in zweiter und dritter Reihe eingreifenden Personen, wie sie eben nur der Schöpfer des Romans des "Nebeneinander" zu gestalten vermag. [...] wir verzichten auf die ganze Reihe der aus dem Gründerthum, den Fabrik-Strikes und dem "großen Krach" der Börsenwelt in plastischer Rundung hervortretenden Zeitgenossen einzugehen, weil, so gelungen diese Episoden an sich sind, wir sie doch nur als die Ornamente zur Ausschmückung eines Werkes betrachten, das, wenn wir es als Roman "aus der Gegenwart" bezeichnen wollten, vielleicht die Replik des Autors herausfordern könnte: Was wollt ihr denn mit eurem ewigen Schematisiren und Einschachteln in Kategorien! Ich kehrte im Roman zu den heiteren Formen der Vergangenheit zurück. Mein Buch ist ein Liebesroman mit modernen Staffagen, sonst ganz im Geiste der alten Wahlverwandtschaften. Ihr seht ja daß all' das Beiwerk, diese Strikes, Gründerscenen u. dgl. ihre Gipfelung nur in dem Liebeszweck haben!

Die "Serapions-Brüder" sind aber mehr als ein Liebesroman, selbst in der außergewöhnlichen, bei einem Autor wie Gutzkow sich von selbst verstehenden Bedeutung. Die "Serapions-Brüder" sind ein dem Cultus der Familie geweihtes Werk, deren ideale Gestaltung Gutzkow in seinen Schriften von jeher verfolgt und an einer Stelle seines Werkes (III. 116) so ergreifend geschildert hat: "Heiliger Friede des Hauses! Beglückte Stimmung der Herzen im traulichen Verein einer nur dem Guten, Schönen, der Sittlichkeit lebenden Familie! Angehörige, Freunde, mit warmer Theilnahme verbunden! Der Bildung goldene Fessel sanft an jedes Wort, an jede Regung des natürlichen Menschen gelegt. Der Scherz als Milderung des pflichtenstrengen Ernstes und der aufwallenden natürlichen Begehrlichkeit! Der Wille, der Regent unserer Lebensthätigkeit, die Betrachtung, die Auffassung immer unter die Herrschaft des Ohres und des Auges gestellt! O wie sanft ein solches geistiges Windeswehen unter dem Dache der Familie!"

Möchten Gutzkows "Serapions-Brüder" in recht viele deutsche Familien Eingang finden und ihnen nach des Tages Last und Mühen den Abend am häuslichen Herde verschönern helfen.

5.1.13. Gutzkow an Eugen Zabel, Heidelberg, 13. April 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,103 (H, maschA).

Mein lieber verehrter Freund, so ist denn die Schwergeburt glücklich überstanden! Und ein leichtgeflügelter, reizender Euphorion flog auf! Ich danke Ihnen nicht nur, sondern ich gratulire Ihnen auch. [...]

Beängstigend war mir die Stelle über die mangelnde Anerkennung. Man muß dergleichen, um ein Philosophem von Heine zu wiederholen, nie eingestehen. Besonders sympathisch war mir die Stelle von der Vornehmheit. Ja, in der That, immer wenn ich mir sagte: Aber das ist ja langweilig! sagte eine andre Stimme: Wirst du dich für diesen heutigen Lesepöbel, ihm zu Liebe etwas Curioses erfinden, in Rivalität mit all den Namen treten, die jetzt genannt werden! Du bleibst bei deinen Späßen! Da erschrak ich denn freilich, als plötzlich Oscar Blumenthal bei mir erschien u für Rudolf Mosse eine ungeheure Sensationsgeschichte zu kaufen beauftragt war! Und doch stieg die Abonnentenzahl des Berliner Tageblatts, eine Erscheinung die mir nur durch epidemische Ansteckung erklärbar ist.

5.1.14. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 15. April 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,105 (hsA).

Die lange Liste der Zeitungen, die Exemplare empfingen, erschreckt mich. Diese Journale verkaufen alle ihre Exemplare oder überraschen mich durch unfreundliche Urtheile! Wie kommt Ameli Bölte zu einem Exemplar?!! Sie müßte eine besonders günstige Regung ihrer Erinnerung haben, wenn sie wohlwollend über mich schriebe!!

5.1.15. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 22. April 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,112 (hsA).

Ich bin über meine Klage, wie ich dazu komme, meinen Feinden die Waffen in die Hand zu liefern, ohne Antwort geblieben, bin aber überzeugt, dß Sie bona fide handelten. Ist Ihnen von irgend einem der vielen, vielen, allzu vielen Empfänger des Buches irgend ein Lebens- oder Dankeszeichen zugekommen, so bitte ich um Mittheilung desselben. Selbst Lindau, der Ihnen doch ein Versprechen gegeben hatte, weiß nicht, was sein berühmter Verstand mit dem Buche anfangen soll, wenn nicht - böse Absicht, das System, die alten Namen zu ignoriren, dahinter steckt!

Sie schrieben mir kürzlich, Sie hofften es in diesem Jahre auf einen Absatz von 2000 zu bringen. Was geschieht dann mit den restirenden 3000!! Das ist eine Frage, die mich sehr bekümmert.

5.1.16. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 4. Mai 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,124 (hsA).

Der Sigl'sche Artikel ist ganz willkommen! Die Ultramontanen thun noch etwas für ihre Sache! Er hat freilich nicht gesagt, daß diese Aeußerungen in Gesprächen vorkommen, denen immer eine andere Auffassung antwortet! Ich bin ein begeisterter Reichsfreund, aber soll ich's aufrichtig sagen, ein schlechter Nationalliberaler. Die ganze Couleur der Wehrenpfennig, Julian Schmidt, Treitschke, Hans Blum (erbärmlichsten Andenkens) Braun-Wiesbaden hat nie etwas für, sondern immer nur gegen mich gethan, während allerdings die rein demokratische Parthei auch die Lässigkeit selbst war; die Herrschaft Franz Dunkers, seiner Frau und des eingebildeten Bernstein ist hoffentlich jetzt durch den Bankerot gebrochen.

Amalie Bölte hat wirklich in der Rhein- u Neckarzeitung (Mannheim) einen Artikel gebracht. Ich habe ihn noch nicht gelesen, da er Dinge zu enthalten scheint, die mich gemüthlich aufregen. Sie war viele Jahre so zu sagen Mitglied unsres Hauses.

5.1.17. C. B.: Die Serapionsbrüder von Gutzkow. In: Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung. Berlin. Nr. 18, 6. Mai 1877, S. 3. (Rasch 14/48.77.05.06)

Der Verfasser des zweiten der augenblicklich viel gelesenen Romane, Karl Gutzkow, war eine Zeit lang ebenfalls in die Bahn des historischen Romans eingelenkt. Allein mit wenig Glück. Sein Roman: "Hohenschwangau" war, wie er mit historischem und antiquarischem Detail mehr denn einer seiner Gattung überladen war, so einer der langweiligsten und unverdaulichsten. Gutzkow hat sich daher in seiner neuesten Production, den "Serapionsbrüdern", wieder jener Form des Romans zugewandt, welche er schon in den fünfziger und sechziger Jahren in seinen "Rittern vom Geiste" und dem "Zauberer von Rom" in so ausgedehnter Weise (ausgedehnt in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn beide Romane umfaßten 9 bez. 6 Bände) cultivirt hatte. Diese "socialen" Romane Gutzkows spiegeln nun allerdings die Gegenwart wieder, aber was für eine Gegenwart! Es ist als ob sich ihr Verfasser von vornherein und ein- für allemal die Aufgabe gestellt hätte, nur die Hefe, den Auswurf der modernen Gesellschaft, den "Schabab" derselben, um einen alten bezeichnenden Ausdruck dafür zu wählen, zu kennzeichnen. Man bewegt sich in diesen Gutzkowschen "Dichtungen" in einer ganz ausschließlichen Gesellschaft, ausschließlich in sofern als die besseren, tüchtigen, ehrlichen Elemente fast ganz ausgeschlossen sind, und wir uns in einer Versammlung von Gaunern, Glücksrittern, Speculanten, Wüstlingen, Trunkenbolden oder Tagedieben und zwar aus allen Schichten der Gesellschaft, von der vornehmsten bis zur ärmeren, vom "Prinzen von Geblüt" bis zum Lohnschreiber und Fabrikarbeiter bewegen. Höchstens wird, um die graue Monotonie dieser Verbrecherkellerphysiognomieen durch einige etwas frischere Farben zu unterbrechen, ein strebsamer, idealischer Referendar (diese Klasse der modernen Gesellschaft wird von Gutzkow und Collegen ganz besonders zu diesem Zwecke bevorzugt und verwandt), ein polternder alter ehrlicher Bildhauer, so wie eine liebliche, sittige und tugendsame Mädchenblüthe mit untergemischt. Zu allerlei Ausschreitungen, z. B. zum Ehebruch incliniren aber auch diese. Aber, wie gesagt, der Charakter des Betrügers, Wüstlings, gewissenlosen Strebers ist der vorherrschende und tonangebende. So war es in den "Rittern vom Geiste", so ist es auch in den "Serapionsbrüdern". [...]

Daneben läuft, als äußerlicher, ziemlich loser Rahmen des Ganzen eine sich zu bestimmten Tagen in einem Restaurations-Locale versammelnde zwangslose Gesellschaft von Männern aus allen Berufsklassen, Aerzten, Bildhauern, Juristen, Directoren höherer Lehranstalten u. s. w., den nach dem bekannten Roman von Amadeus Hoffmann sogenannten "Serapions-Brüdern", von denen der ganze Roman seinen Namen hat. Diese Herren haben nun allerdings, wenigstens nachweislich und auf den ersten Blick, nicht jenen, den übrigen Gestalten aufgeprägten Spitzbuben-Charakter (bei einigen, wie dem Justizrath Lucius, tritt er später doch noch hervor, und an der Börse speculiren sie auch alle); aber sie zeichnen sich fast sämmtlich durch die sonderbaren Paradoxieen zu Deutsch Schrullen aus, welche sie, unter der offenbaren Prätension etwas Neues und besonders Geistreiches zu sagen, in ihren gemeinschaftlichen Zusammenkünften zum Besten geben. Als eine bezeichnende Probe dieser "Geistreichigkeiten" möge nur die erste angeführt werden, womit der Roman überhaupt beginnt, die Proclamirung der sogenannten "Trottoirkrankheit", eines eigenthümlich gereizten nervösen Zustandes, welcher sich in großen Städten, zunächst Berlin, denn Berlin ist mutatis nominibus immer der Schauplatz der Gutzkow'schen socialistischen Studien, in Folge des Umstandes herausbilden soll, daß man hier genöthigt ist, auf den schmalen Trottoirstreifen dicht neben einander einherzugehen und sich mithin den Blicken aller Vorübergehenden unmittelbar auszusetzen! Für den feinfühlenden Menschen, den Künstler z. B., der dann in den Augen aller ihn Streifenden, beispielsweise wenn ein brüsker Recensent sein letztes Opus heruntergemacht habe, den Reflex dieses absprechenden Urtheils wiedergespiegelt sehen müsse, sei dies geradezu peinigend und krankheiterregend!

Solche Schrullen, wie diese, und solche Verirrungen, ja Verbrechen, wie die oben bezeichneten, sind es aber nicht, welche das Element und den Stoff eines guten Romanes bilden sollen, während sie vortrefflich geeignet sind, als Beispiel und Anhaltspunkt zu dienen, wenn wir uns klar machen, worin die Schwäche und Unzulänglichkeit solcher Romane, wie des genannten Gutzkowschen bestehen und worin der weite Abstand zu suchen ist, welcher zwischen ihnen und einem guten, classischen Producte der Dichtung klafft. Eine solche gute classische Dichtung darf, kurz und bündig gesagt, uns nur Seelenzustände, Anschauungen, Empfindungen zeichnen wie sie sich in jedem verständigen und gebildeten Menschen gelegentlich einmal regen oder andauernd behaupten. Die gute classische Dichtung darf nur der Exponent, die äußere poetische Verwirklichung jenes Mikrokosmus sein, welchen der anständige und gebildete Mensch der Gegenwart in sich bildet.

So schnell dieser Satz ausgesprochen ist, der schließlich die Fundamentalgrenze bezeichnet, welche die wahre Dichtung von der flüchtigen, auf die Erregung der Neugier oder den Sinnenkitzel des Moments berechnete, wenn auch zeitweilig im Interesse des Publicums jene andere weit überflügelnde Production scheidet, einer so langen Auseinandersetzung möchte es bedürfen, um ihn nach allen Seiten zu motiviren und gegen die Anzahl oder Unzahl der dagegen hervorbrechenden Einwürfe zu schützen. Es wäre dazu ein apartes Bändchen Aesthetik nöthig, ja es läßt sich eine ganze Aesthetik überhaupt basiren, mit welcher wir den geneigten Leser verschonen. Wir begnügen uns hier vielmehr mit einigen kurzen Andeutungen zur Erklärung und Begründung jenes unseres Fundamentalsatzes. Zunächst schneiden wir von vornherein die Einwendung ab, als ob damit, daß das Maß des dichterisch Ausführbaren und Darstellbaren auf den Kreis der Gefühle und Empfindungen beschränkt wird, welche in der Brust eines jeden anständigen und gebildeten Menschen wohnen und sich regen, der Dichtung eine zu enge Grenze gesteckt werde. Derjenige kennt das menschliche Herz nicht oder verschließt sich zimperlich gegen seine Regungen, gegen sein innerstes Dichten und Trachten, welcher behauptet, daß nicht, auch wie wir es kurz nannten in dem Herzen eines jeden anständigen und gebildeten Menschen Leidenschaften schlummern und gelegentlich erwachen, um genügenden Stoff für eine alle Höhen und Tiefen des Himmels und der Hölle durchmessende Dichtung zu bieten. Romane wie Goethes Wahlverwandtschaften, wie sein Wilhelm Meister, Dramen wie Schillers Wallenstein, wie sein Don Carlos, enthalten doch des Sündlichen, ja Pathos zu genügen. Aber alle die von ihnen geschilderten Verirrungen sind derartig, daß, wenn wir aufrichtig sind, wir uns derselben fähig halten müssen. Es sind Verirrungen der stärksten Art, aber es sind keine Spitzbuben- oder Verbrecherstreiche, welche uns vorgeführt werden; das Gemeine, mit einem Worte, liegt weit ab von ihnen. [...] Man hat es zwar gelegentlich versucht auch Spitzbuben und Spitzbübinnen zu Helden und Heldinnen eines lyrischen oder epischen Gedichtes zu machen. Heine besingt einmal zwei Persönlichkeiten von denen es heißt:

Sie hatten sich beide so herzlich lieb,

Spitzbübin war sie: er war ein Dieb.

Aber die Sympathie eines jeden gesunden und natürlichen Empfindens wendet sich weit von solchen Helden weg und verweist sie, wohin sie gehören, in den Pitaval. Das ist schließlich ein anderer, dasselbe bezeichnender Ausdruck unseres obigen Gedankens, wenn wir sagen: die moderne Romanen-Dichtung überschreitet die Grenze, welche zwischen der Criminalnovelle, der Criminalliteratur und der Poesie gezogen sind [sic]. Der alte gute Ritter- und Räuberroman hatte doch noch ein Gefühl für dieses Gesetz. Er veredelte seine Räuber und Räuber-Hauptleute zu solchen anständigen Gentlemans, zu solchen gewissermaßen "Märtyrern der Gesellschaft", daß kein gefühlvolles Herz ihnen seine Sympathie verschließen oder in den Bestrebungen dieser, doch nur ganz äußerlich den Räubernamen tragenden Herren nicht gelegentlich sein eigenes Trachten und Wollen wiedererkennen konnte, während umgekehrt die Figuren unserer modernsten Romane, und mögen sie die glänzendsten Titel und Würden als Prinzen, Grafen und Gräfinnen, reiche Fabrikherren, Justizräthe und dergl. tragen, kein anständiger Mensch zu seinem Umgange wählen, geschweige in diesem "Gesindel" sich selbst wie es in der guten und wahren Dichtung der Fall sein sollte, wiedererkennen wird.

Und was die Sache noch verschlimmert: leider entspricht der Schlechtigkeit des Charakters dieser Figuren unserer modernen Romane sehr häufig die Schlechtigkeit ihres Stils. Davon bieten die Gutzkowschen 'Serapionsbrüder' auch bezeichnende Proben und besonders aus den geistreichen Clubreden der Namensträger des Romans ließe sich ein artiges Bouquet solcher stilistischen Zierlichkeiten winden. [...]

5.1.18. Gutzkow an Salo Schottlaender, Heidelberg, 10. Mai 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,130 (hsA).

Es ist gar nicht unmöglich, dß man Ihnen gekommen ist u gesagt hat: Aber die Neuen Serapionsbrüder sind ja ganz malcontent! Natürlich, erwidre ich. Kann ich mit diesen Strebern wie Wehrenpfennig usw. gehen, die sich alle einbilden, unter dem Kronprinzen Minister zu werden?

5.1.19. Rudolf Gottschall: Karl Gutzkow's "Serapionsbrüder". In: Blätter für literarische Unterhaltung. Leipzig. Nr. 20, 17. Mai 1877, S. 305-310. (Rasch 14/48.77.05.17)

Aehnlich wie Spielhagen's "Sturmflut", zunächst durch die Feuilletons einer größern Zahl von Zeitungen eingeführt, ist der neue Roman Gutzkow's jetzt auch im Buchhandel erschienen: [...]

Mit der "Sturmflut" hat der Roman Gutzkow's manches gemeinsam: er spielt meistens an demselben Orte, in der Reichshauptstadt, in derselben Zeit, der Gründungsepoche; den Gründern ist in beiden Romanen eine große Rolle zuertheilt. Die Erinnerung an den letzten großen Krieg ist dadurch wach gehalten, daß der jugendliche Held in beiden ein Reservelieutenant ist, der den letzten Feldzug nach Frankreich mitgemacht hat; und auch das ist beiden Romanen gemein, daß dieser Held mit seiner Entwickelung nicht im Mittelpunkte der Handlung steht, sondern in dem Roman des "Nebeneinander" auch nur eine Stelle neben den andern einnimmt. Auch ein Bildhaueratelier spielt in beiden Romanen eine nicht unwichtige Rolle. Damit ist aber auch die Reihe der Aehnlichkeiten erschöpft. Der Spielhagen'sche Roman ist nicht nur viel umfassender, sondern auch viel anspruchsvoller als derjenige von Gutzkow; er befriedigt aber auch die Ansprüche, die er erhebt, indem er einen Grundgedanken, die Parallele zwischen der socialen und elementarischen Sturmflut, zum Grundstein und auch zum Eck- und Schlußstein der künstlerischen Architektonik macht. [→ Globalkommentar] Die breite epische Ausführung des Culturgemäldes der Jetztzeit in der "Sturmflut" erinnert mehr an die großen Romane des "Nebeneinander", die Gutzkow in früherer Zeit geschaffen hat. Seine "Serapionsbrüder" geben uns nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Gegenwart; der Titel des Romans hat nicht eine für das Werk selbst maßgebende und grundlegende Bedeutung, wie dies bei der "Sturmflut" der Fall ist; er hat für den dargestellten Lebenskreis kaum eine tiefere Beziehung, als eine die Peripherie desselben berührende Tangente.

Die neuen Serapionsbrüder sind, ihres hochtönenden Titels entkleidet, der an den Heiligen des Wahnsinns in Amadeus Hoffmann's "Serapionsbrüder" erinnert, eine Wirthshausgesellschaft mit lebendigen Debatten über die verschiedensten Tagesfragen. Der Unterschied des Gutzkow'schen Werks von Hoffmann's "Serapionsbrüdern" liegt auf der Hand. Hoffmann's geselliger Kreis bildet, wie das bei den indischen, arabischen, und mongolischen Märchen, bei Chaucer und Boccaccio und auch im Tieck'schen "Phantasus"' der Fall ist, den Rahmen für eine Reihe von Erzählungen, die hier vorgetragen werden. Bei Gutzkow handelt es sich nicht darum, sondern ein zusammenhängender Roman, in den einige der neuen Serapionsbrüder als mitwirkende Helden verwebt sind, geht selbständig neben diesen Plaudereien her und wird von ihnen nur gelegentlich gestreift. Trotzdem ist indeß ein Berührungspunkt vorhanden; denn auch die Hoffmann'schen Serapionsbrüder unterhalten sich nicht immer in der Art und Weise der Scheherasade, sondern sie sprechen auch über Musik, Theater, Somnambulismus und mancherlei, was den Autor selbst interessirt, ganz wie die neuen Serapionsbrüder, nur mit dem Unterschied, daß hier Politik und sociale Fragen in den Vordergrund der Unterhaltung treten, ein Unterschied, in welchem sich zugleich der Unterschied der Zeiten, besonders derjenige der romantischen und modernen Literaturepoche spiegelt.

Wir können diese Gespräche der Serapionsbrüder als etwas Selbständiges, als ein großes Gutzkow'sches Feuilleton, als eine Causerie über die wichtigsten Fragen der Gegenwart, von dem Organismus des Ganzen los-[306]lösen und unter die kritische Lupe nehmen; wir haben um so mehr ein Recht dazu, als die Eigenart des Gutzkow'schen Geistes, die allerdings auch die Schilderung der eigentlichen Romanhandlung durchdringt, sich hier mit besonderer Schärfe ausprägt. So viel Esprit in dem Feuilleton der Gegenwart consumirt wird: Gutzkow, einst ein Progone desselben, ist jetzt keineswegs zu einem nachhinkenden Epigonen geworden; er ist nach wie vor kein witzhaschender Feuilletonist, kein Gedankenjongleur, der nach dem geschickten Auffangen der in die Luft geschleuderten Bälle und Kugeln sich mit Grazie vor dem Publikum verbeugt; ihm ist der Esprit nicht Selbstzweck; auch verschmäht er es, durch die flüchtigen Parfums zu reizen, mit denen sich der fashionable Humor von Kopf zu Fuß besprengt; er hat die Schärfe, aber nicht die Flatterhaftigkeit des modernen Geistes. Die Essenz der Dinge ist ihm die Hauptsache; die Gesinnung der Grund und Boden, aus dem die Pflanze seines Esprit erwächst. Daß derselbe dabei etwas Bohrendes und Nagendes hat, daß eine pessimistische Lebensanschauung überwiegt, daß er in Bezug auf unsere Kunst und unser Staatswesen mit Vorliebe die Schattenseiten herauskehrt: das mag ihn misliebig machen bei allen, welche die wohlfeile Kunst der Fanfarenbläserei hochstellen; jedenfalls gibt diese sarkastische, hin und wieder etwas schwarzgallige Haltung seinem Zeitfeuilleton das Gepräge der Originalität. Und worüber unterhalten sich die Serapionsbrüder? Bisweilen über sehr absonderliche Dinge, wie z. B. über die Trottoirkrankheit, deren Pathologie bisher noch kein berühmter Arzt festgestellt hat und die allerdings als Introduction des Ganzen uns von Haus aus in eine Atmosphäre nervöser Ueberreizung führt. Doch in den folgenden Gesprächen, in denen übrigens die Charaktere der Sprechenden mit Consequenz festgehalten sind, sodaß die Dialoge mehr dramatisch als Platonisch sind, werden unsere Kunst, Theater und Musik, Staat und Gesellschaft einer meistens misvergnügten Beurtheilung unterzogen, die, was das neue Deutsche Reich betrifft, an Sacher-Masoch's "Ideale unserer Zeit", an die Gespräche zwischen Andor und Graf Rion erinnert, nur daß Gutzkow mehr ein grollender Frondeur, Sacher-Masoch aber ein entschiedener Gegner unserer politischen Neugestaltung ist. [...] [307] [...]

Daß die Handlung des Romans im ganzen auch in pessimistischer Beleuchtung steht, ist keine Frage; die Negativbilder überwiegen, vorzugsweise die Negativbilder der Ehe; gegen dies Institut wendet sich die Skepsis des Autors nicht blos in einzelnen Betrachtungen, sondern in der objectiven Darstellung selbst; man erschöpft den Inhalt des Romans, der sich in sehr verschiedene Gruppen vertheilt, am besten und am leichtesten, wenn man von dieser Seite an ihn herantritt und ihn als einen Beitrag zur Physiologie der modernen Ehe betrachtet. Die Frauen besonders erfreuen sich der vollen Ungunst der Beleuchtung. [...] [308] [...]

Bedeutsamer für den Roman ist eine Ehe, die im Verlauf der Handlung selbst geschlossen und gelöst wird: die Ehe des jungen Grafen Udo mit Ada von Forbeck, eine vorbestimmte Familienehe. In Bezug auf dies Verhältniß können wir indeß dem Dichter nicht den Vorwurf ersparen, daß er die Motivirung etwas zu leicht genommen hat. Beide schließen die Ehe mit einer andern Liebe im Herzen und sind dann so behaglich bereit, sich wieder zu scheiden und den Wahlverwandtschaften ihres Herzens zu folgen, daß wir keine ernstere Theilnahme für solche leichten Conflicte finden können; eine schärfere psychologische Motivirung würde hier wol am Platze gewesen sein. Als der Graf noch zögert, sich von Ada zu trennen, zerhaut diese den Knoten durch einen Eclat, indem sie sich in Mannskleidern in das Zimmer ihres geliebten Ottomar, des Referendars und Reservelieutenants, begibt. Darauf Scheidung und Wiedervermählung, alles in Ruhe und Frieden und correct nach den Ehegesetzen.

Ada ist offenbar der Liebling des Dichters, obgleich der erste Steckbrief, den ihr Gatte Nr. 1 von ihr entwirft, nicht allzu schmeichelhaft lautet: [...]

Doch wie sie sich selbst einführt: das erscheint wol etwas zu roh und geschmacklos. Zum Grafen Udo, der am Piano sitzt, sagt sie: "Sie machen Musik? Die Tour ist vorüber? Gott sei Dank! Da freue ich mich ja wie ein Hund." Ueber die Berechtigung dieses Vergleichs finden ziemlich triviale Debatten statt. Später sagt sie einmal, sie tanze wie ein Bär. Diese Naivetät, die ihre Vergleiche aus der Menagerie nimmt, hat gerade nicht viel Anziehendes.

Zu den dunkeln Familienbildern gehört auch die Ehe des rückenmarkkranken Assessors Rabe mit seiner koketten und speculativen Ehefrau. Diesen Ehefrauen wird nun "das Weib an sich" entgegengestellt, das Weib "ohne die Mucken der Ehefrauen, Mütter und Töchter". Der alte Graf schwärmte dafür: [...]

Die Aspasien der attischen Demi-Monde werden indeß nicht ohne laesio enormis in unser modernes Leben übersetzt; sie erhalten alsbald einen tragischen Zug. Eine Aspasia ist in unserm Roman Edwina Marloff, des alten verstorbenen Grafen "natürliche Tochter", die als Kind schon die wunderbarsten Abenteuer in Ungarns Puszten erlebt hat, später dem Vater ein trauliches Heim bereitet, dessen täglicher Besuch nicht von Verdächtigungen fernblieb. [...]

Das Bestreben, diese problematische Existenz für uns anziehend zu machen, ist dem Autor nur zum Theil gelungen. Die schwunghafte Regierungsräthin Brennicke mit ihrer Vorliebe für Balladen von Seekönigen und versunkenen Städten, die sie sich zur Gesellschafterin angenommen, der das Urproblem suchende Philosoph und Lyriker Dieterici und andere Figuren, die den Salon Edwinens beleben, geben ihm wol ein gewisses Lustre; die Schönheit Edwinens selbst hat etwas Anziehendes, denn sie wird uns geschildert als ein Mädchen von schlankem Wuchs, untadelhafter Form, edlem Kopf, wunderschönen großen braunen Augen mit schwarzen Wimpern und Augenbrauen und aschblondem Haar. Doch die psychologische Entwickelung ist zu skizzirt; es fehlt ihr an Tiefe und damit auch unserer Theilnahme an nachhaltiger Erwärmung; wir erfahren nur beiläufig, daß sich Edwina ernstlich in Raimund Ehlerdt verliebte, bis sie erkannte, daß dieser am Säuferwahnsinn zu Grunde gehende Demagog eine ganz verlorene Existenz war. Hier mußte eine Verirrung des Herzens, das sich aus schnöder Speculation zu wahrhafter Neigung aufrafft, und gerade damit scheitert, wärmer und eingehender geschildert werden, um uns den Sturz in den Abgrund, der dieser folgte, [309] begreiflicher zu machen. Die äußerliche Gestaltung der Katastrophe hat indeß etwas Gezwungenes. [...]

Wieder wie in Spielhagen's "Sturmflut" ist die Frage nach einem Helden des Romans aufzuwerfen, ohne Aussicht auf befriedigende Antwort. Die Lieblingsgestalt des Autors ist wol Ottomar; auch ist seine Liebe zu Ada am wenigsten karg dargestellt: doch ein Held, dessen Entwickelung so im Mittelpunkte steht, daß alles andere ihm mehr oder weniger dienstbar wird, ist er durchaus nicht: die Handlung bewegt sich mehr in excentrischen als in concentrischen Kreisen [→ Globalkommentar] und hat daher verschiedene Mittelpunkte und sich kreuzende Peripherien. Wir wollen dem Roman des Nebeneinander sein Recht nicht nehmen; sicherer aber der Wirkung ist ein Roman mit einem Haupthelden, wie "Wilhelm Meister" und "Titan", "Quentin Durward", "Waverley" und "Guy Mannering".

Die Satire des Autors richtet sich nicht nur gegen das Gründerthum, dessen drei bankrotte Vertreter, Baron Forbeck, Baron Kohn und Justizrath Rabe, mit kaustischem Humor geschildert sind, sondern auch gegen die ostensible Wohlthätigkeitsmanie, welche Gutzkow bereits in einem der weniger erfolgreichen Lustspiele, "Lenz und Söhne" verspottet hat.

In stilistischer Hinsicht bietet der Roman nichts Glänzendes und Blendendes; aber der Stil ist stets bewegt, lebendig, bezeichnend und treffend; er hat epigrammatische Schärfe, weniger die epische Getragenheit, den vollen Wogenschlag der Darstellung, wie ihn die "Ritter vom Geiste" besaßen. Das Skizzirte des Inhaltes bestimmt auch oft die Form; wo die Handlung sich nur in allgemein gehaltenen Linien fortbewegt, kann auch die Darstellungsweise nicht ein in die Breite gehendes Behagen gewinnen. Hier und dort finden sich kleine stilistische Verknöcherungen, besonders bei den Infinitivbildungen; das "Vorhandensein", "Angesehenwerden" steigert sich zum "Aufpassenmüssen", "das zum Durchbruch kommen wollende Princip", "du ewiger Aufpostensteher" u. a., so heißt es: "Die das Sterbenmüssen versüßende Minne". Ebenso finden sich oft Einschaltungen, die bisweilen, wie die folgende, doch trivial und überflüssig erscheinen: [...]

Kleine Anachronismen, wie das dritte Examen, mit dem Ottomar zu thun hatte, obschon es zur Zeit, wo der Roman spielt, nur noch zwei juristische Examen gibt, fallen weniger ins Gewicht.

Für die Darstellungsweise Gutzkow's mag die Schilderung des Besuchs, den Ada in Männerkleidern bei Ottomar macht, als Probe dienen:

Da klopft es. Ottomar blickt kaum auf. Ada's Stimme lag tief und war etwas rauh. Sie trat ein, schlug rasch hinter sich die Thür zu, und noch ehe Ottomar auf sein Herein! aufgestanden war und vom Papier den braunlockigen Kopf abgewendet hat, beleuchtet der grelle Lampenschimmer die lieblichen Züge der Gräfin Treuenfels. - "Gott im Himmel!" war Ottomar's erster Ausruf. Die Stimme versagte ihm. Er konnte nicht weiter reden. Eine ganze Welt brach ihm zusammen. Gewiß ist es ein schöner Ruhm um das, was ihr die Tugend und die Sittlichkeit nennt. Aber dich alten, grämlichen Schulpedanten im Pelzschlafrock mag ich nicht über dies Thema sprechen hören, oder dich, der du nur am Casinotischklatsch dich erlabst und an der neuesten eben frisch angekommenen Zeitung! Auch dich nicht, du eitler Poet, "Stolz der Nation" in der Reclame, der du nur an deinem Ruhm, an dessen Mehrung herumbosselst und Phantasie und überfliegende Stimmung nur für deinen Geldsack hast! Warum seid Ihr so sittlichkeitshochmüthig? Weil ihr innerlich hohl, trocken, gewöhnlich, philisterhaft durch und durch seid! Ottomar urtheilte an sich nicht so. Sollte er aber jetzt den Höllenzwang Faustens nehmen und der als Mann gekleideten, geliebten, wie mit einem Blüthenregen voll Anmuth und Schalkhaftigkeit über ihn her sich beugenden Frau ihn entgegenhalten mit einem: Du sollst mich hören, noch stärker beschwören? Nein, selbst für den so streng erzogenen Ottomar, den ausgesprochenen Realisten, den Virtuosen der Selbstbeherrschung, den entrüsteten Bekämpfer der ihm vom Staatsanwalt Stracks zugeschickten, mit Beschlag belegten Bücher der Rabe'schen Fabrik, stand "sittliche Entrüstung" jetzt nur in den Lehrbüchern der Moral, nicht unterm Sternenzelt. Dort am nächtlichen Himmel herrschten andere Grundsätze und auch hier jetzt beim Schimmer seiner kleinen Petroleumlampe. Staunen, Erkennen, Erschrecken, Zusammenbrechen aller Bedenken. Es war das Werk einer einzigen Secunde - "Ada! Sie wagen das -! Um Gotteswillen -! Wir sind ja verloren -!" Alles Uebrige, was Merkus würde gepredigt haben, kam annähernd über Ottomar's Lippen, auch was Papa Althing gesagt haben würde; aber es fand keinen Anklang - Ottomar lachte selbst vor Seligkeit, den holden Knaben zu umfangen. "Ei was", sagte er, als ihm wieder ein Anflug von Reue kam, "Papa kann sich manchmal zu einer gewissen Größe aufschwingen. Besonders, wenn er [310] an Italien und an seine eigne Jugend denkt! Die Situation war auch bei ihm manchmal stärker als die Ueberlegung!" Der reizende, lachende Jüngling wurde gefragt: "Ist diese gewagte Tollheit nur für ein einziges Mal bestimmt, ober soll sie öfters wiederholt werden?" - "Rechnest Du schon wieder, Du ewiger Aufpostensteher? Bist wie eine Schildwacht, die immer nur rundum sieht! Denk' doch jetzt rein an gar Nichts!" - "O ich weiß, ich weiß", sagte Ottomar, während ihm Ada auf dem Schooße saß, wir rennen in die wahnsinnigsten Dinge, nur um zu zeigen, daß wir nicht feige sind! Was wird nun aus unserm Leben, aus dieser Götterstunde herauskommen?" Ada lachte zu Allem. Ottomar war ein Opfer ihrer entfesselten Wildheit. Er wollte reden von einem Zurückgelenktwerden des Geschehenen in die übliche Ordnung, worauf Ada den Wächter auf dem Rathhausthurm, den Globus auf der Sternwarte anrief (man konnte Beide durch's Fenster sehen), sie sollten sich doch des Vorfalls bemächtigen, ihn auskrähen, herumkugeln, entstellen, in die Morgenblätter bringen, in die Hofzeitung, in die Provinzialcorrespondenz, wohin sie wollten. Unter Lachen ging alles Uebrige zu Grunde. Je mehr Widerspruch, desto mehr Wind, um den Blütenbaum zu schütteln. Reelle Hoffnungen über dies und das brachen zusammen. Ach! Auch der treffliche, so wohlmeinende Staatsanwalt mit allen seinen Berufungen auf Sitten-, Staats- und Polizeigesetze, die da auf dem Tische lagen, der gute Protector Ottomars, lag wie von Mahlo und seiner ganzen Bande geknebelt, vorläufig machtlos auf dem Tisch. - "Die Geschichte, die natürlich ruchbar wird, ruinirt zuvörderst meine Carrière!" seufzte Ottomar. Er sprach, wenn er den Mund frei hatte. Ada sang: "Inowraclaw!" nach der Melodie: Nach Sevilla! "Ein Weib in Männerkleidern ist augenblicklich des männlichen Schutzes bedürftig! könnte man wohl sagen", fuhr er fort. "Nun hast Du Dein Erstens und Zweitens, und nun genug -!" unterbrach Ada alles Sinnen und reuige Grübeln. Zuletzt zog Ottomar sich an, nahm seinen Ueberzieher und begleitete den Wagehals nach Hause.

Man wird aus dieser Probe erkennen, wie bei Gutzkow die Schilderung mit Reflexionen durchwirkt ist, und hierin vielleicht eine Schädigung des naiv epischen Stils erblicken; doch gerade durch diese seine Eigenart behauptet Gutzkow seine hervorragende Stellung unter den zahlreich auftauchenden neuern Talenten. Seine Darstellung ist überall geistdurchdrungen; feine und würzige geistige Arome duften uns gleichsam aus allen Poren derselben entgegen, und wenn dadurch in die künstlerische Harmonie etwas Zersetzendes kommt, so darf man nicht vergessen, daß die ungestörte Hingabe an den Stoff und das Aufgehen der dichterischen Eigenheit in demselben zwar den Standpunkt höchster Kunst bezeichnet, aber auch ebenso auf der niedrigsten Literaturstufe, bei der Jahrmarkts- und Leihbibliothekenromantik zu finden ist.

Gutzkow hat etwas von Jean Paul, was die Vorliebe für Extrablätter und eine fortlaufende Spiegelung der Handlung im geistigen Leben betrifft: nur daß diese Reflexe bei Jean Paul mehr der überschwenglichen Empfindung, bei Gutzkow dem feinspinnenden Verstande angehören.

5.1.20. Josef Kürschner: Karl Gutzkow's neuster Roman. In: Deutsche Dichterhalle. Leipzig. Bd. 6, Nr. 12 [Juni 1877], S. 201-202. (Rasch 14/48.77.06.1)

Was Hamlet von den Schauspielern sagt: sie seien "der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters", das läßt sich mit vollem Recht auch auf Karl Gutzkow anwenden, diesen Würdigsten unter den "Rittern des Geistes". Gutzkow hat seiner Zeit immer einen Spiegel vorgehalten, der weder concav noch convex geschliffen, in tadelloser Gradheit ein unverfälschtes Bild zurückgab; er hat objectiv die Chronik der geistigen Strömungen des Zeitalters geschrieben, aber nicht allein Thatsache an Thatsache gereiht, sondern auch aus den Begebnissen vorwärts schließend, die nothwendigen Consequenzen gezogen. Ein unerbittlicher Gegner des Unrichtigen, wie Förderer des als wahr Befundenen ist er allzeit ein Mahner und Berather des deutschen Volks gewesen. Und wiederum hat Gutzkow seine Chronik durchaus nicht in chronikalischem Stil, vielmehr in einer an dichterischen Schönheiten reichen, von tiefen Gedanken gesättigten Sprache verfaßt.

Gutzkow's jüngster Roman, der den seinen Inhalt nicht gänzlich deckenden Titel "Die neuen Serapionsbrüder" trägt, (Breslau 1877. S. Schottlaender, 3 Bde.) hält dem gegenwärtigen Jahrzehnt den Spiegel vor, und das Bild, das er uns erblicken läßt, ist von einer außerordentlichen, wenn auch nicht immer erfreulichen Wahrhaftigkeit. Die geistigen, gesellschaftlichen und sittlichen Zustände Deutschlands treten ohne das wohlfeile Schönpflästerchen der Phrase, und ohne die patriotisch sein sollende Schönfärberei vor den Leser; nackt aber wahr. Die Schäden unserer Zeit, wie immer sie sich nennen, wo immer sie auftreten mögen, Gutzkow hat sie erkannt, verfolgt bis zu ihrem Ursprung und die gleißnerischen Larven von ihnen abgerissen, damit Jeder sie erkenne und vor ihnen zurückweiche. Wenn auch der Verfasser etwas zu schwarz in die Zukunft sieht und über das Trübe der Gegenwart die Reorganisationskraft unseres Volkes nicht ganz nach Gebühr anerkennt, so hat er doch die während der letzten Jahre herrschenden Anschauungen, die sich geltend machenden Bestrebungen etc. mit einer Schärfe und Klarheit erkannt, die um so mehr überrascht, als Gutzkow in einem ältern Boden wurzelt. Aber gerade in diesem Fortschreiten mit der Zeit, bei voller Bewahrung eines objectiven, von ihr unbeeinflußten Urtheils liegt der wesentlichste Theil der Bedeutung Gutzkow's als Schilderer seiner Epoche.

Von den kleinen Lächerlichkeiten des gesellschaftlichen Verkehres bis zu den Giftgeschwüren im sittlichen und commerciellen Leben, ist die ganze Scala der Mängel durchlaufen, ohne daß irgendwie eine Absichtlichkeit bemerkbar würde. Die Personen des Romanes haben eben die Fehler ihrer Zeitgenossen, und geben sich ganz wie die Menschen unsrer Umgebung; aber der Dichter schärft unser [202] Auge, daß es durch die Hülle hindurch das Wahre erblicke. Die "Gründerei" mit ihren zuchthauswürdigen Helden; die vornehme Blasirtheit; die Sucht eines Theils des bürgerlichen Elements, sich mit den Blaublütigen zu amalgamiren; die mehr für den Verbrecher, als die bedrohte Gesellschaft besorgte, übel verstandene Humanität; die socialdemokratischen Umtriebe; der Chauvinismus in seinen verschiedenen Gestalten; die Laxheit in der Auffassung der Wahrheit; das Reclamenwesen; die Büchermacherei; die Kriecherei nach oben; die Ordenssucht; die eigenthümlichen Principien der Polizei; die Wuth, Säcularfeierlichkeiten anzuregen und Denkmäler zu bauen; die Seuche der Prostitution - kurzum was nur irgend schadhaft und verwerflich ist, wird von Gutzkow bald mit bitterstem Ernst, bald mit schneidigster Ironie im Verlaufe seines Romans verurtheilt. Aber diesen Schattenseiten der gegenwärtigen Epoche, deren Charakteristik Gutzkow in den "Serapionsbrüdern" vor den Zeitgenossen als ein warnendes mene mene tekel hingeschrieben hat, stehen auch Lichtseiten entgegen, die zwar den Eindruck der ersteren nicht ganz zu verwischen vermögen, aber doch die schrillen Duraccorde schließlich in einem warmen Mollton ausklingen lassen. Vor allem ist es eine Reihe weiblicher Charaktere - die Gutzkow mit einer Kenntniß der Frauennatur und mit einer dichterischen Empfindung, deren Wirkung sich Niemand entziehen kann, dargestellt hat - Charaktere, die mit den düsteren Partien des Romans und seinen "dunkeln Personen" wieder aussöhnen. So die weiche, tieffühlende Helene Althing, die edle, entsagende Martha Ehlerdt und die feurige, extravagante Gräfin Ada, die durch die Liebe neugeboren wird.

Unter den Männern fehlt es ebenfalls nicht an achtens- und liebenswerthen Gestalten. Da ist vor allem der biedere Althing, ein Künstler von reinstem Wasser, ein Gegner aller krummen Wege, offen, ehrlich, frei von der Leber weg und darum nur selten vom Glücke voll begünstigt; ferner der Sohn Althing's Ottomar, und dessen Freund Graf Udo, zwei Männer verschieden in ihrer Anlage, aber theilweise ähnlicher in ihren Schicksalen und gleich an gutem Fond. -

Alle Figuren des Romans, die weiblichen wie die männlichen, die guten wie die bösen, sind in ihren Individualitäten mit Meisterschaft entwickelt; jeder Strich harmonirt in ihnen mit dem andern, kein Widerspruch stört die psychologische Vollendung.

Gewissermaßen den Mittelpunkt der an Interesse, wie Personen reichen Handlung bildet eine Wahlverwandtschaft, die zugleich den segensreichen Einfluß unserer nivellirenden Zeitrichtung illustrirt.

Die "Serapionsbrüder", nach denen Gutzkow in Erinnerung an den Gespenster-Hoffmann seinen Roman nannte, sind eine Gesellschaft gebildeter Männer der verschiedensten Berufsklassen, die sich allwöchentlich am Montag in einem Weinlokal Berlins - denn in der deutschen Residenzstadt spielt der Roman - versammeln, um dort über die Zeitverhältnisse nach allen Richtungen hin zu discutiren. Gehören auch einige der "Serapionsbrüder" zum Personalverzeichniß der Handlung des Romans, so kann doch von einem innigen Zusammenhang zwischen dieser Vereinigung und der Handlung nicht eigentlich die Rede sein. Die "Serapionsbrüder" folgen dem Gang des Romans und begleiten ihn und die Zeit, in der er spielt, mit ihren Reflexionen; man hat daher ihr Verhältniß zum Roman selbst, nicht ungeschickt, mit dem des Chors zum antiken Drama verglichen. Jedem Schriftsteller wäre eine Nachahmung dieses Experiments nicht zu rathen. Gutzkow durfte es wagen, und es dünkt mich eine allzu große Vergötterung des formalen Elements, dem Roman aus diesem Grund - wie geschehen - etwas Unverbindliches nachzusagen.

Jedenfalls werden Gutzkow's "Neue Serapionsbrüder" einen dauernden Platz in der Literatur erhalten und die segensreichsten Früchte reifen, wenn sie auf einen nur halbwegs guten Boden fallen. Und das hoffen wir!

5.1.21. [Anonym:] Literarische Revue. In: Unsere Zeit. Leipzig. [Juni 1877], S. 793-794. (Rasch 14/48.77.06.2)

Es ist dieselbe Zeit, in die uns Karl Gutzkow's Roman "Die neuen Serapionsbrüder" (3 Bde, Breslau 1877) führt, die Zeit des Gründerthums. Die Conversation dreht sich auch oft um dieselben Themata, um Actienunternehmungen, um unrechtlich vorweggenommenen Gewinn, um Wagner'sche Musik und alles, was gegenwärtig die gesellschaftlichen Kreise beschäftigt. Wohl aber ist in Gutzkow's Roman die künstlerische Architektur nicht von jener symmetrischen Gliederung, nicht in jenem strengen Stil gehalten wie in der "Sturmflut". Die Gespräche der Serapionsbrüder bilden gleichsam einen Fries, der sich zwischen die Stockwerke der Dichtung selbst einschiebt; man kann dieselben auch nicht eine Rahmenerzählung nennen, aus welcher die andern Erzählungen des Romans herauswachsen; es ist ein Gesprächsfeuilleton, eine Causerie, an welcher sich einige der Helden des Romans selbst gelegentlich betheiligen. Jedenfalls ist die Verknüpfung eine sehr lockere. Man könnte an den antiken Chorus erinnert werden, doch hier macht sich der Unterschied fühlbar, daß dieser Chor seine schwunghaften Reflexionen an die dramatische Handlung selbst anschließt, während die neuen Serapionsbrüder über Trottoirkrankheit, Wagner'sche Musik und sehr viele andere allgemeine Gesprächsthemata sich auslassen und nur ausnahmsweise an dieses oder jenes Begebniß anknüpfen. Der Faden der Romanbegebenheiten selbst ist aber nicht mit Ereignissen der Culturgeschichte oder elementarischen Begebenheiten verknüpft, wie in dem Roman von Spielhagen: es sind Herzensfragen, um die es sich handelt; es sind Verwickelungen darin, welche an die Wahlverwandtschaften erinnern, wenngleich sie mehr, wie der Autor sagt, eine Liebesquadrille bilden, und von den weiblichen Charakteren steht in der Mitte der Handlung eine echt problematische Natur, ein Mädchen, das man nicht eigentlich zur Demi-Monde rechnen kann, das aber doch viele Lebensgewohnheiten und schnöde Geldspeculationen mit dieser Frauenklasse gemein hat und zuletzt ganz dem Straßentreiben verfällt. Edlere weibliche Charakter[e] sind in Contrast zu ihr gestellt; aber das Romanproblem selbst, das der Autor behandelt, tritt uns nicht mit jener Klarheit entgegen, mit welcher die Idee eines künstlerischen Organismus in allen seinen Pulsen durchsichtig vibriren soll. Es ist ein beliebiges Segment aus dem Kreise der Herzensverwickelungen, welches der Dichter [794] ausgeschnitten und auf den geistvoll erfaßten Hintergrund unserer jüngsten Epoche aufgeklebt hat. Der Roman löst sich auf in ein Conglomerat ineinanderverschlungener Erzählungen, durch welches sich wieder das Feuilleton der Plaudereien der Serapionsbrüder hindurchzieht mit selbständigem Reiz. Geistvoll wie alle Werke Gutzkow's erregt es doch wenig warme Theilnahme für die Haupthelden, deren innere Kämpfe zum Theil etwas flüchtig geschildert sind.

Und wer ist der Hauptheld des Romans? Offenbar Ottomar Althing, der Sohn des Bildhauers, in staatsbürgerlicher Hinsicht Referendar, wie Dankmar Wildungen und die Helden vieler Gutzkow'scher Novellen, und Reservelieutenant, wie der Schiffshauptmann Schmidt, der Held der "Sturmflut". Der Reservelieutenant versetzt die modernen Romanhelden zwanglos in die Sphäre des Heldenthums; denn Schmidt und Althing haben den großen Krieg von 1870 mitgemacht und das sind Antecedentien, von denen auf sie und ihre ganze Haltung ein gewisses Lustre ausströmt. Ein Liebesroman, wie es der Gutzkow'sche im Grunde trotz seiner zeitgeschichtlichen Reflexionen ist, braucht solchen Glanz nur, um den Helden Bedeutung zu geben, ohne der darstellenden Muse die Unkosten großer Schilderungen und geschichtlicher Tableaux zuzumuthen. Die Liebe Ottomar's zur schönen, etwas derb sich einführenden Gräfin Ada, die Scheidung derselben von dem Grafen Udo, eine Ehe aus Familienrücksichten, die Liebe des Grafen zu Ottomar's Schwester Helene, die aber nicht voll erwidert wird und nicht ihr Ziel erreicht, bilden die an dieser einen Stelle versagende Liebesquadrille des Romans. [...]

Der Stil Gutzkow's ist von großer Beweglichkeit, von durchweg phosphorescirenden Adern geistiger Schärfe; er athmet ganz den, wir möchten sagen würzhaften Esprit, den dieser Autor nie verleugnet. Stets lebendig, originell, wird er nur selten schleppend in einzelnen Satz- und Wortbildungen. Der feine satirische Geist des Autors weiß aus allen Verirrungen unserer Gesellschaft Nahrung zu ziehen; er ist durchaus skeptisch, auch unsern nationalen Erfolgen, ebenso den socialen Institutionen gegenüber. Die Ehe selbst wird nirgends tragisch, im ganzen aber zu leicht genommen; es kostet den Grafen Udo ein zu geringes Opfer, sich von seiner Ada so früh scheiden zu lassen. Die Betrachtungen über die geschlechtlichen Verhältnisse sind kühn und schleierlos; einzelnes, was die sehr zweifelhaften Mysterien der Zeugung betrifft, hätten wir eher aus dem Roman fortgewünscht. Im ganzen gibt er einen neuen Beweis für des Autors ungetrübte geistige Frische und Kraft, und besonders für jene Art von Schärfe, die sich nagend und wühlend in unsere Lebensverhältnisse hineinbohrt, wo sie nur irgendeine etwas angefaulte Stelle zeigen.

5.1.22. [Anonym]: Die neuen Serapionsbrüder. Roman in 3 Bänden von Karl Gutzkow. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung. Berlin. Nr. 72, 25. Juli 1877, 2. Blatt, [S. 2]. (Rasch 14/48. 77.07.25)

Ein neuer Roman von Gutzkow ist eigentlich ein Ereigniß für die literarische Welt, aber diesem Ereigniß gegenüber ist sie, und leider nicht mit Unrecht, ziemlich kalt geblieben. Nicht etwa, daß aus dem Roman eine Abnahme Gutzkow'scher Geisteskraft herauszulesen wäre: er wird noch nicht alt, aber er ist tief verbittert und steht vielen Erscheinungen der Gegenwart zu fremd gegenüber, um sie im richtigen Kolorit seinen Bildern einverleiben zu können. [...] Auch von den Romanfiguren sind einzelne stark verzeichnet, und wenn auch der Roman unter allen Umständen interessant bleibt, würden wir doch, falls das überhaupt denkbar wäre, am dringendsten wünschen, daß Gutzkow den Roman lieber nicht geschrieben haben möchte. Seinen gewaltigen, epochemachenden Vorgängern aus dieser Feder steht er kaum als Halbbruder zur Seite.

5.1.23. Gutzkow an Salo Schottlaender, Herrenalb, 30. August 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,240 (hsA).

Die "Neuen Serapionsbrüder" haben Sie, glaube ich, nicht genug, selbständig, ohne andre Romane, angezeigt. Wenigstens habe ich außer in Ihrer Zeitung nur 2 oder 3 in Berliner Blättern gefunden, die ich theilweise selbst bezahlte.

Selbstrezensionen meiner Bücher schreibe ich sehr ungern. Denn sie fallen natürlich viel nüchterner aus, als ich sie wünschte. Wollen Sie in der umstehenden an den offen gelassenen Stellen irgend ein schmeichelhaftes Epitheton selbst hineinschreiben?

5.1.24. Fritz Mauthner: Die neuen Serapionsbrüder. Roman in 3 Bänden von Karl Gutzkow. In: Die Gegenwart. Berlin. Bd. 12, Nr. 38, 22. September 1877, S. 185-186. (Rasch 14/48.77.09.22)

Im Stande der Unschuld stellt man sich die Entstehung der Dichterwerke doch ein wenig anders vor als später, wenn man schon einen Blick hinter die Coulissen dieser Welt gethan hat. So mag es auch ein recht naiver Glaube sein, daß selbst ein bedeutender Dichter nur einmal im Leben einen großartigen, originellen und wahrhaften Zeitroman schreiben könne. Ein socialer Roman, wenn er nicht lediglich dazu bestimmt ist, in Leihbibliotheken ein stoffhungriges Publicum "abzufüttern", müßte doch wenigstens an einer Gestalt die Kämpfe und Ziele der Zeit, ihre Einwirkungen auf den mitstrebenden Menschen und die Entwickelung desselben schildern. Es wäre beinahe eine Beleidigung des Lesers, hier erst noch an "Wilhelm Meister" zu erinnern.

Die intime Kenntniß der Menschenseele, ohne welche kein Romanbild gelingen wird, erwirbt der Dichter jedoch nur im Studium einer einzigen Person, im Studium seiner selbst. Nur der Autor selbst ist sich für die Erforschung des geistigen Lebens eine reine und erste Quelle; alles Andere ist Vermuthung, Analogie, Täuschung oder - Wiederholung. Nur an sich selbst hat der Autor einen treuen Spiegel seiner Zeit. Jene Ansicht, daß der bedeutende Schriftsteller sich mit nur einem Zeitroman - einem, aber einem Löwen! - begnügen müsse, ist darum trotz ihrer Naivetät vielleicht doch nicht ganz unhaltbar, wenn auch ihr gegenüber manche Berühmtheit, die alljährlich, bei Gefahr des Vergessenwerdens, ihren gewohnten dreibändigen Zeitroman zu Wege bringt, in einem seltsamen Lichte erscheinen müßte. So naiv ist jener Glaube freilich nicht, daß er das Verbot der Vielschreiberei auch auf den historischen Roman ausdehnen möchte. Die Schachte der Welthistorie sind tief; wer nur die echte Wünschelruthe des Goldgräbers besitzt, kann trotz der Concurrenz aller Minengräber dort immer noch und immer wieder lauteres Gold emporfördern.

Eine andere Ausnahme ist dann einzuräumen, wenn ein seltenes Talent nach Abschluß seiner ersten innern Kämpfe ein höheres Alter erreicht und in dieses Alter eine außerordentliche Zeit fällt, die neue Bilder und Gestalten, neue Kämpfe und Ziele, neue Errungenschaften und Weltanschauungen an ihn heranbringt. Unsere Zeit nun ist außerordentlich. Es ist darum nicht zu verwundern, daß die noch lebenden Dichter aus älteren Generationen, das inzwischen von ihnen selbst Erreichte bei Seite lassend, mit den jüngern um die Wette der Neuzeit ihr Räthsel abzulauschen suchen, daß sie auf die neuen Fragen neue Antworten finden, daß sie zu ihrer alten Werkstätte "nach dreißig Jahren" zurückkehren - daß Karl Gutzkow ein Menschenalter nach seinem "Zauberer von Rom" sich wie damals wieder dem allgemeinen Strome entgegenstemmt.

Der alte Gegensatz, welchen man seiner Zeit mit den Worten "Idealismus" und "Realismus" zu - verschieben beliebte, ist in den Greisen noch nicht erloschen. Von Optimismus und Pessimismus hätte man reden sollen, wenn nicht auch diese Fremdworte alle Vorzüge und Fehler des Kautschuks an sich hätten. Optimisten und Pessimisten, Zufriedene und Malcontente stehen dem neuen deutschen Reiche ebenso geschieden gegenüber, wie einst den Domänen des seligen Bundesraths. Der Eine sieht heute noch die ganze Welt durch die rosigen Brillen seiner Jugend an, er freut sich alles Gewordenen, fördert das Werdende und versöhnt sich rasch mit allem Wirklichen. Die noch immer nicht um alle ihre Köpfe verkürzte Hofphilosophie mit ihrem Dogma von der "Vernünftigkeit alles Wirklichen" äußert ihre Wirkungen auch fort, wo man sie nicht erwarten sollte. Der "Realist" begnügt sich, die sichtbaren Modelle mit seinem besten Können und seinen besten Farben getreu nachzubilden, nur darum, weil sie ihm gefallen, weil er mit dem Gewonnenen zufrieden ist. [→ Globalkommentar ]

Gutzkow ist eine solchen Optimisten entgegengesetzte Natur. Die Unzufriedenheit, die Mutter des Idealismus, ist seine Muse. Es ist jene edle Unzufriedenheit, ohne welche kein menschlicher Fortschritt gedacht werden kann, ohne welche neben den größten Gräueln auch die größten Heldenthaten der Weltgeschichte unerklärlich wären, die Unzufriedenheit, ohne welche unser Urahn wohl schwerlich zum ersten menschlichen Kleidungsstück gegriffen hätte, kurz jene Eigenschaft, welche für ihren Träger eher ehrenvoll als angenehm sein dürfte. Viele Jahrzehnte sind unter Schlachten und Siegen, Bauten und Einstürzen vergangen, seitdem Karl Gutzkow zuerst an den Pfeilerchen unserer Gesellschaft zu rütteln begann, aber der Mann ist derselbe geblieben, noch immer beherrscht ihn die Schiller'sche Sehnsucht nach den Göttern Griechenlands oder doch nach Göttern überhaupt.

Wovon handelt Gutzkows neuer Roman? Oder besser, wovon handelt er nicht? Die hohe Siegessäule und das Streberthum der Hauptstadt, Richard Wagner und weibliches Vereinsunwesen, der Philosoph des Unbewußten und die Gründer, Bismarck und die Thiergartenstraße, Alles, Alles und einiges Andere erhält ein Urtheil oder ein Streiflicht. Sätze, welche als Candidaten für Büchmanns Sammlung "geflügelter Worte" auftreten, sind nicht selten. Gutzkow ist ein Verschwender, der Gold, Silber und Nickel in Haufen bei sich trägt; während er es freigebig verstreut, nimmt er sich nicht erst die Mühe, die Geldsorten zu sondern.

Gutzkows eigenthümlicher Geist wirkt so ansteckend, daß man gleich ihm vom Hundertsten in's Tausendste geräth, kaum daß man beim Schreiben an ihn zu denken gezwungen wird. Man müßte jedoch ein ganzer Gutzkow und in der Form noch mehr als Gutzkow sein, um den vielverschlungenen Inhalt seines Romans klar und erschöpfend in Kürze nachzuerzählen. Es ist wie beim Eintritt in einen großen, fashionablen Restaurationsgarten. Der Fremde kann sich in der dichtgedrängten Masse der Besucher trotz des hellen Gaslichtes nicht sobald zurecht finden; ein Eingeweihter muß ihn erst belehren: hier sitzen die Maler mit ihren Käufern und Bestellern, dort wimmeln die Vertreter der Börse mit ihren Frauen, dort moquiren sich die Schriftsteller über die Andern. Oder man müßte ein geborener Stratege sein, um die Massenbewegungen mit einem Blicke beherrschen zu können, mit welchen Gutzkow in seinen großen Romanen zu wirken pflegt; auch die handelnden Personen der "Serapionsbrüder" könnte man nach drei großen Lagern ordnen, welche alle - um bei dem Bilde zu bleiben - mit grobem Geschütz versehen sind.

Im ersten Lager campiren Gutzkows Aristokraten, eine Menschenklasse, welche zu bedauern wäre, wenn die Wirklichkeit dem Bilde des Dichters entspräche, und welche zu bedauern ist, weil sie dem Dichter so wenig Sympathien einzuflößen vermochte. Die einzige achtunggebietende und mit Liebe gezeichnete Gestalt aus diesem Kreise ist der alte Graf Treuenfels, ein ganzer Mann, der eine natürliche Tochter väterlich liebt, seinen leiblichen Neffen Udo jedoch der jungen Gräfin Ada Forbeck testamentarisch zum Gemahle hinterläßt, weil er deren Herrn Papa einmal niederduellirt hat; aber dieser alte Graf Treuenfels ist beim Beginn des Romanes schon todt. Seine Wittwe, eine häßliche, unbedeutende Prinzessin, tröstet sich bereits bei dem Gedanken an ein Mausoleum für den Verstorbenen und der junge Graf ist mit Ada verlobt, während deren Mutter und Bruder im Hinblick auf den reichen Schwiegersohn respective Schwager die aristokratischsten Schulden machen.

Das zweite Lager umfaßt die Vagabunden, die romantischen Existenzen, Leute, die ihren Beruf verfehlt haben. Am klarsten tritt Edwina hervor, eben jene natürliche Tochter des alten Grafen, ein Weib voll Geist und Sinnlichkeit, eine Aspasia ohne Harmonie, eine Phryne ohne Gemeinheit, hinreißend lebendig gemalt. Sie hat eine dunkle Vergangenheit, aus deren Nebeln gewisse schleierbedürftige Paragraphen des Strafgesetzes hindurchschimmern, sie erzwingt sich einen Antheil am Erbe des alten Grafen, sie erscheint als glänzendes Meteor in den bevorzugten Kreisen der Hauptstadt - man hört deutlich die Spatzen des [186] Berliner Thiergartenviertels zwitschern -, sie vereinigt in ihrem Salon die "Gesellschaft", bis wir sie einmal des Nachts, mit geschminkten Wangen, in verschossenen, grellen Gewändern auf dem Bürgersteig einer bekannten langen Straße wiederfinden, wo der eigene Pflegevater die Elende erschlägt. Ihr Bräutigam verkommt unter den Schrecken des Delirium tremens; es ist ein socialistischer Arbeiterführer, der im Dienste einiger "Gründer" wenige Monate lang sein niedriges Ideal des gesteigerten Lebensgenusses besessen, um im allgemeinen Zusammensturze der großen Schwindelzeit mitgerissen zu werden. Die Typen dieser Zeit: der geadelte Agent Cohn von Cohnheim, der heruntergekommene Träger eines alten Namens, der in Börsenpapieren speculirende Privatmann, keiner fehlt in diesem Cirkel.

Den Mittelpunkt der Gutzkow'schen Heerschaaren bilden die schlichten Menschen, die Lieblinge des Dichters, welche aus Erkenntlichkeit für seine Neigung dessen eigenste Gedanken im Munde führen. Der prächtige alte Bildhauer Althing, der Erbauer des Mausoleums für den Grafen Wilhelm, ist der Alters- und Ehrenpräsident dieser Gesellschaft. Es ruht auf ihm wie der Fluch einer Müllner'schen Schicksalstragödie; seine erste Schöpfung ist vernichtet worden, da unvorsichtige Arbeiter das feuchte Thonmodell vor der Türe des Ausstellungsgebäudes fallen ließen, und sein Mausoleum wird von den barbarischen Seelenfreunden der alten Gräfin verstümmelt werden, weil die engherzige Wittwe plötzlich von der längst verjährten Untreue ihres Gatten erfährt. Es scheint Anfangs, als ob der alte Bildhauer auch mit seinen Kindern viel Unglück erleben solle, denn sein Sohn Ottomar liebt - und nicht im mindesten unglücklich - die nunmehrige Gräfin Ada Treuenfels, die Frau seines besten Universitätsfreundes, während Helene, die liebliche Bildhauerstochter, mit dem schmeichelhaften Gedanken spielen kann, vom schönen und feingebildeten, wenn auch etwas unmännlichen Grafen Udo angeliebt zu werden. Goethes Wahlverwandtschaften liegen nahe, der encyklopädische Gutzkow würde zur Vergleichung an Schopenhauers "Tetragamie" erinnern. Doch endlich führen der Dichter und die Liebe Alles zu einer befriedigenden Lösung. Die Scheidung des gräflichen Paares wird vollzogen, Ada siedelt mit ihrem zweiten Gatten, dem Kreisrichter Ottomar Althing, in irgend ein polnisches Städtchen, Graf Udo erhält von Helenen das zierlichste aller Körbchen, diese selbst heirathet einen Andern. Die Geschichte dieses Andern wieder würde allein schon einem ärmeren Manne als Gutzkow den Stoff zu einem neuen Romane geboten haben. -

Bei Gutzkow kommt es nicht sowohl darauf an, an welche Fabel er die nöthigen Schlinggewächse seiner eigenthümlichen Gedanken und Urtheile anklammert, als vielmehr auf diese Gedanken und Urtheile selbst. Als ob er sich nicht damit begnügen könnte, in seiner eigenthümlichen Schreibweise gleichsam die Variationen zu den von ihm selbst gefundenen Motiven zu spielen, hat er in seinem neuen Romane sich noch besonders eine Art von Ventil geschaffen, durch welches er sich der "Tausend Gedanken", die sein Gehirn überfüllen, bequem und unauffällig entledigen kann, ohne ein eigenes Buch davon zu schreiben. Dieses Ventil ist sein Einfall, den Roman die "Serapionsbrüder" zu nennen, nach dem Vorgang von E. T. A. Hoffmann eine Montagsgesellschaft dieses Namens in einer Berliner Weinstube zu begründen, wo geistvolle Männer - in sämmtlichen Schriften Gutzkows kommt vielleicht kein einziger geistloser Mensch vor! - die Ereignisse des Romanes besprechen, über die Zeit und ihre hervorragenden Männer zu Gericht sitzen, den Dichter commentiren, kurz den Chor der antiken Tragödie in seiner neuesten Umgestaltung bilden. Sammelte sich doch der alte Chor auch um den Altar des Dionysos! - würde Gutzkow sagen. Die Idee wäre jedoch glücklicher, wenn nur alle Mitglieder des Serapionsbundes in das Räderwerk des Romans gleicherweise eingriffen oder alle ihre interessanten Reden unlöslich mit ihm verbunden wären. Ein philologischer Witz deutet das Grundproblem an. Die Mitglieder der Montagsgesellschaft bekennen sich, außer zu Serapion, auch zu Serapis, sie huldigen ihm als der Sonne der Nacht. Die Nachtseite des Daseins, die häßliche Kehrseite aller Dinge will Gutzkow in seinen Serapionsbrüdern beleuchten, und das ist ihm gelungen, so scharf und so grell, daß Einem die Augen schmerzen. Schon in der Weinstube sind die Choleriker, die sogenannten Pessimisten seine Leute; die Zufriedenen dagegen sind Streber, Windfahnen, Ordenjäger. Dieser bittere Grundzug wird dem Romane bei Vielen schaden; er verhärtet die Züge der einzelnen Gestalten und drückt ein wenig den Helden. Dieser Ottomar Althing ist der eigentliche Vertreter unserer Zeit und als solcher ausdrücklich mit den nöthigen Attributen ausgestattet; wir müssen ihn achten und seine Handlungsweise in jedem Momente billigen, doch begreifen wir kaum, warum Ada sich in ihn gar so närrisch verliebt.

Das Urtheil über unbefriedigende Züge eines Werkes vom Dichter des "Zauberer von Rom" sollte vielleicht nicht so offen sein. Der Lehrer eines Kronprinzen, den ich einmal fragte, wie er denn den hochgestellten Zögling corrigire, wenn derselbe z. B. 2 x 2 = 5 setze, antwortete mir: "Ich pflege dann zu sagen: Sehr gut kaiserliche Hoheit; aber nehmen wir an, es wäre 4, und fahren wir fort."

Bei einem Gutzkow sind solche Umschreibungen überflüssig und kleine Mängel ändern nichts an dem Werthe des Mannes. Wenn wir - und das ist bei literarischen Betrachtungen beinahe nothwendig - die neuere deutsche Literatur von der Erscheinung Goethes ab verfolgen, in dessen Geiste sich alles Vorhergegangene, wie die Wässer der Gebirgsquellen im vermittelnden Alpensee sammelt, so wird gerade Gutzkow durch die Universalität seines Wissens, durch die Fruchtbarkeit seiner Feder, durch die Vielseitigkeit seiner Anregungen als ein Wahlverwandter Goethes sich geltend machen. Diese Verwandtschaft hat er auch in seinem neuen Werke nicht verleugnet.

5.1.25. Gutzkow an Klara Mosson, Sachsenhausen, 20. November 1877. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 77,320I (maschA).

Merkwürdig, dass ich alles was ich in den Neuen Serapionsbrüdern über unsere Zeit sage, bei Dubois Reymond (Rundschau) bei Virchow (Münchener Rede) wiederholt finde! Man liest mich entweder im Stillen oder ich sage was in der Zeit liegt einige Monate früher als Andre.

5.1.26. Rudolph Genée: Gutzkow's "Neue Serapionsbrüder". In: Deutsche Rundschau. Berlin. Bd. 13, Heft 3, Dezember 1877, S. 518-521. (Rasch, Nachträge, 14/48.77.12.1)

Dieser neueste Roman Gutzkow's gibt ein höchst erfreuliches Zeugniß für die dauernde Geistesfrische und Schaffenskraft des berühmten Autors. Nicht nur während der Lectüre gewährt das Buch eine angenehme Unterhaltung, sondern es gibt so lebhafte und starke Anregungen zum eigenen Denken, daß es dadurch fortdauernd befruchtend wirkt. Die eigentliche Romanfabel ist auch hier weniger das Gebilde einer kühn schaffenden dichterischen Phantasie, als das Product eines scharfen Verstandes; und man muß immerhin bewundern, wie dieser kritisch forschende, erwägende und combinirende Geist auch in der freien Erfindung zu solchen Resultaten gelangen kann.

Allerdings ist mit dieser Art des Schaffens ein Uebelstand verbunden, der sich uns sehr bald fühlbar macht. Es ist die gewählte Form der Composition, welche den Titel bestimmte; vielleicht auch ist's der Titel, der die Form bestimmt hat. Daß die "neuen Serapionsbrüder", eine Montagsgesellschaft, welche in einer Berliner Weinstube zusammenkommt, nicht eine bloße Copie der Serapionsbrüder E. T. A. Hoffmann's sind; daß sie nicht den Zweck haben, sich und den Lesern verschiedene Geschichten zu erzählen, ist selbstverständlich. Es sollte sich vielmehr aus verschiedenen Persönlichkeiten der Gutzkow'schen Montagsgesellschaft der Roman entwickeln, der eben den Inhalt des ganzen Buches ausmacht. Dies nur konnte des Dichters Absicht gewesen sein, sonst wüßten wir gar nicht, wozu überhaupt diese Gesellschaft da wäre. Aber dieser Plan ist vom Dichter nicht durchgeführt worden, und er entfernt sich von ihm schon so bald, daß man sich wundern muß, warum er ihn nicht lieber ganz aufgegeben hat. Von den zuerst eingeführten Persönlichkeiten tritt nur Einer, der Justizrath Luzius, einmal in den Vordergrund der Geschichte, aber eigentlich nur episodisch, denn seine Tragödie bleibt auf ein paar Capitel des Romans beschränkt. Sanitätsrath Eltester, Bankier Ascher Aschersohn und Andere verschwinden gleich nach dem Anfang völlig; selbst der bedeutungsvoll und anziehend eingeführte alte Künstler, der Bildhauer Althing, hält im Roman nicht Stand und wird von anderen Personen in den Hintergrund gedrängt. Sein Sohn Ottomar, eine der Hauptfiguren des Romans, erscheint nur gelegentlich in der Weinstube, um seinen Vater zu suchen, und die ganze übrige Personengruppe des Romans, Graf Udo Treuenfels, Helene, Ada, Edwina u. s. w., steht zu den "neuen Serapionsbrüdern" in gar keiner Beziehung. Diese sind nur dazu da, um einige Tagesfragen in geistreicher Weise erörtern zu lassen, aber ihre Verbindung wird vom Dichter nur künstlich und ohne jede Nothwendigkeit aufrecht erhalten. Hier und da muß dieser sich selbst und uns an ihre Existenz wieder erinnern, indem er das eine und andere Capitel damit beginnt, daß wieder einmal ein Montag gekommen sei. Aber die Montage hören nach und nach ganz auf, weil weder der Dichter sie braucht, noch der Leser sich für sie interessirt. Wird einmal nach langer Zeit die Montagsgesellschaft uns wieder in Erinnerung gebracht, so wissen wir schon, daß darin nicht das Geringste zur Förderung des Romans geschieht, während die Geschichte selbst unser vollstes Interesse so in Anspruch nimmt, daß es uns gar nicht behagt, auch nur für kurze Zeit davon abgelenkt zu werden. Das fühlt der Dichter selbst, und die Montagsgesellschaft verduftet unter seinen Händen. Denn auch die Form des "letzten Capitels" kann nur als eine Concession an die ursprüngliche Anlage des Buches betrachtet werden. Von inneren Beziehungen, die etwa zwischen den in der Gesellschaft zur Discussion kommenden Fragen und der Handlung des Romans bestehen könnten, ist Nichts zu er-[519]kennen. Nur die Idee von der "Sonne der Nacht" wird gelegentlich für die Erzählung verwendet, ohne jedoch zu einer dominirenden Bedeutung zu gelangen.

Aber trotz dieses offenbaren Bruches, der durch die Form des Gutzkow'schen Buches geht, und den wir erst dann nicht mehr empfinden, sobald wir an die Existenz der Montagsgesellschaft gar nicht mehr erinnert werden, gibt die Compositionsweise Gutzkow's zu interessanten Beobachtungen Gelegenheit. Die Geschichte des Grafen Udo und seines Onkels bleibt uns lange Zeit durch die Art und Weise, wie sie berührt wird, unklar, und zwar mit Absicht des Dichters. Er führt uns unvorbereitet in Situationen ein, in denen wir uns nicht gleich zurecht finden können, und für die wir erst sehr allmälig das richtige Verständniß gewinnen. Wenn dies allerdings im Anfange die Lectüre ein wenig erschwert, so gibt es ihr doch auch einen gewissen Reiz und entbehrt keinesfalls der künstlerischen Berechtigung. Zu einer anderen, ähnlichen Betrachtung gibt jenes Capitel Veranlassung, welches uns ganz plötzlich in die tragische Geschichte des Justizraths Luzius einführt. Auch hier geschieht dies nicht durch eine klare und nackte Erzählung dessen, was früher geschehen ist, sondern durch Vorführung eines nächtlichen Bildes, eines von Reue und Gewissensbissen Gemarterten. Was wir aus den Gedanken, die in dem Manne hier stürmen, erfahren, ist noch nicht die Geschichte selbst, sondern nur ein Schattenbild derselben, die in undeutlichen Umrissen an uns vorüberzieht.

Wie die Luzius'sche Episode unvermittelt auftaucht, so wird sie auch rasch wieder abgethan. Dagegen sind die beiden neben einander laufenden Hauptlinien des Romans, an denen hier Graf Udo, Edwina und ihre in der Vergangenheit liegende Geschichte, Ada, Ottomar und Helene, dort Dr. Wolny und seine Gattin, Martha und Raimund Ehlers [sic] betheiligt sind, mit großer künstlerischer Besonnenheit durchgeführt und mit einander verschlungen. In der Persönlichkeit des Dr. Wolny und namentlich in seinem Verhältniß zu seiner gealterten Gattin gibt uns Gutzkow ein vollendetes Product seiner scharfen Beobachtung und Kenntniß des Lebens. Ebenso ist der junge Graf Udo, eine edel angelegte, aber in seinem Wollen und Können etwas schwanke Natur, ein vorzügliches und durchaus neues Charakterbild. Nicht minder gelungen ist die mehr außerhalb der Haupthandlung stehende Figur des componirenden Fürsten Rauden; besonders in dem Verhältnisse dieses eitlen, geizigen und unmännlichen Prinzen Narciß zu der abenteuerlichen Edwina zeigt sich Gutzkow's Befähigung im glänzendsten Lichte. Die geistreiche Ironie, die in seiner Menschenkenntniß wurzelt, ist Gutzkow's hervorragende Stärke. Er hat in diesem Punkte etwas Verwandtes mit dem größten Menschenkenner unter den englischen Romandichtern, mit Thackeray. Wie bei diesem hat auch Gutzkow's Ironie oft einen harmlos liebenswürdigen Ton, aus welchem, den kleinen menschlichen Schwächen gegenüber, eine gewisse gutmüthige Toleranz klingt. Wo es sich aber bei ihm um große sittliche Grundsätze handelt, ist seine Ironie schneidend und in's Herz treffend. Dies ist hier der Fall in seiner Schilderung einer gewissen Sorte frech dünkelhafter Aristokratie, wie in seiner Behandlung des Socialdemokraten Ehlerdt, der Gründer Rabe, Forbeck und Cohn. Am glücklichsten und lebensvollsten sind seine Charakterfiguren da, wo sie als bestimmte Typen erscheinen. Dagegen wollen die Gestalten Ottomar's und Helenens, der beiden reinsten Charaktere, keine rechte Plastik gewinnen, - obwohl es gerade die Kinder eines großen Bildhauers sind. Diese ganze Familie des würdigen Künstlers dient dazu, ein schärferes Licht auf jene aristokratischen Kreise zu werfen, in denen man mit den Gesetzen der Moral und der Sitte leicht umspringt. Die ganze, durch eine übernommene Verpflichtung eingegangene Ehe des Grafen und Ada's, so bedenklich sie in ihren Consequenzen auch erscheint, ist an sich gewiß nichts Unwahres. Bedenklich aber wird die Situation in dem Wendepunkte, da Helene und Ottomar sich entschließen, der Einladung des Grafen nach Hohenlinden zu folgen. Daß Ottomar bei aller Strenge seiner Grundsätze dem Reize nicht widerstehen kann, ist eher begreiflich; bei Helenen aber, wie sie uns geschildert worden, ist dieser Schritt psychologisch unerklärlich, und noch undenkbarer ist es, daß der alte Bildhauer, der [520] schon auf dem Punkte stand, dem Grafen sein Haus zu verbieten, in diesen Schritt ohne Weiteres willigt. Es bedarf einiger Zeit, ehe wir mit dem schweren Bedenken gegen die Wahrscheinlichkeit uns abfinden können. Daß es geschieht, erreicht der Dichter durch die ganz meisterhaft ausgeführten Scenen, welche eben nur auf diesem glatten Boden balanciren konnten.

Der anziehendste und bis in die feinsten Einzelnheiten am vollendetsten geschilderte Charakter des Romans ist Ada. Auch sie entstammt jenen aristokratischen Kreisen, gegen welche der Dichter den Stachel der Satire und seinen sittlichen Unmuth richtet. Aber in ihr steckt ein so guter Kern, daß wir dem Processe ihrer Läuterung mit innigem Wohlgefallen folgen, und ihr selbst da, wo sie gegen das Gebot der Sitte rücksichtslos sich aufbäumt, um ihr Recht des Herzens geltend zu machen, nicht zürnen können. Ihre Unarten, die auf Rechnung einer schlechten Erziehung kommen, bilden mit ihren liebenswürdigen Eigenschaften ein so harmonisches Ganzes, daß die Lebenswahrheit dieser Persönlichkeit in keinem Momente geschwächt erscheint und daß wir in der saloppen Redeweise dieser ungezogenen Grazie das drollige "Na ja" wirklich zu hören vermeinen. Ada's rücksichtslos sich äußernde Liebe zu Ottomar, dem vertrautesten Freunde ihres Gatten, das Verfehlte und Freudlose der ganzen ehelichen Verbindung und die durch Ada's Entschlossenheit sich vollziehende Lösung derselben, endlich Helenens Stellung zu dem für sie schwärmenden Grafen und Ottomar's Zurückhaltung gegen die von ihm geliebte Ada -: das alles bildet eine Kette von Situationen, welche die allersubtilste Behandlung erforderten, und welche durch des Autors geistvolle Darstellung den Schwerpunkt des Romans bilden.

Weniger geschlossen erscheint uns die abenteuerliche Geschichte Edwina's, der natürlichen Tochter des verstorbenen Grafen Wilhelm. Hier tritt zuweilen eine gewisse Unruhe ein, welche des Autors eigene Unsicherheit in seinen Absichten verräth. Dies gilt namentlich für die erste Hälfte der Geschichte, in der wir keine rechte Vorstellung von Edwina's Wesen gewinnen können. Mehr und mehr aber wächst auch sie im Verlaufe des Romans; ihre Verbindung mit Reinhold [sic] Ehlerdt hat sehr rührende Züge, und von ihrem tragischen Untergang ist in gedrängter Kürze ein ergreifendes Bild gegeben. Was Reinhold Ehlerdt betrifft, den talentbegabten, aber eitlen, großsprecherischen Socialdemokraten, so hat Gutzkow in ihm und seiner nächsten Umgebung einen sehr energischen Protest gegen die Ansprüche dieses modernen gesellschaftlichen Auswuchses darzulegen versucht. Dieser Protest aber würde berechtigter erscheinen, wenn der Dichter sich entschlossen hätte, weniger einseitig in seiner Schilderung dieser Secte zu sein; wenn er die besseren und berechtigteren Elemente, welche sie enthält, nicht gänzlich ignorirt hätte. In ihrem Auftreten sind diese Leute brutal und zugleich carikirt theatralisch geschildert, in ihren Handlungen treulos und perfid. Ein genialer Zug dagegen ist es, wie er den Haupthelden Ehlerdt sich selbst untreu werden und mit der gemeinsten Gründersippe in Verbindung treten läßt. Von diesem Kleeblatt, Rabe, Baron Forbeck und Cohn von Cohnheim, kommt der Letztere erst sehr spät, erst in der Mitte des Bandes, zu einer eingehenden Charakteristik. Aber dieser verdanken wir dann eine der ergötzlichsten Scenen, voll zündenden Humors.

Aber Socialdemokratie und Gründerschwindel sind nicht die einzigen Tagesfragen, welche Gutzkow unter seine kritische Lupe nimmt. Richard Wagner fehlt so wenig, wie das Thema der Leichenverbrennung, und in der bescheidenen Figur eines gewissen Plümicke, eines Vegetarianers, nimmt Gutzkow seinen sehr entschiedenen Standpunkt in der Ernährungsfrage ein, so sehr entschieden, daß er den armen Vegetarianer sogar an den Folgen seiner Pflanzenkost, an der Schwindsucht, sterben läßt.

In des Autors politischen Raisonnements wird man wieder durch seinen klaren Blick, seine scharfe, durch nichts beeinflußte Urtheilskraft äußerst wohlthuend berührt. Mit gerechtem Unwillen verfolgt er das politisch-sociale Streberthum, sowie den überhand nehmenden Servilismus, auch in unserer Tagespresse. Gutzkow sagt [521] den Deutschen die Wahrheit, nicht wie ein vergrämelter Demokrat von ehemals, sondern als ein Mann von Grundsätzen, von Ehrgefühl und Charakter. Man mag manchmal seinen Ansichten widersprechen wollen oder bei anderen zweifelnd und kopfschüttelnd verweilen, - immer aber ist er anregend und interessant.

An dem eigentlichen Romaninhalte des Buches ist es kein geringer Vorzug, daß sich das Interesse an den Begebenheiten wie an den geschilderten Charakteren fortschreitend steigert und im dritten Bande seinen Höhepunkt erreicht. Die Lösung der Conflicte kommt mit dem Schlusse des Buches vollständig aus, kein Zweifel und kein Unbehagen bleibt zurück, und auch die etwas sonderbare Schlußcadenz des letzten Capitels, in welchem uns sogar ein Einblick in die Zukunft der drei gegründeten Familien gewährt wird, kann an diesem günstigen Eindruck Nichts ändern.

5.2. Dokumente zur zweiten Auflage

5.2.1. [Anonym:] "Die neuen Serapionsbrüder". Roman von Karl Gutzkow. 2. Auflage. In: Europa. Leipzig. Nr. 49, Dezember 1878, Sp. 1921-1922. (Rasch 14/48.78.12.1)

Die zweite Auflage eines Buches erlaubt eine sichere Voraussetzung: schon Hunderten, Tausenden vielleicht ist es ein lieber Freund geworden und noch immer wird neues Bedürfen, seine Bekanntschaft zu machen, laut. Wie sollte dies aber mit einem Gutzkow'schen Buche anders sein; gilt Gutzkow doch als der getreue Ekkehard deutschen Geistes- und Gedankenlebens, und ein Buch von ihm ist und bleibt ein literarisches Ereigniß. "Die neuen Serapionsbrüder" kann man mit Fug und Recht ein glänzendes Zeugniß der Eigenart Gutzkow's nennen, der Eigenart, die den Dichter für [1922] immer so hoch erhoben über die massenhaft producirenden Talente. Seine Darstellung ist überall geistdurchdrungen, weniger bemalt durch schwungvolle Phantasmen, als das Werk fein spinnender, hervorragender Verstandeskraft; in stets bewegter, lebendiger und pikanter Sprache berichtet er von der Zeit und ihrem Inhalt, nicht in ermüdenden Reflexionen, sondern in Betrachtungen, die in innerlichem Zusammenhange mit der Handlung selbst stehen. So finden wir in dem trefflichen Buche zwischen den Ranken der fesselnden Dichtung geistvolle Causerie über die wichtigsten Dinge der Gegenwart und in fast dramatisch belebten Dialogen maßgebende Ansichten über Kunst, Theater und Musik, über Staat und Gesellschaft. Der zweiten Auflage der "Serapionsbrüder" hat Gutzkow ein Vorwort hinzugefügt, das ganz dazu angethan ist, dem Romane noch eine besondere Bedeutung zu verleihen - die Socialdemokratie, diese brennendste Frage der Gegenwart, bespricht er darin in seiner Weise, das heißt mit Geist, Sarkasmus und schneidender Schärfe, mit dem Muthe, die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen, ohne Scheu vor den "Autoritäten".

5.2.2. [Anonym:] Carl Gutzkow und der Zeitgeist. In: Königsberger Hartungsche Zeitung. Königsberg. Nr. 267, 13. November 1878, Abendausgabe, S. 3200.

Carl Gutzkows Roman "Die neuen Serapionsbrüder" (Breslau, S. Schottländer) ist soeben in zweiter Auflage erschienen und wird, wir hoffen es, noch manche weitere Auflage erleben, wie es einem Werke, welches nicht für das bloße Amusement der lesewüthigen Menge geschrieben ist, und dem berühmten Namen seines Autors gebührt. Ein ganz eigenartiges Interesse erweckt das Vorwort, welches Gutzkow dieser zweiten Auflage vorangesandt hat, ein psychologisches bezüglich - seines Verfassers. Nachdem derselbe sich darin zunächst in bissigen Ausfällen gegen die Kritik ergangen, die sein Werk gefunden hat, kommt er auf die Socialdemokratie, deren Ausschreitungen er bekanntlich in einigen sehr scharf gezeichneten Figuren seiner "Serapionsbrüder" gekennzeichnet hat. Und nun geht es an eine kreuzzeitungshafte Abkanzelung des Zeitgeistes, der diese Scheusale aus sich geboren und durch seine Nachsicht großgesäugt habe. Was solle dagegen die Schule helfen! Die Schule tauge selbst nichts[;] sie sei die wahre Pflanzstätte des Dünkels und der Blähsucht, der Gemüthsleere, des Pietätsmangels. "Nehme man doch die meisten modernen Lehrer. Wo ist da ein Funke von Demuth? Alles wissen ja die Herren. Alles können sie. Die Schullehrer haben Königgrätz gewonnen, Wörth und Sedan. Was kann aus der Schule Anderes kommen, als Prahlsucht? Unsere ganze wissenschaftliche Gegenwart sogar auf Universitäten ist Drängeln" (d. h. Streberthum). Aber als das Grauenhafteste (sic!) erscheint Herrn Gutzkow die Basis, auf welcher man jetzt steht, das allgemeine, directe Stimmrecht, welches einen Humboldt neben einem Droschkenkutscher mit gleicher Wirkung abstimmen lasse. Durch ein Mißverständnis, vielleicht durch einen Macchiavellismus sei es in die Welt gekommmen. Die Staatsmänner, welche es erfunden, hätten sich wohl nicht träumen lassen, daß es bis zu Kugeln und Rehposten Unter den Linden führen würde, ebenso wenig, wie die stabilen "Begnadigungen" scheußlicher Raubmörder wohl an künftige Rehposten gedacht hätten. Ferner denuncirt Herr Gutzkow die "Theaterfreiheit" (Entrée 30 Pf.), die Posse mit ihren schlechten Couplets und endlich die deutschen Witzblätter, die das Volk "methodisch zum Gemeinen, Unedeln, Pietätlosen erziehen", als die Quellen, aus denen die "Schundgesinnung" geflossen sei, als "deren Cumulation das eherne Lohngesetz, die Theilung der Rente, die productive Genossenschaft, die Verdonnerung des Capitals, der Schuß Hödels, die Frivolität Nobilings entsprungen sind." "Auch die Debatte über die 'Arbeit' auf den Kathedern muß von den Regierungen ohne Weiteres abgesetzt werden." - - So Herr Gutzkow in seiner Vorrede zu der 2. Auflage der "Neuen Serapionsbrüder". Das Volk, an dessen literarischem Ruhm er mitgearbeitet hat, wird diese Vorrede lesen und wird trotzdem das hohe Verdienst seines Dichters nicht auslöschen von den Tafeln seines dankbaren Gedächtnisses. Es wird nur den alten verbitterten Mann bedauern, dessen Blick die trüben Spinnweben des Pessimismus so ganz verdüstert haben, daß er die Gebote der Freiheit, die in unauslöschlichen Lettern an dem Horizonte unserer Zeit flammen, nicht mehr zu erkennen vermag.

5.3. Rezeptionsgeschichte

Zu den Besonderheiten des mehrbändigen Romans gehört, zumal wenn er wie Die neuen Serapionsbrüder zuerst als Feuilletonroman in den Fortsetzungen einer Zeitung erscheint, dass er nicht erst als abgeschlossenes Werk, sondern schon als 'work in progress' rezipiert wird. Über einen längeren Zeitraum, der mit dem Anfang des Zeitungsabdruckes beginnt, überlagern sich Produktion und Rezeption des Werkes, ein Zustand, den Gutzkow als besonders quälend empfand, weil seine Furcht vor der Kritik, die er als eine prinzipiell feindlich gesinnte Macht wahrnahm, im Alter ausgesprochen pathologische Züge entwickelte. Nach dem Entschluss seines Verlegers Schottlaender, die drei Bände der Buchfassung nicht geschlossen, sondern einzeln von Januar bis März 1877 zu veröffentlichen, glaubte er seinen Roman durch die Tollheit meines Verlegers total ruinirt (→ 5.1.4.).

Bereits vor dem Erscheinen der ersten Fortsetzungen aber ängstigte er sich vor der Verständnislosigkeit der Leserschaft und verzögerte die Übergabe des Manuskripts an die drängelnde Redaktion durch immer neue Verbesserungen: Es kommt auf den Anfang so viel an! Ich fürchte mich förmlich vor dem Publikum des Berliner Tagblatts (→ 4.1.22.). Selbst gegenüber der alten Freundin Klara Mosson zeigte er sich tief verletzt, nachdem sie offenbar die Lektüre des Romans im "Berliner Tageblatt" vernachlässigt hatte, und unterstellte ihr einen geheimen Hang zu den Berliner Modeautoren, während sie sein Buch nur kaufe, um es in die Bibliothek zu stellen (→ 5.1.1.).

Verständnislose Leser und nachlässige Freunde glaubte er überzeugen zu können, nicht aber professionelle Kritiker, die er als geborene Feinde seiner Werke identifizierte. Ihrem vermeintlich vorhersehbaren Vernichtungsfeldzug versuchte er strategisch vorzubeugen. Seine Briefe an den befreundeten jungen Journalisten Eugen Zabel, der seit 1876 der Feuilletonredaktion der Berliner "Nationalzeitung" angehörte, belegen Gutzkows Versuch, die Rezeption der Neuen Serapionsbrüder durch eine bestellte Muster-Rezension zu steuern. Selbstverständlich vermied er jeden Anschein der Einflussnahme auf Zabels kritisches Urteil und beschränkte sich darauf, seine eigene literarische Position von jener der neuen marktbeherrschenden Autoren und der Meinungsführer in den Feuilletons abzusetzen.

Der Ekel an aller Romanschriftstellerei, die Concurrenz mit all den großen Meistern u Meisterinnen, die sich [...] in allen Feuilletons drängen, habe ihn dazu bestimmt, eine ihn selbst unterhaltende Form zu wählen. Im Gegensatz zum gängigen Sensationsgetreibe habe er den Rahmen der kleinen Tafelrunde alten Styls von Tieck u Hoffmann hergenommen (→ 5.1.2.). Dieser Rekurs auf die verrufene Romantik ist durch die Wirklichkeit der Romanhandlung nicht gedeckt, denn dort lässt Gutzkow seinen Titel Die neuen Serapionsbrüder von den Teilnehmern der Tafelrunde diskutieren, die sämtlich mit Hoffmann nichts zu schaffen haben wollen. Gleichwohl hebt Gutzkow das moderne Gepräge seines Romans hervor, den Charakter der Aktualität, das genaue 'Anspinnen' der nebeneinander laufenden Handlungen, die naturwahr entwickelten Charaktere und in dieser komplexen Romanordnung die Gestaltung eines einfachen Liebesromans [...] nicht allzuweit vom Thema der Wahlverwandtschaften. Mit dem Hinweis auf Goethe beruft sich Gutzkow auf eine Romanform, die komplexe Zusammenhänge der Romanhandlung mit einer betont einfachen Erzählweise vereint. Er bezieht Position gegen den Sensationsroman, dessen Erzählweise ausschließlich an der Spannung des Lesers orientiert ist. Er bezeichnet das als die absolute Romanform, welche mich enuyierte, und bekennt sich zu einer fast Fontanehaften Leichtigkeit des Erzählens, die sämtliche Untiefen der geschaffenen Romanwirklichkeit ausschöpft: Es liest sich alles wie spielend u doch bin ich nie mit solcher Schroffheit u Offenheit aufgetreten (→ 5.1.3.).

Den Kontrast zum spielende[n] Humor seines eigenen Romans findet er im tobsüchtige[n] Wüthen bei Spielhagen (→ 5.1.4.), dessen Roman "Sturmflut" er aus den Fortsetzungen des "Berliner Tageblatts" kannte, denn in einem Brief teilt er Max Kurnick mit, dass er den Namen seines Helden Ottomar beibehalten habe, obschon er bei Spielhagen vorkommt (→ 4.1.21.). Angesichts der Aktualität Spielhagens auf dem Buchmarkt konnte er sicher sein, dass Zabel diesen Roman genauso gelesen hatte wie die dazu erschienenen Kritiken, in denen das Sensationsgetreibe, mit dem Spielhagen den politischen Alltag verfälsche, aufgewertet werde, als wäre das Natur, Abbild der Zeit! (→ 5.1.4.) Zabel liefert er damit die Argumente für den Nachweis der echten Aktualität der Neuen Serapionsbrüder gegenüber der nur vorgetäuschten in der "Sturmflut", die damit zum Paradigma der Gattung des modischen Sensationsromans erklärt wird.

Gutzkows Erläuterungen und Belehrungen führten offenbar zunächst nicht zum erwünschten Ergebnis, denn nach der Besprechung des 1. Bandes, die Zabel am 17. Februar in der Berliner "Nationalzeitung" veröffentlichte (Rasch 14/48.77.02.17), unterstellt er dem Rezensenten, zu sehr im Schwunge der Spielhagenerei verhaftet zu sein, bekennt sich abermals zur alten Tieck'schen Einfachheit, Langsamkeit der Fabel, Behaglichkeit der Ausführung, die kein Mangel seien, sondern Absicht. Das Buch sei kein Zeitroman, sondern, wie er nochmals betont, ein Liebesroman im Geiste der Wahlverwandtschaften. Die aktuelle Zeitgeschichte komme darin nur in Gestalt moderne[r] Substrate vor und alles Temporäre nur spielend und nicht mit der Energie u dem Einsetzen des ganzen Menschen (→ 5.1.5.). Gutzkow hebt die Neuen Serapionsbrüder ausdrücklich von den Rittern vom Geiste und dem Zauberer von Rom ab, ohne dazu nähere Erläuterungen abzugeben, sondern fällt wieder zurück in die notorische Klage über die Ungerechtigkeit der Kritik. Deutlich wird aber auch, was er mit dem Auftritt der Zeitgeschichte in Gestalt moderne[r] Substrate, deren spielend[er] Erscheinung meint, nämlich die Vermischung des Öffentlichen mit dem Privaten, den Zusammenhang der großen Politik mit den Lebensalltagen aller in der Gesellschaft wirkenden Klassen. Besonders aufschlussreich dafür ist seine Verteidigung der von Zabel so genannten "schwatzhafte[n] Ada", deren "Schwätzerei" gerade den Charakter des Anspruchlosen u Natürlichen des ganzen Romans veranschauliche. Sie repräsentiere die Bildungssphäre [...] der Generalstöchter, zugleich aber auch deren Fähigkeit, in der Liebe zu Ottomar den elan zur Wahrheit, zum Nachdenken zu entwickeln. Ada werde damit zum Exemplum für den der vulgären Frauenbildung empfohlenen Bildungsweg (→ 5.1.7.).

Trotz seiner Einwände gegen die Besprechung verteidigt Gutzkow Zabels Kritik gegenüber dem über Sie sehr erzürnte[n] Verleger Schottländer (→ 5.1.5.). Er schreibt sie dem Einfluß der literarischen Potenzen, die in Berlin das große Wort führen, zu und legt seinem Verleger sogar nahe, selbst einen Rezensenten zu finden, der den Absichten seines Romans einen kritischen Ausdruck gäbe, vergisst auch nicht, Schottlaender auf das mangelhafte Annoncieren seines Werkes hinzuweisen (→ 5.1.6.). Die negativen Bemerkungen Zabels führt er auf Einflüsterungen seines einstigen Freundes Karl Frenzel zurück, der als Feuilletonchef der "Nationalzeitung" aus einem ihm unerklärlichen Haß seine Romane Hohenschwangau und Fritz Ellrodt ruinirt habe. Um Zabel zu einem mir förderlichen Standpunkt zu motivieren, droht er recht unverblümt damit, die Kritik eines Freundes einzureichen, die der ihm freundlich gesonnene Chefredakteur der "Nationalzeitung" Friedrich Dernburg gewiß abdrucken werde. Ein zusätzliches Argument gegen die Vorurteile der Kritik liefert er Zabel mit dem Hinweis auf die Dialogführung und die Mikrostruktur der Romanszenen, das innere Musikwerk. Er erläutert dessen Feinheiten anhand der Scene auf dem Ball mit den Platzpatronen, wo Gruppe u Einzelfigur u dabei noch Nebendetail (Ada u Ottomar) in steter naturwahrer symphonischer Bewegung sind (→ 5.1.9.). Für die ausführliche Rezension Zabels, die am 12. April 1877 in der "Nationalzeitung" erschien (Rasch 14/48.77.04.12), bedankte sich Gutzkow geradezu euphorisch. Ganz ungeschoren allerdings blieb der junge Kritiker auch hier nicht, hatte er doch die mangelnde Anerkennung moniert, die Gutzkow zuteil werde, gewiss in der wohlmeinden Absicht, der ständigen Klage seines Autors darüber Resonanz zu verschaffen. Gutzkow aber war nun plötzlich erschrocken, denn so etwas dürfe man nie eingestehen (→ 5.1.13.).

Die Entstehungsgeschichte der Zabel-Kritik demonstriert Gutzkows Absicht, den Kampf um eine ihm angemessene Kritik strategisch anzugehen. Als eigentlich störendes Element in diesem Feldzug machte er seinen Verleger aus, dem er mangelndes Engagement vorwarf. Über den Text eines von Schottlaender als Rezensent empfohlenen Literat[en] äußert er sich nur noch ironisch (→ 5.1.10.). Schon am 29. März beklagt er sich bei Schottlaender, dass der Roman nicht hinreichend annonciert worden sei und dass er seine sämtlichen Freiexemplare an die Kritik vergeben habe (→ 5.1.11.). Gleichwohl moniert er die von Schottlaender erhaltene lange Liste der Zeitungen, die Exemplare empfingen, von denen er nur unfreundliche Urtheile zu erwarten habe (→ 5.1.14.), und beklagt sich, dass er seinen Feinden die Waffen in die Hand liefere (→ 5.1.15.): Feinde, die auch mit Beispielen benannt werden (→ 5.1.16.). Schließlich warnt er Schottlaender ausdrücklich vor dem Einfluss negativer Urteile, die jenem zu Ohren gekommen sein könnten (→ 5.1.18.) und schickt am 30. August, als die meisten Besprechungen schon erschienen waren, den Entwurf einer Selbstrezension mit der Bitte, an den offen gelassenen Stellen irgend ein schmeichelhaftes Epitheton selbst hinein[zu]schreiben. Damit wollte er dem Mangel abhelfen, dass Schottlaender die Neuen Serapionsbrüder [...] nicht genug selbständig ohne andre Romane angezeigt habe (→ 5.1.23.).

Gutzkows Kampagne zugunsten einer positiven Rezeption seines letzten Romans war von vornherein durch sein tiefsitzendes Ressentiment belastet: Im Grunde hielt er die gesamte Kritik für eine uneinnehmbare feindliche Festung und registrierte selbst wohlwollende Besprechungen nur en passant (→ 5.1.11.), ohne sich in seinen Überzeugungen irritieren zu lassen.

Noch im Vorwort zur zweiten Auflage des Romans (→ 4.2.2.) beklagt er sich über die Ignoranz, die den Neuen Serapionsbrüdern von seiten des Publikums wie der Kritik entgegen gebracht worden sei: Das Nichtvorhandensein dessen, was ich schreibe, auf dem Lesepult der Anhänger des "ästhetischen Schwulstes" ist so banal und wird so methodisch von der Kritik unterstützt, von mancher Seite sogar mit bewußter "Bosheit" unterstützt, daß selbst wohlwollende Kritiken über den Tadel der oben erwähnten Umrahmung und die üble Wirkung des Ueberspringenmüssens von Gesprächen nicht haben hinauskommen können. In der Tat ist die angeblich mangelhafte Verknüpfung zwischen der Romanhandlung und der Gesprächsrunde der ,neuen Serapionsbrüder' ein mehrfach in der zeitgenössischen Kritik wiederkehrender Einwand. F. N., Verfasser der nahezu hymnischen Besprechung des Romans in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" (→ 5.1.12.), schränkt sein Lob nur dahingehend ein, "daß die Schwerpunkte der Handlung nicht im geschlossenen Kreise der Serapions-Brüder, sondern außerhalb desselben liegen und, sagen wir es nur gleich heraus, daß wir deshalb den Titel des Romans für keinen glücklich gewählten halten". Gleichwohl steht für F. N. die literarische Qualität der Gesprächsrunde außer Frage; ihre Funktion im Roman findet er in Analogie zum "Chor der antiken Tragödie" darin, dass die Serapionsbrüder "die Begebenheiten des Tages und auch die Geschichten die wir im Roman erleben" glossieren.

Der Chor der antiken Tragödie als Erklärmodell für die Funktion des Rahmens im Roman bleibt allerdings unzureichend, weil die ,Serapionsbrüder' in ihren Diskussionen die Binnenhandlung des Romans, entgegen dem von F. N. erhobenen Befund, bis zur Kreuzung der Handlungsstränge an seinem Ende, vollständig unkommentiert passieren lassen (→ Globalkommentar: 6.1.3. Digression und Kontingenz - Der Rahmen als Panorama). Die Analogie zum antiken Chor wird von der Kritik in erster Linie deshalb weiter übernommen, weil sie die Möglichkeit bietet, die von Gutzkow schon im ersten Kapitel des Romans fixierte Differenz zu den "Serapionsbrüdern" E.T.A. Hoffmanns zu begründen. Kürschner (→ 5.1.20.) findet den Vergleich mit dem Chor der antiken Tragödie "nicht ungeschickt", zugleich aber Gutzkows Experiment mit der den Roman begleitenden Gesprächsrunde formal riskant. Der anonyme Rezensent der "Literarischen Revue" (→ 5.1.21.) hält dagegen den Vergleich für unzutreffend, eben weil die Kommentare der ,Serapionsbrüder' nicht der Handlung des Romans, sondern allgemeinen Zeitfragen gelten.

Allerdings sieht Gutzkow in diesen kritischen Bemerkungen nur ein Indiz für eine grundsätzliche Aversion gegenüber seinen Schriften, die einer Verschwörung gleichkomme. Denn es seien, wie er 1874 im Vorwort zur Neuausgabe des Romans Blasedow und seine Söhne in den Gesammelten Werken schreibt, fast alle seine Schriften, von Kritik und Publikum kurzgesagt mißhandelt worden. (GWII, Bd. 5, S. VII) [D]iese Kritiker, so schreibt er im Vorwort zur zweiten Auflage der Neuen Serapionsbrüder (→ 4.2.2.), wollen gebildeten literarischen Ursprungs sein und gleichen doch in ihren Ansprüchen an Spannung, Unterhaltung, Weglassung "alles Ueberflüssigen" [...] dem Publikum der Leihbibliotheken. Schließlich stellt Gutzkow eine direkte Verbindung zwischen der Kritik und ihrer angeblichen politischen und gesellschaftlichen Herkunft her: Ihre Sensationsbedürftigkeit stamme aus den Kellern der Aesthetik der Socialdemokratie und aus der Blasirtheit der Börse.

Der Blick auf die tatsächlich veröffentlichten Kritiken des Romans bietet ein wesentlich differenzierteres Bild, als es Gutzkows schwarzgallige Reaktion vermuten lässt. Eindeutig negativ und durchaus bösartig ist einzig die Besprechung des Romans in der erzkonservativen "Kreuz-Zeitung" (→ 5.1.17.), deren Rezensent C. B. jeder Nähe zur ,Ästhetik der Sozialdemokratie' vollkommen unverdächtig ist. Denn er beruft sich ausschließlich auf die "classische" Ästhetik und wirft Gutzkow unverhohlen vor, ständig nur im Schmutz zu wühlen.

Während Gutzkows Roman in der Schilderung von C. B. kaum wiederzuerkennen ist, widmet ihm Rudolf Gottschall eine ausführliche und hochgradig elaborierte Besprechung (→ 5.1.19.), die sich überall als Ergebnis einer intensiven Lektüre zu erkennen gibt und in keinem Punkt Gutzkows pauschalem Urteil über die Kritik entspricht. Zwar reklamiert er ebenfalls die Unzuständigkeit des Titels für das Ganze des Romans, zugleich aber erkennt er in der formalen Konstruktion der Gesprächsrunde ein Element der Modernität. Diese Gespräche seien "als etwas Selbständiges, als ein großes Gutzkow'sches Feuilleton, als eine Causerie über die wichtigsten Fragen der Gegenwart" zu lesen. Die ,Serapionsbrüder' liefern demnach nicht wie bei Tieck, Chaucer und Hoffmann den verbindenden Rahmen für eine Folge von Erzählungen, und sie sind auch nicht der kommentierende Chor, sondern sie erscheinen als eine Erweiterung der überkommenen Romanform, die Gottschall bei Hoffmann schon angedeutet findet, eine Form, die das 20. Jahrhundert als Roman-Essay weitergeführt hat (→ Globalkommentar: 6.1.3. Digression und Kontingenz - Der Rahmen als Panorama). Das Vorbild für die ausufernden Erörterungen dieser "Causerie" findet Gottschall in dem von Gutzkow in der Tat verehrten Jean Paul, mit dem er "die Vorliebe für Extrablätter und eine fortlaufende Spiegelung der Handlung im geistigen Leben" teile.

Gottschalls Kritik unterscheidet sich schon durch ihren außerordentlichen Umfang von den übrigen Besprechungen, die der Roman erfahren hat. Um so auffälliger ist es, dass er sich im wesentlichen auf eine Analyse der formalen Konstruktion beschränkt und in ihr auch die Gründe für kritische Anmerkungen findet, die politischen Implikationen des Romans aber vollkommen außer acht lässt. Das Problem des scheiternden Liberalismus und mit ihm der bürgerlichen Ideale, das Gutzkow nachhaltig beschäftigt hat und für ihn das eigentliche Thema des Romans ist, wird mit keinem Wort gestreift. Das ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil es gerade in diesem Punkt durchaus Gemeinsamkeiten zwischen dem Kritiker und dem kritisierten Autor gibt. Gottschall, 1823 in Breslau geboren, wurde als Student in Königsberg wegen seiner Beziehungen zu den Liberalen relegiert und war auch als Autor im Sinne des Vormärz aktiv. (→ Bilder und Materialien: Bilder. Karikaturen: Der Königsberger Böttcher, 1842) Später eher konservativ im Politischen wie im Ästhetischen, stand er gleichwohl den Tendenzen der Gründerzeit kritisch gegenüber.

Davon ist in seiner Kritik nichts zu finden. Wie der Rezensent der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" rückt er die Neuen Serapionsbrüder in die Sparte der Liebes- und Eheromane und will den Roman "als einen Beitrag zur Physiologie der modernen Ehe betrachtet" wissen, und zwar vorwiegend der "Negativbilder der Ehe". Seine Kritik ist die einzige, die lange Passagen aus dem Roman zitiert, ohne allerdings auf deren Inhalt einzugehen, wie es vor allem bei den Ausschnitten aus den Gesprächen der ,Serapionsbrüder' nahegelegen hätte, sondern ausschließlich um die "Darstellungsweise" Gutzkows zu veranschaulichen. An dieser Absicht gemessen, ist das Soll bei weitem überschritten. Die Folge der Zitate stellt sich als ein Potpourri Gutzkow'scher Themen dar, und es scheint, als habe der Rezensent es, aus welchen Gründen immer, dem Autor überlassen, sich selbst zu erläutern.

Die Enthaltsamkeit gegenüber den "Tendenzen" der Epoche, die der Roman kritisch beleuchtet, ist besonders augenfällig bei dem Vergleich zwischen den Neuen Serapionsbrüdern und Spielhagens Roman "Sturmflut", der zeitgleich veröffentlicht wurde. Auch hier beschränkt sich Gottschall auf formale Gesichtspunkte, und der Vergleich fällt zu Ungunsten Gutzkows aus: Spielhagens im Sinne des bürgerlichen Realismus ausgleichende und rückwärts gewandte Ästhetik entsprach stärker dem Bedürfnis nach Geschlossenheit und Einheit des Ganzen und der Teile. Zugleich aber stellt Gottschall das umfassende "Culturgemälde" der "Sturmflut" in die Tradition der früheren Romane des "Nebeneinander" Gutzkows, während Gutzkow selbst von seinem früheren Programm abgewichen sei. Dies, obwohl der Rezensent das Modell des "Nebeneinander" grundsätzlich für verfehlt hält, weil der Romanautor mit einem "Haupthelden" immer besser fahre. Immerhin bleibt festzuhalten, dass Gottschall als Einziger die Differenz registriert hat, die Gutzkows letzten Roman von seinen beiden großen Gesellschaftsromanen der 50er Jahre trennt. Verhaftet in der Referenz zur neoklassischen Ästhetik des bürgerlichen Realismus, war er allerdings nicht in der Lage, die spezifische Ästhetik der Neuen Serapionsbrüder gegenüber der "Sturmflut" Spielhagens zu begründen.

Erstaunlich bleibt aber, dass Gottschall Übereinstimmungen zwischen beiden Romanen nur in Personal und Handlung findet, wo sie schon aus Gründen der vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen, die den Hintergrund beider Romane bilden, am wenigsten auffällig sind. Die merkwürdige Übereinstimmung beider Romane in ihrem Urteil über die Tendenzen der Epoche (→ Globalkommentar: 6.1.5. Ästhetik des Bruches) hat er dagegen entweder nicht gesehen oder bewusst ignoriert: eine Kritik, die im Ästhetischen ebenso urteilsfreudig wie enthaltsam im Politischen ist. Das gilt auch für eine zweite Rezension, die beide Romane vergleicht und die anonym in "Unsere Zeit" erschienen ist (→ 5.1.21.). Sie ist vor allem deshalb merkwürdig, weil sie Gottschalls Argumentation übernimmt und zum Teil sogar wörtlich wiederholt. Da Gottschall auch Herausgeber von "Unsere Zeit" war, ist der Verdacht durchaus begründet, dass er diese Kritik selbst verfasst hat.

Gottschalls Rezension war für die Rezeption der Neuen Serapionsbrüder insofern entscheidend, als sie sozusagen die Sprengsätze fixierte, mit deren Hilfe der Roman in den Tiefen der Literaturgeschichte zu versenken war. Sie erwies dem berühmten Autor schon durch ihren Umfang die ihm gebührende Referenz, sie war konziliant im Ton, ließ nichts von dem Ressentiment erkennen, das Gutzkow seinen Kritikern zuschrieb, lobte ebenso maßvoll, wie sie ihren Tadel verteilte, kurz gesagt: sie identifizierte den Roman als eine nur zum Teil gelungene Reminiszemz an vergangene Größe, als einen Roman, der im Moment seines Erscheinens schon historisch geworden war. Insofern war sie durchaus zukunftsweisend, ein Text, der weniger auf die zeitgenössische Leserschaft zielte, als vielmehr auf die noch ungeschriebene Literaturgeschichte der damaligen Gegenwart des Autors. Dort wurden ihre Argumente weiter transportiert. Für die Rezeption durch die zeitgenössische Leserschaft kam sie schon zu spät, wie alle Theorie: die Eule der Minerva beginnt ihren Flug, nach Hegels Theorie-Definition, immer erst in der Dämmerung. Als Gottschall seine Kritik schrieb, war der Roman schon in drei Zeitungen in Fortsetzung erschienen, in Buchform in erster Auflage verbreitet und in zweiter Auflage in Vorbereitung.

Gutzkows Urteil über seine Kritiker ist verständlich, aber zu sehr auf deren negative Aspekte fixiert. Soweit es auch die unschuldige Leserschaft angreift, widerruft es offenkundig einen durchaus messbaren Bucherfolg. Über diese tatsächlich zeitgenössische Rezeption - zeitgenössisch, weil diesen Lesern das Urteil der Literaturgeschichte mit Recht völlig gleichgültig sein durfte - wissen wir nichts. Auch die bei Rasch nachgewiesenen Besprechungen zur 2. Auflage schließen nur von deren Existenz auf den Erfolg des Romans, wie das Beispiel der Rezension in der "Europa" zeigt (→ 5.2.1.).

Offenkundig ist allerdings, dass eine Überzahl der Kritiken dem Leser cum grano salis zwar die Lektüre des Romans nahelegt, ohne ihm aber die Gründe dafür namhaft zu machen. Gerade bei den angesehenen Rezensenten der Zeit herrscht eine stillschweigende Übereinkunft über ein Modell der kritischen Differenzierung, nach dem der Roman als Ganzes zu loben sei, während sich in den Details die Beanstandungen häufen. Rudolph Genée (1824-1914), wie Gottschall ein Autor der mittleren Generation, legt in seiner Besprechung (→ 5.1.26.) nahe, dass Gutzkow im Einzelnen so ziemlich alles falsch gemacht habe, dass der Roman insgesamt aber "ein höchst erfreuliches Zeugniß für die dauernde Geistesfrische und Schaffenskraft des berühmten Autors" bilde, über die Lektüre hinaus "lebhafte und starke Anregungen zum eigenen Denken" vermittle und "dadurch fortdauernd befruchtend wirkt". Dem Roman wird mit diesem Urteil seine kritische Potenz genommen; das Urteil, das er über seine Zeit fällt, ist relativiert; sein Verdienst wird ins bedeutend Allgemeine verlegt dahingehend, dass es nicht um die Qualität der Urteile gehe, sondern um die Befähigung, überhaupt Urteile zu fällen.

Anders als Gottschall, dem die ständigen "Reflexionen" der Romanhandlung verdächtig sind, obwohl er konzediert, dass Gutzkow gerade damit "seine hervorragende Stellung unter den zahlreich auftauchenden neuern Talenten" behauptet, findet Genée das Verdienst des Romans darin, dass die Reflexionen des Autors den Leser zur eigenen Reflexion befähigen. Seine Kritik richtet sich vorzüglich gegen jene Partien der Romanhandlung, in denen er die auf Objektivität zielende Reflexivität vermisst: an der Personalisierung der Sozialdemokratie stört ihn die einseitig negative Charakterisierung, die auf "die besseren und berechtigteren Elemente" keine Rücksicht nimmt.

Gottschall und Genée ruinieren im Grunde den Roman durch den Versuch, daraus eine Reflexionsebene zu isolieren, die als Pamphlet des Autors zu lesen sei, für das der Roman selbst nur so etwas wie eine Illustration von Ideen darstelle, die als Eigentum des Autors stets einwandfrei zu identifizieren seien. Tatsächlich aber liegt ein wesentliches Merkmal von Gutzkows Romanform darin, dass der Autor hinter den Dialogen seiner Figuren verschwindet und selbst wieder nur als Fiktion auftritt (→ Globalkommentar: 6.1.2. Der Roman des Nebeneinander - Tradition und Differenz). Kritiken, deren Autoren bereits im Vor- und Nachmärz präsent waren, reflektieren im Hintergrund der Argumentation immer auf die Auseinandersetzung zum Realismusbegriff zwischen Gutzkow und den Autoren der "Grenzboten", in der Gutzkow der Unterlegene blieb. Friedrich Theodor Vischer, Julian Schmidt und Gustav Freytag propagierten einen Realismus, der zwar gegen die romantische Literatur das Alltägliche zum Thema erklärte, den Roman aber zugleich durch Forderungen nach Geschlossenheit, Rundung und Selbstgenügsamkeit disziplinierte, die der klassischen Ästhetik entnommen waren. Zur Nachwirkung dieser Geburtswehen des späteren 'bürgerlichen Realismus', dem sich Gutzkow verweigert hatte, gehört wohl die merkwürdige reservatio mentalis, die Gottschalls kritischen Umgang mit den Neuen Serapionsbrüdern kennzeichnet, das schwankende Urteil, das sich ständig selbst widerruft, die Unentschlossenheit des Zugriffs, die lieber den kritisierten Autor zitiert, als selbst Position zu beziehen. Gottschall kommt wie Gutzkow als Autor aus dem Vormärz, schloss sich aber seit den 50er Jahren den National-Konservativen an.

Joseph Kürschner (1853-1902) und Fritz Mauthner (1849-1923), beide Repräsentanten einer jüngeren Autorengeneration, bleiben in ihrem kritischen Urteil über Gutzkows Roman von der alten Debatte unberührt. Mauthner (→ 5.1.24.) macht sich unverhohlen darüber lustig, daß der "alte Gegensatz" zwischen "Idealismus" und "Realismus", der aus den Kritiken der älteren Generation spricht, "in den Greisen noch nicht erloschen" sei →. Gleichwohl entscheidet er sich in diesem Streit für die den selbstzufriedenen Realisten und Optimisten "entgegengesetzte Natur" Gutzkows, für dessen "edle Unzufriedenheit, ohne welche kein menschlicher Fortschritt gedacht werden kann", eine "Eigenschaft" allerdings, "welche für ihren Träger eher ehrenvoll als angenehm sein dürfte". Trotz ihres ironischen Tones und trotz einiger kritischer Vorbehalte ist Mauthners Rezension von offenkundiger Sympathie für einen "Dichter aus älteren Generationen" getragen, der "ein Menschenalter nach seinem 'Zauberer von Rom' sich wie damals wieder dem allgemeinen Strome entgegenstemmt". Schließlich billigt er Gutzkow und der "Universalität seines Wissens" eine epochale Wirkung zu, die mit jener Goethes zu vergleichen sei.

Wie Mauthner begründet Josef Kürschner (→ 5.1.20.) sein nahezu uneingeschränktes Lob des Romans mit der kritischen Potenz Gutzkows, mit "der Bedeutung Gutzkow's als Schilderer seiner Epoche". Auch diese Rezension sieht die Neuen Serapionsbrüder, unbekümmert um vergangene Literaturdebatten, als zeitkritisches Grundwerk an, das "nackt aber wahr" der Epoche den Spiegel vorhält. Kürschner identifiziert den Roman sozusagen als Schlussstein eines Lebenswerkes, das den Anspruch erfüllte, Spiegel einer Epoche zu sein, der "in tadelloser Gradheit ein unverfälschtes Bild zurückgab".

Die Rezeption, die Gutzkows letztem Roman zuteil wurde, entspricht nicht dem einheitlich negativen Bild, das er sich selbst davon gemacht hat, sie ist vielmehr von einer merkwürdigen Diskrepanz geprägt. Während die Kritiker, die noch Gutzkows eigener Generation nahestanden, auf die formale Argumentation der 50er Jahre und die Auseinandersetzung um den späteren 'bürgerlichen Realismus' zurückgriffen, um Gutzkows grundsätzliche Attacke gegen die nationalistischen und radikal-kapitalistischen gesellschaftlichen Modelle der Gründerzeit zurückzuweisen oder zumindest zu relativieren, wurde diese kritische Haltung von der jungen Generation als zukunftsweisend identifiziert. Mauthner und Kürschner sehen in dem alten Autor einen der ihren, den Protagonisten einer Literatur, die "den Giftgeschwüren im sittlichen und commerziellen Leben" (→ 5.1.20.) keine Chance lässt, sich unter dem Deckmantel der Kunst zu verbergen und zu verbreiten.

6. Kommentierung

6.1. Globalkommentar

6.1.1. Déformation professionnelle und Pathologie der Gesellschaft

Josef Kürschners Beschreibung der Neuen Serapionsbrüder als "unverfälschtes Bild" der Epoche berührt Grundsätzliches: Gutzkows letzter Roman ist vom Bemühen um Objektivität geprägt. Das 'Nebeneinander' der politischen, kulturellen und sozialen Zeitverhältnisse soll ohne die Stimme des Autors deutlich werden, ähnlich dem Romanzyklus Balzacs und der ostentativen Objektivität Flauberts. Gleichwohl ist die Stimme des Autors nicht nur in der Rolle des Regisseurs gegenwärtig, sondern auch darin, dass der Roman Spiegel seiner Produktionsbedingungen ist: die Verknappung der Form gegenüber den Riesenromanen der 50er Jahre, die Hast der Niederschrift spiegeln den Zeitdruck, unter dem er entstanden ist. Und es ist erkennbar gleichgültig, ob dieser Druck echt oder nur eingebildet ist: Er entspringt jedenfalls einer Erfahrung der Arbeitsbedingungen im Metier des Schriftstellers, die zum Bestandteil der eigenen Person geworden sind.

Die Neuen Serapionsbrüder sind das Werk eines physisch und psychisch schwer kranken Autors, dessen Leiden nur zum geringsten Teil altersbedingt waren. Schon in seinen mittleren Jahren wurde Gutzkow von körperlichen und geistigen Erschöpfungszuständen befallen, die unschwer als Zeichen chronischer Überarbeitung zu identifizieren sind und ihren ersten Höhepunkt in dem Zusammenbruch fanden, der ihn ins Sanatorium brachte. Gutzkows Idiosynkrasien, die von den Zeitgenossen, wie übrigens auch von der Literaturwissenschaft, als Zeichen einer geistigen Störung individualisiert und damit aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit entsorgt wurden, diagnostizieren die Pathologie der Gesellschaft. Die 'Fabrikation der Fiktionen' (Carl Einstein), die den Romanschreiber aufzehrt, ist Spiegel der in der gesellschaftlichen Wirklichkeit herrschenden Produktionsweise. Gutzkow hat das in den Zeitgenossen skizzierte Programm einer anatomischen Pathologie des gesellschaftlichen Körpers (→ eZg, App.: Globalkommentar, hg. von Martina Lauster, 6.1.3.2. Naturwissenschaftliche Paradigmen) seit der Arbeit an den mehrbändigen Großromanen immer stärker in einer Romanform internalisiert, die gegenüber den klassischen Vorbildern vorerst als Zerfall der dort gesetzten Ordnungen identifiziert wurde (→ Kritik in der "Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung", 5.1.17.). Die Neuen Serapionsbrüder sind im Zusammenhang mit der Krankengeschichte des Autors zu lesen, die zugleich die Krankengeschichte seiner Zeit ist.

Wol nicht oft mag ein Buch in so heiterer Laune geschrieben worden sein, als das nachfolgende. Mit diesem Bekenntnis eröffnet Gutzkow das Vorwort zur zweiten Auflage des Romans (→ 4.2.2.), die 1879 bei Schottlaender in Breslau erschien, zwei Jahre nach der Erstausgabe und im Jahr nach dem Tod des Autors. Dieses Vorwort dürfte zu seinen letzten literarischen Arbeiten gehört haben, neben der Korrektur der Neuen Serapionsbrüder und der Überarbeitung seines 1866/67 entstandenen Romans Hohenschwangau, der unter dem Titel Die Paumgärtner von Hohenschwangau wie die zweite Auflage der Neuen Serapionsbrüder erst postum 1879 erschien. Gutzkow erstickte in der Nacht vom 15. zum 16. Dezember 1878 bei einem Zimmerbrand in Sachsenhausen. Betäubt vom Chloral, das der notorisch Schlaflose seit Jahren nahm, hatte er selbst die Lampe umgestoßen, die das Feuer verursachte (vgl. Reinhold Gensel: Lebensbild, GE, Bd. 1, S. LIX).

Der Auftaktsatz zu Gutzkows Vorwort referiert eine gerade diesem Autor durchaus fremde Befindlichkeit: eine gelöste Produktivität, die weder vom Zeitdruck des Broterwerbs noch von Erwartungshaltungen des Publikums bedrängt worden sei. Er habe, fügt er hinzu, beim Schreiben dieses Buches Behagen nur für mich selbst gesucht, und den Leser vollständig ignorirt! Tatsächlich aber behielt Gutzkow den Leser- und Buchmarkt - seine einzige Verdienstquelle - stets im Blick. Man wird in seiner Generation kaum einen deutschen Autor finden, der das Schreiben so ausschließlich zur Lebensgrundlage gemacht hat: eine durch und durch unromantische und an europäischen Zeitgenossen wie Eugène Sue, Alexandre Dumas und Charles Dickens orientierte Vorstellung von der Professionalität des Schriftstellers. Der Autor definierte sich durch die Präsenz in allen gängigen Medien der Zeit, von der Zeitung und der Zeitschrift über die Verwertung von Romanstoffen in Fortsetzungen und Buchform bis zum Theater, gleichermaßen firm im journalistischen wie im literarischen Metier, die sich gegenseitig ästhetisch zu befruchten und ökonomisch zu ergänzen hatten.

Gutzkow war sich seiner Rolle als Autor in der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft auf besondere Weise bewusst: literarische Produktion als bürgerliches Metier, das gesellschaftliches Ansehen begründete. Der Anspruch auf Professionalität war weder durch den Rückzug auf das Feierabendvergnügen des Schreibens noch durch das freiwillige Exil des Genies zu erfüllen. Professionalität erwies sich durch anhaltende Bewährung auf dem literarischen Markt und durch die Fähigkeit, stets auf der Höhe der Zeit und ihrer Stoffe zu sein, in Gutzkows Fall also, den Phasen des gesellschaftlichen Wandels vom Biedermeier über Vor- und Nachmärz bis in die Gründerzeit zu folgen.

Wie für Dumas in Frankreich und Dickens in England wurde für Gutzkow in den damaligen deutschen Staaten Literatur zum Bestandteil jenes industriellen Prozesses, den sie kritisch zu beobachten hatte. Im Vorwort zur zweiten Auflage der Neuen Serapionsbrüder resümiert er: Der Roman ist Busineß des hundertarmigen Briareus Industrie geworden. (→ 4.2.2.) Das aber hieß, dass der Autor sich gegen Konkurrenzen zu behaupten hatte und dass seine herausgehobene Position stets auch gesellschaftlich evident sein musste. Gutzkow, der wie Dickens aus der deklassierten Schicht, der so genannten 'Hefe des Volkes' stammte, hat wie jener diesen Anspruch stets als existentielle Bedrohung empfunden.

Die ungesicherte ökonomische Existenz des freien Schriftstellers hat Gutzkows Arbeitsweise von Anfang an geprägt. Sie wurde, wie er es in seinem Vorwort andeutet, unter dem verschärften Konkurrenzdruck der nach kapitalistischem Vorbild organisierten Literaturindustrie immer schwieriger. Die Arbeit des Autors schafft für ihn selbst keinen Mehrwert im Sinne des von Marx skizzierten ökonomischen Prozesses. Die Maximierung des Kapitals, das er erschreibt, findet nicht auf seinem Schreibtisch statt. Er tritt lebenslang auf der Stelle, befindet sich im Alter immer noch am Anfang. Die Entstehungsgeschichte von Gutzkows letztem Roman beschreibt die Arbeit des Schriftstellers als Lebensvernichtung, als Krankheit zum Tode, der ihn am Schreibtisch ereilt.

Die Folgen für das individuelle Leben des Autors sind absehbar. Es wird, wie George Gissing es zum Ausgang der Epoche skizziert hat, auf Freund- und Feindbilder reduziert, schließlich zum reinen Produktionsfaktor, der alle persönlichen Bindungen dominiert und zu schweren psychischen Störungen und vorzeitigem Altern führt. Und es endet trotzdem, da die Anspannung sich nicht lebenslang durchhalten lässt, im ökonomischen Ruin (vgl. George Gissing: New Grub Street. London: Smith, Elder, 1891. Deutsche Fassung: Zeilengeld. Übers. von Adele Berger. Nördlingen: Greno, 1986). Gutzkow hat dieses Modell vorgelebt. Trotz seiner ungemein ausgedehnten journalistischen Tätigkeit und der in rascher Folge erscheinenden Romane, Novellen und Theaterstücke war er 1861 gezwungen, den spärlich besoldeten Posten eines Generalsekretärs der Schillerstiftung in Weimar anzunehmen. Nach seinem Selbstmordversuch im Januar 1865 und dem darauf folgenden fast einjährigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Heilanstalt sammelten Freunde für einen Unterstützungsfonds, der ihm den Neuanfang erleichtern sollte.

Der psychische und physische Zusammenbruch ist die Folge der Selbstausbeutung, charakteristisch für den Einmannbetrieb des Berufsschriftstellers, der ohne zureichende rechtliche und ökonomische Absicherung produziert: Bulwer und Dickens haben dieses Schicksal mit Gutzkow geteilt. Der Vergleich mit der industriellen Produktion in der hochkapitalistischen Phase des 19. Jahrhunderts trifft durchaus zu. Gutzkows Schreibwerkstatt erscheint wie eine Parodie des Industriebetriebs: Der Autor als Unternehmer in Sachen Literatur, der zugleich sich selbst als einzigen Arbeiter in Haft nimmt. Nach dem Zeugnis eines Besuchers schrieb Gutzkow 1851 am letzten Band der Ritter vom Geiste täglich von sechs Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit am Abend, lediglich unterbrochen durch eine kurze Mittagspause, ein Arbeitsleben, das sich von dem zeitgenössischer Industriearbeiter nicht wesentlich unterschied. Zur dauerhaften Präsenz im Literaturbetrieb gehörte auch die Vermarktung der eigenen Produkte mit Hilfe einer ausufernden Korrespondenz, die bis heute nicht vollständig überblickbar ist.

Der oben zitierte Besucher hatte schon 1851 den Eindruck, dass der gerade vierzigjährige Gutzkow am Rand eines Zusammenbruchs stand: "Ich fand ihn oft wie gebrochen und geistig so abgestumpft, daß er kaum zu gehen und nur mühsam an der Unterhaltung teilzunehmen vermochte." (Feodor Wehl: Zeit und Menschen. Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1863-1864. Altona: Reher, 1889. Bd. 2, S. 112) Die professionelle Deformation mündete in eine schwere psychische Erkrankung, geprägt durch Vernichtungsängste und Verfolgungswahn. Heinrich Hubert Houben, der Pionier der Gutzkow-Forschung um die Jahrhundertwende, schildert Gutzkow am Ende seines letzten Berliner Aufenthalts von 1869-1873 als einen schwer kranken Menschen, dem durch "sein krankhaftes Mißtrauen und seine gereizte Empfindlichkeit" der "Verkehr mit Freunden und Kollegen immer schwerer, ja fast unmöglich gemacht" wurde und der "sich von einem Heer wirklicher und vermeintlicher Feinde umlagert glaubte. Angriffe, die sein agressives [sic] Wesen naturgemäß herausfordern mußte und die ihm auch reichlich wurden, wuchsen sich in seiner Vorstellung zu wohlüberlegten Vernichtungsplänen und Attentaten aus, er wähnte sich auf den Straßen vom Pöbel verfolgt, den seine Feinde mobil gemacht, kurz, sein Leben in Berlin wurde ihm geradezu zu einer Hölle, der er sich im Dezember 1873 im höchsten Paroxismus angstvoller Verzweiflung durch die Flucht entzog." (Heinrich Hubert Houben: Karl Gutzkows Leben und Schaffen, HOU, Bd. 1, S. 3-126, Zit. S. 124-125)

Gutzkow hatte Berlin 1834 verlassen und kehrte nur widerstrebend zurück, nicht zuletzt auf Drängen seiner achtzehn Jahre jüngeren Frau, die sich vom Leben in der Hauptstadt Abwechslung und Bildungsmöglichkeiten für die Töchter versprach (vgl. Rasch, Rachebund, S. 11). Die Rückkehr wurde aber weder gesellschaftlich noch literarisch und wirtschaftlich zum Erfolg. Wachsende gesundheitliche Schwierigkeiten schränkten Gutzkows Spielräume mehr und mehr ein. Auf dem rechten Auge erblindet, fürchtete er auch für die Sehkraft des verbliebenen Auges, litt unter Sehstörungen, die seine Arbeitskraft einschränkten. Magen- und Darmbeschwerden zwangen ihn zur Diät und quälten ihn trotzdem weiter (vgl. Brief an Fasoldt vom 23. September 1873 in: Rasch, Rachebund, S. 23-24). Dazu kamen die familiären Probleme, die aus der wachsenden Isolation resultierten und die durch die Affäre mit einer Leserin verschärft wurden (vgl. Rasch, Rachebund, S. 12-19).

Gleichwohl haben diese Berliner Jahre entscheidenden Anteil an der Entstehung der Neuen Serapionsbrüder. Sie ermöglichten es Gutzkow, das Berlin der Gründerzeit zum Gegenstand eines weiteren Gesellschaftsromanes zu machen, der die neue Reichshauptstadt in Form eines sozialen Panoramas zu fassen versucht. Das reicht durchaus bis zu Reminiszenzen aus der eigenen Biographie in der Gestalt des Juristen Luzius, der sich wie Gutzkow von Frau und Töchtern ausgebeutet fühlt. Idiosynkrasien des Autors kehren speziell in der Montagsgesellschaft der ,Serapionsbrüder' wieder, und der Roman reflektiert damit auch die Krankheitsgeschichte seines Autors, die sich in dessen Lebenswirklichkeit schließlich dramatisch zuspitzte.

Eine Karikatur, die Gutzkow als Morddrohung auffasste, führte schließlich zum Ausbruch eines akuten Verfolgungswahns. Im Sommer 1873 veröffentlichte der Berliner Kritiker Adolf Rutenberg eine Polemik über Gutzkows Unfähigkeit, einen wirklich lebendigen Roman zu schreiben. In seiner Antwort ließ dieser sich über Berliner Backfische und andere minderwertige Romanleserinnen aus. Rutenberg antwortete mit einem ironischen Aufruf an die "tödtlich beleidigten Berliner Backfische", den Gutzkow als unmittelbare physische Bedrohung empfand: "Kämpfen Sie für Ihr gutes Recht! Greifen Sie zu Ihren Sonnenschirmen, machen Sie Ihre Nägel scharf, kaufen Sie Rattengift in der Apotheke. Jedenfalls tödten Sie ihn auf irgendeine Weise" (vgl. Rasch, Rachebund, S. 26). Gutzkow glaubte sich von Kritikern, Kollegen und dem Verleger Campe bis zur Vernichtung seiner Existenz bedroht. Auf der Straße fühlte er sich von Passanten angegriffen, ein Zustand, den er in den Neuen Serapionsbrüdern als Trottoirkrankheit beschreibt und in einem Brief an Klara Mosson vom 23. August 1874 (vgl. Rasch, Rachebund, S. 45-46) erläutert. Noch in Italien hielt er die Eisenbahnbeamten für von seinen Feinden bestochen, glaubte die ganze Bevölkerung gegen sich aufgehetzt und teilte dies am 6. Dezember 1873 seinem Freund Fasoldt in Dresden mit (vgl. Rasch, Rachebund, S. 32).

Die Reise nach Italien und Frankreich brachte keine Erholung. Gutzkows letzte Reisebeschreibung Durch Frankreich im Jahre 1874 zeichnet das Bild eines Menschen, der durch die gewöhnlichen Beschwernisse des Reisens restlos überfordert war, häufig ans Bett gefesselt blieb und gleichwohl ruhelos von Logis zu Logis wechselte (vgl. GWII, Bd. 7, S. 447-487). Das Unternehmen war zudem durch finanzielle Schwierigkeiten belastet. Schon in Venedig sah sich Gutzkow gezwungen, Klara Mosson, die ihn mehrfach unterstützt hatte, um ein weiteres Darlehen zu bitten (vgl. Rasch, Rachebund, S. 29-30).

Nach den Aufregungen, die seine Flucht aus Berlin und die anschließende Reise mit sich brachte, mag das zurückgezogene Leben in Wieblingen, wo er sich 1875 niederließ, und seit Herbst 1875 in Heidelberg, tatsächlich zu der heitere[n] Laune beigetragen haben, auf die sich das Vorwort zur zweiten Auflage der Neuen Serapionsbrüder beruft (→ 4.2.2.). Die Vorstellung von einer beschaulichen Dichter-Existenz wäre freilich verfehlt, denn Gutzkow hielt trotz seines schlechten Gesundheitszustandes und des schweren Augenleidens, das 1873 fast zu seiner Erblindung geführt hätte, an seiner mörderischen Produktionsweise fest.

Seit den Berliner Jahren von 1869-1873 arbeitete er weiter unter dem gewohnten Termindruck, meist an mehreren Projekten zugleich. 1870 erschien der umfangreiche Roman Die Söhne Pestalozzis. 1871/72 veröffentlichte er eine überarbeitete Ausgabe seiner "Dramatischen Werke in zwanzig Bändchen". 1872 folgte die auf vier Bände gekürzte Neuausgabe des Zauberer von Rom und der dreibändige Roman Fritz Ellrodt. 1874 verfasste er den Einakter Dschingiskhan als letzten Theatertext. Von 1872 bis 1875 redigierte Gutzkow die Ausgabe seiner Prosa-Schriften, die in zwölf Bänden im Verlag Costenoble erschien.

Nach der Rückkehr aus Italien und Frankreich begann er 1874 mit der Niederschrift der Rückblicke auf mein Leben, die 1875 in Wieblingen vollendet wurden. Anschließend entstanden in Heidelberg Die neuen Serapionsbrüder in einer ersten Fassung als Fortsetzungsroman für das "Berliner Tageblatt" und fast gleichzeitig für die "Schlesische Presse" in Breslau und die "Dresdener Zeitung". Die Buchveröffentlichung in drei Bänden folgte 1877. In Sachsenhausen bei Frankfurt, wo Gutzkow seit 1877 lebte, entstand der polemische Essay Dionysius Longinus. Oder: Ueber den ästhetischen Schwulst in der neuern deutschen Literatur neben der Umarbeitung des Romans Hohenschwangau und der Korrekturarbeit für die zweite Auflage der Neuen Serapionsbrüder (vgl. Houben: Karl Gutzkows Leben und Schaffen, HOU, Bd. 1, S. 121-126).

6.1.2. Der Roman des Nebeneinander - Tradition und Differenz)

In Gutzkows von den Umbrüchen des 19. Jahrhunderts geprägtem Gesamtwerk stellen die Neuen Serapionsbrüder eine weitere Zäsur dar. Nach Versuchen auf dem Gebiet des historischen Romans mit Hohenschwangau, Die Söhne Pestalozzis und Fritz Ellrodt erneuern die Neuen Serapionsbrüder das Modell des zeitgenössischen Gesellschaftsromans, das Gutzkow in den Rittern vom Geiste und im Zauberer von Rom geprägt hatte. Nach seinen programmatischen Vorworten zu den Rittern handelt es sich um die Darstellung eines gesellschaftlichen Panoramas in einem Roman des Nebeneinander, einer literarischen Form, die Gutzkow anschaulich anhand des Querschnitts durch ein Kriegsschiff beschrieb, der die Gleichzeitigkeit verschiedener und doch zusammenhängender Handlungsebenen zeigt (vgl. Vorwort zu RvGIII, GE, Bd. 13, S. 46). Paradigmatisch für dieses neue Erzählmodell wurde die Darstellung der Berliner Mietskaserne Brandgasse 9 in Die Ritter vom Geiste.

Die beiden großen Romane der 50er Jahre spielten vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels vom Vormärz zum Nachmärz. Die Neuen Serapionsbrüder versuchen ein Panorama der Gründerzeit nach dem deutsch-französischen Krieg zu entwickeln, allerdings mit gravierenden Beschränkungen des panoramatischen Blicks. Im Vergleich zu den Rittern vom Geiste weist das gesellschaftliche Panorama klar umgrenzte Leerstellen auf: Eliminiert wurde der Kontrast zwischen großstädtischer und ländlicher Gesellschaft ebenso wie die Wirkungsweise der Politik und staatlicher Organe wie der Polizei. Die Rolle der Amtskirchen im Wechselspiel der gesellschaftlichen Kräfte, deren unheiliger Einfluss auf das preußische Königshaus in den Rittern eine bedeutende Rolle spielt, ist reduziert auf die Figur des Pfarrers Merkus, eines opportunistischen Intriganten und Karrieristen. Vor allem aber fehlt vollständig die Schilderung des Alltags der Arbeiterschaft. Armut und Elend kommen in der Wirklichkeit des Romans nicht vor, und die wahren Unholde, die diese Gebrechen der Gesellschaft, diese Armuth und dies Elend anwachsen lassen (RvGN, Bd. 3, S. 3429), bleiben unbenannt. Einen Namen erhalten nur die Gutzkow verhassten Sozialagitatoren, denen die von den Armen gespendeten Gelder einen bürgerlichen Lebensstandard ermöglichen: eine völlig neue Rolle im gesellschaftlichen Panorama.

So unterscheiden sich die Neuen Serapionsbrüder von den beiden riesigen Romankomplexen der 50er Jahre nicht nur durch ihren wesentlich geringeren Umfang, sondern auch strukturell. Die Bemerkung von Heinrich Hubert Houben, dass der letzte Roman Gutzkows "eine moderne Fortbildung der 'Ritter vom Geiste' genannt werden" könne (HOU, Bd. 1, S. 126), trifft nur auf die Absicht des Autors zu, ein Zeitbild zu geben, nicht aber auf die Art und Weise, in der dieses Zeitbild im Text realisiert ist (vgl. die ausführliche vergleichende Untersuchung beider Romane durch Vonhoff 1994, S. 263-344). Die formalästhetische Differenz zwischen beiden Romanen ist in der Romanarchitektur deutlich erkennbar, auf deren Schlüssigkeit Gutzkow immer besonderen Wert gelegt hat. Ein fundamentales Prinzip im Roman des Nebeneinander, wie ihn Gutzkow in den Rittern vom Geiste entwickelt hatte, war die Ordnung des beispiellos umfangreichen Romanpersonals nach gesellschaftlichen Gruppen, die verschiedene, parallel geführte Handlungsstränge ausbildeten - durchaus dem vom Autor gefundenen Bild entsprechend, das der Querschnitt durch die Raumordnung eines Schiffes oder eines Hauses bietet. Die parallel geführten Handlungsstränge verschränkten sich mit der wachsenden Tiefe und Ausdehnung des Zeitbildes, das unter den herrschenden Tendenzen der Zeit immer mehr Zwischentöne erkennen ließ. Aus dem ,Nebeneinander' musste ein arrangiertes Durcheinander werden. Gutzkow verstärkte diesen Prozess der Vermischung dadurch, dass er in den Rittern vom Geiste einer Reihe von Personen eine doppelte Identität verlieh. Dadurch waren sie auf mehreren Handlungsebenen zugleich, sozusagen in verschiedenen Räumen seines Querschnitts, präsent.

Diese hoch komplexe Romanarchitektur (dazu vgl. Friesen, Vonhoff 1994 und 2000) ermöglichte es dem Autor, sich scheinbar vollständig aus dem entworfenen Zeitbild zurückzuziehen, das durchaus für sich selbst sprechen sollte. In der Vielstimmigkeit des Romans sollte der Autor nicht mehr zu identifizieren sein, wie es in den Rittern auch tatsächlich der Fall ist. Im endlos ausufernden Konzert der Stimmen, die den Roman anscheinend aus eigenem Gesetz hervorbringen, beschränkte sich der Autor auf die stumme Rolle des Dirigenten. Zwar gab es in den Rittern und auch im Zauberer von Rom eine auktoriale Stimme, die in unterschiedliche Stimmen des Romanpersonals eindrang, aber die Position des allmächtigen Autors wurde durch den Kunstgriff vermieden, dass er sich in durchaus gegensätzliche Positionen einschlich und damit eine strukturelle Ebene des Romans schuf, die übergreifend 'objektiv' wurde und zugleich vollständig immanent blieb. Das ist nicht immer gelungen, wie sich am gelegentlichen 'Leitartikeln' in den Reden des Romanpersonals erkennen lässt.

In den Neuen Serapionsbrüdern ist der Autor vor allem Herrscher über das Nebeneinander höchst unterschiedlicher sprachlicher Ebenen, die in Dialogen, in der Erzählung und in dem auf verschiedene Stimmen verteilten Raisonnement entfaltet sind. Gutzkow bedient sich dafür einer differenzierten Ordnung von Anführungszeichen. Häufig ist damit der Wahrheitsgehalt einer Bezeichnung ins Zwielicht gerückt. Er hebt aber auch charakteristische Redewendungen hervor, die eine Person oder Situation kennzeichnen, betont Ausdrücke aus dem Dialekt oder aus der standesspezifischen Sprache. In allen Fällen handelt es sich darum, dass dem Text eine sprachliche Ebene eingezogen wird, die den Stellenwert der alltäglichen Wirklichkeit für die Romangestalt sichtbar macht. Die fragmentarische und zufällige Anordnung solcher Textpartikel führt zur Fragmentierung der Romanwirklichkeit. Sie ist Spiegel einer Gesellschaft, die nicht mehr von Idealvorstellungen getragen ist, sondern auf dem Anspruch beruht, konkurrierende Partialinteressen gegeneinander durchzusetzen. Die gewandelte gesellschaftliche Wirklichkeit erfordert eine neue formale Ordnung des zeitgeschichtlichen Panoramas.

Gutzkow setzt sich mit modischen oder umgangssprachlichen Ausdrücken häufig aus der ironischen Distanz des Gebildeten auseinander und deutet dies durch Floskeln an: wie man zu sagen pflegt (34,21), oder durch doppelte Anführungszeichen: Ach wie nett -! fiel Ada mit einem Ausdruck ein, der in jener Stadt neben dem Worte "reizend" üblich ist für alles, was gefällt. (78,9-11) Gegen diese zitatähnlich hervorgehobene, oft klischeehafte Redeweise setzt der Autor seinen eigenen, mit Anspielungen aus dem Bildungsgut gesättigten Stil (→ Erl. zu 35,27). Im Vorwort zur zweiten Auflage des Romans verteidigt er seine ausufernde hypotaktische Schreibweise mit dem Hinweis auf deren unzeitgemäße Exklusivität (→ 4.2.2.). Die dagegen als üblich markierten Redewendungen beziehen ein breit gefächertes Spektrum der Alltagssprache, vom modischen Jargon über politische Schlagworte und sozial determinierte Ausdrucksweisen bis zu Formeln des klassisch-romantischen Bildungsstoffes, in das Erzählte ein. Solche im banalen Gespräch abgenutzten Redewendungen haben die Funktion, das Alltägliche - Gutzkows häufig so benannte Welt der Thatsachen (84,26) - dem Roman überhaupt zugänglich zu machen. Das soziale Panorama, das die Neuen Serapionsbrüder entwerfen, ist wesentlich eines der Sprache, die eine Sphäre jenseits des Bildungsbürgertums in den komplexen Rede- und Denkzusammenhang des Romans integriert. In den Stammtischreden der Serapionsbrüder kommt sie nicht vor. Aber auch deren Sprache ist nur Zitat, das der Sprachkritik unterworfen bleibt. Aus dieser sprachkritischen Distanz zu allen gängigen Redeweisen seines Personals führt der Autor Regie über seinen Roman. Seine auktoriale Stimme bleibt als sinngebende Instanz gegenwärtig, obwohl er sich wie in den Großromanen der 1850er Jahre aus dem vielstimmigen panoramatischen Geschehen zurückgezogen hat.

Diese vielstimmige Ordnung, die das klassische Formprinzip der Geschlossenheit zugunsten einer kontingenten Romanwirklichkeit aufhebt, ist in den Neuen Serapionsbrüdern bis zur Aufgabe des alten Modells radikalisiert. Im Gegensatz zu den früheren Großromanen wird hier keine gesellschaftliche Utopie formuliert, die dort das in den divergierenden Handlungsströmen enthaltene idealistische Potential in die Wirklichkeit einer offenen Zukunft verlegte. Die gesamte Romanstruktur ist nun durch den Verlust des utopischen Horizontes bestimmt, der letzten Endes das Projekt einer bürgerlichen Heilsgeschichte verfolgt hatte. Wie jede Heilsgeschichte impliziert die utopische Dimension einen erreichbaren paradiesischen Zustand: Gälte sie noch in den Neuen Serapionsbrüdern, so müssten sich die gesellschaftlichen Antinomien, die in diesem Roman mit Schlagworten wie die 'soziale Frage' oder die 'Frauenfrage' umschrieben sind, schließlich durch den liberalen Konsens einer Gesellschaft der Wohlmeinenden aufheben lassen. Der späte Gutzkow ist aber auf den Spuren seiner neuen Hausphilosophen Schopenhauer und Eduard von Hartmann (→ Erl. zu 282,15-16) zum radikalen Pessimisten geworden. Er glaubt nicht mehr an die Heilung des status naturalis, der nach Hobbes vom Prinzip des 'homo homini lupus' regiert wird. Die bürgerlichen Ideale des Liberalismus finden in der realen Gesellschaft keinen Widerhall mehr. Sie sind nur mehr als stoische Haltung präsent, im Festhalten an den aus der eigenen Überzeugung erwachsenden Pflichten gegenüber einer dafür taub gewordenen Gesellschaft. In den Neuen Serapionsbrüdern entfällt der Autor als sinnstiftende Instanz, die im Hintergrund des Romans über die in der Zukunft wirkenden Ordnungskräfte zur Heilung des kontingenten Geschehens verfügt. Er ist vielmehr selbst die Stimme der Kontingenz, die überall im Roman präsent sein muss, um das Scheitern der Ordnungen, das die gesellschaftliche Wirklichkeit beherrscht, auch in der Romanwirklichkeit zu belegen.

6.1.3. Digression und Kontingenz - Der Rahmen als Panorama

Protagonisten des Romans sind nicht mehr die Propheten der Veränderung, die sich unter dem Namen der ,Ritter vom Geiste' vereinigt hatten, sondern die Menschen stiller Versenkung und Absperrung gegen die immer, sagen wir es offen heraus, dümmer und dümmer werdende Außenwelt (→ 4.2.2. Vorwort zur zweiten Auflage). Die Negation der über das Romanende hinausweisenden gesellschaftlichen Utopie und der damit verbundenen finalen Struktur verändert auch die formale Struktur des Romans. Das Prinzip der parallelen Handlungsstränge scheint radikalisiert, weil die Konflikte, die in ihren Überschneidungen hervortreten, nicht mehr durch das gemeinsame Ziel einer bürgerlichen Gemeinschaft, auch wenn diese in die Zukunft verlegt werden musste, harmonisiert sind. Der Autor gibt sich im nachgelieferten Vorwort offen zu erkennen als jener Einzige, der im Besitz der machtlosen Wahrheit ist, die aber damit auch ausdrücklich dem Roman ausgelagert bleibt. Die Gesprächsrunde der ,neuen Serapionsbrüder' bildet zwar ein Diskussionsforum für die gesellschaftlichen Tendenzen, die in der eigentlichen Romanhandlung wirken, lässt aber alle Fragen offen.

Die Ordnung des Romans wird in Gutzkows letztem Werk nicht durch eine finale Struktur bestimmt, sondern durch die Auslagerung der Sinnstruktur auf ein Diskussionsforum - eben die Gesellschaft der 'neuen Serapionsbrüder', die dem Roman den Titel gegeben haben. Gutzkow hat den Namen der Montagsversammlung von E.T.A. Hoffmann entlehnt, bezieht sich dabei aber nicht auf dessen Erzählkonstruktion aus Rahmen- und Binnenerzählung. Vielmehr gilt ihm Hoffmann geradezu als Prototyp einer abgelebten Romantik. Zu Beginn des Romans distanzieren sich die Disputierenden am Stammtisch deutlich von der Namensverleihung durch ihren Autor. Der Titel will nicht an Hoffmann anknüpfen, sondern Gutzkow versteht die 'neuen' Serapionsbrüder durchaus als Revision seiner romantischen Vorlage. Im Gegensatz zu den Serapionsbrüdern E.T.A. Hoffmanns handelt es sich nicht darum, einer Novellensammlung den Rahmen zu geben, sondern die Gesellschaft stellt ein eigenständiges Projekt des Romans dar: Von den zwölf Mitgliedern des Stammtisches, die mehr oder minder ausführlich zu Wort kommen, sind nur vier in die Handlung des Romans involviert. Die Disputationen dieser Gruppe sind deshalb von der zeitgenössischen Kritik mehrfach mit der Funktion des Chores in der antiken Tragödie verglichen worden (→ 5.1.12., 5.1.21.), eine Vermutung, die von Gutzkow aber nirgends bestätigt wird. Die 'neuen Serapionsbrüder' kommentieren das Romangeschehen so gut wie nie. Ihre Gespräche entfalten vielmehr den politischen, kulturellen und sozialen Hintergrund der Zeit, den das Romangeschehen selbst immer nur ausschnitthaft spiegelt. Mit anderen Worten, sie umreißen die diskursive Spannweite des gesellschaftlichen Panoramas und sind in diesem Roman das wichtigste Element des panoramatischen Erzählens.

Diese Konstruktion, die bei der zeitgenössischen Kritik auf größtes Unverständnis gestoßen ist, hebt also die Kontingenz nicht auf. Keineswegs nämlich stellt sich die Gesellschaft der 'Serapionsbrüder' als Stimme des Autors dar. Vielmehr zielt Gutzkows aufwändige Dialogregie nicht zuletzt darauf, die Stimme des Autors im Austausch der Meinungen zu verwischen. Das erweist exemplarisch die Diskussion der Frage, ob die Armee die sittliche Grundlage des Staates sei (133,27-136,15), die letztlich ungeklärt bleibt. Noch aufschlussreicher ist die zentrale Diskussion über den Zusammenhang von Ästhetik, Liberalismus und Gründerzeit (312,2-319,9), in der man den Autor nur dann findet, wenn man seine Positionen anhand seiner außerhalb des Romans vorliegenden Äußerungen rekonstruiert, ein Verfahren, das nicht der Rolle des Lesers, sondern der des Literaturwissenschaftlers entspricht.

Die Gruppe der ,Serapionsbrüder' hat also keine verbindende Funktion, durch die divergierende Handlungsstränge des Romans im Sinne einer zielgerichteten Struktur verknüpft würden. Vielmehr lenken sie die Aufmerksamkeit des Zuschauers im Panorama immer von dem quasi im Scheinwerferlicht agierenden Romanpersonal auf den Hintergrund. Die Gruppe agiert nicht im Sinne der Konzentration, sondern der Digression, ein Punkt, der von Gottschall entschieden kritisiert worden ist, denn "die Handlung bewegt sich mehr in excentrischen als in concentrischen Kreisen und hat daher verschiedene Mittelpunkte und sich kreuzende Peripherien" (→ 5.1.19.) Die Suche nach Vorbildern für Gutzkows Teilung des Roman-Panoramas in Vordergrund und Hintergrund, Roman-Aktion und Roman-Horizont, führt nicht zu Hoffmann, sondern zu dem stets geschätzten Jean Paul. Jener nämlich hatte in den "Biographischen Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin", dem Urteil der scheerauischen Berghauptmannschaft folgend, sich entschlossen, solche "Digressionen" künftig in Form eines "Appendix" von der eigentlichen Romanhandlung reinlich zu sondern (JPSW, Bd. 1.4, S. 347). In der Tat findet auch Gottschall, Gutzkow habe "etwas von Jean Paul, was die Vorliebe für Extrablätter und eine fortlaufende Spiegelung der Handlung im geistigen Leben betrifft" (→ 5.1.19.).

Mit der Stammtischrunde hat Gutzkow ein Forum des Raisonnements geschaffen, das die Romanhandlung weitgehend von Erörterungen zur allgemeinen politischen Lage entlastet und so auch das Romanpersonal vom ausufernden 'Leitartikeln'. Die Gesellschaft der 'neuen Serapionsbrüder' stellt inhaltlich wie formal ein beharrendes Element dar. Ihre Positionen repräsentieren fast katalogartig die des saturierten Bürgertums:Gelehrte, Beamte, gebildete Industrielle (3,14-15), die dem wachsenden Nationalismus der Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg, dem Spekulantentum der Gründergeneration und dem 'Strebertum' der Karrieristen ebenso distanziert gegenüberstehen wie den emanzipatorischen Tendenzen in Betreff der 'sozialen Frage' (→ Lexikon) und der 'Frauenfrage' (→ Lexikon). Sie sind, wie die auktoriale Stimme versichert, ganz gemüthliche, unverschworene, auf den Umsturz nicht einmal eines Weinglases ausgehende Menschen (3,21-23). Der politische wie kulturelle Solipsismus der Stammtischrunde widerlegt alle Aussichten auf gesellschaftliche Veränderung, also den alten utopischen Horizont des Gesellschaftsromans. Wenn man die Romanhandlung als geschichtlichen Prozess versteht, bleibt diese Runde nach dem Ende der Geschichte allein übrig, zeitlos befangen in ihren immer kreisförmiger werdenden Erörterungen.

6.1.4. Liberalismus - Idealismus oder Realismus?

Gert Vonhoff hat in dieser Konstellation eine "kritische Distanz des Erzählers gegenüber den Versammlungen der Neuen Serapionsbrüder" gefunden, was die gesellschaftlichen Wirkungsmöglichkeiten eines solchen "bildungsbürgerlich verankerten Gedankenguts" betrifft (Vonhoff 1994, S. 287). Diese Distanz wird verstärkt dadurch, dass der Autor selbst die Wirkungslosigkeit der altliberalen Werte des gesellschaftlichen Ausgleichs gegenüber den immer schärfer werdenden sozialen Antinomien zugibt. Am Ende des Romans sind die Protagonisten der Romanhandlung entweder gescheitert und untergegangen, oder, was die Generation der bürgerlichen Aufsteiger aus der Rechtsanwaltskanzlei betrifft, in den Hafen von Ehe, Amt und Würden eingelaufen. Sie sind damit aber nur Aspiranten zur Aufnahme in den Club der ,Serapionsbrüder' geworden. Darin liegt ihre Zukunft und nicht mehr darin, die vom Bund der 'Ritter vom Geiste' verkörperten Ideale irgendwann zu verwirklichen. Der Bildhauer Althing und sein Sohn beschränken sich auf kritische Distanz zu den gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie enthalten sich des Eingriffs aus der Einsicht in die Ohnmacht der 'idealistischen' Programme. Das Scheitern der alten Werte in der neuen Gesellschaft bewirkt aber kein Urteil über diese Werte, sondern nur eines über die Gesellschaft selbst.

Dieses Gefühl der Ohnmacht lässt die gesellschaftlichen Antinomien, die den durch Bismarck geprägten Nationalstaat beherrschten, umso stärker hervortreten. Der Nationalismus der Sieger von 1870/71, die schrankenlose Machtausübung durch die bindungslose Klasse der neuen Kapitalisten, die Reste der alten Feudalgesellschaft - verkörpert im Majorat des Grafen Udo -, der im Hochmut verarmte Adel, der keine Beziehung mehr zu den alten Ehrencodices hat, und die nach dem Verlust der patriarchalischen Betriebsstrukturen deklassierte und radikalisierte Arbeiterschaft stehen sich immer unversöhnlicher gegenüber. Eben dies drückt der Roman durch die Reduktion der verschiedenen parallel geführten Handlungsstränge aus und durch die Sprachlosigkeit, die das Verhältnis der divergierenden gesellschaftlichen Gruppen bestimmt. Jene Diskussion, die in den nachrevolutionären Romanen der 50er Jahre die Hoffnung auf den künftigen Ausgleich nähren wollte, findet nur mehr außerhalb der sozialen Schlachtfelder in der Gruppe von Gleichgesinnten, dem Kreis der 'neuen Serapionsbrüder', statt, dort aber gezeichnet von Resignation und Rückzug auf die Privatisierung der idealen Werte.

Gutzkow erneuert unter veränderten historischen Bedingungen den Streit um 'Idealismus' und 'Realismus', den er in den 50er Jahren gegen den Autorenkreis der "Grenzboten", vor allem gegen Julian Schmidt und Gustav Freytag, geführt hatte. Diesen Kampf hatte Gutzkow schließlich verloren. Der später so genannte 'bürgerliche' beziehungsweise 'poetische Realismus' war daraus als Sieger hervorgegangen, wenn auch mit charakteristischer gesellschaftlicher Verspätung: Verglichen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit der 70er Jahre wirken seine Lösungen bereits nostalgisch, als Flucht aus einer durch und durch unidyllischen Epoche ins Idyllische. Die Kategorie 'idealistisch' bezeichnet für den späten Gutzkow ein Urteil über diese Gesellschaft von einem außerhalb ihrer selbst liegenden kritischen Standpunkt; 'realistisches' Handeln setzt dagegen das Einverständnis mit den vorliegenden Verhältnissen voraus (→ Fritz Mauthners Rezension, 5.1.24.). Realist ist, unabhängig von seiner Klassenzugehörigkeit, wer in der Anpassung seinen Vorteil sucht.

Der Roman entfaltet changierende Bedeutungen der gegensätzlichen Begriffe in charakteristischer Vermischung ihrer gesellschaftlichen und literarischen Tragweite. Der Bildhauer Althing ist der idealistische Vater (80,16-17), der sich mit seiner Kunst dem Zeitgeist entzieht und deshalb auch Rückschläge hinnehmen muss, während der Hofmaler Triesel, in realistischer Einschätzung der auf dem Kunstmarkt gebotenen Möglichkeiten, auf der Welle der vaterländisch inspirierten Kunst erfolgreich mitschwimmt. Althings Sohn Ottomar allerdings bezeichnet sein Autor ebenfalls als einen ausgesprochenen Realisten (495,9); er gehöre dem Geist der allerneuesten Zeit an, welche ideale Strebungen nicht mehr kennt, ohne sie darum gering zu schätzen (121,20-21). Diese merkwürdige Einschränkung deutet darauf hin, dass Gutzkow offenbar Formen oder Stufen des 'Idealismus' bzw. 'Realismus' unterscheidet; z. B. gibt es auch idealistische Pedanten, wie Dieterici, Tänzer, die im Cotillon um "eines Strohhalms Breite" ihre "Ehre" engagirt erklären (156,30-32). Das bedeutetet wohl, jenen idealen Standpunkt einzunehmen, dem, nach den Worten Edwina Marloffs, die thatsächliche Stellage fehlt (339,16-18). Zum wirklichen 'Idealisten' gehört das Bedürfniß eines umfassenden Grundgedankens für's Leben (228,11-12), womit dieser 'Idealist' auf überraschende Weise mit dem ausgesprochenen Realisten Ottomar identisch wird, den sein Autor als solchen einen Virtuosen der Selbstbeherrschung nennt (495,9-10). Ihm entgegengesetzt ist die Selbstgenügsamkeit, die sich mit dem stolzen Namen des Realismus, der Reichstreue und wer weiß, was Alles jetzt brüstet und die doch nur der alte sattsam bekannte Uebermuth, die Rohheit, die Unbildung von ehemals ist (294,13-16). Das ist jener 'Realismus', den Gutzkow in der Vulgarität der Gründer und Spekulanten vorfindet.

Neben der idealen Haltung, deren Vorhandensein im Volke Voraussetzung für die allgemeine Wehrpflicht sein müsse (531,13-15), steht die realistische Bildung (276,16), die den Kapitän Holl auszeichnet, und übrigens auch den Ingenieur Raimund Ehlerdt, der aus ihr jene positiven Eigenschaften bezieht, an denen es ihm als Revoluzzer gebricht. Eine 'idealistische Bildung' wird zwar nirgends namhaft gemacht, sie ist aber zweifelsfrei vorhanden, denn sie zeichnet den Autor aus, der von ihr reichlich Gebrauch macht. In den Neuen Serapionsbrüdern existiert eine ganze Sprachschicht aus klassischen Zitaten, mythologischen Anspielungen und historischen Reminiszenzen, die beim Leser ein beträchtliches lexikalisches Vorwissen voraussetzen. Gutzkow erreicht beim Zitieren manchmal die Ebene der Selbstparodie, wenn er z.B. den Bericht Ottomars über das Vater-Tochter-Verhältnis zwischen dem alten Grafen und Edwina Marloff mit dem Satz beendet: Die Erinnerung an Papst Alexander den Sechsten schnitt alle Erörterungen ab. (129,10-11) Gutzkows Zitierpraxis widerspricht jener des Bildungsbürgertums, das mit den "Geflügelten Worten" Büchmanns eine umfassende Bildung nur vortäuscht, die, wäre sie denn vorhanden, den eigenen gesellschaftlichen Status in Frage stellen müsste. Die 'idealistische Bildung', die sich im souveränen Umgang mit der von den Zitaten repräsentierten Kulturtradition manifestiert, verweist auf die Deutungshoheit des ,idealen Standpunktes', der auch dem ,ausgesprochen Realisten' unumstößlich bleiben muss, um sich im Dickicht der ,Tatsachen' zu orientieren.

Tatsächlich ist - wie bereits unter 6.1.2. angedeutet - die 'idealistische' Bildung das nachhaltigste Indiz für die Gegenwart des Autors in seinem Roman, der damit ein Netz von Konkurrenzen zu seinem unbekannten Leser errichtet. Dieses Geflecht aus historischen und mythologischen Anspielungen stellt dem in der Diskussion der 50er Jahre rein inhaltlich-mimetisch definierten 'realistischen' Erzählen eine formale Struktur entgegen: Die alte Frage Julian Schmidts "Was ist wirklich?" (vgl. Realismus und Gründerzeit, Bd. 2, S. 97) stellt sich neu und verlangt nach anderen Antworten, als sie von den Autoren der "Grenzboten" gegeben worden waren.

Offenbar widerspricht Gutzkows mythologisch-historisches Geflecht fundamental der von Friedrich Theodor Vischer 1857 in seiner Ästhetik definierten "Grundlage [...] des Romans" als "die erfahrungsmäßig erkannte Wirklichkeit, also die schlechthin nicht mehr mythische, die wunderlose Welt" (vgl. Realismus und Gründerzeit, Bd. 2, S. 216). Julian Schmidt präzisiert Vischers Wirklichkeitsbegriff in einer Kritik an den 'realistischen' Autoren. Die seien zur Wirklichkeit des Volkes nicht vorgedrungen. Denn "da, wo das deutsche Volk in seiner Tüchtigkeit zu finden wäre, nämlich bei seiner Arbeit, suchen sie es nicht auf" (Julian Schmidt: Geschichte der Literatur im 19. Jahrhundert. Zweite, durchaus umgearb., um einen Band verm. Aufl. Leipzig: Herbig, 1855. Bd. 3, S. 318). Gutzkow polemisiert gegen diesen Realismusbegriff in seiner Kritik an Gustav Freytags "Soll und Haben" in den "Unterhaltungen am häuslichen Herd": Realistisch solle nach dem Programm Schmidts und Freytags doch wol heißen: Ohne Tendenz; in "Soll und Haben" heiße es aber noch mehr: Ohne Idee. Was ist denn die Idee dieses Romans? Daß ein Rittergutsbesitzer keine Runkelrübenfabriken anlegen soll? (Karl Gutzkow: Ein neuer Roman. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. Nr. 36, 1855, S. 574; eGWB, pdf 1.0, S. 10). Offenkundig entscheidet sich Gutzkow damit gegen Julian Schmidts Absicht, "die Wirklichkeit zu idealisieren", und für die von diesem bekämpfte Absicht, "das Ideal zu verwirklichen". Grundlage für die Idealisierung der Wirklichkeit ist für Julian Schmidt jene "allgemeine sittliche Substanz", die von Ottomar am Ende der Neuen Serapionsbrüder zurückgewiesen wird, und dieser "reale Boden" sei "der nationale Boden" (Julian Schmidt: Literaturgeschichte. In: Die Grenzboten. Leipzig. 15. Jg., 1856, 2. Semester, S. 201-210, Zit. S. 208-210; hier zit. nach Realismus und Gründerzeit, Bd. 2, S. 69). Hier liegt der Ursprung für die nationalistische Ideologisierung des Realismus-Programms durch die literarischen Protagonisten des Bismarck-Staates in der Gründerzeit, die von Gutzkow in den Neuen Serapionsbrüdern attackiert wird. Denn Julian Schmidts Realismuskonzept, das die Wirklichkeit idealisieren will, dringt gar nicht bis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit vor. Diese nämlich ist nur dialektisch wahrnehmbar: Erst die Opposition des ,idealen Standpunktes' gibt den Blick frei auf die ,wirkliche Wirklichkeit' Hegels.

6.1.5. Ästhetik des Bruches

Offenkundig ist freilich, dass der Bruch mit der Konvention des bürgerlichen Realismus auch zu Brüchen in der Romankonstruktion der Neuen Serapionsbrüder geführt hat. Der Verzicht auf eine Romanform, die das Poetische unverstellt als Spiegel der die Gesellschaft beherrschenden Gesetze verstand, verdeutlichte das in erster Linie ästhetische Problem: Die andere und gegenüber dem bürgerlichen Realismus durchaus neue Ästhetik des Romans musste auch das alte Gesetz der Gesellschaft ersetzen, da die alte Ästhetik untrennbar mit diesem Gesetz und seinen Konventionen verknüpft war. Jene gesellschaftliche Ordnung, die von der ästhetischen Ordnung des bürgerlichen Realismus beglaubigt werden sollte, war in der Gründerzeit schon historisch geworden. Der anhaltende Erfolg von Romanen wie Freytags "Soll und Haben" beruhte auf der Nostalgie des bürgerlichen Publikums, dem die alten bürgerlichen Werte längst zum Märchenbild der 'guten alten Zeit' verkommen waren. Literatur als Kompensation: Wenn der tägliche Kampf zwischen Konkurrenten, Klassen und Nationen, der das wirkliche Leben bestimmte, vorübergehend ausgesetzt war, konnte man zum Feierabend in die geordnete Welt der Romane flüchten.

Das Problem Gutzkows bestand, nach der Interpretation Gert Vonhoffs, darin, dass er dem Zerfall der alten gesellschaftlichen Ordnung nur mit der militanten Verteidigung der altliberalen Vorstellungen des 'Bildungsbürgers' begegnen konnte, also mit dem Hinweis auf eine für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen allgemein verbindliche Ordnung. In der Romanwirklichkeit war diese Ordnung nur durch andauernde, mehr oder minder verdeckte Eingriffe des Autors unterzubringen. Sie führte zu offensichtlichen Brüchen in der Romankonstruktion. Gerade weil Gutzkow die gesellschaftliche Wirklichkeit, die der Roman beschreibt und kritisiert, mit Schopenhauer für im Grunde unheilbar hielt, mussten ihm Reparaturvorschläge für das Irreparable zur Phrase geraten. Auffällig ist das Wachstum der Phraseologie dort, wo es um die Lösung der altliberalen Probleme geht, wie die 'soziale Frage' (→ Lexikon) oder die 'Frauenfrage' (→ Lexikon), die durch Berufung auf den Adel "edler Weiblichkeit" oder die Beschwörung hohe[r] "Frauenwürde" und des Weibes "weltgeschichtliche[n] Culturberuf[s]" (577,18-19) in der Floskel enden (vgl. Vonhoff 1996, S. 293). Allerdings wird diese Flucht in leer gewordene Formeln an anderer Stelle wieder zurückgewiesen. Der alte Althing verurteilt solche Phrasen sozusagen aus Schiller und Goethe, die geflügelten Worte werden bald zu Kalauern geworden sein (35,26-28).

Damit wird eine ganze Schicht des Romans, nämlich die durchgehende Folge der Sentenzen und klassischen Zitate, zwar nicht in ihrer Substanz widerrufen, aber gegenüber den in der neuen Gesellschaft vorherrschenden Kräften für wirkungslos erklärt. Gutzkow hält, wie Gert Vonhoff bemerkt hat, an der Kompetenz des liberalen Bürgertums zur Lösung der Probleme fest, die sich aus dem gesellschaftlichen Wandel von einer bürgerlich-liberalen zu einer ausschließlich wirtschaftsliberalen Gesellschaft ergeben - der Machtübernahme jenes Prinzips, das heute als 'Turbokapitalismus' bezeichnet wird. Die Idee der bürgerlichen Liberalität bezeugt ihre Zuständigkeit nicht mehr durch den Verweis auf eine zukünftige gesellschaftliche Wirklichkeit, sondern durch ihr Scheitern an der gesellschaftlichen Wirklichkeit. In diesem Scheitern liegt ein Element der Modernität des Romans, das die Tradition der negativen Dialektik Adornos belegt: "Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt paßt" (Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1970. S. 93).

Gert Vonhoff hat gezeigt, dass die ästhetische Qualität des Romans sich vorwiegend in den Brüchen entfaltet, die zwischen den gesellschaftlichen Realitäten und der ordnungschaffenden Instanz des Autors entsteht, d. h. im Scheitern des Versuchs, das bildungsbürgerlich-liberale Weltbild auch in der Romanstruktur zu realisieren (vgl. Vonhoff 1996, S. 337). Diese strukturelle Brüchigkeit entfaltet der Roman anschaulich im Sterben Edwina Marloffs. Die Schilderung dieses Todes lässt gegensätzliche Lesarten zu. Er erscheint als Strafe für den Verstoß gegen die Gesetze der Gesellschaft ebenso wie als nicht eingelöste Schuld der Gesellschaft gegenüber dem Recht des Individuums: Der Arzt, der nur an der Leiche Edwinas als Material für den wissenschaftlichen Fortschritt interessiert ist, entwertet die Person zur Sache. Das ist übrigens auch die Konstellation, die Flaubert im Sterben Emma Bovarys entworfen hat. Der körperliche Verfall wird ihm zum Gegenbild ihrer Versündigung an der Gesellschaft, die selbst verklagt wird im sprachlosen Unglück der Sterbenden und der verzweifelten Ratlosigkeit Charles Bovarys, während der Apotheker Homais wie Gutzkows Arzt die Dummheit des angeblichen Fortschritts repräsentiert. Die von der Gesellschaft unrechtmäßig als Gesetz etablierte Pflichtethik Kants ist in beiden Fällen ersetzt durch die nicht weiter begründbare Mitleidsethik Schopenhauers. Zugleich wird Kants ethisches Prinzp in das Gesetz der Gesellschaft verwandelt, gemäß der mehrfach wiederholten Maxime des Titelhelden in Friedrich Theodor Vischers Roman "Auch Einer": "Das Moralische versteht sich immer von selbst" (Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft. Stuttgart, Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt, 1.-5. Taus. 1879. S. 20).

Es gehört zu dieser Ästhetik des Bruches, die Gutzkows letzten Roman bestimmt, dass jene Wahrheit, die der Autor für sich beansprucht, sich nur im Scheitern der Romanform realisieren lässt. Der unermüdlich weiter schreibende Autor wappnet sich mit Schopenhauerischem Stoizismus gegen die ständig wachsende 'Dummheit', deren 'Realismus' immer nur an den nächstliegenden Interessen orientiert ist, aber keinen Blick mehr hat für die weiterreichenden Zusammenhänge, die den ,idealen Standpunkt' bestimmten. Die Dummheit ist für ihn, wie für Flaubert, der eigentliche Feind, dem er, nach einer ironischen Bemerkung Arno Schmidts, nur mehr durch die "Verteilung von wacker=tapferen Kleinstdrucksachen" begegnen kann (Arno Schmidt: "Bedeutend; aber...". Bargfelder Ausgabe. Bd. III,3. Zürich: Haffmans, 1995. S. 499).

Denn in einem entscheidenden Punkt ist der bürgerlich-liberale Standort in den Neuen Serapionsbrüdern aufgegeben, nämlich was die Überzeugung betrifft, den liberalen Idealen durch literarische und journalistische Arbeit den Weg in die soziale Wirklichkeit ebnen zu können. Das Projekt, auf der Grundlage der bürgerlichen Liberalität zu einem gesellschaftlichen Ausgleich zu gelangen, war gescheitert, weil es die ökonomischen Kräfteverhältnisse unterschätzt hatte. Der frühe Liberalismus der Vormärzzeit war überzeugt, die anarchischen Kräfte der Wirtschaft durch den moderierenden Eingriff des Staates bändigen zu können. In England, dem Mutterland der Industriellen Revolution, trat der Konflikt zwischen einem politischen Liberalismus und einem reinen Wirtschaftsliberalismus schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts zutage. Edward Lytton Bulwer hat deshalb als parteiloser Abgeordneter, der sich dem 'radikalen' Flügel verbunden fühlte, in den frühen 30er Jahren ohne weiteres staatliche Eingriffe gefordert, um das schrankenlose Wachstum der Industrien, ausschließlich auf Kosten der Unterschicht, zu steuern (vgl. [Edward Lytton Bulwer]: England und die Engländer. 6 Bändchen. Stuttgart: Metzler, 1836. Bd. 2, S. 76). In Preußen hatte immerhin Hegel in seiner Kampfschrift gegen die englische Reformbill kurz vor seinem Tod kritisiert, dass durch diese Reform in erster Linie die Rechte der privilegierten Schichten des Landadels und der neuen Industriebarone gestärkt würden.

Für den avancierten Kapitalismus des späteren 19. Jahrhunderts waren das bestenfalls nachgeordnete Probleme, deren Lösung an das neue liberale System der frei flottierenden Kräfte im ökonomischen Konkurrenzkampf delegiert war. Die resignative Stimmung, die in den Neuen Serapionsbrüdern vorherrscht, verdankt sich der Einsicht, mit den richtigen Überzeugungen auf verlorenem Posten zu stehen; und diese Einsicht ist die Folge der endlich erkannten realen Gesetzmäßigkeit: dass nämlich das einzige Kriterium der Wirtschaft das Wachstum der Gewinne ist und alles beseitigt werden muss, was die Gewinnmaximierung behindert.

Die aus solcher Resignation resultierende Selbstvernichtung des Autors als ordnende Instanz, die sich in ihrer Wirkungslosigkeit wiedererkennt, findet bei Gutzkow noch außerhalb des Romans statt. In den Neuen Serapionsbrüdern behält er sich wohl die Definitionsmacht als sinngebende Instanz vor, aber er gelangt damit nur zu einer Übereinstimmung mit der Ohnmacht seines Romanpersonals gegenüber der realen Welt, von der sein Roman zwangsläufig handeln muss. Die auktoriale Macht über die literarische Erfindung scheint damit auf eine Schwundstufe reduziert.

Die Stimme des Autors ist unverstellt erst zu hören in den Schriften, die den Roman begleiten, in rasenden Zornesausbrüchen gegen den Ungeist der Zeit und seine Erscheinungen, eine Stimme, die im Roman schon im Hintergrund rumort, während sie vordergründig immer noch den Moderator spielt. Gutzkow, der sich schon aus Gründen des Broterwerbs lebenslang um eine angemessene soziale Position bemüht hatte, erklärt seinen Austritt aus dieser Gesellschaft, in der fast alle seine Schriften, von Kritik und Publikum kurzgesagt mißhandelt worden seien (Vorwort zur Neuausgabe von Blasedow und seine Söhne vom März 1874, GWII, Bd. 5, S. VII). Der Autor distanziert sich in der Gestalt des freiwillig Unzeitgemäßen vom Stil der Colportageromane, die das literarische Leben beherrschen, und persifliert mit dem Beispielsatz Bismarck reichte Laskern eine Cigarre deren vollkommen fiktiven 'Realismus' (Vorwort zur Neuausgabe von Maha Guru, Juli 1874, GWII, Bd. 6, S. 147).

Dass der Autor die Position des literarischen Moderators und damit des altliberalen sozialen Ausgleichs aufgekündigt hat, ist einschlägig im Vorwort zur zweiten Auflage der Neuen Serapionsbrüder (→ 4.2.2.) und in der danach entstandenen Polemik Dionysius Longinus nachzulesen. Die altliberale Vorstellung vom Staat als Ordnungsmacht gegen die Herrschaft des Kampfes aller gegen alle wird bis zum Widerruf der alten liberalen Positionen radikalisiert. Gutzkow ruft unverhohlen zur Zensur auf gegen die arkadische Nachsicht in Sachen der Volksbildung: Auch die Debatte über die "Arbeit" auf den Kathedern muß von den Regierungen ohne Weiteres abgesetzt werden. Die Attacken gegen Sozialisten, Arbeiterführer und gewerkschaftliche Organisation im Roman sind, wie das Vorwort zeigt, durchaus Stimme des Autors. Sie stehen wie die Ästhetik der Socialdemokratie und die Blasirtheit der Börse für die methodische Erziehung des Volkes zum Gemeinen, Unedlen, Pietätlosen.

Diese Stimme des Autors, die sich in scheinbar unkontrollierten, tatsächlich aber rhetorisch hoch artifiziellen Schimpfreden und Wutausbrüchen äußert, ist von der Literaturwissenschaft immer nur als Ausdruck einer pathologischen Persönlichkeit angesehen worden. Selbst der Gutzkow-Adept Houben hat Dionysius Longinus nur mehr als "krasse[n] Ausbruch seiner geistigen Störung" gewertet (Heinrich Hubert Houben: Karl Gutzkows Leben und Schaffen. HOU, Bd. 1, S. 126). Das liegt aber daran, dass diese Stimme aus einem Jenseits der von den Gesetzen der Gesellschaft diktierten Normalität redet. Sie wird immer als querulatorisch oder sogar irrsinnig denunziert, weil ihr einziges Ordnungsprinzip im Widerspruch gegen die herrschende Ordnung besteht, ihre ästhetische Qualität in der Intensität des Widerspruchs.

Der späte Gutzkow der Neuen Serapionsbrüder und des Dionysius Longinus argumentiert von einem Standpunkt, der jenseits der herrschenden Ideologien auf dem verlorenen Posten der Aufklärung ausharren will und damit auf dem Weg, der über Eduard von Hartmanns Kombination von Schopenhauer und Hegel zu den zugleich militanten und resignativen Positionen der 'Kritischen Theorie' führt, auch in der verzweifelten Einsicht in die 'Dialektik der Aufklärung', die auf dem Weg in die gesellschaftliche Wirklichkeit gegen ihre eigenen Prinzipien von Liberalität und Humanität verstoßen muss.

Das ist der Standpunkt Don Quijotes, der entgegen den Intentionen seines Autors nicht als die Spottfigur erscheint, die am Vergangenen festhält, sondern als der Einzige, der die in den alten Büchern verborgene Wahrheit erkannt und bewahrt hat. Die Stimme des Autors der Neuen Serapionsbrüder redet nicht mehr aus dessen Vollmacht, sondern aus der Position des Verlierers, der durch den Verlust der auktorialen Gewalt erst die Geltung seines Lebenswerkes in der Ohnmacht bestätigt findet. Wie für Arno Schmidt, der Gutzkow unter Berufung auf Die Ritter vom Geiste, den Zauberer von Rom und die Neuen Serapionsbrüder wieder entdeckt hat (vgl. Arno Schmidt: Der Ritter vom Geist. BFA, Bd II,3. Zürich: Haffmans, 1991. S. 169-200), ist die Stimme des Autors "der tapfere dünne Lärm zwischen den Felsenzähnen des Daseins" (Arno Schmidt: 'FÜNFZEHN' Vom Wunderkind der Sinnlosigkeit. BFA, Bd. II,2. Zürich: Haffmans, 1990. S. 303).

Die Differenz zwischen Gutzkows Realismuskonzept und dem des bürgerlichen Realismus lässt sich durch einen Vergleich der Neuen Serapionsbrüder mit Friedrich Spielhagens Roman "Sturmflut" belegen, der ebenfalls 1877 erschienen war und unmittelbar vor Gutzkows Roman vom "Berliner Tageblatt" in Fortsetzungen veröffentlicht wurde. Einen ausführlichen Vergleich des ,Realismus' beider Romane hat Jeffrey Sammons angestellt, und zwar tendenziell zugunsten Spielhagens (Vom Nebeneinander zur Durchkomponierung. Beobachtungen zur Gleichzeitigkeit von Karl Gutzkows "Die neuen Serapionsbrüder" und Friedrich Spielhagens "Sturmflut". In: Metropole, Provinz und Welt. Raum und Mobilit?t in der Literatur des Realismus. Hg. von Roland Berbig und Dirk Göttsche. Berlin, Boston: De Gruyter, 2013. S. 321-334, bes. S. 329-334). Der naheliegende Vergleich fiel in der zeitgenössischen Kritik zu Ungunsten Gutzkows aus, obwohl die Neuen Serapionsbrüder nicht durchweg verrissen wurden, zumindest nicht von namhaften und kompetenten Kritikern wie Rudolf Gottschall (→ 5.1.19.). In der Tat weisen beide Romane überraschende Parallelen auf, sowohl in der Zusammensetzung des Romanpersonals wie der kritischen Einstellung zu bestimmten Tendenzen der Zeit. Beide Romane verteidigen den patriarchalisch geführten Industriebetrieb gegen sozialistische Einflüsse in der Arbeiterschaft. In beiden Romanen werden die negativen Tendenzen der Zeit durch drei Namen personalisiert: Bismarck steht für den wachsenden Nationalismus und Zentralismus, Richard Wagner für eine rückwärts gewandte, romantisierende Ästhetik und der Philosoph Eduard von Hartmann (→ Erl. zu 282,15-16) für den Verlust eines humanen Welt- und Menschenbildes.

Solche Übereinstimmungen in der Konstruktion der Romanhandlung und in der politischen Überzeugung beider Autoren täuschen aber über grundlegende Differenzen hinweg. Diese fundamentalen Unterschiede hat Rudolf Gottschall in seiner vergleichenden Kritik der beiden Romane herausgearbeitet, und er findet auch die Gründe, die ihn dazu bewegen, Spielhagen den Vorzug zu geben. In der "Sturmflut" sieht er Gutzkows altes Romanmodell des 'Nebeneinander' geradezu vollendet, während dieses Romanmodell in den Neuen Serapionsbrüdern zerfallen sei. Diesem Roman fehle das Umfassende des Zeitbildes, weil Gutzkow "nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Gegenwart" gebe. Mit einem Wort: Spielhagen wird bescheinigt, dass seine Romanfiktion ein realistisches Gesamtbild der gegenwärtigen Gesellschaft gebe, während Gutzkow im räsonierenden 'Feuilleton' der Serapionsbrüder nur seine alten Idiosynkrasien auf diese Gesellschaft übertrage.

Im Gegensatz zu Gutzkows ausschnitthafter Romanwirklichkeit rühmt Gottschall Spielhagens in sich geschlossene Romanordnung, die sich letztlich als deterministisches Modell erweist. Spielhagens Roman bezeuge mit seiner von Gutzkow vollkommen abweichenden Konfliktlösung die grundlegende Harmonie der ästhetischen Ordnung mit der bürgerlichen Ordnung, die auch die natürliche sei, "indem er einen Grundgedanken, die Parallele zwischen der socialen und elementarischen Sturmflut, zum Grundstein und auch zum Eck- und Schlußstein der künstlerischen Architektonik macht" (→ 5.1.19.).

Gottschalls Vergleich verdeutlicht ein grundsätzliches Problem in der Realismus-Debatte des 19. Jahrhunderts. Das von ihm propagierte Modell erklärt die poetische Ordnung als die realistische, d. h. der gesellschaftlichen Wirklichkeit entsprechende. Für Gutzkow dagegen ist diese Wirklichkeit ihrem Wesen nach kontingent, d. h. sie kommt im ästhetischen Konzept des bürgerlichen Realismus, der immer nur Sinngebungen abbildet, überhaupt nicht vor: Sinngebung kann aber einer wesentlich kontingenten Wirklichkeit nicht immanent sein, sondern bleibt immer eine von außen gesetzte Ordnung. Sie findet keinen Eingang in die Fiktion des Romans, da sie ausschließlich über die verborgene Stimme des Autors repräsentiert ist.

Gutzkows Distanz gegenüber allen, die Roman-Wirklichkeit determinierenden Konventionen des bürgerlichen Realismus ist am deutlichsten an der Führung der parallelen Liebesgeschichten in beiden Romanen erkennbar. Die Ehebruchsgeschichte zwischen Ada von Forbeck und Ottomar Althing endet nicht mit der von der Konvention geforderten Bestrafung der Schuldigen, die noch Flauberts Madame Bovary und Fontanes Effi Briest, wenn auch unter deutlicher Missbilligung der Autoren, zuteil wurde. Das tragische Modell ist durch die Legalisierung der neuen Bindung revidiert, und der weibliche Teil ist die treibende Kraft. Ada von Forbeck gehört damit in die Reihe der in ihrer Widersprüchlichkeit außergewöhnlich genau gezeichneten Frauengestalten Gutzkows, von Wally über Seraphine und Imagina Unruh bis zu Luise Eisold und Melanie Schlurck in Die Ritter vom Geiste und die unvergleichliche Lucinde Schwarz im Zauberer von Rom. Die zweite Liebesgeschichte zwischen Gustav Holl und der Schwester Ottomar Althings wird durch die Wahl der Frau entschieden, ohne dass dabei das Urteil der Gesellschaft eine Rolle spielte. Die berüchtigte Praxis des bürgerlichen Romans, die gesellschaftlichen Normen und damit das deterministische Modell am Ende durch eine Reihe von Eheschließungen zu befestigen, wird von Gutzkow schließlich durch die Zwangsverehelichung der beiden Rechtsreferendare parodiert, die damit nur ihre Karriere sichern.

Spielhagen dagegen entwickelt die Liebesgeschichten, die in der "Sturmflut" den Fortgang der Handlung bestimmen, exakt nach einem von der bürgerlichen Konvention geregelten System von Belohnung und Bestrafung, das von der Baronin Kniebreche geschildert wird und das letzten Endes die Romanstruktur Spielhagens selbst beschreibt:

Alles hat seine Grenzen, auch die Geduld der Gesellschaft. Wenn man diese Geduld zu lange auf die Probe stellt, sagt die Gesellschaft: es wird nichts daraus, und wenn die Gesellschaft das eine Zeitlang gesagt hat, so wird auch nichts daraus, einfach, weil sie es gesagt hat. Man thut Alles, was die Gesellschaft sagt: verlobt sich, heirathet sich, trennt sich, nimmt einen Liebhaber, läßt ihn wieder laufen, fängt mit einem zweiten an, geht mit einem dritten durch, schießt seinen Freund todt, schießt sich todt - die Gesellschaft hat immer Recht. (Friedrich Spielhagen: Sturmflut. 2 Bde. Friedrich Spiehagens ausgewählte Romane. Bd. 8-9. Leipzig: Staackmann, 1890. Bd. 1, S. 314)

Nach diesem Gesetz ist die schließliche Ehe zwischen der adeligen Generalstochter und dem bürgerlichen Kapitän nichts anderes als die nach langer Prüfung erfolgte Belohnung für gesellschaftliches Wohlverhalten. Der äußerste Affront gegenüber der bürgerlichen Weltordnung ist ein ,amour fou', der sich kompromisslos den Konventionen verweigert. Während aber bei Gutzkow das Scheitern von Edwina Marloff und Raimund Ehlert in den beiden beteiligten Charakteren selbst wurzelt, scheitern Spielhagens "problematische Naturen", weil sie das Gesetz der bürgerlichen Konvention verletzt haben, und gehen in der titelgebenden Sturmflut unter. Der Himmel vollzieht sozusagen das Urteil, das die Gesellschaft gesprochen hat, und die bürgerliche Konvention erweist sich als identisch mit dem Naturgesetz. Diese Konstellation, die Gottschall in seiner Kritik des Romans zum eigentlich einheitstiftenden Faktor erhoben hat - durchaus zu Recht, wie gezeigt wurde, aber eben in Umkehrung des ästhetischen Arguments -, hat der anonyme Rezensent beider Romane in "Unsere Zeit" mit offenem Spott bedacht:

Im übrigen benutzt Spielhagen die Sturmflut, wie er früher die Revolutionen benutzt hat: er läßt in diesen Massenkatastrophen eine Art Windsbraut des Verhängnisses einherbrausen, welches die Zahl seiner Helden lichtet, besonders aber diejenigen, auf denen eine sittliche Schuld ruht, oder deren zerrüttete Lebensverhältnisse keinen Ausweg gestatten, aus den Reihen der Lebendigen wegfegt. (Unsere Zeit. Leipzig. [Juni] 1877, S. 791-794, Zit. S. 792; Rasch 14/48.77.06.2)

Die Neuen Serapionsbrüder entwickeln eine Romanform, die sich dem gesellschaftlichen Determinismus Spielhagens verweigert und damit einem Realismus-Modell, das Geschlossenheit mit der Beschränktheit des Blicks gleichsetzt: Das Gesetz der Gesellschaft gehört, nach der Definition Spielhagens, zu den "limitirenden Grundbedingungen des Kunstwerkes", und "die höhere Objektivität des nach allseitiger Billigkeit strebenden Urteils" sei auch die "poetische" (Friedrich Spielhagen: Der Ich-Roman. Ein Beitrag zur Theorie und Technik des Romans. Zit. nach Realismus und Gründerzeit, Bd. 2, S. 249 und 257).

Gegen diesen bürgerlichen Realismus, der die Ästhetik des Romans zum ideologischen Modell macht, stellen die Neuen Serapionsbrüder eine Romanform, die geradezu prononciert auf Geschlossenheit verzichtet. Das lineare Erzählen einer kontinuierlich fortschreitenden Handlung ist aufgegeben zugunsten eines ständigen Wechsels der Positionen. An die Stelle der für Spielhagen charakteristischen langen Beschreibungen, die darauf gerichtet sind, die Phantasie des Lesers drehbuchartig durch das vom Autor intendierte Innenbild zu besetzen, tritt eine ausgearbeitete Dialogregie, die den Autor aussparen will. Die Realität des Romanpersonals entfaltet sich nicht durch die Beschreibung von außen, sondern im Dialog und im inneren Monolog, in dem Ada vor der Flucht aus ihrer Ehe ihre Situation assoziativ reflektiert (485,25-488,3).

So erweist sich Gutzkows Roman, entgegen dem überwiegenden Urteil der Kritik, in der Projektion auf die Zukunft als der modernere. Kritiker aus der jüngeren Generation wie Josef Kürschner und Fritz Mauthner haben das durchaus bemerkt. Mauthner sieht in Gutzkows Formulierung des alten Gegensatzes von Realismus und Idealismus einen offenen Wechsel auf die Zukunft:

Der "Realist" begnügt sich, die sichtbaren Modelle mit seinem besten Können und seinen besten Farben getreu nachzubilden, nur darum, weil sie ihm gefallen, weil er mit dem Gewonnenen zufrieden ist. Gutzkow ist eine solchen Optimisten entgegengesetzte Natur. Die Unzufriedenheit, die Mutter des Idealismus, ist seine Muse. Es ist jene edle Unzufriedenheit, ohne welche kein menschlicher Fortschritt gedacht werden kann [...]. (→ 5.1.8.)

6.1.6. Die Tendenzen der Zeit

In den Neuen Serapionsbrüdern benennt Gutzkow eine Reihe von Phänomenen und Sozialtypen, in denen er den Zeitgeist schlaglichtartig verkörpert sah. Dazu gehören das 'Strebertum', das alle Kreise der Gesellschaft erfasst habe, und die Raffke-Mentalität der Börsenspekulanten, die den vormärzlichen Liberalismus und dessen freiheitliche Grundlagen dem Markt-Liberalismus eines radikal kapitalistischen Systems geopfert habe: allesamt Indizien für die Verwandlung des von der Aufklärung geprägten Begriffs des Bürgers als eines selbstverantwortlich handelnden 'Citoyen' in den 'Bourgeois', der alle gesellschaftlichen Prozesse seinen egoistischen Zielen unterordnet. Als Gegenkraft erkennt Gutzkow die 'Socialdemokratie', die aber für die liberale Gesellschaftsordnung womöglich noch ruinöser wirke.

Einen wesentlichen Beitrag zur Zersetzung der von der Aufklärung definierten bürgerlichen Ideale leisten die neuen auf funktionale Effizienz ausgerichteten Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Schließlich eine rückwärts gewandte Ästhetik, in der Gutzkow die von Odo Marquard formulierte Kompensationstheorie antizipierte: Kunst als Entlastung von den Zumutungen des alltäglichen Lebens (Einige Aspekte der Kompensationstheorie. In: Odo Marquard: Philosophie des Stattdessen. Stuttgart: Reclam, 2000. S. 30-49). Für alle diese Tendenzen stehen einschlägige Namen: Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie den Kampf um's Dasein (3,31) an die Stelle eines disziplinierten Lebens und Arbeitens setzte; Liebig, der mit seinem Fleischextrakt zumindest die bürgerliche Küche unterminierte (vgl. 287,24); Richard Wagner, der die entgleisende gesellschaftliche Wirklichkeit mit einer pseudoromantischen und scheinmythologischen Fassade verkleisterte; und schließlich Eduard von Hartmann, der mit seiner "Philosophie des Unbewußten" (Erl. zu → 282,15-16) die Gründe für den nach Schopenhauer allzeit schlechten Lauf der Welt endlich gefunden hatte.

Die Musikdramen Richard Wagners identifizierte Gutzkow als wesentliche Quelle für den wachsenden und immer militanter werdenden Nationalismus. Besonders in der "Ring des Nibelungen"-Tetralogie, die als Gesamtwerk erstmals 1876 in Bayreuth in Gegenwart zahlreicher gekrönter Häupter stattfand, erkannte er die Verwandlung der germanischen Mythen in eine nationalpolitische Ideologie. Die Repräsentanten des neuen Reiches feierten die Opernpremiere als Staatsakt. Der Mythos wurde als politische Handlungsanweisung verstanden. Als unmittelbar politisch instrumentierbar erwiesen sich vor allem die Ostseemythen, deren germanische Kultstätten umstandslos dazu dienten, die militärische Aufrüstung der Küste historisch zu rechtfertigen. Die mythische Wirklichkeit der Nordlandkulte wurde in eine tatsächliche historische Wirklichkeit umgedeutet.

Im literarischen Nordsee-Mythos gehörte die nordische Sagenwelt zu den naturmagischen Quellen, aus denen sich die überwältigende Emotionalität der Naturwahrnehmung nährte, ein Naturerlebnis, dessen Dichter nach den Worten der Brennecke zu viel von den Möwen sängen, statt die überlieferte Sagenwelt zur Begründung einer nationalen Heilsgeschichte zu nutzen. Der Ostsee-Mythos überführte dagegen ganz handfest die überlieferte oder erfundene germanische Mythologie, die in der realen Geographie überdauert hatte und zur Wiederbelebung einlud, in eine politische Geographie. Carus bekennt 1865: "Ich war doch noch nie so nahe von der alten Sagenwelt unsers nordischen Stammes berührt worden als hier, und wieviel späterhin die Kritik auch an dergleichen zurechtzulegen hat, in der Gegenwart weht immer ein besonderes Gefühl aus solchen Dingen uns zu." (Carl Gustav Carus: Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten. Hg. von Elmar Jansen. 2 Bde. Weimar: Kiepenheuer, 1966. Bd. 1, S. 221) An der Ostsee gab es Hinweise auf die Sitze der Wikingerkönige ("Königstuhl"), und es gab die Sage der im Meer versunkenen Stadt Vineta, die vor der Insel Usedom vermutet wurde. Preußischer Nationalismus und Zentralismus fanden im nordischen Mythos so etwas wie eine höhere Begründung für die historische Entwicklung eines nationalistischen Bürgertums. Die Naturgewalten konnten gezähmt und der bürgerlichen Ordnung dienstbar gemacht werden, indem ihr Unvertrautes in die sublime Ordnung der Mythologie ausgelagert wurde, wie es Friedrich Spielhagen in seinem Roman "Sturmflut" demonstriert (vgl. Globalkommentar 6.1.5.: Ästhetik des Bruches). Theodor Fontane hat sich von dieser Instrumentalisierung der germanischen Sagenwelt distanziert: Effi Briest ergreift angesichts der germanischen Finsternis des Herthakultes die Flucht (NFA, 1. Abt. Bd. 4., S. 211-212). Im Kommentar der Ausgabe findet sich dazu eine abfällige Bemerkung Fontanes: "Alles kolossaler Schwindel" (ebd., S. 756; → Erl. zu → 237,1). Die romantische Verklärung der germanischen Sagenwelt hatte bereits Heinrich Heine in seinem Gedichtzyklus "Die Nordsee" verspottet (→ Erl. zu → 238,4).

Der Paradigmenwechsel hängt eng zusammen mit dem Ausbau des preußischen National- und Militärstaates im 19. Jahrhundert. Begünstigt durch die Osterweiterung mit den polnischen Teilungen seit 1772 wuchs die preußische Ostseeküste bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf eine Länge von 1240 Kilometern (gegenüber 420 Kilometern an der Nordsee) und damit auch die strategische Bedeutung der Ostseehäfen und die ökonomische von Landwirtschaft und Fischerei. Während in den Nordseeprovinzen die Landwirtschaft von Großbauern betrieben wurde, lag sie in Brandenburg, Pommern und Ostpreußen in den Händen von adeligen Landjunkern, die engen Kontakt zur Hauptstadt hielten.

6.1.6.1. Die Idee in der Realität des Krieges

Dem "systemkonformen deutschen Realismus-Verständnis" der "Grenzboten", "das nach 1850 kanonbildend wurde und auf der Idee einer 'Verklärung' bürgerlicher Tugenden basierte" (Lauster 2008, S. 88), stellt Gutzkow in den Neuen Serapionsbrüdern eine Wirklichkeit entgegen, in der sich die bürgerlichen Tugenden zur Bestialität verkehrt haben. Befördert durch den Ausgang des deutsch-französischen Krieges, ist die bürgerliche Emanzipation zum 'Strebertum' verkommen, die Arbeit an der Konstituierung des deutschen Nationalstaates zum militanten Nationalismus.

Die allgemeine Begeisterung vom überraschend schnellen deutschen Sieg prägt das kulturelle und gesellschaftliche Klima, das in den Neuen Serapionsbrüdern beschrieben ist. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Gutzkow am Verlauf des Krieges, dessen Einzelheiten alltäglicher Gesprächsstoff waren, kaum interessiert ist: Noch "Meyers Großes Konversationslexikon" von 1905-08 widmet sich nahezu ausschließlich dem Kriegsverlauf, der mit sämtlichen Schlachten ausführlich referiert wird (Bd. 4, S. 755-759). Im Gegensatz zu der vorherrschenden Hochstimmung überwiegt bei Gutzkow die Kritik am übersteigerten Nationalismus und der großsprecherischen Leichtfertigkeit, die in den Reden des Barons von Forbeck zutage tritt (vgl. 18,27-19,7). Gutzkow erkennt die Gründe für die fortschreitende Militarisierung der Gesellschaft 1873 in der entsetzliche[n] Selbstüberhebung des siegreichen Beamtenthums u. Militärs, secundirt von den Männern der Wissenschaft, und beklagt vor allem, dass diese Mentalität auch in die Publizistik eingezogen ist: Die Journale sind meist in den Händen der Brutalität (Brief an Fasoldt. Berlin, 23. September 1873. In: Rasch, Rachebund, S. 25). Im durch wirtschaftliche Erfolge saturierten Bürgertum des Kaiserreichs fanden Militarismus und Nationalismus einen sicheren Resonanzboden. In einem Brief an den Verleger Costenoble vom 12. Mai 1875 konstatiert Gutzkow eine wachsende Verrohung des bürgerlichen Lebens: Wer florirt? Der Offiziersstand! Sonst Niemand. Die Reichsfrage u der glückliche Krieg haben eine Roheit und Süffisance hervorgerufen, bei den jungen Männern, den Männern mittleren Alters u einem Theil der Frauen, unter der Niemand mehr leidet, als die Literatur u der Buchhandel (BrCost 1, Sp. 186).

Gutzkows Roman beurteilt die Folgen des Krieges von einem avancierten historischen Standpunkt, wenn er mit Ottomar Althing einen nachdenklichen, zweifelnden Kriegsteilnehmer zum Helden und die Zerstörung der liberalen bürgerlichen Gesellschaft durch die neue Ökonomie zum Thema macht. Er widerspricht damit der zeitgenössisch vorherrschenden Verherrlichung des Krieges und seiner Folgen als nationale Wiedergeburt Deutschlands.

Der Roman entfaltet den politischen, ökonomischen und sozialen Wandel durchaus im Sinne einer "Zäsur zwischen zwei Epochen" (Barraclough, S. 707). Politisch bedeutete die Niederlage Frankreichs und die Proklamation des deutschen Kaiserreichs die Aufhebung des europäischen "Gleichgewichts der Kräfte" (ebd., S. 705) und den Beginn des imperialistischen Zeitalters. Ökonomisch legte der Sieg den Grund für den industriellen Aufstieg des Deutschen Reiches, besonders der Schwerindustrie und des Maschinenbaus, beides Domänen, die bisher von England unangefochten beherrscht waren: Noch 1870 produzierte Großbritannien "mehr Eisen und Stahl als die ganze übrige Welt", wurde aber "noch vor dem Ende des Jahrhunderts von Deutschland überholt". Grundlage dieses Aufstiegs waren das Wachstum der Großindustrie und die Verteilung des Kapitals in Aktiengesellschaften. Die Börse wurde zum bestimmenden Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung, "und das bedeutete die Abkehr von den Grundsätzen der liberalen, das heißt ungesteuerten Wirtschaft" (Barraclough, S. 709).

Zu den sozialen Verwerfungen im Gefolge der zweiten industriellen Revolution gehörte nicht nur die Entstehung einer besitzlosen und zunehmend militanten Arbeiterschaft, wie von Gutzkow geschildert, sondern auch eine wachsende wirtschaftliche Verunsicherung des Besitzbürgertums, das von der florierenden Börse existentiell abhängig wurde. Der Börsenkrach von 1873, auf den in den Gesprächen der ,neuen Serapionsbrüder' angespielt wird, vernichtete ganze Vermögen. Er war die Folge "einer durch Überproduktion hervorgerufenen heftigen Krise, welche die Phase der Preissteigerung und des Wohlstandes des vorhergehenden Vierteljahrhunderts zunichte machte" (Barraclough, S. 708).

Im Krieg von 1870/71 und in seinen Folgen registirierte Gutzkow die Peripetie der Idee im Augenblick ihres Eintretens in die Wirklichkeit. Erledigt wurde damit nicht nur das ästhetische Gesetz des poetischen Realismus, dass es gelte, 'die Wirklichkeit zu idealisieren'. Auch das idealistische Programm, 'das Ideal zu verwirklichen', war entzaubert: es hatte seine Realisierung nicht überstanden. Denn die liberale Idee der Freiheit erwies sich im Krieg als Freibrief für Willkür und Gewalt und in der Nachkriegszeit als ökonomische Freiheit zur grenzenlosen Entfaltung von Egoismus, Habgier und Gewinnstreben. Mit anderen Worten: Gutzkow entdeckte die von der Kritischen Theorie formulierte Dialektik, nach der die Aufklärung, in der Wirklichkeit angekommen, sich gegen sich selbst wendet.

Gutzkows Realismus-Konzept erweist sich wiederum unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen als "antizipatorisch" (ein Begriff, den Martina Lauster aus Gutzkows Schriften im Vormärz entwickelt hat). Diesem ständigen Wandel der Verhältnisse gewachsen ist aber nur ein Realismus, der von Wirkmächtigkeit des Tatsächlichen ausgeht, jenen 'Tatsachen', in denen Gutzkow stets die wirkliche Wirklichkeit erkennt. Eben deshalb ist Realismus für ihn grundsätzlich auch Kritik am Bestehenden: Kritik will die Wirklichkeit verändern, indem sie neue Tatsachen schafft, nicht Ideale verwirklicht. Sie will das Menschenmögliche.

In seinem letzten Roman bekräftigt Gutzkow seinen Anspruch, die Zeit zu überholen, indem er jene Tendenzen offen legt, die in die Zukunft weisen und deren Vorzeichen er folgerichtig in den 'Tatsachen' erkennt. Das bewirkt den Pessimismus des Alterswerks, der sich im Vorwort zur zweiten Auflage der Neuen Serapionsbrüder und danach im Dionysius Longinus zu wahren Hasstiraden steigert: Denn auch die neuen Wirklichkeiten werden wieder von alten und neuen, in jedem Fall aber falschen Idealen und Utopien bestimmt, die immerfort die falschen Tatsachen produzieren. Nicht einmal die von Friedrich Theodor Vischer prophezeite Abschaffung des Mythos und die Zukunft einer "wunderlosen Welt" ist Wirklichkeit geworden, weil die rückwärts gewandte Kunst nur die alten romantischen 'Mythen' erneuert und die Wissenschaft unentwegt neue 'Wunder der Technik' hervorbringt (→ Globalkommentar, 6.1.7.).

Gutzkows antizipatorischer Realismus ist ein Kennzeichen der Modernität, ein Begriff, den Gutzkow durchaus im Einklang mit seiner Tradition für sich in Anspruch nimmt.

In der 'Querelle des Anciens et des Modernes' hat im späten 17. Jahrhundert Charles Perrault erstmals die Autorität der antiken Autoren in Frage gestellt und die Überlegenheit der 'Modernen' hervorgehoben. Damit wurde der seit dem Mittelalter geltende Vorbildcharakter der Tradition aufgehoben, eine Erfahrung, die zu den frühesten ästhetischen Einsichten Gutzkows gehört. Diese Modernität steht offenkundig im Widerspruch zur klassisch-romantischen 'Kunstperiode', die sich wesentlich als Erneuerung der Antike einerseits und durch Idealisierung des Mittelalters andererseits definierte. Im Gegensatz dazu ist die Tradition für Gutzkow nicht Vorbild, sondern Bildungsgut, so etwas wie eine alles umfassende Enzyklopädie, ein frei verfügbarer Fundus. 'Modernität' bedeutet für ihn keineswegs 'zeitgemäß' zu sein, weil das 'Zeitgemäße', das den 'Zeitgeist' bestimmt, gerade das Schlechte ist. Der Begriff bezeichnet einen Standort 'auf der Höhe der Zeit', der dem 'Zeitgeist' immer schon voraus ist; er begreift sich als das 'Zukunftsweisende', das in der Vergangenheit nur die Bestätigung der eigenen Gegenwart findet. 'Modern' bedeutet, nach der Formulierung Fritz Mauthners, "buchstäblich nur die Stecknadelspitze der Gegenwart" (Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Zürich: Diogenes, 1980. Bd. 2, S. 335).

6.1.6.2. Der Aufstieg der Sozialdemokratie

Gutzkows Haltung zur Lösung der ,sozialen Frage' ist konservativ geprägt. Zwar erkennt er die Lebensprobleme der Lohnarbeiter/innen in der Industrie, aber anders als die sozialistischen Bewegungen hält er an der Vorstellung einer Reform von oben fest. Schon in den Rittern vom Geiste stellt er alle Versuche, die Interessen der Arbeiterschaft in der kapitalistisch geführten anonymen Großindustrie durch Organisation der Machtmittel (Streiks) durchzusetzen, in negativem Licht dar (vgl. die Schilderung der Arbeiteraufstände im 8. Buch). Die Neuen Serapionsbrüder erneuern die Kritik an den Arbeiterführern, die als ideologische Aufwiegler (der Alkoholiker Raimund Ehlert) oder opportunistische Mitläufer (Mahlo) dargestellt sind. Gutzkows Auffassung reproduziert das gültige liberal-konservative Modell in Sachen der ,sozialen Frage': Ähnlich wie Dickens in "Hard Times" hält er die Forderung nach einer Verbesserung der sozialen und ökonomischen Lage der Arbeiter aus ethischen Gründen für berechtigt, billigt ihnen aber keinerlei Machtmittel zur Durchsetzung ihrer Interessen zu. Auch in den Neuen Serapionsbrüdern hält er gegen die von Marx und Engels schon seit den 1840er Jahren propagierten Ideen an einem ausgelaufenen Modell fest, dem patriarchalisch geführten Industriebetrieb, der das Wohl der Arbeiter mit dem Wohl der Firma identisch setzt.

Als entscheidende und damit gefährlichste gesellschaftliche Kraft identifiziert Gutzkow die 'Socialdemokratie', die mit egalitären Tendenzen die bürgerliche Ordnung zu ruinieren drohte. Die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, in denen Gutzkows Roman spielt, waren eine für die deutsche Sozialdemokratie entscheidende Epoche. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1867 im Norddeutschen Bund zog der von Ferdinand Lassalle 1863 gegründete "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" in den Norddeutschen Reichstag ein. Die Übernahme des Wahlrechts im Deutschen Reich nach 1871 brachte der Partei weiteren Zulauf. 1869 aber hatten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei eine zweite deutsche sozialistische Partei ins Leben gerufen, die dem radikaleren Programm der sozialistischen Internationale verpflichtet war. Nachdem beide Parteien im Reichstag etwa gleich stark vertreten waren, gelang 1875 auf einem Kongress in Gotha die Fusion zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Von 1871 bis 1877, dem Erscheinungsjahr der Neuen Serapionsbrüder, stieg die Zahl ihrer Anhänger bei den Reichstagswahlen von 124.655 auf 483.288 Stimmen. Die erfolgreiche Werbung in der Arbeiterschaft besorgten ganz oder teilweise besoldete ,Agitatoren' (1876 waren es 68) und ehrenamtliche ,Redner' (1876: 77). Einen solchen ,Agitator' hat Gutzkow in der Gestalt Raimund Ehlerdts portraitiert (zu statistischen Angaben in diesem Unterkapitel vgl. Meyer, Bd. 18, S. 633-636).

Gutzkows Ablehnung der Sozialdemokratie resultiert aus seinem altliberalen Idealbild eines aus ethischer Verantwortung handelnden Bürgertums, das die unteren Klassen durch Bildung zu gleichberechtigten Mitgliedern des Staatswesens erzieht. Wirtschaftlich entspricht diesem Ideal der patriarchalische Unternehmer, der dem Wohl der Firma ebenso verpflichtet ist wie dem ,seiner' Arbeiter, denen damit jeder Grund für Streiks und Arbeitskämpfe abgesprochen wird. Gutzkows politischen Überzeugungen widersprachen zudem die egalitären Tendenzen in den seit der Fusion von 1875 zunehmend radikalen Programmen der sozialistischen Arbeiterpartei. Im Vorwort zur zweiten Auflage des Romans (→ 4.2.2., Druckausgabe S. 587-596) hat er diese egalitären Tendenzen heftig attackiert, einschließlich des daraus resultierenden allgemeinen Wahlrechts, das er nur entsprechend Gebildeten einräumen wollte, entgegen dem Prinzip, einen Humboldt neben einem Droschkenkutscher mit gleicher Wirkung abstimmen zu lassen (591,24-25). Die Erfahrung, dass Bildung vor ethischem und politischem Fehlverhalten nicht schützt, weder vor Radikalismus noch vor Duckmäusertum, blieb erst einer späteren Zeit vorbehalten. Für die von der Sozialdemokratie beförderte sittliche Verwahrlosung (591,30) macht Gutzkow allerdings den Staat im Allgemeinen und insbesondere seine Repräsentanten im Bildungswesen, die kulturelle und publizistische Elite, verantwortlich. Die Attentate, die Hödel und Nobiling 1878 auf Kaiser Wilhelm verübten, erklärt er als mehr oder weniger direkte Folge des moralischen und praktischen Versagens der Gebildeten und Besitzenden: Sie brachten keine vorbildhafte politische Kultur hervor, die der Arbeiterschaft die Voraussetzungen für eine verantwortliche Wahrnehmung ihres Wahlrechts hätte vermitteln können.

Eine methodische Erziehung des Volkes zum Gemeinen, Unedlen, Pietätlosen fördern nach Gutzkows Diagnose vor allem die Journale. Obwohl selber im Vormärz ein Opfer der Zensur, verlangt er gegen diese Quellen der vorherrschenden Schundgesinnung offen nach nach dem Eingriff des Staates: Diese verstopft! (595,17-18). Auch das Theater vernachlässige seine Bildungsaufgabe sträflich, noch unterstützt durch die Toleranz unserer Theatercensur, die gegen Männer von Geist und Charakter ablehnend sein kann, aber in den Punkten, die für die Volksbildung maßgebend sind, eine arkadische Nachsicht hat (593,16-19). Schließlich müsse die Agitation an den Universitäten unterbunden werden: Auch die Debatte über die "Arbeit" auf den Kathedern muß von den Regierungen ohne Weiteres abgesetzt werden (595,21-23). Staatliche Repressionen durch Ausnahmegesetze (590,7) wie Bismarcks Sozialistengesetz von 1878, das die sozialistische Agitation in Zeitungen und Versammlungen verbot, hält Gutzkow dagegen für wirkungslos. Die reale Entwicklung bestätigte seine Einschätzung: Bis 1890, als das Sozialistengesetz abgeschafft wurde, wuchs die Stimmenzahl für die Sozialdemokratie bei den Reichstagswahlen auf 763.128.

Wie im Roman geschildert, kamen Streiks als Kampfmaßnahme zur Durchsetzung der Arbeiterinteressen nur begrenzt durch den Einsatz sozialdemokratischer Agitatoren zustande, da die überregionale gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterschaft noch in den Kinderschuhen steckte. Die Arbeitsniederlegung ist seit dem Mittelalter als Kampfmittel in der Auseinandersetzung zwischen Lohnabhängigen und Arbeitgebern nachweisbar. Im Zunftwesen ging es dabei gewöhnlich um Übergriffe der Meister, die den Ausstand der Gesellen auslösten. Der Streik im modernen Begriff ist als äußerstes Mittel des Arbeitskampfes um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne mit der Entstehung einer neuen Schicht von Industriearbeitern im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in England verbunden. In der frühkapitalistischen industriellen Revolution führte die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft mit Kinderarbeit, körperlichen und seelischen Misshandlungen und Arbeitszeiten, die sich über Tage erstrecken konnten, zu lokalen Aufständen. 1830 wurde ein Unterhausausschuss zum Gegensteuern eingesetzt. Die Anhörung der betroffenen Arbeiter, deren Protokolle von Edward Lytton Bulwer 1833 in "England and the English" in Ausschnitten veröffentlicht wurden, führte 1833 zum Fabrikgesetz (Factory Act), das allerdings nur einige Einschränkungen vor allem bei der Kinderarbeit brachte. Die stets nur in kleinsten Schritten fortschreitende Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung durch niedrige Löhne und die durch den Fortschritt der Mechanisierung ausgelöste Massenarbeitslosigkeit gaben aber immer neue Ursachen für Streiks, die mit dem Wachsen der Arbeiterheere im Lauf des 19. Jahrhunderts auch immer mehr Menschen erfassten, Zustände, die Friedrich Engels 1846 in seiner Kampfschrift über "Die Lage der arbeitenden Klassen in England" geschildert hat.

In Deutschland gab es, wegen der später einsetzenden Entwicklung der Großindustrie, Streiks in größerem Umfang erst seit den 1860er Jahren. Sie waren einerseits branchenbezogen wie der Streik der Leipziger Buchdrucker 1865, verdankten sich andererseits den Problemen der wachsenden Industrieballung im Ruhrgebiet (Streik der Bergleute 1872). Zur Durchsetzung eines Streiks bedurfte es einer schlagkräftigen Arbeiterorganisation. In England wurden die ersten Gewerkvereine als Vorläufer der Trade Unions schon Ende des 18. Jahrhunderts gegründet. Sie wuchsen, nach der Aufhebung des zwischenzeitlich verhängten Koalitionsverbots, seit 1830 rasch weiter an. In Deutschland bildeten sich die ersten Gewerkvereine - verglichen mit der neuen Schwerindustrie - in eher traditionellen Branchen wie der Tabakindustrie (1865) und bei den Buchdruckern (1866). Ende 1869 wurden in Deutschland, nach Angaben in Meyer, 6. Aufl., 12 Gewerkvereine mit 267 Ortsvereinen und 30.000 Mitgliedern gezählt. In den Jahren der Gründerzeit nach 1870 führte die durch die Börsenspekulation bewirkte wirtschaftliche Depression, mit ihren Folgen für die besitzlose Arbeiterschaft, zu wiederholten Streiks. Gutzkows Schilderung in den Neuen Serapionsbrüdern verdeckt die tatsächlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen, indem er die Verantwortung für den Ausbruch von Streiks den Hetzreden von Agitatoren zuschreibt, wie überhaupt der überhandnehmenden Sozialdemokratie. Er hält an der altliberalen Idee des Interessenausgleichs fest, die längst der Gewinnmaximierung zum Opfer gefallen war. Das Vorwort zur zweiten Auflage des Romans (→ 4.2.2., Druckausgabe S. 587-596) trug Gutzkow bei der Linken den Ruf eines gesellschaftlichen Reaktionärs ein.

6.1.7. Die Naturwissenschaften unter der Sonne der Nacht

Im Lauf des 19. Jahrhunderts erfuhren die Naturwissenschaften allmählich jenen entscheidenden Paradigmenwechsel, der bis heute ihren Anspruch begründet, Avantgarde des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts zu sein. Die im 18. Jahrhundert begründete Naturwissenschaft beschränkte sich, nach dem Muster von Linnés System der Pflanzen, auf das Sammeln und Ordnen, auf die Stiftung von Zusammenhängen. Sie verstand sich als Teil der großen Erzählung von der Vielfalt der Schöpfung. An die Stelle dieser Naturgeschichte und an die der romantischen Naturphilosophie, die an der Transzendierung des Modells gearbeitet hatte, traten die exakten Naturwissenschaften, die induktiv aus den Befunden auf nutzbare Gesetze schlossen. Wesentliche Schritte auf diesem Weg waren das seit 1850 in den Gesetzen der Thermodynamik formulierte Prinzip der Energieerhaltung und Darwins Evolutionstheorie, mit deren Hilfe der Fortschritt als Naturgesetz identifiziert werden konnte. Die Kritik an dem neu entstehenden Paradigma beschränkte sich zunächst auf den Widerspruch der Naturphilosophie gegen die damit verbundene Entzauberung der Natur. Gotthilf Heinrich Schubert wurde mit seinen "Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft" (1808) zum Eideshelfer für die romantische Verzauberung der Natur.

In den Neuen Serapionsbrüdern sind die beiden antinomischen Ansichten der exakten Wissenschaft ein zentrales Motiv, das über den gesamten Roman hinweg entwickelt wird, allerdings nicht in Form einer diskursiven Erörterung, sondern, dem fiktionalen Charakter des Werkes entsprechend, in Form einer Metapher, die als doppeldeutige Allegorie erkennbar ist. Die Metapher der Sonne der Nacht (33,27), ursprünglich eine Formulierung des Sanitätsrats Eltester, wandert leitmotivisch durch den gesamten Roman: Vom dritten Kapitel des ersten Buches bis zum letzten des dritten Buches wird sie vierzehn mal in unterschiedlichen Zusammenhängen zitiert. Solche Mehrdeutigkeit ist schon beim ersten Auftauchen im Zusammenhang ihrer mythischen Herkunft angelegt: Der ägyptische Sonnengott Osiris-Serapis ist zugleich Gott der Unterwelt. Eltester erkennt in der Metapher auch die Erfindung recht eines Bildes der Wissenschaft (33,30), nämlich in Verbindung mit dem egyptischen Aesculap und den Anfängen der Medizin. Im Hintergrund des Mythos entdeckt er ein Motiv der Aufklärung, eine verborgene natürliche Wirklichkeit. Denn in dieser Wirklichkeit ist der Arzt nicht nur der Heilende, sondern auch der Todesbote: Der Gott der abgeschiedenen Seelen! Die Unterweltssonne! Nachts um ein Uhr wird ja auch leider oft genug an der Doctorglocke gezogen (34,19-20).

Die Metapher verweist aber auch auf eine kosmologische Wirklichkeit, die wissenschaftlich durch die Astronomie fixiert ist. In dieser Wirklichkeit ist die biblische Scheidung von Tag und Nacht, Licht und Finsternis insofern aufgehoben, als das Licht nur als Sonderfall in der allgemein herrschenden Finsternis erscheint. Jean Paul hat die astronomische Wirklichkeit der Sonne der Nacht wissenschaftlich korrekt formuliert: "So leget der Himmel, wenn man ihn auf hohen Bergen besieht, sein Blau ab, und wird schwarz, weil jenes nicht seine, sondern unserer Atmosphäre Farbe ist; aber die Sonne ist dann wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese Nacht gedrückt und flammt fort" (Die unsichtbare Loge, JPSW, Bd. I,1, S. 309).

Die Spur der Aufklärung führt, wie der Sanitätsrat im Romantext andeutet, vom Mythos zum Logos. Aufklärung verspricht, den Dingen auf den Grund zu gehen und die Wahrheit ans Licht zu bringen, nämlich eine verschüttete Welt, die Kehrseite der Gestirne, die Sonne der Nacht (112,15-17), im vorliegenden Fall die nicht ausgesprochene Wahrheit über Wolnys Ehe und seine Beziehung zu Martha. Auch an anderen Stellen des Romans steht die Metapher für den Topos der Aufklärung: Im nächtlichen Gespräch mit dem Geometer fordert Ottomar von diesem unter Berufung auf die Sonne der Nacht, ihm die wahre Geschichte Edwina Marloffs anzuvertrauen: lassen Sie diese Sonne leuchten! (181,4) In einer anderen nächtlichen Szene ist der Justizrat Luzius mit der "Sonne der Nacht" beschäftigt (308,7), als er erkennen muss, dass das Geheimnis seiner Jugendverfehlung nicht länger zu verbergen ist, dass er eindringen muss in jene dunkle Welt, in die Welt der noch unentschleierten Wahrheiten, der Rückseite aller Dinge, in das Geheimniß des Welt- und Menschenzwecks (308,10-12). Schließlich steigt auch in Helene die Erinnerung an die Sonne der Nacht auf, als sie sich zwischen dem Grafen und dem Seekapitän entscheiden muss. Und die Entscheidung wird durch den bezeichnenden Satz kommentiert: Es wird hell in ihr! (466,5-6)

In allen diesen Fällen erscheint der Akt der Aufklärung als Aufgang des Lichtes in der Dunkelheit. Gutzkow zitiert den Gründungsakt der sokratischen Philosophie: Im Höhlengleichnis von Platons Politeia kann sich der Prozess der Aufklärung entfalten, weil einer den Ausgang aus der Finsternis der Höhle in die Helligkeit des Tages findet und die Schattenbilder an der Höhlenwand als Täuschung erkennen kann. Und die Eule der Weisheitsgöttin Minerva ist der Vogel, der im Dunkeln sieht.

Aufklärung ist freilich gefährdet und gefährlich, weder gegen Irrtum gefeit, noch absehbar in ihren Folgen. In Platons Erzählung wird der Wissende prompt aus der Gemeinschaft der Unwissenden ausgestoßen. Und in der Metapher von der Sonne der Nacht ist der Gegensatz zwischen dem Dunkel der Höhle und dem Licht der Wahrheit aufgehoben, weil in einer Formel als coincidentia oppositorum vereint. Die alte Dualität, die den Mythos als Vorform des Logos versteht, als durch die Logozität überholte Frühform der Erkenntnis gilt für die Metapher nicht. Hans Blumenberg hat erklärt, warum die alte genetische Differenz zwischen Mythos und Logos im Auftritt der Metapher aufgehoben ist. Während der Mythos wegen der "Herkunft seiner göttlichen oder inspirativen Vergangenheit" sanktioniert ist, darf "die Metapher durchaus als Fiktion auftreten" (Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998. S. 112).

Die Fiktion einer Sonne der Nacht gibt sich als Metapher für die Dialektik der Aufklärung zu erkennen, in der Licht und Dunkelheit untrennbar vermischt sind. Jean Paul bleibt bei seiner Erläuterung des wissenschaftlichen Sachverhalts nicht stehen, sondern entwickelt daraus eine Metapher für die Aufklärung selbst, denn diese Sonne sei "wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese Nacht gedrückt und flammt fort". Referenz der Metapher aber ist nicht der Logos der Aufklärung, sondern die Aussicht in ein unendlich eisiges Weltall, vor dem uns nur der dünne "Erdendunstkreis" schützt. Ohne diesen würde für uns die Sonne "aus einem schwarzen Himmel lodern und die gewölbte Nacht durchschneiden, aber nicht erhellen" (Jean Paul: Hesperus, JPSW, Bd. I,1, S. 1068).

Beim Übergang in die Metapher wird nicht nur der Mythos, sondern auch der Logos Fiktion. Was ans Licht tritt, wenn man den Dingen auf den Grund geht, erläutert Gutzkows Geometer dem fragenden Ottomar: Die Sonne der Nacht, sagen Sie? Ja, ja, wenn uns die einst scheinen wird! Die Kehrseite aller Dinge! Dann ist das Meer abgelaufen! Auf seinem Grunde sieht man das Gewimmel, die begrabne Welt, Schiffstrümmer, Leichen, untergegangene Städte, Länder, die verschlungen wurden, gräuliches Gewürm (181,14-19). Gutzkows Sonne der Nacht eröffnet die Sicht auf eine Unterwelt des menschlichen Bewusstseins, eine Traum- und Alptraumwelt, jenes 'Unbewusste', das Eduard von Hartmann zur Triebfeder alles Handelns erklärt (→ Erl. zu 282,15-16) und dessen Natur Freud zwei Jahrzehnte später in seiner Instanzentheorie der menschlichen Psyche exakt definiert hat. Im Unbewussten regiert eine Wirklichkeit der Triebwelt, die nur von der fragilen Schicht der bürgerlichen Zivilisation verdeckt ist: In der Vorstellung des Bildhauers Althing wird, ohne dass er sich dessen bewusst wird, aus der sittsam bekleideten eine nackte Martha, das junonisch gewachsene Mädchen, das dem Künstler immer den der "Sonne der Nacht" angehörenden Gedanken weckte: Das wäre recht ein Modell! (55,27-29) Der ästhetische Blick maskiert den auf Besitznahme des weiblichen Körpers gerichteten männlichen Blick.

Selbstverständlich ist eine solche Entlarvung verborgener Triebstrukturen ein Akt der Aufklärung, der wiederum den dialektischen Prozess in Gang setzt. Es gehört zum fiktionalen Wesen der Metapher, dass sie ständig neue Referenzen erzeugt. Gutzkow glaubt nicht daran, dass das Bewusstmachen des Unbewussten zu individuellen oder sozialen Heilungsprozessen führt, wie Freud postulierte, sondern er erkennt darin nach den Worten Wolnys eine Wiederbelebung des Mythos, der, Wirklichkeit geworden, die alltägliche Wirklichkeit ruinieren müsste: Solche Fragen an das Ungeborne im Menschen! Es ist, wie wenn man ein Saatkorn in Egyptens Pyramiden gefunden hätte! Es liegt da Tausende von Jahren in einem Mumiengrabe! Es hätte Leben nur für die Sonne der Nacht gehabt! - [...] Es war bestimmt, am jüngsten Tage beim allgemeinen Erwachen die erwachende Mumie zu ernähren! Aber des Forschers wühlerischer Sinn, der den Glauben der Alten verlacht, zerstört die geheimnißvolle Magie! Er reißt das Mumiengrab auf - die Körner zerstreuen sich, werden in die alltägliche Existenz, in die Sonne des Tages verpflanzt - und siehe da, wie lustig das viertausend Jahre alte Saatkorn vielleicht grünt, blüht, Früchte tragen wird! Heissa! Der Keim ist da! (198,18-30)

Das ist die Dialektik der Aufklärung, dass sie selbst den Keim für die Wiederkehr der mythischen Entgrenzungen legt, die zugleich eine der romantischen Entgrenzungen ist, für Gutzkow verbunden mit dem Namen Richard Wagners. Andererseits versteht sich Aufklärung als Sieg der menschlichen Vernunft, die Licht in das mythische Dunkel bringt: An die Stelle der Verlockungen der Sonne der Nacht soll die Hingabe an die wirkliche Welt treten, die eine der alltäglichen Realität ist. Nach den Worten des Grafen Udo soll sich vor der Sonne des Tages bewähren, was das System der Natur - für die Aufklärung die einzig geltende Referenzinstanz der Vernunft - bewirkt hat. Laß uns ringen, schreibt er an Ottomar, das, was an unserm Verhältniß seltsam, neu ist, es uns als ganz in der Ordnung zu erhalten! Es gelingt gewiß. Wenn wir uns nur selbst achten! (502,16-19)

Die Sonne der Nacht, entgegnet der Fabrikant Schindler dem verzagten Luzius, sehen wir hienieden nicht und: man muß 'mal dem lieben Gott das Weltregieren abnehmen (351,6-8). Lucius' Jugendvergehen gegenüber dem späteren Kapitän, will er damit sagen, lasse sich in der unvollkommenen menschlichen Wirklichkeit nur mit den Mitteln der Vernunft ausgleichen. Der Absolutheitsanspruch des göttlichen Sittengesetzes bleibt dabei unberührt: Es verweist, wie die mythische Metapher, auf eine jenseits dieser Wirklichkeit existierende Welt. Das letzte Wort zur Sonne der Nacht hat schließlich der Sanitätsrat Eltester, der die Metapher wieder zurückführt in den Bereich der Medizin als einer Wissenschaft, die ihr Wissen vom geheimnißvollen Walten der Natur (580,22-23) auf Indizien stützt, mit deren Hilfe man das Geschlecht ungeborener Kinder vorhersagen könne.

Auf ihrem verschlungenen Weg durch den Roman produziert die Metapher schwankende Wirklichkeiten, die aus den unterschiedlichsten Referenzen entstehen, bis sie schließlich scheinbar achtlos beiseite gelegt und an die Medizin zurückverwiesen wird, von der sie ausgegangen ist. Aufgehoben wird sie dadurch nicht, denn die Referenzen bleiben selbstverständlich bestehen, und das bestätigt den Befund, dass der Roman tatsächlich kein Ende hat. Man könnte einfach weitererzählen. Gutzkow bleibt Aufklärer, gerade darin, dass er die Dialektik der Aufklärung ans Licht befördert. Er hebt die Widersprüche nicht auf, leugnet weder die von der Wissenschaft geschaffenen Naturgesetze noch die Idee einer metaphysischen Entgrenzung der Natur. Im Alltäglichen, in dem die Metapher am Ende aller Argumente ankommt, müssen ihre Widersprüche nur noch ausgehalten werden. Und allerdings ist der Alltag der Ort, der davon am stärksten betroffen ist.

Denn die raschen Fortschritte der Naturwissenschaft förderten, neben dem Verlust des metaphysischen Horizonts, auch andere 'Nachtseiten' zu Tage, die nicht mehr vordringlich das Selbstverständnis der ohnehin weitgehend verdrängten Naturphilosophie betrafen, sondern - wie auch Gutzkows Beispiele zeigen - das gesamte bürgerliche Leben umzuwälzen drohten. Die praktische Anwendung der neuen Erkenntnisse in der industriellen Produktion führte zu gesellschaftlichen Verwerfungen, welche die gesamte bürgerliche Ordnung erfassten. Vor allem die Leitwissenschaften der Epoche, Chemie, Physik und Medizin, veränderten den Alltag grundlegend: Eine Erfindung wie Liebigs Fleischextrakt versteht Gutzkow im Roman als direkten Eingriff in die Essgewohnheiten, letzten Endes in das soziale Leben, da es die Arbeit der Suppenküchen erst ermöglicht. Es wird zum Indiz für die Tendenzen der Zeit. Die Tragweite der drei Leitwissenschaften für das gegenwärtige und zukünftige Leben und darüber hinaus für die Wirklichkeit von Mensch und Gesellschaft hat Gutzkow in einem Feuilleton über Eduard von Hartmanns "Philosophie des Unbewußten" (→ Erl. zu 282,15-16) erörtert. Darin hebt er die ,Wohltaten' der wissenschaftlichen Erkenntnisse hervor, registriert aber zugleich ihre Auswirkungen auf die Vorstellung des Zusammenhangs von Körper und Seele vor dem alten metaphysischen Horizont:

Nicht ohne Ironie des Zufalls fiel Hartmanns Lehre in denselben Moment wo Liebreich das Chloralhydrat, diese Wohlthat für die vom Schlaf geflohene Menschheit, erfand. Nach amerikanischen Berichten zu schließen, wie sich dort die Wirkungen des letztern offenbaren sollen, nähern wir uns im Genuß jenes chemischen Präparats ebensowohl wie im Genuß der Unbewußtheitsphilosophie jenem traumseligen indischen Nirwâna, dem Schwinden aller Formen, dem Untertauchen in den kreißenden Alläther. In demselben quietistisch, buddhistisch, pessimistisch verharrend, warten wir das Ankommen der elektrischen Strömungen von Leben, Dasein, Pflichtgefühl, Liebe, Leidenschaft u. s. w. bei der sogenannten "Reizschwelle" ab, welche letztere naturkundig sein sollende Entdeckung der sinnige Fechner gemacht hat und Hartmann weiter ausbildete. Die "Reizschwelle" gibt für die von außen kommenden Strömungen im Ich mit dem Unbewußten den Contact. Kurz, die räthselhaftesten Vorgänge im Menschen erleben "unbewußt" eine fast mathematisch nachweisbare Entwicklung. (Vom Berliner Büchertisch. IV. In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Nr. 313, 9. November 1873, S. 4749; → eBueTi, 1873, pdf 1.0, S. 27)

Es ist tatsächlich frappierend, wie Gutzkow an dieser Stelle körperliche und geistig-seelische Prozesse auf physikalische und chemische Reaktionen zurückführt, die von der Medizin therapeutisch gesteuert werden. Er bleibt Aufklärer auch darin, dass er den grundlegenden Erkenntniswert der exakten Wissenschaften akzeptiert, bis ins technische Vokabular: Stimmungen werden durch elektrische Reize gesteuert, die über Reizschwellen 'Contacte' herstellen. Zur Aufklärung gehört aber auch die Einsicht, dass der alte Gegensatz zwischen exakten Naturwissenschaften und metaphysischer Naturphilosophie im Licht der Sonne der Nacht gegenstandslos geworden ist: Es handelt sich um unterschiedliche Aspekte und Erscheinungsformen derselben Sache. Diese Einsicht wird durch den Hinweis auf den sinnige[n] Fechner bekräftigt. Gustav Theodor Fechner, der selbst Physiker war, hat im "Zend-Avesta", seiner transzendierenden Welttheorie von 1851, die Wirklichkeit der exakten Naturwissenschaften keineswegs geleugnet, sondern nur relativiert: Sie erforschen danach die "äußere sichtbare Seite der Natur", während seine Theorie sich um die "innere unsichtbare oder nur sich selbst sichtbare Seite derselben" bemüht (Fechner, Bd. 1, S. XIX). Mit anderen Worten: Es gibt noch eine andere Wirklichkeit als die außen sichtbare, auch wenn sie nur als 'Nachtseite' der Wissenschaft erkennbar ist und die Aufklärung zur Sonne der Nacht werden muss, wenn sie ihren Spuren folgt. Bezogen auf die Lebenswirklichkeit: Wenn Gutzkow die Wohltaten des Chlorals rühmt, müsste er auch einräumen, dass es ihn selbst, den chronisch unter Schlaflosigkeit Leidenden, beinahe umgebracht hat.

Aus der Differenz zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit rührt ein erkenntnistheoretisches Problem, weil das induktive Verfahren der exakten Wissenschaft, das aus dem Fall auf ein Gesetz schließt, bei den Verwandlungen des Metaphysischen nicht mehr funktioniert. Fechner setzt deshalb die Analogie über die Induktion, d. h. er verfolgt Indizien, die "Spur, Zeichen oder Ausdruck des Höchsten und Letzten" sein könnten (Fechner, Bd. 1, XXIII), und er bedient sich der Induktion nur, um die Stichhaltigkeit der Analogien zu überprüfen. Im Unterschied zu den Naturwissenschaften bestehe die "Tendenz" seiner Theorie darin, "das Allgemeine auf das Besondere, als das Besondere auf das Allgemeine zu gründen" (ebd., S. XVII). Und da seine Argumentation "auf dem täglich Gegebenen fußt", sieht er davon ab, seine Begriffe zu definieren, sondern folgt "der Regel, die Worte in dem Sinne zu fassen, der sich am ungesuchtesten nach dem Sprachgebrauche und Zusammenhange darbietet" (ebd., S. XXVI). Er orientiert sich, wie der späte Wittgenstein, an der Alltagssprache, in der Worte und Begriffe in schwankender Bedeutung gebraucht werden.

Dieses logische Verfahren, das von den isolierten alltäglichen Erscheinungen ausgehend zu Gesetzmäßigkeiten gelangt, indem es ihre verborgene Verwandtschaft aufdeckt, hat Charles Peirce, der Begründer der Zeichentheorie, als ,Abduktion' bezeichnet. Die Analogie stellt Zusammenhänge her, die Tatsachen in Indizien verwandelt. Aus diesen lassen sich Sachverhalte konstruieren, die sich als wirklich erweisen. Aus der Gesamtheit der Tatsachen ergibt sich eine hypothetische Wirklichkeit, die mit den Methoden der exakten Naturwissenschaften nicht beweisbar ist. Das Verfahren legitimiert sich vielmehr daraus, dass seine aus den Indizien gefolgerten Ergebnisse einleuchtend sind. Dazu Fechner: "Ich gebe auch etwas auf den ursprünglichen Naturinstinkt der Menschen und glaube, daß nichts wahr sein kann, was nicht auch gut ist zu glauben" (ebd., S. XIV).

Dieses konjekturale oder Indizien-Paradigma bestimmt Gutzkows ästhetisches Programm, das als 'experimenteller Realismus' bezeichnet werden kann (vgl. Lauster 2004, S. 54), durchaus im Gegensatz zum affirmativen Programm des so genannten 'bürgerlichen Realismus'. Man könnte es auch 'konzeptuellen Realismus' nennen, weil die analogischen Referenzen, die sich aus der Sammlung und Ordnung der Indizien ergeben, letztlich immer zu Konzepten von Wirklichkeit führen. Das lässt sich am deutlichsten am Erkenntnismuster der Medizin zeigen, die, nach dem von Martina Lauster entworfenen Modell, eine "Leitfunktion" im Weltbild des Romans einnimmt. Die Medizin selbst ist keine 'exakte' Naturwissenschaft, die induktiv aus den Einzelfällen auf das Gesetz schließt, sondern sie schließt nach dem konjekturalen Paradigma aus den Indizien auf die jeweils zutreffende Diagnose der Krankheit. Zur Logik der exakten Wissenschaften, die an der Entwicklung nutzbarer Naturgesetze interessiert ist, hat die Medizin so gut wie nichts beigetragen. Durch konsequente Verfeinerung des Indizienparadigmas aber gelang es der Medizin im Verlauf des 19. Jahrhunderts, die Diagnostik zu einer bisher unerreichten Höhe zu führen, die tatsächlich keine Wissenschaft im strengen Sinne, sondern 'Kunst' der Diagnostik war, so wie sich die Medizin als 'Heilkunst' verstand. Das Problem der Medizin bestand aber darin, dass die Verfahren zur Heilung der Krankheiten mit der Sicherheit ihrer Diagnostik nicht Schritt hielten. Die Ärzte standen vor dem Dilemma, dass sie alles über die Krankheiten wussten, nur nicht, wie sie zu heilen waren. Die überlieferten Heilverfahren führten oft zu einer Verschlechterung, und bis zum Ende des Jahrhunderts waren im Fall lebensbedrohlicher Krankheiten die Überlebenschancen besser, wenn man nicht zum Arzt ging. Die Optimierung der Heilverfahren gelang erst mit Hilfe der Naturwissenschaften, die wirkungsvolle Medikamente und Apparate entwickelten.

Die Leitfunktion der Medizin für Gutzkow rührt daher, dass die Medizin die älteste Wissenschaft ist, die auf dem Indizienparadigma fundiert, die alltäglichste, weil sie jedermann unmittelbar betrifft, und die umfassendste, weil sie ihre Indizien in allem finden kann, was Körper und Geist, Lebensweise und Sozialisation des Patienten betrifft. Umso mehr, wenn der Patient, wie für Gutzkow, eine ganze Gesellschaft ist. Tatsächlich überträgt Gutzkow das Indizienparadigma der medizinischen Diagnostik auf die soziale Welt, nicht anders als die frühen Sozialwissenschaften, wie der Mathematiker und Statistiker Lambert Adolphe Quételet, der in seinem "Essai de physique sociale" (Paris 1835) das konjekturale Modell der alten Naturwissenschaften für die Soziologie fruchtbar machte, oder der Nationalökonom Albert Schäffle, der in seinem Werk "Bau und Leben des sozialen Körpers" (Tübingen 1875-1878) ein physiologisches Gesellschaftsmodell entwickelte. Solche in der Logik der exakten Wissenschaft verpönten Analogieschlüsse sind nur möglich, weil das diagnostische Verfahren der Medizin als Kunst verstanden wurde, die, ebenso wie das Indizienparadigma, mit Analogieschlüssen arbeitet. Schließlich spiegelt Gutzkows eigene Spurensuche lupenrein auch das Dilemma der konjekturalen Medizin: Je sicherer sich der Diagnostiker über die Krankheit der Zeit wurde, umso ungewisser wurden die Aussichten auf Heilung.

Die Entfaltung des Dilemmas der Medizin in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die gemeinhin als Gutzkows ,Pessimismus' bezeichnet wird, ist eine wesentliche Leistung des Romans. Auf die Spur der Indizien verweist der Sanitätsrat Eltester als Spurensucher qua Profession, und er benennt sie (33,23-34,9), gemäß der Zusammenfassung Martina Lausters, "assoziativ springend zwischen antiker Medizin- und Religionsgeschichte, Anspielungen auf den Katholizismus des neunzehnten Jahrhunderts und (untersagter!) zeitgenössischer Politik, dabei auf einen geistreichen Kalauer (Loge - Lüge) nicht verzichtend". Lauster sieht hierin "in nuce das, was seit der 'Deutschen Revue' als Gutzkows enzyklopädistisches Projekt zu verstehen ist" (Lauster 2004, S. 54).

Allerdings ist der Zusammenhang von Loge, Lüge und Logos mehr als ein Kalauer: Die Freimaurerei (Loge) ist ein Kind der Aufklärung und darum Nicht etwa Lüge, wie der Sanitätsrat konstatiert, die zugleich aber für ein sämtliche Einzelheiten nivellierendes Gesetz steht, das folgerichtig von den anwesenden Philologen mit dem Logos identifiziert wird (34,10). Sie sind Anhänger der affirmativen Vernunft Hegels und deshalb Enthusiasten für die neuen Zustände (34,11). Im übrigen hält sich der Sanitätsrat bei seiner Aufzählung durchaus an das Indizienparadigma, wenn er zwischen dem Mythos, den Anfängen der Medizin in der Wahrsagerei, ihren religiösen Referenzen und deren Ersatz durch naturwissenschaftliche Sachverhalte einen Zusammenhang herstellt, der schließlich bis in die Gegenwart des Romans und darüber hinaus weitergeführt werden kann, weil im Indizienparadigma keine der gefundenen Lösungen komplett verloren geht. Vor allem aber, weil für das konjekturale Prinzip alle Einzelheiten gleichberechtigt sind, bis sie als Indizien erkannt werden, und weil die Indizien ohne weiteres sowohl auf eine Krankheit des Körpers wie auf eine der Gesellschaft verweisen können. Für den Zusammenhang zwischen der Wirklichkeit der Indizien und den induktiv ermittelten Gesetzen der Wissenschaft findet der Sanitätsrat die Chiffre von der Sonne der Nacht. Sie beschreibt den Augenblick des Umschlages der Aufklärung in den Terror des Logos.

Die Sammlung der Indizien aus den unterschiedlichsten Bereichen von Politik, Gesellschaft, Religion, Kunst und Wissenschaft gehört in der Tat zu Gutzkows 'enzyklopädistischem' Projekt. Zu bedenken ist aber, dass auch dieses Projekt schon im Schwefellicht der Sonne der Nacht erscheint. Als wissenschaftliches Unternehmen betrachtet, folgt die Enzyklopädie dem konjekturalen Paradigma: Sie führt zu keinem Gesetz, und ihr einziges Ordnungsprinzip ist das Alphabet. Vom 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sie das Ziel, das gesamte Wissen der Zeit fortschreitend der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Sie verkörperte die Idee der Aufklärung, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien und erkannte in jedem neuen Eintrag ein Indiz für den auf diesem Weg erzielten Fortschritt. Dieses enzyklopädistische Projekt wurde gerade durch den Fortschritt der exakten Naturwissenschaften von der Dialektik der Aufklärung erfasst, die Gutzkow im Bild der Sonne der Nacht beschreibt. Die Naturwissenschaften mussten das enzyklopädistische Projekt ruinieren, weil sie eine zweite Naturwirklichkeit erfanden, die mit der unmittelbar erfahrbaren Natur nichts zu schaffen hatte und deshalb nicht mehr allgemein zugänglich war. In der 6. Auflage von "Meyers Großem Konversationslexikon" (1905-08), die als Summe des Wissens im 19. Jahrhundert gilt, lässt sich das an jedem einschlägigen Eintrag belegen. Der Versuch, die wissenschaftliche Wirklichkeit von Sachverhalten aus Physik oder Chemie halbwegs erschöpfend zu erläutern, führt sofort zu hochspezialisierten Zusammenhängen, die nur mehr dem Fachmann zugänglich sind. Die wissenschaftlich-chemische Wirklichkeit des Chlorals, die Meyer (Bd. 4, S. 77) rekonstruiert, hat mit der Wirklichkeit des Schlafmittels, das der Arzt verordnet und das Gutzkow lebenslang zu seinem Schaden einnahm, nicht das Geringste zu schaffen. Der Verfasser des Meyer-Artikels ist korrekt: Er behandelt gar nicht das Chloral, sondern die chemische Verbindung Trichloracetaldehyd, d. h. er konzediert, dass es eine chemisch-analytische Wirklichkeit gibt, die mit der medizinisch-konjekturalen nichts gemein hat.

Die Spur der Indizien, die laut Fechner im Alltäglichen beginnt, führt nicht in die abstrakte Formelwelt der exakten Naturwissenschaften, sondern hält sich immer an konkret Erfahrbares. Im Licht der Sonne der Nacht treten die 'Tatsachen' des Lebens zu Tage, deren Indizien Gutzkow von den 'Serapionsbrüdern' erläutern lässt, und die er in den Interaktionen der Romanhandlung entfaltet. Diese endet mit dem Roman im Alltäglichen, das einfach weitergeht, weil das wirkliche Leben, würde es von der Sonne der Nacht regiert, sich nicht mehr entfalten könnte. Untergegangen ist sie aber nicht, wie der Sanitätsrat schließlich andeutet: Sie bleibt bestehen als Referenzmetapher recht eines Bildes der Wissenschaft. Zwischen den von den Naturwissenschaften formulierten 'Tatsachen' und den 'Tatsachen' des Lebens scheint keine Vermittlung mehr möglich (dazu vgl. Jauslin 2013).

Literaturverzeichnis zum Globalkommentar

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Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
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