[1] Erstes Kapitel.

Wie -? Was -? rief man von allen Seiten. Die Trottoirkrankheit -?

Eine neue Nervenkrankheit -? Unglaublich!

Erzählen Sie -! Berichten Sie!

Dieser lebhafte, unparlamentarisch geordnete Ausdruck der Neugier fand statt auf irgend einem Punkte der deutschen Landkarte, an einem norddeutschen Platze, dessen Namensursprung in's graue Alterthum zurückgeht, wo die Menschen noch wie die Biber auf Pfählen hausten. Jetzt aber giebt es auch dort Steuern und herrliche Paläste genug, und eben scheint die Sonne gar traulich in eine Weinstube des neunzehnten Jahrhunderts. Sogar noch über das Jahrhundert hinaus erleuchtete Köpfe, andere freilich nach der Tagesmode immer nur zurück mit dem Affenursprung beschäftigt, Gelehrte, Beamte, gebildete Industrielle, begrüßten sich hier freundschaftlich [2] ohne Freundschaftszwang. Und das an jedem Morgen der alten Göttin des Mondes. Die Wände scheinen eher grau als grün zu sein. Letzteres sollten sie eigentlich. Aber die Cigarre entwickelt einen changirenden Farbstoff. Das Beste waren die vielen blankmessingnen Kleiderhaken, wo man nur hinsah. Da konnten sich die "Neuen Serapionsbrüder", wie sich ganz gemüthliche, unverschworene, auf den Umsturz nicht einmal eines Weinglases ausgehende Menschen, in Erinnerung an den alten berühmten Erzähler E. T. A. Hoffmann, nannten, versammeln und keinen andern Zweck verfolgen, als mit jener Eile, welche in dieser Stadt selbst die Schnecke und das Aï, das Faulthier, gehabt haben würden, wenn diese Bewohner der Gärten oder der Aquarien moralischer Impulse fähig sein könnten, flüchtig ein Frühstück zu verzehren, es mit einem halben oder ganzen Schoppen eines höchst zahmen "Mosel" hinunterzuspülen und nach kurzer Plauderei wieder in den "Kampf um's Dasein" zurückzukehren, der bei allen Bewohnern dieser Stadt, sogar den Renten- und Kapitalbesitzern, immerdar ein harter und beinahe die ausschließliche Lebensaufgabe geworden schien.

Daß dann auch noch am Montag die verheiratheten Ehemänner die Sonne ihrer beglückten Häuslichkeit in den Wendekreis der Wäsche treten sahen, daß am [3] Montag keine Zeitungen erschienen, vermehrte, ohne den Ehefrauen oder den Zeitungen zu nahe treten zu wollen, den Reiz dieser Zusammenkünfte nicht wenig.

In der That, Sanitätsrath Eltester hat gestern einen Vortrag über eine neue Krankheit gehalten, die Trottoirkrankheit - wiederholte ein auch in diesen Kreisen unvermeidlicher Commerzienrath.

Dem nun folgenden Fragestellen, dem Versichern eines belesenen Assessors, daß auch ihm ein ärztlicher Freund von einem gestrigen Vortrage Eltesters, den dieser im "Aerztlichen Verein" gehalten hätte, im Vorüberfluge gesprochen (Alles hat hier Flügel, selbst die Freundschaft, woraus man nicht schließen darf, daß sie immer zu helfen bereit ist), beugte das in diesem Augenblicke erfolgende Eintreten des "Wolfes in der Fabel" vor. Der kleine scharfblickende Sanitätsrath mit der stets lächelnden, das Sterbenmüssen versüßenden Miene kam nur auf wenig Augenblicke. Sein mit der neuesten medicinischen Journalistik zum Lesezimmer eingerichtetes elegantes Coupé ließ er vorm Hause halten, den Kutscher sich einer Lectüre über die eingemauerte Nonne von Krakau ergeben und erfreute sich der ein für allemal schon getroffenen Abkürzung an den Sitzungen der "Neuen Serapionsbrüder", daß die Bedienung schon wußte, wie mäßig seine Bedürfnisse waren und über [4] Kaviar und einige Scheiben Lachs nicht hinausgingen. Um vom "Kutscher" zu reden, der Glaube an den "Mosel" des Wirths schien ansteckend. Auch für ihn wirkte der milde Trarbacher seiner Meinung nach medicinisch wie Aepfelwein. Die Stadt, wo wir uns so gemüthlich postirt haben, gilt für destructiv und sie ist es auch. Aber zu gleicher Zeit steht sie im Nachbeten am Fuß des Sinai. Moses kann herunterbringen, was er will; es wird geglaubt und befolgt.

Die Trottoirkrankheit! Sanitätsrath! Was ist es damit? begann Baurath Omma, ein Friese, den die neuesten politischen Veränderungen hierher verpflanzt hatten. Seine im Bau begriffenen Ideen inspicirte er nur zur hohen Mittagsstunde, wenn die strikesüchtigen Arbeiter im tiefen Schlummer lagen und ihre rebellischen Geister mit ihnen.

Lassen Sie ihn nur erst sich stärken! sagte ein berühmter Antragssteller, Stadtrath Pfifferling. Es wird von unseren Granittrottoiren die Rede sein, von der Nachsicht unserer Baupolizei, die da erlaubt, daß so viele Hausbesitzer eine Ewigkeit brauchen, bis sie sich entschließen, auch an ihren Gärten, Zimmer-, Holz- und Steinplätzen entlang nicht blos zu pflastern, sondern auch Trottoirs von Granitplatten zu legen und Menschenleben -

[5] St! St! hieß es allgemein. Aber der Sanitätsrath hatte seine Stärkungsmittel noch vor sich und sah nur auf das Ende des langen mit grünem Wachstuch überzogenen Tisches und sprach: Hm! Die Zeitungen erscheinen ja heute nicht! Morgen wird der Bericht über die Trottoirkrankheit überall zu lesen sein! Wir reden und studiren und leben ja nur für die Presse -

Für die Oeffentlichkeit! verbesserten von einigen Seiten die Optimisten.

Meine Herren! begann der Sanitätsrath in aller Ruhe und mit seinem berühmten todtversüßenden sardonischen Lächeln. Ich habe einen Vortrag über Nervenleiden gehalten und dabei als Nachtrag zu unserm seligen Romberg bemerkt, daß jetzt das Leben in großen Städten gewisse Formen der Nervosität mit sich bringt, die man früher nicht gekannt hat. Wie die Börse Einfluß auf Nerven hat - nun das wissen Sie ja Alle!

Wie mit unbewußter Reflexbewegung zogen einige der Anwesenden die Uhr. Noch war die Börsenstunde in nicht zu naher Sicht. Der einzige Sohn Israels, der in dem Kreise nicht fehlte, Bankier Ascher Ascherson, behauptete, die Börse nur als Psycholog zu besuchen.

Die Vapeurs der Damen, fuhr der vielbegehrte Arzt fort, sind abgekommen! Das weibliche Geschlecht hat jetzt angefangen, sich weit mehr zu tummeln als [6] sonst, mehr dem Hause zu leben, zu reiten, in die Bäder zu gehen, Wein und Bier zu trinken! Ich höre da einige stille Seufzer - unterbrach sich der Sprecher mit trockenem, aber zündendem Humor und trank.

Man lachte . . .

Dem Idole der Frau von heute, dem Luxus und der Toilette, fuhr der gründliche Kenner so vieler Familien fort, kann die Tochter Eva's nicht leben, wenn sie wie im vorigen Jahrhundert ewig seufzend und klagend in einer Sophaecke liegen wollte.

Manche verbinden doch noch Beides! bemerkte kleinlaut eine Stimme in der Gesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit. Es war das dünne Stimmchen eines sich freiwillig meldenden Ehemärtyrers.

Aber wir sprechen zunächst von den Männern! fuhr der Sanitätsrath fort. Die Veränderung z. B. der Weinsorten, die man trinkt, hat ja auf die Abnahme des Podagra eingewirkt, das nur noch auf der Bühne existirt! Auf der andern Seite hat das Uebermaß an Kohlensäure, das man jetzt zu sich zu nehmen pflegt - die Unterbrechung: Champagner! und die Correctur: Sodawasser! verstanden sich von selbst - ich sage, dies Uebermaß, dazu dann die Cigarre haben wieder andere Krankheiten erzeugt. Bei uns hier - zu Lande kann man ja sagen, da wir bald eine Provinz bilden werden - haben wir [7] jetzt eine Krankheit, die von der unseligen Einrichtung unsrer Trottoirs herrührt! Wer diese Mode, vor den Häusern einen einzigen schmalen Streifen von vier Fuß Breite zur Passage zu bestimmen, eingeführt hat, zuletzt sogar polizeilich befahl, daß diese Steine gelegt werden mußten, verdiente als einer der größten Uebelthäter - sagen wir der Kürze wegen, da er ja doch begnadigt wird - gehängt zu werden!

Sie scherzen! rief man allgemein und sah auf einen jungen Mann, einen Händler mit Holz und solchen Steinen, wie sie genannt wurden, einen Herrn Canzianus.

In die Zweifel, in die Spannung, die zu mannigfaltigem Ausdruck kamen, hinein rief plötzlich eine aus vollster Brust ertönende sonore Baßstimme die nicht im mindesten ironisch, sondern ernst klingenden Worte: Ich selbst hänge den Kerl! Leider ist er längst todt!

Alles blickte auf den Sprecher. Es war ein vielgenannter Bildhauer. Seine stattliche Gestalt war überall bekannt. Jetzt konnte man diese kaum erkennen, da er wie gewöhnlich im "Montag" zusammengekauert saß, den Kopf auf sein Weinglas gerichtet. Lang fluthete vom Haupte sein Haar. Es war schon silbergrau, wie vom Marmorstaub seines Ateliers bedeckt. Sein braunes Auge funkelte unter noch schwarzen Brauen. Die große [8] gewaltige rechte Hand, die mit Schwielen bedeckt war, lag auf dem Wachstuch des Tisches lang ausgestreckt.

Aber Althing! Althing! hieß es allgemein oder, wenn man mit dem meist schweigsam, nur aufhorchenden Manne nicht auf dem Fuß erlaubter Vertraulichkeit stand, "Herr Professor Althing!"

Der Herr Sanitätsrath hat das Wort! entgegnete der Bildhauer und deutete an, daß er das, was er selbst über diesen Gegenstand zu sagen haben würde, vorläufig in sich verschließen wollte.

Meines Bleibens wird heute nicht lange sein können, nahm Eltester wieder das Wort, nach der Uhr sehend, ich will mich kurz fassen. Sie kennen die Geschichte von Kants gestörter Sammlung, als dem großen Denker am Rock eines seiner Zuhörer ein Knopf fehlte. Er hatte sich gewöhnt, auf diesen während seines Vortrags zu blicken. Nicht minder bekannt wird Ihnen die Macht des Blickes überhaupt sein. Ein nervenschwaches weibliches Wesen vermag die durchbohrende Gewalt eines so zu sagen concentrirten Blicks nicht lange auszuhalten. Sie alle, als Ihrer Kraft bewußte Männer, werden darüber lachen, wenn Jemand behaupten wollte, es könnte Sie irgend ein scharfes Fixiren Ihrer Person irgendwo im Salon in eine Erregung, Verlegenheit, sichtliche Unruhe versetzen. Und wenn es geschähe, würden Sie [9] aufstehen, würden sich, dessen ganz unbewußt, etwas zu schaffen machen, nur um die magische Störung abzulenken. Das Auge ist beim Menschen thätiger als das Ohr! sagten schon die Alten. An Mimer's Quell trank man Weisheit, mußte aber, wie Odin, Ein Auge zurücklassen! Nun, meine Herren, denken Sie sich eine Bevölkerung von nahe einer Million auf schmalstem Gangboden aneinander vorüberschreitender Menschen, Einer berührt den Andern. Zuweilen muß man warten, bis sich die langsam Gehenden verzogen haben! Auf die gepflasterte Fläche nebenan zu treten, liegt schon nicht mehr in der Uebung des Fußes, ja es hat sich eine gewisse Kunstfertigkeit ausgebildet, in Schlangenwindungen aneinander vorüber zu schlüpfen.

Alles blickte zu dem Bildhauer hinüber, der die Rede immerfort mit einem grellen Lachen, womit Bestätigung ausgedrückt werden sollte, begleitete.

Nun, fuhr Doctor Eltester fort, nun nehmen Sie die unerträgliche Neugier unserer Bevölkerung hinzu -

Wißbegier! verbesserten die Optimisten.

Auf diesem schmalen Trottoir, fuhr der Sprecher fort, sind alle Stände gemischt! Der in's Bureau mit krampfhaft hochgezogenen Schultern eilende Geheimrath, die auf den Markt zusteuernde Köchin, deren umfangreicher Handkorb durch die zunehmende Höflichkeit [10] unserer Generation nicht im Mindesten eine Bewegung macht, anderer Leute Rippen zu schonen; der Arbeiter mit seinen eisernen spitzen Werkzeugen; die Maurer im Schurzfell, oft ihrer vier, ja sechs Mann hoch, Abends in "seliger" Armverschränkung, Alles behauptet diesen schmalen Steg und die cupiditas rerum novarum, wie ich's mit Cäsar nennen will, glotzt und starrt und stiert sich im Gehen an, und wer nicht gradezu stumpfsinnig ist, hat von jeder Miene irgend einen Eindruck, ein wenn auch noch so flüchtiges Interesse, einen Embryo von einem Gedanken. Jede Miene läßt ein Bild in unsrer Seele zurück. Die tausendfachen Lebensziele, denen Alles nachrennt, beirren uns in der Verfolgung unsres eignen, ja es geschieht wohl, daß gedankenlose lässige Naturen diese unausgesetzt wechselnden Eindrücke so stark auf sich wirken lassen, daß ihre Nerven darunter leiden, ihr ganzes Wesen überspannt wird. Statt durch diesen Wechsel, dies Ansehen und tausendfache Angesehenwerden, sich zu zerstreuen, überreizen sie sich. Und trägt nun gar Jemand irgend eine Bürde in seiner Seele, ein Familienleid, einen Irrthum, den er begangen, die Reue mit sich über falsche Schritte, die er gethan, oder sonst eine innere Reizbarkeit, so kann, wie schon ohnehin das Leben in großen Städten und die dichtgedrängten Bevölkerungen die Körperkräfte in Anspruch nehmen, dieser [11] einzige schmale Trottoirsteg durch ein Labyrinth, diese enge Gasse durch ein Bildermuseum die Nerven entweder unendlich abspannen oder überreizen. Ich habe einer Anzahl Damen meiner Praxis rathen müssen, sich eines Wagens zu bedienen, wenn sie Ausgänge zu machen haben. Andern, besonders Gelehrten und Börsenmännern, habe ich befohlen, nur Straßen zu passiren, wo sie ständig in der Mitte der Straße bleiben können. Meine Herren, Rückenmarks- und Gehirnirritation ist heutigen Tages kein leeres Wort!

Sie vergessen Eines, Sanitätsrath! ergänzte der erregte Künstler den mit lautlosem Staunen aufgenommenen Vortrag. Wenn man dann der Menge noch erscheint sozusagen wie ein bunter Hund! Wenn sie uns vielleicht auslacht, weil wir nicht Thorwaldsen heißen! Wenn sie uns angrinzt, weil ein Schulpedant ihnen gesagt hat, wir seien keine Schiller! Weil ein Kritiker über unsre Arbeit eine Pfeffersauce gegossen! Dann diese Mienen, dann diese dreisten, hochmüthigen: Wie geht's Ihnen? Die Blicke von Augen, die alle Zeitungen lesen, die Alles wissen, Zungen, die Alles verbreiten -

Halt! Halt! unterbrach der wohlmeinende Arzt. Da hör' und seh' ich schon vollständige Trottoirkrankheit! Bester Herr Althing - Professor wollen Sie ja nicht [12] genannt werden. Sie wohnen im großen Park draußen und laufen täglich eine halbe Meile in die neue Kirche, die Sie mit ihren wunderschönen Basreliefs schmücken helfen! Kein Mensch denkt wahrhaftig an Ihren, wie Sie vielleicht glauben, verkannten Genius, an Ihren durch einen Zeitungsartikel geschmälerten Ruhm, aber Sie bilden sich's ein, weil Ihnen auf dieser Promenade Tausende von Menschen in's Gesicht gaffen müssen und das mit ganzer Schärfe thun. Nun erscheinen Ihnen die unschuldigsten Gesichter Fratzen! Und das Peinlichste ist Ihnen weit eher die gräuliche Gleichgiltigkeit für Ihr Wirken und Schaffen, als die Vorstellung, man wüßte noch etwas von dem witzhaschenden Feuilleton, das vielleicht eine Ihrer Arbeiten schlechten Einfällen opferte!

Der Sanitätsrath empfahl sich immer mitten in seiner Rede. Bald hörte man seinen Wagen abrollen. Die übrigen Genossen der Tischrunde bemühten sich, dem Bildhauer das Schönste über seine Leistungen zu sagen. Aber der Künstler hörte aus Allem nur einen Ton des Mitleids heraus. Wußten doch auch Alle, daß der vortreffliche Meister seine Laufbahn mit einem großen Unglück begonnen hatte. Er hatte eine Gruppe: "Amor und Psyche" zur Ausstellung schicken wollen. Sie war noch im Thon, kaum getrocknet. Die ungeschickten Arbeiter ließen die Masse von dem Brett, auf dem sie [13] die allbewunderte Arbeit eines jungen Künstlers trugen, im Eingang des Ausstellungsgebäudes niedergleiten! Der nachfolgende Schöpfer stand vor einem Haufen Lehm. Seit dieser Zeit war ein krankhafter Zug in den trefflichen Mann gekommen. Später verheirathet, Familienvater, kämpfte er vielleicht mit Sorgen. Althing wurde in dem Montagskreise, so selten er kam, niemals übersehen. Seine Einsilbigkeit schien immer nur die Vorbereitung zu den zündendsten Gedanken, die zuweilen über seine Lippen polterten.

Während sich die Gesellschaft allmälig zerstreute, hatte sich Althing seiner Wohnung zugewendet und befolgte dabei heute gleich das vom Sanitätsrath empfohlene System der Isolirung. Er hielt sich an die Mitte der Straßen, obschon Wagenhindernisse, Schmutz und Geschrei auch hier dem Hypochonder genug entgegentraten.

Plötzlich wurde ihm an einem ziemlich frei und still gelegenen Platze von einem jungen Mann unter den Arm gegriffen, der ihn mit frischgerötheter Wange und treuherzigem Lachen in's Antlitz sehend anredete: Guten Morgen, Papa! Wie geht's? Warst wohl heute in Deinem Montag?

Ottomar -? Nicht im Gericht? Nicht bei Luzius? erwiderte der im Anschauen seines stattlichen Sohnes glückliche Vater.

[14] Geschäfte überall -! antwortete Ottomar Althing, der junge Rechtskundige, der noch bei einem Advocaten arbeitete, des Bildhauers einziger Sohn, eine schlanke, einnehmende Erscheinung. Helene hieß des Künstlers einzige Tochter. Der Sohn wohnte nicht mehr bei den Eltern.

Was treiben nur Deine Serapionsbrüder eigentlich? fragte Ottomar mit heller, fester Stimme. Jeder trägt wohl eine Anekdote vor? Nicht wahr? Hast Du auch etwas erzählt? Aus Italien? Das Ganze ist à la Tieck oder E. T. A. Hoffmann? Oder habt Ihr andere Zwecke?

Tieck oder Hoffmann! Das ist für unsere Zeit vorbei! brummte der Alte. Schon eine Wohlthat, daß man nur überhaupt einmal unter Männern sitzen kann, die nicht ewig vom Reichstag, von Wahlen, Parteien, vom Hof, den kaiserlichen Reisen, den Paraden und den Theaterprinzessinnen erzählen. Bei Tieck, fuhr er im Gehen fort, während sich der Sohn traulich anschloß, hießen die Leute, die sich Geschichten vorlasen und dann ästhetisch besprachen, Eduard, Heinrich, Wilhelm, und ebenso bei Hoffmann. Hoffmann dachte an einen Mönch Serapion, der ein wunderlicher Bruder gewesen sein soll. Man versammelte sich auch nur Abends. Ich sehe noch [15] ein Mitglied dieser "Närrischen Leute", einen Criminal-Director - als Eduard figurirte er in jenem Kreise! Der Mann schlenderte, die Arme auf dem Rücken, durch unsere Straßen, stand an jedem Schaufenster, das ihm auffiel, still und wäre jetzt als Bummler verrufen und ein Spott der Straßenjungen geworden. Damals wuchs Gras in unseren Straßen.

Man hatte keine Trottoirs -! fiel Ottomar bedeutungsvoll, wie von einem hohen Fortschritt des Jahrhunderts sprechend, ein.

Der Vater lächelte still und schwieg. Wozu Alles widerlegen! hieß ein Satz seiner Philosophie.

Inzwischen hatte der Sohn den Alten über einige Trümmerhaufen niedergerissener Häuser geführt. Man sah in neuprojectirte Straßen, stand unter alten, nun aufgehobenen Existenzen, hier neben einem blosgelegten Apfelbaum, der seither nur in einem Hinterhofe geblüht hatte, dort sah man noch die blautapezierte Stube eines Kutschers bei einem Grafen, dessen Palais der Erde gleichgemacht war.

Warum bist du gestern nicht zu Tisch gekommen? unterbrach sich bei diesen Betrachtungen der Alte. Den Sonntag bleibt ein Sohn seinen Eltern schuldig! Kinder, die Sonntags ihre alten Eltern vergessen -

[16] Nun, nun, nun, nun -! unterbrach des Sohnes ruhige Rede das Poltern des Alten. Man hatte hier das eigenthümlich moderne Verhältniß: Zwei Generationen, die ihre Plätze wechselten. Die jüngere ist die ruhigere, die ältere die aufgeregtere. Der Sohn, nicht etwa phlegmatisch, im Gegentheil, eine strebsame, fleißige, weitblickende Natur, hatte den Krieg mitgemacht, trug ein Ehrenzeichen und war Offizier der Reserve. Der Vater dagegen war beinahe Phantast, zuweilen ganz unklar, doch blieb er liebenswürdig für den, der sich in den Grund seines Wesens vertiefen konnte; er war ein offnes Buch dem Sohne, seiner lieblichen Tochter, seiner edlen Gattin, ein Buch, in dem sie das Herrlichste und Beste lasen, während der Künstler gegen diesen Inhalt seines Herzens zuweilen protestirte, sich vielmehr aller Leidenschaften anklagte und eine wahre Hölle im Busen zu tragen behauptete. Seine drei Lebensgenossen lachten dann herzlich und noch immer war das Schicksal so hold und freundlich gewesen, daß alle ihre guten Voraussetzungen vom Leben und dem guten Willen der Menschen wahrgemacht wurden.

In einiger Entfernung lag ein alterthümlicher Palast. Siehe da! sagte der Sohn. In dem Palast da dinirte ich gestern! Graf Treuenfels, mein alter Studiengenosse, hielt mich fest den ganzen Tag! Den Abend war ich [17] bei meinem Principal wieder einmal zum Thee und Tanz. Es hat bis vier gedauert! Man setzt einen wahren Wetteifer darein, daß der eine Ball um soviel Minuten länger dauert als der andre!

Der Vater blickte nach dem bezeichneten Palais. Es hatte eine Aufgangstreppe. Am Fuße derselben stand in diesem Augenblick eine Art Stallmeister und ein Reitknecht, jener zu Pferde, dieser das seinige und ein mit Damensattel versehenes am Zügel haltend. Es war ein einziger Zaubermoment, daß die drei Rosse an's Portal sprengten, eine junge Dame wie ein Zephyrhauch aus dem Hause schwebte und mit einem Satze auf die vom Reitknecht hingehaltene nervigte Hand sprang und sich quer in den Sattel warf, ihr langes hellgraues Reitkleid ordnend, den kleinen Cylinder fester auf die dunkeln Flechten drückend, das ganze Wesen Elastizität und Leben. Kein Stuhl, keine Umständlichkeit. Der Reitknecht genügte mit seinen angezogenen Armmuskeln.

Das ist ja beinahe plastisch! sagte der Vater. Wer ist die Dame?

Ottomar hörte nicht die Frage des Vaters, der mit Künstleraugen die schön modellirte Gestalt in sich aufnahm. In der energischen Situation, die Wangen geröthet von der Lust, das Feuer des glänzend schwarzen Arabers zu zügeln, hatten an der Dame die weichen [18] Formen des Kopfes und des Oberkörpers Nichts von ihrer reizenden Weiblichkeit verloren.

In leichtem Trabe flog die jugendliche Amazone an den Herren vorüber. Ein plötzliches Aufleuchten der Züge Ottomars, ein warmer Blick des Erkennens aus dunkeln, strahlenden Augen streifte den jungen Mann. Ein graziöses Neigen des schönen Kopfes erwiderte seinen ergebenen Gruß.

Erröthet, gefesselt verfolgte er das Wehen des Schleiers, bis die Erscheinung in der Ferne verschwand.

Der Vater erfuhr endlich, daß er Ada von Forbeck gesehen hatte, die Verlobte des jungen Grafen Udo Treuenfels. Wahrscheinlich hätte sie der alten Gräfin, die vor einiger Zeit Wittwe geworden, einen Besuch gemacht.

Das Debetur puero reverentia ("vor Kindern soll man nichts Ungeziemendes sagen oder thun") traf hier vollkommen ein. Auch der Bildhauer war erröthet, als er die Anmuth und den holdseligen Gruß beobachtete, der hier geboten wurde. Aber er war gefangen genug, zu sagen: Den Reitknecht möchte man beneiden!

Graf Treuenfels ist in Trauer! Wie konntest Du so lange bei ihm bleiben? fuhr er dann im Weiterwandeln zu dem ganz zerstreut und schweigsam gewordenen [19] Sohne fort. Dein unheimlicher Justizrath preßt Euch ja wie die Citrone Sonntags und Werktags aus.

Unheimlich? fuhr endlich der Sohn, den Vater unterbrechend, auf. Das könnte er doch nur durch die Brille erscheinen, die er trägt!

Oder durch meine! lachte der Vater. Er trug jedoch keine.

Luzius läßt uns, wenn wir es wünschen, jede Freiheit! entgegnete der Sohn. Ich bin sogar im Begriff, eben wieder zum Grafen zu gehen! Die Tante des Grafen, wie Du vielleicht weißt, eine geborne Prinzessin Rauden, will ihrem Gatten ein prachtvolles Denkmal setzen lassen. Es versteht sich von selbst, daß man die Bestellung nur bei Dir machen wird.

Da stand plötzlich der Vater still, sah sich um, ob Niemand Zeuge seines Unwillens war, und rief aus: Ottomar! Unterstehst Du Dich, mir solche Dinge -

Die Rede wurde gar nicht vollendet. Des alten Künstlers graue lange Locken schüttelten sich auf den Schultern. Sich anbetteln! rief er nach einer Weile aus. Zufällige Bekanntschaften ausnutzen! Pfui! pfui! Das ist nie meine Sache gewesen!

Papa, das wird Alles mit Anstand und Takt gemacht -! beschwichtigte der Sohn, sich nicht minder der Zeugen wegen besorgt umblickend.

[20] Soll ich's machen, wie meine Collegen? Antichambriren bei den Großen? Lauern, bis der Moment zum Portrait reif ist? Diese Sorte von Künstlern habe ich schon in Italien satt gehabt. Und wenn sie, wie Pompeo Marchese, vor Hochmuth über all' ihre Ordenssterne mit der Nase an die wirklichen Sterne stießen! Freilich, die Modelieferanten schicken ja auch für jede Hochzeit, die sie nur von ferne wittern, schon ihre Preiscourante für die Ausstattung. So soll man sich jetzt rühren, um durchzukommen!

Und die Trauermagazine schicken die schönste Auswahl von Crèpe de deuil bei Sterbefällen! parodirte Ottomar und der Vater griff, sich stellend, als wenn er den Stock suchte, den er doch schon in der Hand hatte, um sich. Ein großer überwinternder Kirschlorbeerbaum stand dicht neben ihm. Seine Blätter glänzten im hellen Mittagsstrahl. Er zog die Hand zurück, weil sie ihn empfindlich stachen.

Ottomar war schon lachend davongesprungen. Noch aus der Ferne rief er: Papa, am nächsten Montag! Aber das Monument bekommst Du! Und zehntausend Thaler!

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
© by-nc-nd Editionsprojekt Karl Gutzkow, 2002. Not to be published in any form without the author's prior permission. / Layout Judith Näther & Juliane Schaefer.

Autor der Seite: Kurt Jauslin (E-mail:Kurt.Jauslin@t-online.de).
Seite angelegt im September 2003.
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