[741] Zur neuesten Literatur, von L. Wienbarg.

Wir sprechen von einer der vorzüglichsten unter jenen jungen Hoffnungen unsrer Literatur, welche alle das Charakteristische haben, daß sie sich aus der Kritik entwickelten und erst aus den Lavaschichten vulkanischer Zerstörungen ihre Frühlinge keimen lassen. Wie Siegfried die Stimmen der Vögel verstund, als er sich im Blute des Drachen Fafner gebadet hatte, so ging auch bei den meisten meiner jüngern Zeitgenossen der Kampf der Schöpfung voraus. Die Schöpfung, die Stimmen der Vögel, das Verständniß der säuselnden Blätter im Walde, kurz die Poesie selbst kam erst nach dem Siege über die Ungethüme der Zeit. Ludolf Wienbarg, der in der Vorrede zu seinem eben erschienenen Buche: Zur neuesten Literatur mit naiver Emphase vom Abschluß seiner ersten Periode spricht, steht gegenwärtig auf der Halbscheid dieses Überganges vom Blute Fafner's zu den Stimmen der Vögel, wie seine hier gesammelten Kritiken selbst verrathen. Denn wie viel zerbröckelte Poesie ist in ihnen verschwendet! Wie viel Phantasie und Intuition muß hier dazu dienen, gegen gewisse ordinäre Vorurtheile und über einige mittelmäßige Erscheinungen unsrer Literatur anzukämpfen! Fensterglas wird hier von Diamanten zerschnitten.

Wienbarg gab einen großen Theil der vorliegenden Aufsätze in einer Hamburger Zeitung. Wahrlich, man konnte ihm prophezeihen, daß er diese Verzettelung seines Genies nicht lange aushalten würde; denn es gehört eine Resignation zur Kritik, welche man in dem Augenblicke nicht kennt, wo man von der Kritik eben zur Poesie übergehen will. Jene schönen Bilder, jene architektonisch edeln Sätze sollten werth sein, von dem Strome der Journalistik mit fortgespült zu werden? Alle Tage neu zu sein, an das fliegende Blatt seine tiefen Urtheile zu übergeben, das Zubrod zum Frühstücke der Philister zu werden: verdienen wir es? Verdient es die Literatur, daß Alles, was in ihr neu ist, durch seine tägliche Präsentation zur morgen wieder abgelösten Tagesordnung wird? Nein, so erklärlich es ist, daß Wienbarg von seiner mit so viel Vorbereitung, Rüstung und Geist ausgefüllten Stellung an den literarischen Blättern der Börsenhalle abtrat, so dankbar muß ihm das Publikum sein, daß er hier die Einzelnheiten seiner kurzen journalistischen Laufbahn sammelte und mehre Artikel hinzugefügt hat, welche an den Besorgnissen der Hamburger Censur gescheitert waren.

Aber es ist nicht allein die Schönheit, das poetische Element, das Hineinragen jener neuen schöpferischen Entwickelung Wienbarg's, welche sein Buch so anziehend macht; sondern in demselben Maaße die Tiefe und Schärfe seiner Urtheile und der literarhistorische Werth, welcher objektiv in ihnen liegt. Man weiß nicht, soll man mehr die Wahrheit oder die Schönheit dieser klassischen Aufsätze bewundern. Fast möcht' ich [742] diesmal der Schönheit den Preis geben; denn dafür, daß unsre Urtheile richtig sind, können wir kaum. Jeder Schütz sagt Euch, daß wenn Ihr Euern Arm öffnet und das herausquillende warme Blut Eures Lebens mit dem Pulver mischt, Euch keine Kugel fehlen wird. Jede trifft.

Wienbarg ist besonders reich an Ideen, welche perspektivisch sind, welche zu einer Gedankenreihe anregen, die belebend auf uns wirkt. Rupfen wir z. B. aus seinem ersten Aufsatze: Göthe und die Weltliteratur, die schöne Feder heraus: "die jetzige deutsche Literatur soll sich der Rückwirkung nicht schämen, welche sie von Seiten der französischen und englischen empfängt;" so gerathen wir in einen Flug von Abstraktionen, der unserm Scharfsinne die seligste Beschäftigung gibt. Ebenso Anderes. Die beiden Artikel über den Fürsten Pückler sind Musterstücke über den Gebrauch des Witzes in der Kritik. Vielleicht wurde Wienbarg von seinen demokratischen Antipathien zuweit fortgerissen, vielleicht ist er sogar ungerecht gegen Etwas, was weniger in dem Fürsten selbst, als in seiner Stellung so bemerkenswerth ist; aber wer könnte dieser edlen Entrüstung widerstehen, mit welcher Wienbarg eine laxe Äußerung des Fürsten über Repressalien verfolgt, verfolgt bis auf's Blut des Mannes, und ihn zuletzt durch eben diese Äußerung in seinem ganzen Wesen zu charakterisiren sucht? Wer je ein anerkennendes Wort über den Fürsten gesprochen, wird durch die Wahrheit, welche in Wienbarg's Kritik liegt, diesmal schaamroth gemacht werden. Derselbe Adel und Stolz der Gesinnung herrscht in dem klassisch geschriebenen Artikel: Raupach und die deutsche Bühne, obschon wir hier nicht so eifrig, wie Wienbarg, das Nationale urgiren und uns bereden, von der Vermählung des Vaterländischen mit der Kunst viel erwarten zu dürfen. Die Deutschen haben keinen historischen Sinn, und werden ihn am wenigsten durch ihre eigne Geschichte zu stählen lernen. Der Aufruf des Kunstrichters kann immer nur der sein: Gebt Leidenschaften! Die Leidenschaften reißen hin, und völlig indifferent ist es, ob sie in einer historischen Begebenheit oder in einer Anekdote, welche der Dichter sich selbst verdankt, zum Vorschein kommen. Das Historische machte Schillers Wallenstein nicht zur Nationaltragödie, wie sie Wienbarg nennt, sondern Alles, was hier drum und dran ist an Ehrgeiz, Astrologie, Sentimentalität und militärischem Spektakel. Schon deßhalb soll eine Kritik, die die schöpferische Kraft wecken will, (das ist das geheime Band, welches das System unsrer Blätter so freundschaftlich mit den ästhetischen Ansichten Wienbarg's verknüpft) soll jenen allgemeinen und vagen Rath über die Benutzung der Historie nicht geben, weil er am leichtesten mißverstanden ist. Der Aufsatz über Karl Immermann erläutert im Detail einige Behauptungen des vorangehenden Artikels und läßt viel Hübsches über rhetorische Darstellung lernen. Über Heinrich Heine spricht Wienbarg wie billig mit Entzücken, nur vergißt er eine Regel zu beobachten, welche für das Lob dieses wunderbaren Autors unerläßlich ist, nämlich die: sich die Hinterthür offen zu lassen. Man kann von Heine nie etwas Entschiedenes behaupten; denn seine poetische Natur wird sich und Andre immer Lügen strafen. Heine mag schreiben, was er will, so muß es schön sein. Soll er nun die Kritik am Gängelbande leiten und achtbare Männer und Männer, die wie Wienbarg für sich selbst stehen, verführen, Inkonsequenzen zu begehen? Man soll Heine nie ohne Cautelen loben und seinen Eifer immer im Schach zu halten suchen. Anders ist es mit dem Autor, welchem Wienbarg in dem letzten Artikel: Luzinde, Schleiermacher, Gutzkow so liebe und freundliche Worte sagt. Der wird nie üppig werden und aufhören, an sich zu feilen und zu raspeln. Der wird nie sein hohes Ziel aus den Augen verlieren: nämlich der Menschheit ein Schauspiel zu geben, das sie tröstet, erhebt und ihrem Auge eine grüne, lachende Weide ist. Ihm kann man schon etwas Ermunterndes sagen; denn er wird immer glauben, es geschähe nur, um ihn auf seine Fehler aufmerksam zu machen.

Wir hören, daß eine neue Publikation Wienbarg's unterwegs ist und freuen uns, schon in den nächsten Nummern unsern Lesern eine detaillirtere Charakteristik dieses Autors geben zu können.

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
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Autor der Seite: Wolfgang Rasch (E-mail:dr.rasch@gmx.net).
Seite angelegt im Oktober 2008.
Fassung: 1.0.
Geschichte der Seitenänderungen: Fassung 1.0, Oktober 2008.
Letzte Änderung: 12.02.2009 16:14.

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