Briefe eines Narren an eine Närrin

(Bearbeitung: R.J. Kavanagh, Cork)

1. Textüberlieferung

1.1. Handschriften

1.1.1. Übersicht

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke

Der Roman liegt in zwei Druckfassungen vor, im folgenden aufgeführt nach Wolfgang Rasch: Bibliographie Karl Gutzkow (1829 - 1880). 2 Bde. Bielefeld 1998.

E Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg: Hoffmann & Campe, 1832. (Rasch 2.1)
A1 Aus den Briefen eines Narren an eine Närrin. In: Gesammelte Werke von Karl Gutzkow. Vollständig umgearb. Ausgabe. Bd. 3, Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1845. S. 5-58. (Rasch 1.2.3.2)

2. Textdarbietung

2.1. Edierter Text

E. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem ersten Buchdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch – wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Textänderungen nennt die vom Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Die Kollation von vier verschiedenen Exemplaren des Erstdrucks lässt vermuten, dass im Laufe der Produktion Presskorrekturen vorgenommen worden sind. Verglichen wurden die Exemplare der British Library (ELDN), der Stadt- und Universitäts-Bibliothek Frankfurt/M. (EFFM), der Bayerischen Staatsbibliothek München (EMCH) sowie des Germanistischen Seminars der Freien Universität Berlin (EBER). Der Abdruck folgt dem Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München. Alle Abweichungen von der Druckvorlage sind unten aufgeführt.

2.1.1. Textänderungen

2,25 von dem künftigen Sieger] vor dem künftigen Siegen
9,4 eine Uebertretung der Sittengesetze] eine Uebertretung des Sittengesetze
22,1 Volksaufläufen] Volsaufläufen
33,3 Genil] Geeil
34,14-15 Gellert und Gleim] Gellert nnd Gleim
40,11-12 das Hohenzollern- das Wittelsbacherthum] das Hohenzollern – das Wittelsbacherthum
46,31 verlornen] vorlornen
54,12 Geschichtsschauern] Gesichtsschauern
76,31 verlässest Du mich] verlässest du mich
76,32 nun hast Du] nun hast du
78,5 Jammerrufe] Jammerufe
82,29 schuldlosen] schuldosen
83,21 irgend] irend
85,4 weil ihm sonst] weil ihn sonst
87,1 den eignen] der eignen
87,15 annimmt.] annimmt?
91,14 „Unvergeßliche,“ sprach ich, „merken Sie denn nicht] „Unvergeßliche, „sprach ich,“ merken Sie denn nicht
91,27 Hoffnung] Hoffrung
91,30-31 „Ach, Herr Hofrath,“ – sagtest Du damals zu mir – „wie gut Sie die Rolle] „Ach, Herr Hofrath,“ – „sagtest Du damals zu mir – wie gut Sie die Rolle
95,22 meine Ansicht] meine meine Ansicht
96,24 Silhouetteur] Silhonetteur
105,20 Mechanismus] Mechenismus
105,21 Sieg] Sie
112,22 gegen einander] gegen einandere
118,2 mit] mie
119,29 die Marseillaise] dir Marseillaise
119,34 "Man hat: noch ist Polen nicht verloren gesungen"!] "Man hat: noch ist Polen nicht verloren" gesungen!
132,12 früher] frühe die Lücke am Zeilenende deutet auf eine nicht gedruckte Letter hin
139,16 Behandlungen] Behandlung
140,16 hintreten] hintrrten
145,7-9 Vergebens rief [ ] in die Salons meine ernsten Warnungen; noch war sie aber zu schwach] Vergebens rief in die Salons meine ernsten Warnungen; noch war sie aber zu schwach die Klammer steht für ausgefallenen Text
151,28 zu] u die Lücke im Druck deutet auf eine nicht gedruckte Letter hin
158,26-27 dahingegen] da hingegen
162,29 andern] audern
169,1 Tacitus] Tactitus
169,34 selbst] sebst
176,4 von] vou
177,17 daß es kein Wunder nahm, wenn] daß es kein Wunder nahm; wenn
177,23-24 Affectation] Affectatation
182,6 über den Einfluß der Schwere] über den Einfluß, der Schwere
188,28 Wieliczka] Wielicza
189,13 Freundinnen] Freudinnen

2.1.2. Problemfall

27,4 Chancer] So in allen angesehenen Exemplaren; mögliche Fehlsetzung von 'Chancen‘. Im Zauberer von Rom findet sich ein Gebrauch von Chancen im Sinne von Umstände, 'Akzidentien‘, 'Zufälle‘ (Buch 4, Kap. 5; ZvRWWW, S. 1009,33-34).

2.1.3. Abweichungen zwischen Exemplaren des Erstdrucks

83,31 im Exemplar der British Library ist die Seite 129 als 120 paginiert
96,24 Silhouetteur] Silhonetteur EFFM EMCH
104,5 Kinde] Kiude ELDN
188,3 Beschuldigung] Beschnldigung ELDN
200,20 Ligue,] Ligue EBER

3. Quellen, Folien, Anspielungshorizonte

Die um 1830 florierende unterhaltsam-kritische Gattung der „Briefe“ oft mit (verstecktem oder deutlichem) politischem Inhalt: Hermann von Pückler-Muskaus „Briefe eines Verstorbenen“, 1830-31, Friedrich Christoph Försters „Briefe eines Lebenden“, 1831, Ludwig Börnes „Briefe aus Paris“, ab Ende 1831 erscheinend; zu den letzteren stehen Gutzkows 'Narrenbriefe‘ in kongenialer Beziehung (→ 4.2. Entstehungsgeschichte; → 5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte, Nr. 2.1. Börne: Briefe aus Paris)

Das Motiv des Narren als eines Verkünders unterdrückter Wahrheit und des närrischen Sprechens als Enthüllung verborgener Zusammenhänge; Vorbild dieses humoristisch-subversiven Schreibens ist Jean Paul (→ Globalkommentar: Narrenmotiv); der Bezug auf das Londoner Irrenhaus Bedlam schließt möglicherweise eine Anspielung auf den Fall des dort internierten Republikaners Matthews (1770-1815) ein (→ Globalkommentar: Bedlam und der Fall Matthews )

Die Kritik der deutschen ,Zurückgebliebenheit‘, bei der Börne, Heine und Wolfgang Menzel den Ton angaben (→ Bilder und Materialien: Menzels Rezension von Börnes „Briefen aus Paris“); die Kritik insbesondere am System der Zensur, für die Heines „Reisebilder“ eine Folie lieferten (→ Erl. zu 1,20-22; 37,9-10 u. a.)

Die 'frühlingshafte‘ Aufbruchsstimmung in Europa, die sich im Gefolge der Pariser Julirevolution und des polnischen Freiheitskampfes ,telegraphenartig‘ durch die Journale verbreitete; die Cholera-Epidemie, die von Asien aus auf Europa übergriff und im Zusammenhang mit dem internationalen Aufschwung des Liberalismus oft politisch gedeutet wurde (→ Globalkommentar: Frühling, Cholera und telegraphische 'Synchronistik‘); → Lexikon: Cholera)

Aktuelle europäische Ereignisse vom Herbst 1831 bis zum Frühjahr 1832, auf deren Höhe sich Gutzkow als Journalleser und Journalist befand (→ 4.2. Entstehungsgeschichte; → Globalkommentar: Kritik der Tagesereignisse)

Der Konstitutionalismus und sein Süd-Nord-Gefälle im Deutschen Bund; preußische Geschichte sowie das uneingelöste Versprechen einer Verfassung für Preußen; die Frage der Legitimität von monarchischer Herrschaft und von Autorität überhaupt, z.B. auch im Bereich der akademischen Lehre (→ Globalkommentar: Konstitutionalismus und Legitimität von Herrschaft)

Das republikanische Erbe der Antike, vermittelt durch die Französische Revolution; das cäsaristische Erbe der Antike, vermittelt durch Napoleon; die christliche Heilslehre und die Bengelsche Erwartung der Apokalypse im Jahre 1836; diese Folie dient zur Entfaltung der oppositionellen Idee innerweltlicher Erlösung durch die historische 'Tat‘ (→ Globalkommentar: Zusammenschau der Ereignisse)

4. Entstehungsgeschichte

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte

1. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 17. Juni 1832. In: HSA, Bd. 24, S. 129. (→? Heine-Portal)

Ein bedeutendes Buch von einem sehr jungen Mann „Briefe eines Narren an eine Närrin“ habe ich übernommen. Der Mensch wird es zu etwas Ungewöhnlichem bringen, und mache ich Sie aufmerksam hierauf.

2. Karl Gutzkow an Georg von Cotta, München, 31. Juli 1833. – Deutsches Literaturarchiv Marbach, Cotta-Archiv (Stiftung der Stuttgarter Zeitung), Signatur: Cotta Briefe.

Meine Narrenbriefe hab’ ich in Stuttgart im Januar 1831 [recte: 1832] geschrieben, u in ihnen Alles geleistet, was man von einem 20jährigen jungen Manne verlangen kann. Die Kritiker sind mir günstig gewesen, ich habe mir Freunde dadurch erworben u nun ich auch erfahre von meinem Verleger erfahre, dß der Absatz namentlich im Norden recht reichlich ausgefallen ist, ärgert es mich, daß ich meinen Namen verschwieg.

3. Karl Gutzkow: Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Theil 1-2. Stuttgart, Tübingen: Cotta, 1833. Zweiter Theil, S. 72-74.

Ich stand einmal in dem Vorzimmer eines Ministers. Die Thür öffnete sich und der gnädige Wink des Kammerdieners rief mich zu dem allmächtigen Manne hinein. Ich ließ es an Höflichkeit nicht fehlen, meine Verbeugungen waren eben so abgemessen, als der Zwischenraum, in welchem ich mich von der rechten Hand des Fürsten hielt. Aber in meinen Worten lag etwas Aufrechtes und Offenes, meine Gedanken waren höher, als das landesübliche Recrutenmaß; ich sprach von den Resultaten, die ich meinen Studien verdankte, von einer gewissen Unabhängigkeit der Meinung, welche die einzige Fessel wäre, welche ich mir anlegen ließe, und verlangte zuletzt, daß ich in der Staatsmaschine eine Stellung erhielt, die meinen Talenten und Einsichten [73] angemessen wäre. Man kennt unsre Minister nicht, wenn man glaubt, der Mann habe mich die Treppe hinunterwerfen lassen. Er besaß Geduld genug, mich anzuhören, ja er ging noch weiter, er wollte meine Fähigkeiten für eine Sache gewinnen, die ihm besser schien. Das System, welches ich in meinem Avertissement versteckt angegriffen hatte, war seine Ueberzeugung. Ich war damals noch blutjung, voller Ehrfurcht vor ergrauten Erfahrungen, hörte mit Andacht auf die Lehren, die dem beredtesten Munde entflossen und schied mit gebrochenen Flügeln, gestutztem Kamme, jede einzelne Stufe der Treppe zählend. Der Concierge zieht den Thürdrücker auf, ich stehe auf der offenen Straße, und schöpfe endlich wieder freie Luft. [...] [74] [...] ich kaufte mir ein Bund Eckposen und ein Buch unbeschnittenes Patentpapier und zwei Orangen und einen neuen Uhrschlüssel, weil ich den alten gestern verloren, und hundert Zündhölzer für mein Feuerzeug und eine Reitpeitsche, und einen Monat später schickte ich an Herrn Campe in Hamburg meine Narrenbriefe.

4. Karl Gutzkow: Erklärung gegen Dr. Menzel in Stuttgart. In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Außerordentliche Beilage. Nr. 374 u. 375, 19. September 1835, S. 1498.

Ich verließ Stuttgart, nachdem ich auf Menzels Veranlassung mein erstes Buch geschrieben hatte.

5. Karl Gutzkow an Oskar Bernhard Ludwig Wolff, Frankfurt/M., 13. Februar 1837. In: Houben, Jgdt. St. u. Dr., S. 535.

Die Literatur war mir ein Spiel; weil ich sie nur als untergeordnetes Hülfsmittel für politische Zielpunkte betrachtete. In der Laune, mit künstlichem Haß u angeborner Liebe zur Idylle, kalt aus Kunst u warm mit Schaam schrieb ich die Briefe eines Narren an eine Närrin, bei denen mir zunächst ein reines Gefühlsthema à la Jean Paul vorschwebte, u wo die eingewebten Anzüglichkeiten auf Menzels Rechnung kommen, der wollte, ich sollte mein Buch pikant machen. Noch keine Idee bei mir, das zu werden, was man Literat nennt.

6. Karl Gutzkow: Vorwort. In: GWI, Bd. 3, 1845, S. 2-3.

Aus meinen 1831 geschriebenen „Briefen eines Narren an eine Närrin“ hab’ ich nur einige Bruchstücke geben wollen, weil dies mein erstes Buch so sehr unter dem Eindruck der damaligen Zeitumstände, ja sogar der kleinen Tageschronik verfaßt worden ist, daß es jetzt nach allen Seiten hin unverständlich erscheinen würde.

Diese Briefe waren verworren, wie jene Zeit selbst. Von tausend Neuerungen hatte man nur die Ahnungen und auch diese konnten sich nur kämpfend geltend machen. Für die Confusion eines Kopfes, der sich durch eine Masse von Widersprüchen hindurch zu arbeiten suchte, konnte keine bessere Form gewählt werden, als die der selbsteingestandenen irr- und wirrsinnigen Gedankensprünge. Was Kunst an dem Buche scheinen konnte, war in der That Natur. Es fehlte der Feder noch jeder Fluß. Ueberall mußte sie stocken, ja was ihr am meisten im Wege lag, das waren die schon gesammelten kleinen Reichthümer des Nachdenkens, diese kleinen Schätze von Abstraktionen und Erfahrungen, die der damals zwanzigjährige Autor um jeden Preis anbringen und mitthei-[3]len wollte, selbst auf die Gefahr hin, seinen Mangel an innerer Einheit und einer ihm selbst aufgegangenen Klarheit seiner Gedanken zu verrathen.

7. Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Berlin: Hofmann, 1875. S. 67-68. →? eRue, S. 79,16 - 80,32.

[67] „Der alte Cotta“ hatte mir allerdings in zutraulichster Weise die Aufforderung zur Theilnahme an seinen Blättern ausgesprochen. Hermann Hauff leitete statt seines kurz zuvor verstorbenen Bruders Wilhelm das Morgenblatt. Der wohlwollende Mann nahm, was ich ihm anbot, Skizzen aus dem bürgerlichen Kleinleben Berlins, novellistische Versuche. Eine jeanpaulisirende Arbeit, „Briefe eines Narren an eine Närrin“, zeigte ich Menzel. Ich wollte durch diesen Briefwechsel eine Art Novelle hindurchschimmern lassen, die Aufklärung, worüber beide Theile in’s Irrenhaus geriethen. Menzel sagte mir, die wenigen Blätter in der Hand wiegend: „Beinahe geht es mir hier, wie mit Wilhelm Hauff, um den die Schwaben jetzt soviel Trauerns anstellen, während die Herren Lyriker bei seinen Lebzeiten von dem frischen Burschen nichts wissen wollten! [...] Wilhelm Hauff brachte mir eines Tages seinen „Mann im Monde“. Es war ein Machwerk ganz à la Clauren und zwar im vollen Ernste so gemeint. Schämen Sie sich denn nicht? sagte ich ihm. Wollen Sie denn auch dem berliner Postrath nachahmen? Können Sie denn nicht höher fliegen? Nach einer Weile milderte ich meinen Ton und fuhr fort: Kehren Sie den Spieß um, tragen Sie das Clauren’sche Colorit noch viel stärker auf, lassen Sie dann das Buch unter Clauren’s Namen erscheinen und Jeder wird sagen: Sie haben eine köstliche Satyre auf Clauren geschrieben. Richtig, Hauff befolgte den Rath und begründete seinen Ruf mit dem „Mann im Monde“. Machen Sie es ähnlich! Der kleine Aufsatz giebt ein Buch, wenn Sie alles mit hereinziehen, was in diesem Augenblick die Menschen beschäftigt, Politik, Literatur, Kunst — ich will nicht sagen, daß es eine Satyre auf Jean Paul werden soll, bewahre; aber besser verwerthen können Sie den guten Titel, als durch ein paar Nummern im Morgenblatt.“ Zur Satyre auf Jean Paul, den Liebling meines Herzens, den Weisen, den Propheten, war in mir nichts gerüstet. Aber „Briefe“ waren damals Mode geworden. „Briefe eines [68] Verstorbenen“ – „Briefe eines Lebenden“ (von Friedrich Förster) – da konnten wol auch Narrenbriefe willkommen sein. Ich ging auf den Vorschlag ein. Das Ganze wurde durch Ergänzungen zu einem größern Umfange gebracht und verdankte der Empfehlung Menzel’s einen Verleger, Hoffmann und Campe in Hamburg, leider in einem Augenblick, wo der Börne’schen Briefe wegen in Preußen dieser hamburger Verlag verboten wurde, der jetzige und der künftige. Die Axt war damit an die Wurzel meiner ersten schriftstellerischen Entwicklung gelegt. Denn wie die Zustände waren, in Oesterreich nahm man solche Verbote leicht und wußte sie zu umgehen, in Preußen aber herrschte die strengste Aufsicht und die Loyalität kam den Machtsprüchen der Polizei auf halbem Wege entgegen.

4.2. Entstehungsgeschichte

Die Briefe eines Narren an eine Närrin entstanden während Gutzkows erster längerer Abwesenheit von seinem Heimatort Berlin vom November 1831 bis April 1832. Zu dieser Zeit hielt er sich bei Wolfgang Menzel in Stuttgart auf und wurde zu dessen engem Mitarbeiter am „Literatur-Blatt“. Obwohl Gutzkow sich erst später entschied, die Schriftstellerei zum Beruf zu machen, sind die 'Narrenbriefe‘ im Zusammenhang mit seinen ersten Erfahrungen als professioneller Autor zu sehen, dessen Existenzgrundlage die journalistische Arbeit bildete. Wie Gutzkow selbst im Vorwort zur Auflage von 1845 – wenn auch in apologetischer Absicht – betont, nähren sich die Briefe eines Narren geradezu von der kleinen Tageschronik (→? Dokumente zur Entstehungsgeschichte, Nr. 6). Mit dieser frühen Exkursion in die ,Narrenfreiheit‘ des Schriftstellerberufs war der erwähnte räumliche Wechsel eng verbunden. Die Bezüge des Textes auf Gutzkows Reise von Berlin über Hanau und Frankfurt am Main nach Stuttgart (33,12-34,12; 45,32-47,24) sowie auf den Liberalismus Süddeutschlands (117,2-11; 169,19-171,5) bezeugen, dass die Entfernung aus der repressiven Atmosphäre der preußischen Hauptstadt eine wichtige Rolle für den kühnen, nahezu unbegrenzt assoziativen Gedankenschwung der Briefe spielt. Die Preußen-Kritik, die den gesamten Text durchzieht, ist ohne die Distanz zu Berlin, die Gutzkows Mitarbeit an süddeutschen Blättern mit sich brachte, nur schwer vorstellbar. Es ist jedoch anzunehmen, dass das Werk seinen endgültigen Abschluss erst erfuhr, als Gutzkow schon wieder in Berlin war, also gegen Ende April oder Anfang Mai 1832. Die Daten seiner Rückreise von Stuttgart dürften ziemlich genau denen entsprechen, die er in einer Serie von Reisebriefen für das „Morgenblatt“ angab, erschienen vom 1. bis 23. Mai 1832 unter dem Titel Aus dem Reisetagebuche des jüngsten Anacharsis. Briefe an zwei Freundinnen in Stuttgart (Rasch 3.32.05.01). Demnach war Gutzkow am 9. April in Nürnberg, am 10. in Bayreuth, am 11./12. in Hof, am 13. in Altenberg, am 14./16. in Leipzig bzw. Dessau, am 17. in Potsdam und wohl am 18. April, vier Tage vor Ostern, wieder in Berlin. Eine Notiz im „Berliner Figaro“ meldet am 26. April 1832: „Dr. Gutzkow, der frühere Redakteur des Berliner Forums der Kritik, ist wieder nach Berlin zurückgekehrt.“

Die Dokumente zur Entstehungsgeschichte, größtenteils aus Gutzkows eigener Feder und im Rückblick entstanden, verweisen auf zwei verschiedene Schaffensphasen. Gutzkow erinnert sich einmal, die 'Narrenbriefe‘ 1831 als Zwanzigjähriger verfasst zu haben (→? Dokumente zur Entstehungsgeschichte, Nr. 2 und Nr. 6), jedoch auch mehrfach, sie unter Menzels Anleitung Anfang 1832 zum Abschluss gebracht zu haben (→? Dokumente zur Entstehungsgeschichte, Nr. 4, 5 und 7). In dem Brief an Cotta (→? Dokumente zur Entstehungsgeschichte, Nr. 2) verschwimmen die beiden Phasen (Ende 1831 und Anfang 1832) zu Januar 1831. Es handelt sich also um eine Schaffensperiode vor und eine nach der Begutachtung des Manuskripts durch Menzel, dessen Rolle als Mentor des jungen Autors somit klar hervortritt. Der Kritiker erkannte die ungewöhnliche Qualität der jeanpaulisirende[n] Arbeit und riet Gutzkow deshalb, sie erstens mit mehr Stoff zu versehen, damit sie als Buch erscheinen konnte und nicht als Novelle fortsetzungsweise im „Morgenblatt für gebildete Stände“, wo sie wohl kaum größere Aufmerksamkeit erregt hätte. Menzel empfahl, die ursprünglich stärkeren narrativen Elemente zugunsten versteckter tagespolitischer Anspielungen und Reflexionen in den Hintergrund treten zu lassen. Zweitens sollte Gutzkow die jeanpaulisirende Richtung noch mehr betonen, damit aus der schülerhaften Anlehnung an das Vorbild eine souveräne Parodie – der erste Schritt zur eigenen Autorschaft – werden konnte, wie im Falle Wilhelm Hauffs, der mit der Clauren-Satyre „Der Mann im Mond“ (1826) einen sensationellen Erfolg erlebte. Menzel vermittelte auch den ersten Kontakt Gutzkows zu Julius Campe, dem Hamburger Verleger Börnes und Heines: ein folgenreicher Schritt, wie Gutzkow hervorhebt. Seine Anfänge als freier Schriftsteller standen damit eindeutig unter dem Zeichen der ,Opposition‘, und die Zensur legte die Axt gleich an die Wurzel seiner ersten schriftstellerischen Entwicklung. Die ersten beiden Bände von Ludwig Börnes „Briefen aus Paris“, deren kühner Republikanismus nicht nur im konservativen, sondern auch im gemäßigt liberalen Lager schockierend wirkte, waren Ende 1831 bei Hoffmann und Campe erschienen. Es scheint bezeichnend, dass Gutzkow unter den literarischen Modellen, die ihn zur Wahl der Briefgattung für sein Erstlingswerk bewogen, zwar die höchst erfolgreichen „Briefe eines Verstorbenen“ von Hermann Pückler-Muskau nennt (Reisebeobachtungen von den britischen Inseln, anonym erschienen 1830-31), jedoch ausgerechnet die Börneschen „Briefe“ verschweigt. Sie waren dem eigenen Buch zeitlich und inhaltlich so nah, dass geradezu von einer Kongenialität der „Briefe“ Börnes und Gutzkows gesprochen werden kann. Es ist kein Zufall, dass Börne dann im fünften Band der „Briefe aus Paris“ (unter dem Datum vom 13. und 14. November 1832) ein glühendes Lob auf die anonym erschienenen Briefe eines Narren ausspricht (→? 5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte, Nr. 2.1. ).

Als großer Verehrer Jean Pauls und als von Gutzkow hoch geschätzter Autor stand Börne bei der Konzipierung der Briefe eines Narren zweifellos Pate. Wann Gutzkow mit der Arbeit begann, muss offen bleiben; vielleicht hatte er auf seinem Weg nach Stuttgart schon ein halbwegs fertiges Manuskript dabei. Mit ziemlicher Sicherheit jedoch schrieb er während der Reise, und diese Aufzeichnungen waren oder wurden nicht nur Teil der 'Narrenbriefe‘, sondern standen auch in direktem Zusammenhang mit der Lektüre der „Briefe aus Paris“. In den Rückblicken erwähnt Gutzkow ausdrücklich, dass die unfreiwilligen Mußestunden, die ihm durch die Maßnahmen zur Cholera-Verhütung auferlegt wurden und die seine Reise auf über drei Wochen ausdehnten, durch Schreiben und Lesen ausgefüllt wurden (eRue, S. 51,15-18). Zu seiner Lektüre gehörten eben auch die kürzlich erschienenen „Briefe aus Paris“, die er sich nicht in Preußen, sondern beim gesinnungsvollen unerschrockenen Buchhändler Friedrich König in Hanau besorgen konnte (RueWWW, S. 57,4), und er war 'gefesselt‘ durch das wilde Buch (eRue, S. 57,10) mit dem Feuerwerk eines Brillanten (eRue, S. 57,31). Der subversive Republikanismus, der den Ideenstrom der 'Narrenbriefe‘ durchzieht und am Ende des 22. Kapitels kulminiert, dürfte also auch von Börnes „Briefen“ inspiriert sein. In den Rückblicken betont Gutzkow zudem, dass Wolfgang Menzel unter den namhaften Rezensenten der einzige gewesen sei, der die „Briefe aus Paris“ angemessen zu lesen verstand: als eine Sammlung lichtsprühender Gedanken, die über jede philiströse Interpretation erhaben sei (eRue, S. 57,24-32). In der Tat könnte Menzels Rezension Börnes (→? Bilder und Materialien), deren Abfassung für das „Literatur-Blatt“ sich mit Gutzkows Ankunft in Stuttgart und mit dem Beginn seiner Tätigkeit als Rezensent desselben Blattes überschnitt (Proelß, Jg. Dtld., S. 277), auch etwas mit den 'Narrenbriefen‘ zu tun haben. Dass Menzel in den „Briefen aus Paris“ eine politisch subversive Narren-Logik am Werk sieht, mag ein Reflex auf die kleine novellistische Arbeit sein, die sein junger Mitarbeiter ihm vorlegte und deren guten Titel Menzel besonders lobte. Am Anfang seiner Rezension von Börnes „Briefen“ schreibt Menzel:

Man wird das Buch verbieten oder hat es schon verboten, denn wenn man auch die Freiheitsschwärmer Narren nennt, so gibt man ihnen doch nicht einmal die Narrenfreiheit. Arg freilich hat es der Börne wieder einmal gemacht, ärger als je zuvor; wie es die Tollen pflegen, wenn sie einmal dem Tollhause entspringen. [...] Der selige Lichtenberg würde sagen: „es sind majestätsverbrecherische Gedanken, aber in beneidenswürdigen Ausdrücken.“ [...] Schreib’ einer in einem deutschen Journal. Riesengedanken springen aus der Stirne, aber die Censurscheere schneidet sie zu mittelmäßigen Geschöpfen zurecht, nachher kommen auch nur noch Mittelmäßigkeiten aus der Stirne [...]. Es ist zum Tollwerden, und Börne hat den schönen Muth, endlich toll zu werden. (Literatur-Blatt, Nr. 121, 28. November 1831, S. 481-482)

Auch der Hinweis Menzels auf „Dantes Hölle“, in der „ein Todtenkopf den andern beißt“, und darauf, dass „ein ächter Wahnsinniger seinen eignen Kopf [beißt]“ (S. 482), könnte an die Eröffnung der 'Narrenbriefe‘ anklingen mit ihrer Schilderung der beiden 'umhertollenden‘ Schädel, die sich bald zu necken, bald zu küssen [...] schienen (1,10-12) und die sich als die Überreste des 'Narren‘ und der 'Närrin‘ herausstellen. Bezeichnenderweise eröffnet Menzel seine spätere Rezension der 'Narrenbriefe‘ mit einem Zitat gerade dieser Stelle (→? Dokumente zur Rezeptionsgeschichte, Nr. 2). Umgekehrt wäre es auch denkbar, dass Gutzkow sich durch Menzels Börne-Rezension anregen ließ. Jedenfalls wird ein wesentlicher Teil der Arbeit an den 'Narrenbriefen‘ im Januar 1832 vorgenommen worden sein (→? Dokumente zur Entstehungsgeschichte, Nr. 2); ob bereits als Reaktion auf Menzels Änderungsvorschläge oder aus eigenem Antrieb, muss dahingestellt bleiben. Mit Sicherheit jedoch erstreckte sich der Überarbeitungsprozess, während dessen Gutzkow viele Anspielungen auf Tagesereignisse in den Text verwob, über mehrere Monate, mindestens bis Ende April 1832. Zu dieser Zeit war er bereits wieder in Berlin.

Die aktuellen Bezüge des Werkes lassen den Fortschritt der Überarbeitung ziemlich genau erkennen, vorausgesetzt, dass die unmittelbare Gegenwart des fiktiven Briefschreibers überwiegend mit der des Autors übereinstimmt. Die im ersten Brief enthaltenen Anspielungen auf den Untergang der Grahamsinsel (8,1-10) deuten auf den Februar 1832, als diese vulkanische Insel, die im Juli 1831 vor der Küste Siziliens aufgetaucht war, wieder versank. Wenn der 'Narr‘ am Anfang des sechzehnten Briefes sagt, er habe gestern, am 1. März, den Geburtstag der badischen Preßfreiheit [...] gefeiert (117,3-4), ist mit dem Schreibdatum der 2. März 1832 gemeint, denn das badische Pressegesetz, das die Zensur abschaffte, war am 1. März 1831 in Kraft getreten. Auf Ende März 1832 verweist im achtzehnten Brief die Erwähnung Spencer Percevals des Jüngeren und des von ihm verlangten Fasttags (136,27-30). Der Hinweis auf die Ostermesse 1832 als Tag der Abfassung des letzten Briefes deutet auf den 22. April, den sehr späten Ostersonntag des Jahres 1832.

Die zeitgeschichtlichen Daten, die in den ,Narrenbriefen‘ nicht vorkommen, könnten als Hinweise auf den Abschluss des Manuskripts dienen. Beispielsweise ist es bei der starken europäischen Perspektivierung des Textes bemerkenswert, dass weder der Tod des französischen Innenministers Casimir Périer (→? Erl. zu 118,20) am 16. Mai 1832 Erwähnung findet, noch der des englischen Utilitaristen und Sozialreformers Jeremy Bentham am 6. Juni 1832, der wegen der vom Verstorbenen gewünschten medizinischen Verwertung seiner Leiche großes Aufsehen erregte. (Allerdings gibt es auch keinen Hinweis auf den Tod Goethes am 22. März.) Der schließliche Abstimmungserfolg der lange debattierten Gesetzesvorlage zur britischen Wahlrechtsreform am 4. Juni 1832 kommt nicht vor, sondern nur ein Hinweis auf die Möglichkeit, dass die Reformbill siegt (78,24). Zu denken gibt der Hinweis auf liberale Volksversammlungen und -feste, über deren ungewöhnlich kühne Sprache sich die Gemäßigten beklagen (169,26-27). Das Hambacher Fest vom 27. bis 30. Mai, das große politische Ereignis des Jahres 1832 für den Liberalismus im südwestdeutschen Raum, muss damit nicht gemeint sein. Die Stelle scheint sich vielmehr auf die zahlreichen Veranstaltungen unter dem freien Himmel (169,14) zu beziehen, ohne deren Vorarbeit das Hambacher Fest als Massenversammlung sicher nicht möglich gewesen wäre. Vieles spricht also dafür, dass Gutzkow das Manuskript vor Ende Mai 1832 abschloss. Allerdings könnte sich 96,32-34 mit der Erwähnung der Zahl 30,000 doch auf das Hambacher Fest beziehen, ist doch allgemein nachzulesen, dass diese bei weitem größte politische Versammlung der Zeit etwa 30,000 Teilnehmer zählte. Denkbar wäre, dass Gutzkow diesen Hinweis noch dem Schluss des dreizehnten Briefes beifügte, bevor er das Manuskript nach Hamburg absandte. Ob der Verleger Campe es vor dem 17. Juni 1832 erhalten hatte (→? Dokumente zur Entstehungsgeschichte, Nr. 1), geht aus seinem Brief an Heine nicht eindeutig hervor. Jedoch ist es wahrscheinlich, dass Gutzkow das Manuskript etwa Ende Mai / Anfang Juni von Berlin nach Hamburg schickte.

Die autobiographische Schilderung, die Gutzkow in den 1833 erschienenen Roman Maha Guru integrierte (→? 4. 3.), erhellt die Grundsatzentscheidung, die sich für ihn mit der Publikation der 'Narrenbriefe‘ verband. Seine geplante Heirat mit Rosalie Scheidemantel machte eine berufliche Absicherung notwendig, die ihm nur noch im Schuldienst möglich schien, nachdem er sich zum Geistlichen definitiv nicht mehr berufen sah. Gleichwohl wollte er seine Tätigkeit als kritischer Schriftsteller und Publizist keineswegs aufgeben. Um die Bedingungen seiner Zukunft in Berlin auszuloten, suchte Gutzkow wohl bald nach seiner Rückkehr Ende April 1832 seinen alten Gönner auf, den inzwischen zum Wirklichen Geheimen Staats- und Justizminister gewordenen Demagogenverfolger Karl Albert von Kamptz (→? Lexikon: Kamptz). Bei diesem wollte Gutzkow offensichtlich erkunden, ob er sich Chancen auf ein Amt im preußischen Staatsdienst ausrechnen könne und inwieweit ein solches mit einer geistig unabhängigen schriftstellerischen Tätigkeit vereinbar sei. Konkreter Hintergrund dieser Audienz dürfte sein Vorhaben gewesen sein, in Berlin erneut ein Journal zu gründen, hatte man ihm doch 1831 erlaubt, im „Forum der Journal-Literatur“ auch über politische Dinge zu schreiben. Ein erster Versuch, die Genehmigung zur Übernahme und Herausgabe von Eduard Maria Oettingers „Berliner Eulenspiegel-Courier“ zu erlangen, war im November 1831 gescheitert (→? Lexikon: Zensur). Damit schien Gutzkow seine Journalpläne jedoch nicht aufgegeben zu haben. Jedenfalls bringt der von Adolf Glassbrenner redigierte „Berliner Don Quixote“ vom 17. Mai 1832 folgende Notiz: „Einem On dit zufolge wird eine politische Zeitung unter dem Schutze des erwarteten Preßgesetzes und der Redaction der Hrn. K. Gutzkow erscheinen.“ Eine Konzession zur Herausgabe dieser Zeitung bekam Gutzkow aber nicht. Überhaupt scheint seine Audienz bei Kamptz nicht sehr glücklich verlaufen zu sein. Der Minister dürfte ihm wohlwollend, aber entschieden geraten haben, auf eine weitere Zusammenarbeit mit Menzel zu verzichten oder gar die Schriftstellerei ganz an den Nagel zu hängen. Eine Stellung in der Staatsmaschine konnte er seinem einstigen Schützling wahrscheinlich nicht garantieren, legte ihm aber offenbar ans Herz, sein immenses, durch fleißiges Studium erworbenes Wissen, seine hoch entwickelte Urteilsfähigkeit und seinen intellektuellen Ehrgeiz für die 'bessere Sache‘ der preußischen Monarchie einzusetzen. Dazu kam es nicht, wohl aber zur Publikation der 'Narrenbriefe‘ und damit zu einer Selbstbehauptung Gutzkows als Protégé des liberalen Publizisten Menzel, nicht des preußischen Ministers. In dem autobiographischen Passus aus Maha Guru erhält die Veröffentlichung der 'Narrenbriefe‘ eine solche symbolische Bedeutung, besonders wenn der Wortlaut der zweiten Auflage von 1845 in Betracht gezogen wird. In dieser ändert Gutzkow das Ende der (insgesamt in die Du-Form transponierten) Passage zu einer verschlüsselten Aussage, die nur im Zusammenhang mit der Erstauflage deutlich wird. Der Text von 1833 lautet: ich kaufte mir ein Bund Eckposen [Schreibfedern] und ein Buch unbeschnittenes Patentpapier [...], und einen Monat später schickte ich an Herrn Campe in Hamburg meine Narrenbriefe. Stattdessen steht 1845: das Rauschen des alltäglichen Lebens gab dich dir selbst zurück, und du hieltest dem Minister nicht Wort! (GWI, Bd. 5, S. 262) Liest man die beiden Stellen zusammen, so scheint es also, als ob Kamptz von Gutzkow das Versprechen forderte, auf Publikationen kritischen Inhalts zu verzichten, um sich seine Zukunft nicht zu verbauen. Vielleicht etwas stilisiert, aber bezeichnend für den Anspruch des jungen Schriftstellers auf Gedankenfreiheit und öffentliche Wirksamkeit, wird der Schritt aus dem Haus des Ministers in das bunte Treiben auf der Straße zu einem Wiederfinden des eigenen Ich, das durch den Kauf von Federn und Papier bekräftigt wird. Nach einem Monat Bedenkzeit war die Entscheidung gefallen: Gutzkow schickte das Manuskript der Briefe eines Narren an Campe. Er wagte jedoch nicht, bei der Publikation dieses Erstlingswerkes seinen Namen zu nennen; die Entscheidung für eine Beamtenkarriere hatte er noch nicht ausgeschlossen. Das sofortige Verbot des Buches in Preußen (→? Lexikon: Zensur) bestätigte seine Vorsicht. Der Roman erschien im August 1832, wie aus einem Brief Gutzkows an Menzel vom 11. Oktober 1833 hervorgeht. Gutzkow beklagt sich hier über Menzels verspätete Rezension des Werkes im "Literatur-Blatt" (→? 5.2): Sie sprachen, nachem sie [die 'Narrenbriefe‘] im August erschienen waren, erst im Januar davon. (Houben, Gutzkow-Funde, S. 30; →? 5.4).

5. Rezeptionsgeschichte

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte

5.1.1. Rezensionen

1. [Heinrich Laube:] Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, Hoffmann und Campe. 1832. 8. 1 Thlr. 16 Gr. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Leipzig. Nr. 338, 3. Dezember 1832, S. 1418-1420. (Rasch 14/1.32.12.03)

Es ist erquickend, wenn man in dem Wirthshaustreiben der heutigen Welt einen Mann von Bildung findet, einen Mann der poetischen Humanität entdeckt, mit dem sich ein Wort des ungebundenen Geistes reden läßt, der nicht so viel Paragraphen aus den Taschen zieht, daß das Gespräch ein wohlgeordnetes System werden muß. Solch ein Mann ist dieser Briefsteller; ich habe mich sehr gefreut, seine Bekanntschaft zu machen.

Es ist ein Vortheil, daß unsere Zeit die materiellen Bedürfnisse so streng ins Auge faßt, daß auch die Schriftsteller der neuen Zeit die Oekonomie unterjocht haben; aber es ist eine Erholung, wenn man einmal ein Buch hindurch nichts von den Bedürfnissen des Schlundes und Magens hört, wenn man einmal die Sprünge, ja seien es auch Capriolen des bessern Menschen, des geistigen, innerlichen ansieht; es kommt uns dann auch wieder die alte Turnregsamkeit des Geistes und Gemüthes, welche in Fesseln geschlagen ruht durch die gesetzliche, philisterhafte Anständigkeit unserer bürgerlichen Denkweise; alle die liebenswürdig ungezogenen Gedanken, die nicht für das polizeiliche Sonnenlicht gedacht, wachen wieder einmal auf, öffnen forschend die Schalksaugen und klingeln mit den Schellen, all der Uebermuth der unermeßlichen innern Freiheit schüttelt das alte stehende Wasser von den Flügeln und macht sich flügge. Man vergißt einen Augenblick und länger alles Das, was wir von Freiheit opfern müssen, um in einer Gesellschaft zu leben, man springt keck über Zäune und Hecken, und weil man fühlt, man meine es mit Jedermann redlich und gestatte Jedermann ein Gleiches, so hat man dabei ein fröhliches Gewissen und spottet lachend aller Formenängstlichkeit. O, es ist etwas Göttliches um den muntern Springquell der Freiheit im Herzen; das wußten selbst die ältesten, schlechtesten Herrscher und hielten sich Hofnarren. Denn der Hofnarr jener Zeit ist nichts als ein verzerrtes Bild unserer innern Ungebundenheit. Und nur Der, welcher dies Alles nicht versteht, ist sein baarer Gegensatz, der durch und durch zusammengeschnürte Philister.

Und wenn wir die ganze Welt werden eingeschachtelt haben in System und Ordnung und Rechnungszuverlässigkeit, so werden wir doch nichts haben als ein ärmliches Erzeugniß, ein klägliches Abbild unsers irdischen Menschen, sowie die feinstfühlenden Mystiker nur einen jämmerlichen Menschengott aus menschlichem Material zusammenfühlen ? sollen wir uns nicht entschädigen für diese unsere zuverlässige Armuth, indem wir unsern besten innern Thätigkeiten je zuweilen den Zügel schießen und sie herumjagen lassen nach den Lichtfunken der Göttlichkeit?

Wir opfern ja die individuelle Ungebundenheit gern der Gesellschaft, ja wir helfen die neue Zeit verherrlichen, weil sie das Individuum mit starker Hand rettet aus alten, unnützen Banden; wir helfen sie aufrichten die neuen Schranken der Gesellschaftlichkeit, wir helfen sorgen für beengendes Recht und beengende Ordnung, weil sie Bedürfniß sind für die Allgemeinheit ? aber laßt uns zuweilen auch, frei von den nothwendigen Fesseln, schwärmen [1419] in kecken Vernunftoperationen, laßt uns zuweilen ganz frei sein.

So geht es ungefähr in diesen Briefen her: es ist ein zügelloses Treiben, aber es ist ein liebenswürdiges Treiben; ach und es ist auch ein schmerzliches, da noch so viele Freiheit übrig ist, welche Ordnung, gesetzlichste Ordnung werden könnte und noch nicht ist; darum schließen die närrischen Briefe mit einem, den Junius Brutus an seine Schwester schreibt, wo er schmerzlich fühlt, daß er seine Klugheit unter dem Gewande der Thorheit verbergen müßte. „Wer weise sein will, der werde ein Narr in dieser Welt! Ist dies die Art unsers Jahrhunderts, daß, wer sein Vaterland retten will, sich für verrückt ausgeben muß? Noch sind uns alle Wege zum Ziele mit schwarzem Trauerflore behangen. So viele junge Herzen, die sich entschlossen haben auf ihr ganzes Leben den Belohnungen der Machthaber zu entsagen, wandeln diese Thränenstraße. “

Die Phasen seiner Entwickelung nennt der neue Junius Brutus in den drei Namen: Rousseau, Jean Paul und Lord Byron. An die Wiege der Unmündigen sei er als Erster getreten; gern habe er als Zweiter in die Kreise des gewöhnlichen Lebens gesehen und aus den tiefsten Schachten einer reinen Gemüthswelt habe ihm Gold entgegengeblinkt; als Dritter habe er eingesehen, daß das Buch des Lebens nie mehr enthält, als was wir hineinschreiben, daß Der die Zeit versteht, der seinen Geist zu dem ihrigen macht, daß nur Der einen Tag genossen, der jede Stunde benutzt, daß auch nur die Jahrhunderte aus Tagen bestehen.

„Wir sind zum Leben im Staate nicht geboren. Es kann Gottes Wille nicht gewesen sein, daß wir Einem oder Mehren gehorchen, die nicht er selbst sind, daß Männer für die Ordnung sorgen sollen, da die Unordnung an ihm keinen Theil hat. Wir sollen friedfertig und einträchtig nebeneinander wohnen und Rechte uns zugestehen, als seien wir alle Brüder. Staat ist nur Uebergangspunkt in einen andern Zustand, und daß dieser glücklich ist, muß aus der Monarchie sich noch die Republik, dann aber erst aus der Republik sich das große Philadelphia bilden. Der wahren Bestimmung des Staats dient also nichts als seine Zerstörung; sein zärtlichster Freund wird immer sein geschworener Feind sein müssen. Macht aus dem Erdenrunde einen Staat, und wir werden ihn selbst zerstören, weil wir das Bedürfniß des Bauens haben und auf das Gebäude des Staates alles Material verthaten.“

„So weit wir gegenwärtig in Deutschland gekommen sind, kann man behaupten, daß von den Seiten des Volks es ebenso wol an der Begeisterung fehle, die einem Einzelnen allein könnte zugewendet werden, als auch, daß Keiner unserer Köpfe die Fähigkeit zu haben scheint, jene für sich zu erregen. Die politische Regsamkeit ist noch nicht bis auf jene Classen gedrungen, die sich durch nichts als durch ihre Kleider und selbst durch diese nicht einmal unterscheiden, wo der Vater wie der Sohn, dieser wie sein Schwager und Jeder wie sein Nachbar denkt. Noch steht die Liebe zur Freiheit auf einer Stufe, wo die Verschiedenartigkeit der Bildung das Recht, auf die kleinlichsten Dinge trotzige Ansprüche machen zu dürfen, behauptet. Die Wege, auf denen wir zur Einsicht in den Lauf der Zeiten gekommen sind, sind bei Wenigen dieselben gewesen. Der Eine las zufällig eine Ode von Klopstock, aber er schlug zufällig den Tactitus auf, dem Andern misfiel es, daß er nicht rauchen dürfe, wo er wolle, einem Dritten bekommt die Königin zu viel Kinder, nur Wenige sind, die den Tyrannen hassen und die Steuern nicht lieben.“

Was ihm jeder Tag bringt, was ihm die speculirende Phantasie, der phantasirende Verstand erzeugt, worüber sein Herz lacht, weshalb es blutet ? Alles, was ihm begegnet, bespricht der Verf. und er bespricht Alles mit Geist. Es ist ein zügelloses Buch, aber seine Zügellosigkeit ist gewissermaßen sein Vorzug.

„Die Gemäßigten und die Stürmischen unterscheiden sich vielleicht blos durch ihr Temperament: ihre Gesinnungen bleiben dieselben. Das wäre herrlich; denn sie werden sich vereinigen, wenn man ihre Gesinnungen in die Acht erklärt. Für diese Aussicht läßt sich das Schönste vom Bundestage erwarten. Wir bedürfen einiger Gewaltstreiche, die den Unterschied der Parteien aufhöben und die gute Sache wieder allgemein machten, und in Deutschland ist es Niemanden so unter die Hand gegeben . . . . . Hoffen wir also auf Frankfurt!“

Der Verf. scheint in Preußen zu leben, und sehr viele seiner Bemerkungen drehen sich um diesen Staat, dessen Organismus er Fichtisch nennt; sie sind zu zerstreut, und es sind ihrer zu viele, als daß ich sie hier anführen könnte. Man möge sie suchen, denn das Buch ist des Kaufs werth. Wie wohlfeil kann man einen ganzen Menschen der neuen Luft, gesäugt mit all den Stoffen, aus denen sie entstanden, ankaufen; wie selten ist es, daß ein ganzer Mensch im Buch geboten wird: meist erhalten wir ja doch eine officielle Gliedmaße, eine wissenschaftliche Rippe, höchstens einmal eine blutreiche Herzkammer.

„Die Hegel’schen Schüler hast Du sehr gut mit Instrumenten verglichen, die nur auf eine bestimmte Anzahl Musikstücke gesetzt sind.“

„Schon Viele sind der Sache des Liberalismus untreu geworden. Nicht darum lassen sie die Arme sinken, weil sie schwach und ermattet sind, sondern sie wollen bemerkt haben, daß sie die Streiche in die Luft geführt haben, wo sie nach den Befehlen der Ordner den dichtesten Scharen hätten begegnen müssen. Sie haben sich selbst auf einen gewissen Indifferentismus ertappt; sie sehen zwar ein, daß die Gegner zwar hier und da im Irrthume befangen sind, erschrecken aber vor dem Gedanken, daß es doch etwas Bestimmtes, ein gewisser Inhalt, ein Interesse ist, was Jene vertheidigen. Auch sie wollen nun mehr sein als ein Medium, woran sich die im Hintergrunde gähnenden Massen zersetzen. Sie wollen nicht nur zerstören, sondern auch aufbauen, neben dem Schwert auch den Scepter führen.“

„In Frankreich hält die Politik und der Kampf der Parteien alle Richtungen des dichtenden und denkenden Geistes zusammen. Dort sind die Helden des Tages auch Helden des Jahrhunderts. Wir Deutschen, bisher allem öffentlichen Leben entfremdet, haben von den Goldminen der Wissenschaft nie geahnt, daß sie unter dem Boden des Staatslebens sich fortziehen. Unser politisches Streiten ist demokratisch, wir sind aber gewohnt, nie die Feder zu ergreifen, als im Geiste unserer literarischen Aristokratie ? ? die Nothwendigkeit der Politisirung unserer Literatur ist unleugbar. Man gehorcht ihr zwar, aber mit welcher Zögerung! mit welchen fremdartigen Erscheinungen! Sie wird noch die häßlichsten Leidenschaften aufrufen. Die Eitelkeit der Originalität, die schmuzige Begeiferung, die fast anerkannter Ton unserer Kritik ist, Neid auf literarische Berühmtheit ? das Alles steht dem Siege der guten Sache entgegen. Es gibt noch Andere, die aus andern Gründen dem Liberalismus untreu geworden sind. Sie konnten den Nachwuchs eines neuen Geschlechts nicht ertragen ? es ist in Frankreich ebenso gegangen: die in der alten französischen Kammer einst die äußerste Linke bildeten, die ausgezeichnetsten Glieder der ehemaligen Opposition sind nur darum in die rechte Mitte des Centrums hinaufgerückt, weil sie nicht ertragen mochten, daß eine Weisheit, die ihnen geborgt war, sich in jugendlichen Gemüthern lebendiger bethätigte. Die Menschen erschrecken nicht so sehr vor dem Was als vor dem Wie. So sind in Deutschland die ehemaligen Heerführer des Liberalismus die legalsten Organe der Regierung geworden.“

Ich möchte gern etwas Kluges über das Buch sagen, und ich komme zu nichts, als Stellen daraus zu citiren: es ist dies das sicherste Zeichen, daß dasselbe selbst etwas Kluges ist; es hat mit seinem Reichthum mich überwältigt, ich habe mich auf Gnade und Ungnade ergeben. Wie jedes bedeutende Buch, besitzt es die Fähigkeit, alle schlummernden Kräfte des Geistes und Herzens zu wecken, aber da ich bald nach dem Lesen schreibe, so gestattet seine geistige Despotie noch zu wenig Selbständigkeit.

„Du hast Recht. Wir kämpfen nur um die Wege zum Ziele, kennen aber das Ziel selbst nicht. Der letzte Grund unserer Wünsche ist noch kein bestimmter Zustand, sondern nur die [1420] Möglichkeit, sich frei zu bewegen, das Mittel, einst irgend einen Zustand herbeizuführen. Wir wollen die Freiheit haben, künftig Das zu sein, was wir sein werden. Das Zeitalter der Revolution deutet auf eine neue Schöpfung.“

„Ich glaube es nicht, daß einst in Buchstaben wieder geredet wird. Die Liebe wird herrschen. Aber die Liebe steht nicht unter dem Gesetz, sie ist Feindin des Gesetzes, wie Du schon in der Bibel lesen kannst. Viele Dinge werden dann aufhören, besonders die, die jetzt schon keinen Sinn mehr haben. Auch wird es keine Helden und Hofräthe mehr geben, weil man die Dummen von den Klugen mehr unterscheidet. Diese haben sich bisher so unterschieden, daß die Klugen an den Dummen zu Rittern, die Dummen an den Klugen immer zu Hofräthen wurden. Das nimmt Alles ein Ende. Nur die Liebe nicht und die Treue nicht.“

Ich weiß wahrlich über das Buch nichts Besseres zu sagen, als ich gethan, denn es sagt selbst das Beste; ich verweise den Leser noch auf das spaßhafte Bengel’sche Jahr 1836, wo unser kluger Narr die Prophezeihungen der Apokalypse sehr spaßhaft ausgehen läßt zu Frankfurt und anderswo, und ich schließe mit einem offenherzigen Danke für den Verleger, der das Buch gebracht.

2. [Wolfgang Menzel:] Humoristische Literatur. 14) Briefe eines Narren an eine Närrin. In: Literatur-Blatt. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 7, 16. Januar 1833, S. 25-28. (Rasch 14/1.33.01.16)

[25] „Den nachfolgenden Briefwechsel ? von dem, wie vom Monde nur eine Seite sichtbar ist ? fand der Unterzeichnete bei einem unruhigen Kopfe, der selbst in seinem Tode die Narrheiten noch nicht lassen konnte. ? Nächtlich ward ich aus meinem Schlafe durch ein ungewöhnliches Lärmen und Poltern aufgeschreckt, und vor einigen Monaten gelang es mir in einer mondhellen Stunde zwei Schädel über die Gräber des Friedhofes tollen zu sehen, die sich bald zu necken, bald zu küssen, erst zu verfolgen, dann wieder sich zu nähern schienen. Ich trat heran, und bemerkte an beiden silberweißen Schädeln einen seltsamen Schmuck, die Augen- und Ohrhöhlen waren mit Blumen besteckt, der eine trug zwischen seinen Zähnen eine Rose, der andere eine Lilie. ? Ich mochte aber den Spuck nicht länger ertragen, und schlug nach §. 7 meiner Bestallung, die mir erlaubt, jeden Ruhestörer von der mir anvertrauten Stätte mit den gerade zu Gebote stehenden Mitteln zu vertreiben, dem Rosenritter mit meinem Spaten die Hirnschale von einander, die Lilie entsprang, und in meinem scharfen Eisen saßen die nachstehenden Briefe, hier und da durch den Hieb verlezt, was der Kenner an seinem Orte finden und meinem Eifer zu Gute halten wird.“

Die Briefe selbst gehören zu dem Geistreichsten, was in neuerer Zeit geschrieben worden ist. Unbeschadet der Narrheit herrscht ein Schmerz darin, der an Jean Pauls Schoppe und Giannozzo erinnert, und der oft in weiche Wehmuth übergeht. Diese Sentimentalität ist entschuldigt durch den Gegenstand, an den die Briefe gerichtet sind, denn es sind Liebesbriefe, und überdies wechselt Weinen und Lachen hier ganz so ächt humoristisch ab, wie bei Jean Paul. Ich halte diese Weichheit in der That für einen Vorzug vor der rauhen Manier, die durch Heine und Börne aufgekommen ist, denn der allzu stoische Hohn und die sarkastische Mitleidlosigkeit schließen eine gewisse Zartheit der Empfindung aus, die auf dem poetischen Gebiet eben so erwünscht ist, als sie allerdings aus dem publicistischen verbannt werden muß.

Folgende Beispiele mögen den Geist des Buchs näher erkennen lassen: „Ich schätze in Dir mehr, als man an Wesen Deines Gesch[l]echts zu schätzen gewohnt ist. Du bist nicht unbekannt mit den Grazien, und doch ein Frauenzimmer von der ernsthaften Gattung. Du gleichst dem chinesischen Glockentempel, wenn er den Ernst bedeuten soll, eben so sehr wie der Maiblume, wenn ich darunter die Freude verstehe; nur daß die lezte duftende [26] Glocke oben im Wipfel sich den Strahlen der Sonne öffnet, und ich schmeichle mir, diese Sonne immer für Dich gewesen zu seyn. ? Du sendest mir eine Haarlocke, mit einem rosaseidenen Bande geziert. Sie muß auf der Reise schlecht gelegen haben, das sonst so dunkle Haar war ausgebleicht, und schien sehr grau. Das Gräuliche hat auch mich angesteckt, mein dunkelblonder Haarwuchs ist seither so weiß geworden, wie die schneebedeckten Fluren, die sich dort drüben vor meinen Augen ausbreiten. ? Ich weiß nicht, ob Dir auch so ist. Mein Leben ist mir schon so alt, und doch fühl’ ich mich zuweilen jung, als lebt’ ich noch immer, obschon ich gewiß weiß, daß ich wenigstens einmal gestorben bin. ? Glaubst auch Du nicht daran, daß ich im Grunde nur ein Mährchen bin? Mit dem Greisenhaupte meines Januskopfes seh’ ich in die dunkeln Nebelpforten fernster Vergangenheit, und mit dem Jünglingsblicke auf die Wiege, als wär’ ich erst gestern geboren. Da hab’ ich ein altes Buch voller wundersamer Geschichten, ich spiel’ in ihnen immer die Hauptrolle, die verzauberten Prinzen. Jezt in einen schwarzen Käfer, dann in eine glühende Kröte, oder auch in ein todtes Marmorbild verwandelt, harr’ ich auf Liebe und Unschuld, die meinen Zauber lösen können. ? Deine Liebe und Unschuld hören gewiß meine Klagen, die jezt einsam durch die Nacht tönen, und von den Vögeln in Musik, von den Blumen in Duft gesezt werden. Liebste! erinnerst Du Dich wohl noch jener Zeit, als ich die Anatomie Deiner Blicke studierte, als ich bei Deinem Herzen ansprach um einen gefälligen Beitrag zu der Kollekte, die ich nach dem großen, von Deinen Augen in mir angerichteten Brande bei allen himmlischen Wesen sammeln ging? Oder wie war das? Man vergißt seine Freuden leichter, als seine Leiden. Ich habe so viel vergessen, waren das Alles Freuden?“ Und folgendes originelle Bild: „Ist Dir nicht bekannt, daß der Mond nicht das Symbol der Liebe, sondern nur der Ehe ist? und zwar der ewig schmollenden? Der Mann im Monde, nicht der Pseudo-Claurensche, der auf keine Nerve mehr wirkt, sondern jener, den ich täglich sehen kann, wenn ich an meiner Rosenhecke die Nacht abwarte, lebt in zwistigen Verhältnissen mit der Frau im Monde, die Du von Deiner Wohnung aus sehen kannst. Der Streit soll daher kommen, daß der Mann nur sein Gesicht in Thätigkeit sezt, und übers Küssen nicht hinausgeht. Die Hunde bellen den Mond auch wirklich nur in bestimmten Zeitläuften an; sie machen ihm damit ordentlich Vorwürfe. Bewundere aber das große Naturgesetz daran. So lange die Eheleute im Monde sich den Rücken zukehren, herrscht die himmlische Liebe hienieden im irdischen Jammerthal. Versöhnen sich die aber da oben, und wenden sich die Vordertheile ihres ganzen Körpers zu, so geht die Welt unter, also eigentlich vor Liebe. Wie ich immer gesagt habe, wird der Untergang der Welt eine wahre Lust seyn.“

Ueber Polen sagt der Verfasser: „Man ist dahinter gekommen, daß die schönste Pracht der Lenzesfeier in nichts Anderem besteht, als in den blühenden Pfirsichbäumen, wenn sie über Hecken und Gartenzäune uns mit ihren weißen karmosingesprenkelten Blüthendolden grüßen. Der Frühling hat sich für die polnische Sache entschieden, und die Nationalfarben des Landes zu den seinen gemacht, darum soll er nun in keinem deutschen Bundesstaat eingeführt werden. Man will das Erwachen jeder Leidenschaft vermeiden, vielleicht sezt man auch voraus, daß zwar die Blindheit der Menschen diesen wunderbaren Fingerzeig des Gottes in der Natur wie alles Tiefe und Ahnungsreiche nicht finden wird, doch fürchtet man, daß die Vögel auf den Zweigen von den Farben verlockt und an schönere Hoffnungen und Träume erinnert, von der gehässigen Sache singen könnten. Man weiß es, daß die Deutschen auf diesem Wege der Dichtung immer zur Wahrheit kommen. Das will vermieden seyn, daher diese Maßregel.“

Ueber den Kontrast unsrer Hyperkultur und der nordamerikanischen Roheit: „So ein Nordamerikaner ist, gegen einen simpeln Europäer genommen, doch äußerst unvollkommen daran. Jeder Professor auf dem Katheder, jeder Gassenjunge unter uns kann mit Recht zu ihm sagen: schäme dich, du Neuvolklicher! du bist nur ein halber Mensch, und hast ganz und gar keine historische Anfänglichkeit an dir. Du weißt weder von wannen du kommst, noch wohin du fährst. Du bist eine Waise und ein Bastard zugleich. Du ermangelst jener historischen Grundlage, die das breite Fundament unseres Daseyns bildet. Dein Staatsleben ist nicht mehr werth, als der todte Mechanismus einer Uhr. Du kannst nichts von dem geheimnißvollen Rauschen jener tiefangelegten Quellen des Geistes vernehmen, die mit ihren goldhaltigen Wogen durch Jahrhunderte strömten. Du weißt nicht, wie von den Bergen der Heimath die Geister der Vergangenheit winken. Die Leier ? nicht einmal zerbrochen ist sie dir, du hattest nie eine ? und dein Schwert kannst du nicht an den Stamm einer tausendjährigen Eiche als Weihopfer hängen! Was fühlt so ein Kerl wie du von dem Zauber einer Elegie in den Ruinen eines alten Burggemäuers!“

Sehr unterhaltend ist das Gemälde, das von der protestantischen Geistlichkeit entworfen wird: „Drei Bearbeitungen des gemeinen Mannes von Seiten der Seelensorger lassen sich unterscheiden. Das kleine Häuflein der Gläubigen rückt immer dichter und näher zusammen. Sie tauchen in ihre Empfindungen und Selbstbeschauungen unter, und hören vom Lärm des Tages nur ein fernes, unverständliches Rauschen und Murmeln. Sie wissen aus [27] der Apokalypse, daß das lezte Thier bald losgelassen wird. Die Erscheinung des Antichrists kann nur noch wenige Jahre dauern. Wenn nun die Entscheidung wie ein Fallstrick oder ein Dieb in der Nacht eintritt, so sollst Du sorgen, daß Du wachend und betend erfunden werdest. Andere Kanzelredner wollen in der That zeitgemäß werden. Aber sie sind zu ästhetisch gebildet, um an den Wirren dieser Zeit Wohlgefallen zu finden. Sie stehen den Fürsten, besonders den weiblichen Gliedern der Höfe so nahe, daß sie zu Seitenblicken auf die arge, böse Welt beständig versucht werden. Sie predigen über Unruhe und Verwirrung, über Völker, die frevelnd am Heiligsten gegen ihre Fürsten aufstehen, über die Verläugnung aller Liebe und alles Vertrauens. In Preußen sind die Prediger nach Vorschriften der Konsistorien gehalten, solche Themata ihren Vorträgen an bestimmten Sonntagen unterzulegen. Aber es freut mich, daß diese Fürstendiener ihre Zwecke durch ihr eignes Verfahren zerstören. Der größte Theil ihrer Zuhörer besteht aus genießenden Residenzbewohnern, die die ganze Woche Sorge tragen, die unangenehmen Eindrücke der Zeitgeschichte von sich fern zu halten. Des Sonntags holen sich diese aus den Kirchen nichts weniger als Trost und Beruhigung; es werden das erst recht die Oerter, wo die Wunden aufbrechen und das Blut wieder zu fließen anfängt. ? Die lezte Klasse unterscheidet sich zwar von der vorigen durch die Art der Auffassung nicht, doch steht sie tief unter jener, weil sie unredlicher ist. Die sächsischen Hof- und Leibpastoren brüsten sich mit ihrer Freisinnigkeit, ihrem Lutherthum, und was in bestimmten, vorliegenden Fällen, wo sie zeigen konnten, an welchem Fleck ihnen das Herz sizt, aus ihrem kühnen Munde gegangen ist, beweisen die kurz nach den sächsischen Unruhen in Leipzig, Altenburg, Dresden und sonst gehaltenen Predigten. ? Da stehen wir wieder bei unsern Jesuitenhelden, den Vorkäm[p]fern für Licht und Wahrheit, bei der großen Opposition gegen Montrouge und das Freiburger Seminar, bei den kühnen Cölibatsgegnern, kurz bei dieser ewigen Schande der Unredlichkeit auf der einen und der Leichtgläubigkeit auf der andern Seite. Mit der rechten Hand schreibt in Leipzig Einer gegen die Polen, mit der linken für die Juden, und er bleibt derselbe Hort der Freiheit. Gegen den edlen G. Rießer glaubt sich ein Anderer in Heidelberg bestimmt erklären zu müssen, so lange man den aber noch gegen Römlinge reden hört, bleibt er seines liberalen Rufes gewiß. Neulich hat Jemand, den ich nicht gern nenne, angekündigt, er wolle kein Bedenken tragen, er wolle das große Wagniß unternehmen, das konstitutionelle monarchische Princip gegen die Republikaner zu vertheidigen. Wo sind diese Gegner? wo sind diese Republikaner, an denen er sich messen will? wo steckt ihr denn, ihr deutschen Republikaner! Heraus, daß wir euch sehen! Redet, daß wir euch hören! Niemand da? Keiner? gar Niemand?“ Ueber dieselben Tapfern heißt es an einer andern Stelle: „Fallstaff wird von seinen Gesellen wirklich für tapfer gehalten. Die vermeinten Heroen der Freisinnigkeit sind bei uns in dieser Weise oft die Unterthänigsten. Sachsen steckt voll solcher Leute, die in jedem ernsten Triumvirate nur den Lepidus abgeben müßten, die aber als Erzketzer im deutschen Reiche verschrieen sind. Sie schießen Jahr aus Jahr ein die giftigsten Pfeile in die Weite, noch kann ich mich aber keines entsinnen, den sie getödtet hätten. Sie könnten Satiren auf die Religion des sechsten Welttheils schreiben, sie würden noch immer als Heroen der Freiheit gelten.“

Von Preußen heißt es Seite 155: „Du hegst die Besorgniß, alle Dinge im Himmel und in Preußen seyen nun ausgedacht. Aber Hegels Einfluß war doch nur unwesentlich im Preußischen, der Organismus des Landes und der Regierung ist noch immer Fichtisch. Fichte hat eine tiefere, mehr auf Grundlagen gebaute Stellung zum preußischen Staate gehabt. Hegel hat dem Gerüst zwar erst die Krone aufgesezt, doch nach abgehaltener Baurede muß man sie wieder abnehmen und mit Schornsteinen ersetzen. In friedlichen Zeiten mag der Staat die Eitelkeit besitzen, sich sogar in einem philosophischen Systeme wissenschaftlich konstruirt zu sehen. Im Augenblick der Noth ruft man aber jene kräftigen Naturen wieder auf, die mit Rath vorangehen, dann selbst Hand ans Werk legen, wenn der Feind vor den Thoren ist, Schanzen aufwerfen, und sich als Landsturm auf die Pike legen. Fichte kann die Folgen nicht geahnt haben, die seine Bestrebungen für das Wohl des Staates, der ihm einst Schutz und Sicherheit gewährte, dort nach sich gezogen haben. Die schroffe, nüchterne Manier des Borussianismus ist die den allgemeinen deutschen Zwecken meist so feindselige Konsequenz eines Systems, das sich an seinen Namen am passendsten anschließen läßt. Unter seinem leitenden Kompasse hat man dort eine Welt entdeckt, die tiefer begründet seyn will, als die gemeine Wirklichkeit, aber auch höher liegen soll, als die Gesetze der Vernunft. Ich will Dir die Beweise nicht schuldig bleiben. Der öffentliche Geist in Preußen bricht sich in drei Fulgurationen: Die Beamten oder die Altpreußen, die Geistreichen oder die Cavaliere und Liebhaber des preußischen Staates und endlich die sogenannten preußischen Liberalen. Der Schlüssel dieses harmonischen Dreiklangs ist die Erziehung, wie sie war und noch ist. Die erste Klasse bildet sich durch die vaterländischen Erinnerungen, sie ist die solideste Grundlage des preußischen Systems; fast anziehend, wenn man sie in ihrer Seligkeit gewähren läßt; unerträglich, wenn sie in einen Kampf mit fremden Ansichten geräth. Das Herz dieser Patrioten schlägt für Friedrich Wilhelm so rein, wie es nur eine Braut verlangen könnte. Wenn einem Gliede [28] der königl. Familie die Nase blutet oder ein Ohr saust, so sind sie traurig, und sehen sich einander bedenklich an. Ließe sich ein Prinz eine Gemahlin aus dem Reiche der Irokesen kommen, die Patrioten kämen zu keinem Gastmahle zusammen, wo nicht der indianischen, schwiegerväterlichen Majestät ein entzücktes Hoch gebracht würde. Es ist liebenswürdig, man möchte Thränen vergießen. Die Schulen erhalten diesen Sinn, vaterländische Erinnerungsfeste beleben ihn, die Frauen machen ihn poetisch. Wir haben hier ein Gedicht, ein Epos der Ueberzeugung. Welche Stellung dazu Fichte einnimmt, könnt’ ich aus meinem eignen Leben beweisen. Meine erste Jugend fällt in jene Zeit, wo die preußische Regierung sich vor Kindern fürchtete. Wenn wir einst auf dem Exercierplatze bei Berlin vor Hoheiten und Majestäten Uhren u. dgl. Habseligkeiten von weit über hundert Fuß hohen geschälten Fichten herunterbrachten, wie konnten wir da gefährlich werden? Es ist wahr, wir glaubten an ein freies, unabhängiges Leben, aber die Jugend ist nie folgsamer, als wenn sie unter dem Schein vollkommener Willensfreiheit erzogen wird. Es ist noch mehr wahr, wir traten in die Burschenschaft, substituirten in unsern Liedern statt Landesvater Vaterland, wir deklamirten viel vom Nibelungenhorte, der im Rhein läge, von der deutschen Kaiserkrone, aber wer unter uns hätte sie nicht Friedrich Wilhelm dem Gerechten zukommen lassen? Es ist wahr, wir ließen uns einen längern Bart stehen, als der militärisch gut gethan wurde, war das aber ein Grund, die angeblich hölzernen Urquellen dieser Begeisterung abzubrechen, die sandigen Laufgräben in der Hasenhaide zu verschütten, jenen herrlichen Irrgarten ebenda zu zertreten? Die Freiwilligen, die Lützowschen, die Turnenthusiasten sind Preußens festeste Grundlage; konnte irgend ein anderes deutsches Territorium ihrer Begeisterung größeren Spielraum geben? Wenn so ein purificirter preußischer Demagog es bis zu einem Oberlehrer etwa in Märkisch Friedland gebracht hat, so schreibt er als Ritter des eisernen Kreuzes noch nach den Julitagen ein kleines Gemälde der großen Völkerschlacht bei Leipzig, als Zeitgemäßestes. Ein Arndt, der den Franzosen vorwerfen kann, daß sie nicht wie wir germanischen Blutes sind, ist in den Burschenschaftstrümmern der preußischen Universitäten noch immer der Prophet und Gesalbte. So sehr ich Dich, meine Theure, als Ritterin des Louisenordens verehre, und die Nadelstiche segne, mit denen Du den erblindeten preußischen Kriegern das himmlische Auge der Wehmuth und des gerührten Dankes öffnest, so hat es doch immer Händel gegeben, wenn meine Kollegen nicht nur mit 13 und 14, sondern sogar mit Anno 6 anfingen, und von Louisa, Thusneldas Kinde und der einsam blühenden Rose sangen. Also das Preußenthum kann gar nicht untergehen, denn die Sentimentalität geht nie aus. Nein, auch das ist nicht der Grund; die Regierung dürfte nur die Empfindungen des Herzens verbieten, sie würden dennoch ein Organ finden, mittelst dessen sie ihre Gesinnungen an den Tag legten. Es geht in Preußen, wie in einem alten Mährchen, wo die Feinde des tugendhaften Sultans, selbst wenn sie ihn schmähten, verdammt waren, nur sein Lob auszusprechen. Die zweite Klasse sind die K. P. Staatsnarren, die in Preußen, Gott weiß, was, verwirklicht sehen. Den Kennern der deutschen Literatur kann es nicht fremd seyn, daß der Fichteschen Lebensansicht die Steffenssche sich gegenüberstellt. Sollte Steffens wirklich den Hegelschen Lehrstuhl erhalten, so ist diese zweite Klasse nach einer gewissen historischen Typik sogar mathematisch richtig bewiesen. Die tiefern in der Burschenschaft genährten Ideen über Volksthümlichkeit, Einfluß der Religion auf die Individualität der Völker, über die Nothwendigkeit gewisser theokratischer Lebensformen, gehören hierher. Du weißt, ich war einmal ein leidenschaftlicher Verehrer dieser Ansichten. Du tolles, unruhiges Weib, nanntest mich damals einen Quietisten, und wolltest mich stricken lehren. Auf einer Reise wollt’ ich Dir die Beweise vorbringen. Wir durchstrichen die deutschen Gauen, gingen immer nur Flußgebieten und Bergrücken nach, suchten und forschten nach den natürlichen Gränzen der einzelnen deutschen Staaten. In den tiefsten Gegenden lauschten wir, ob wir nicht wo die Quellen der sogenannten alten Naturempfindung sprudeln hörten. Springruthen legten wir des Tages wohl zu hundert Malen an, ob uns nicht wo die sogenannten historischen Bedingungen wie Erz und Silber entgegenblinkten &c. Die Mathematiker mühen sich mit der Quadratur des Cirkels ab, jene sublimen Theoretiker mit der Centralisation eines Vierecks. Sie suchen den Mittelpunkt des preußischen Staates, sie glauben ihn in Diesem oder Jenem gefunden zu haben. Der Kampf des Mechanismus und Organismus in der Politik ist ihnen für Preußen durch den Sieg des leztern entschieden. Wir wollen abwarten, wie sich ihre Illusionen aufdecken, wie die nackte Wahrheit einst sprechen wird. Der preußische Liberalismus wird von Raumer repräsentirt und Hegel ist ihm sehr verwandt. Man liest mit Theilnahme die fremden Zeitungen, und wagt einiges für Preußen zu hoffen. Man hört nicht ungern die Vorlesungen des Professors Gans und liest mit Vergnügen Börnes und Heines Schriften. Nur wird an allen diesen Richtungen eines freiern Geistes nicht der Inhalt, sondern nur die Form beachtenswerth gefunden; mißfällt die leztere, so ist jener völlig verloren, statt daß umgekehrt die Wahrheit die Schwäche ihres Organs entschuldigen sollte. Zu den preußischen Liberalen rechnet man Juden, als äußerste Linke, den Handelsstand als Centrum, die gemäßigtsten sind junge Beamte, Juristen und einige vom Militär. Hegel gehört in diese Kategorie; nicht so sehr durch sich selbst, als durch seine Schüler. Obschon Raumer von ihm ziemlich entfernt stand, so kann man doch sagen, daß Hegel die Doktrin des preußischen Liberalismus mit Ueberzeugung in seiner Art a priori konstruirte, Raumer übersezt sie ins Altpreußische, Gans ins Französische.“

3. [Heinrich Laube:] Literatur. Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg bei Hoffmann u. Campe, 1832. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Nr. 42, 28. Februar 1833, S. 165-168. (Rasch 14/1.33.02.28)

[165] Ich habe schon mehrmal in unserm Literaturblatte darüber gesprochen, daß es Mode geworden ist, sich selbst zu Papier zerstampfen, drucken, einbinden und als Buch verkaufen zu lassen, daß die Schriftsteller sich ganz und selbst hinmalen auf das Papier. Es ist dies etwas Natürliches: in einer Zeit des Sturmes, der Prüfung, des Werdens, da rettet Jeder zuerst seine Person, er macht sich selbst tüchtig, um zu bestehen, er regt alle Glieder, um bei der neuen Schöpfung mit zu wachsen, mit neu zu werden. Millionen Einer bilden eine Million; in einer zersetzenden, kritischen Zeit erfährt man das; darum rüsten sich in ihr die Einer, um eine starke Million zu bilden. Wenn man eine Maschine reparirt, so wird jede einzelne Schraube in guten Stand gesetzt, solch eine Zeit der Reparatur ist eine kritische Epoche, daher sucht jeder Einzelne sich in guten Stand zu setzen, daher treten so viel Personen und so wenig Sachen in unsern Tagen auf. Die Sachen haben sich Gesichter aufgesetzt, darum ist in allen Wissenschaften ein[ ] solcher Lärm, darum sind alle lebendig worden. Sie fühlen, daß wer sich in dieser kurzen Zeit der Vergnügung [recte: Verjüngung?] nicht eiligst im Thau der neuen Lüfte badet, verfaulen oder verdorren wird, wenn die Wolken vom neuen Himmel verschwinden und die neu polirte Sonne ohne Unterlaß strahlen werde. Darum haben sich die Sachen Beine angeschnallt und kommen eiligst herbeigelaufen. Wenn man neue Gesetze machen will, muß man die Menschen ansehen und kennen, für die sie gemacht werden sollen. Es ist eine Freude, wie die Menschen sich jetzt am Abschlusse unsers neuen Codex herbeidrängen, um sich sehen zu lassen, und Jeder schreibt seinen Stammbuchvers in das große neue Buch, und wenn Keiner mehr kommen wird, dann ist das Buch fertig, und die Zeit vollendet. Das ist die Geschichte von der Subjectivität. Darum müssen wir Alle die, welche noch etwas hinzuzusetzen oder zu ändern haben am neuen Gesetzbuche aller Dinge im Himmel und auf Erden, darum müssen wir sie erinnern, eiligst aufzusitzen auf den Schreibesel, damit sie vor Abschluß der großen Weltrechnungen ankommen im Publicum.

Es ist eben so thöricht, die Subjectivität unserer literarischen Epoche ohne weiteres verwerfen zu wollen, als es thöricht wäre, den Frühling zu tadeln, daß seine Blüthen so viel Farben in unsere Augen werfen, ohne Früchte für unsere Hände zu haben, daß der Baum ein Blatt, eine Knospe nach der andern aufschließt, und nicht alle auf einmal ? wenn alle einzeln aufgegangen sind, da ist der Baum grün, wenn alle Schriftsteller zusammengekommen sind, dann haben wir eine Versammlung, und so wie der grüne Baum Früchte zeitigen wird, so wird unsere Versammlung Gesetze beschließen, und über Nacht wird der Sommer und über Nacht wird der Herbst da seyn, und Niemand wird die Personen mehr sehen vor den baumhohen Grundsätzen, die aus dem Samen ihrer Rede aufgeschossen sind vor ihnen. Es ist [166] so leicht, Geschichte zu erlernen, aber die Menschen haben nicht sowohl ein zu kurzes, als ein zu schmales und zu niedriges Gedächtniß, die Massen der Geschichte gehen nicht hinein, die hohen Gebäude der Jahrhunderte stoßen sich den Giebel ab, und ein Mensch ohne Kopf ist freilich schwer zu erkennen. Wie Wenige finden darum die Jahreszeiten heraus in der Geschichte, wie Viele haben das vorige Jahrhundert mit seiner Bequemlichkeit und Ruhe für einen vergnüglichen, gesegneten Sommer gehalten, wo die Menschheit im Schatten der hohen Aehren schliefe, wie Viele halten das jetzige für einen harten Winter, der alle Schönheit zerstöre. Der Winter folgt aber nicht auf den Sommer, sondern der Frühling auf den Winter, jene Zeit des Schlafs war die Siebenschläferepoche Europas, und auf der Chaussée von Paris nach Versailles schlug der junge Frühling aus der Erde, und alle die Subjectivität, die wir um uns sehen, welche ihre kaum aufgeblühten Blätter durch alle Bücher wirft, ist eitel Frühling und Jugend. Wenn man jung ist, gilt die Person, daher die Persönlichkeit unserer Literatur.

Wenn erst die Meisten diese Persönlichkeit unserer Literatur verstanden haben, dann ist ihr Sieg entschieden, das heißt: dann hört sie auf. Wenn der Frühling vollendet ist, tritt der Sommer ein. Wie thöricht ist es also, das Wachsthum unserer jungen Generation durch Kopfsch[l]äge u. dergl. aufhalten zu wollen; wenn das Pferd mit mir durchgeht, so sporne ich es noch obenein: um so schneller kommt es dann mit seiner Eil zu Ende ? man soll lieber unsere Zeit spornen, daß sie recht viel aus ihres Herzens Fülle bringe, um so eher kommen wir dann zu Kopf und Herz, denn erst wenn das Herz leer geworden ist, sehen sich die jungen Leute nach dem Kopfe um.

Wenn dreißig solche Narren kommen wie der vor mir liegende, so ist die Narrheit überwiegend, und alsbald Weisheit, denn der Narr ist nur Narr, weil Niemand seine Narrheit theilt; wenn unter drei Personen eine gescheidt ist, so ist die eine Person der Narr, denn der Glaube der Majorität ist unser Bischen Wahrheit auf diesem Planeten. Dreißig solche Narren wie mein närrischer Briefsteller könnten alsbald die gesetzgebende Versammlung des modernen Europa bilden, und die Subjectivität könnte alsbald vorbei, und die Objectivität da seyn. Es wird mir Angst, wenn ich den Gedanken ausdenke: ich will’s nur gestehen, daß mich der Kampf mehr erfreut als der Sieg, denn der Kampf ist poetisch, und der Sieg ist das Ende, und alles Ende ist traurig, ist Tod. Wer verliert gern seine junge, warme Geliebte, auch wenn er weiß, daß seiner eine schönere harrt; ob und wie sie ihn lieben, ob und wie er sie lieben werde, ist ihm ja unbekannt. Wer möchte nicht lieber jung seyn, trotz aller Unvollkommenheiten der Jugend, und wenn dreißig solcher Narren kommen, da ist es vorbei mit unserer Jugend, da sind wir gesetzte, wohlerfahrene Männer, und mit meiner muntern, herumspringenden Kritik hat’s auch ein Ende. Ja, solch ein Narr allein ist liebenswürdig wie ein rothwangiger Knabe, aber ein mit solchen Narren angefülltes Haus ist kein Knabe mehr, ist ein schöner Mann, vor dem ich Respect haben muß. Es ist aber doch immer noch schöner, zu lieben als zu achten.

Dieser Briefsteller ist aber darum so liebenswürdig, weil er so viel weiß und so wenig wissen will, weil er so reich ist und doch zu Fuß geht, weil er nicht blos gelehrt, sondern auch gebildet, nicht blos gebildet, sondern auch poetisch ist. Was uns das Wissen, die Natur und das Leben immer so verleidete, das war unsere philisterhafte Manier, mit dem Buche in der Hand hinauszutreten in die grüne Erde und die Schöheit derselben zu beweisen. Was wir aber beweisen können, ist nicht das Größte für uns, sondern das Kleinste, denn des Bewiesenen sind wir Herren. Nun war aber das Buch vor langer Zeit und in dumpfer Stube geschrieben, und ein kleiner verstorbener Zwerg neben der ewig neuen, ewig lebendigen Natur; daher kam unser unerquickliches Wissen. Unser Narr aber springt mit offener Brust und mit leeren, ausgebreiteten Händen hinaus in die Welt und examinirt die Natur nicht, sondern läßt sich von ihr examiniren und antwortet munter und aufgeweckt. Darin ruht die schöne Poesie dieses Buches, und nun kann Philosophie, Geschichte, Physik, Mathematik, und Gott weiß was für eine Wissenschaft, an die Reihe kommen, Alles wird angenehm, weil es aufsprudelt aus den frischen Quellen der Erde. Er macht nicht mit der Wissenschaft die Natur, sondern die Natur macht ihm die Wissenschaft. Darin ruht’s, und das ist die Poesie der Gelehrsamkeit, und diese ist der unbezahlbare Vorzug dieses Buches.

Ich schrieb früher über den Verfasser und seine Briefe Folgendes: „Es ist erquickend, wenn man in dem Wirthshaustreiben der heutigen Welt einen Mann von Bildung findet, einen Mann der poetischen Humanität entdeckt, mit dem sich ein Wort des ungebundenen Geistes reden läßt, der nicht so viel Paragraphen aus der Tasche zieht, daß das Gespräch ein wohlgeordnetes System werden muß. Solch ein Mann ist dieser Briefsteller; ich habe mich sehr gefreut, seine Bekanntschaft zu machen. Es ist ein Vortheil, daß unsere Zeit die materiellen Bedürfnisse so streng ins Auge faßt, daß [167] die Schriftsteller der neuen Zeit auch die Oekonomie unterjocht haben; aber es ist eine Erholung, wenn man einmal ein Buch hindurch nichts von den Bedürfnissen des Schlundes und Magens hört, wenn man einmal die Sprünge, ja seyen es auch Capriolen, des bessern Menschen, des geistigen, innerlichen ansieht; es kommt uns dann auch wieder die alte Turnregsamkeit des Geistes und Gemüthes, welche in Fesseln geschlagen ruht durch die gesetzliche philisterhafte Anständigkeit unserer bürgerlichen Denkweise; alle die liebenswürdigen ungezogenen Gedanken, die nicht für das polizeiliche Sonnenlicht gedacht sind, wachen wieder einmal auf, öffnen forschend die Schalksaugen und klingeln mit den Schellen, all der Uebermuth der unermeßlich innern Freiheit schüttelt das alte stehende Wasser von den Flügeln und macht sie flügge. Man vergißt einen Augenblick und länger Alles das, was wir von Freiheit opfern müssen, um in einer Gesellschaft zu leben, man springt keck über Zäune und Hecken, und weil man fühlt, man meine es mit Jedermann redlich und gestatte Jedermann ein Gleiches, so hat man dabei ein fröhliches Genießen und spottet lächelnd aller Formenängstlichkeit. O, es ist etwas Göttliches um den muntern Springquell der Freiheit im Herzen; das wußten selbst die ältesten schlechtesten Herrscher und hielten sich Hofnarren. Denn der Hofnarr jener Zeit ist nichts als ein verzerrtes Bild unserer innern Ungebundenheit. Und nur der, welcher dies Alles nicht versteht, ist sein baarer Gegensatz, der durch und durch zusammengeschnürte Philister. Und wenn wir die ganze Welt werden eingeschachtelt haben in System und Ordnung und Rechnungszuverlässigkeit, so werden wir doch nichts haben als ein ärmliches Erzeugniß, ein klägliches Abbild unsers irdischen Menschen, sowie die feinstfühlenden Mystiker nur einen jämmerlichen Menschengott aus menschlichem Material zusammenfühlen ? sollen wir uns nicht entschädigen für unsere zuverlässige Armuth, indem wir unseren besten innern Thätigkeiten je zuweilen den Zügel schießen und sie herumjagen lassen nach den Lichtfunken der Göttlichkeit. Wir opfern ja die individuelle Ungebundenheit gern der Gesellschaft, ja wir helfen die neue Zeit verherrlichen, weil sie das Individuum mit starker Hand rettet aus alten unnützen Banden; wir helfen sie aufrichten die neuen Schranken der Gesellschaftlichkeit, wir helfen sorgen für beengendes Recht und beengende Ordnung, weil sie Bedürfniß sind für die Allgemeinheit ? aber laßt uns zuweilen auch, frei von den nothwendigen Fesseln, schwärmen in kecken Vernunftoperationen, laßt uns zuweilen ganz frei seyn. So geht es ungefähr in diesen Briefen her; es ist ein zügelloses Treiben; aber es ist ein liebenswürdiges Treiben; ach, und es ist auch ein schmerzliches, daß noch so viel Freiheit übrig ist, welche Ordnung, gesetzliche Ordnung werden könnte und noch nicht ist.“

Ich halte es noch für richtig, was ich da geschrieben, aber nicht für das Richtige. Die Scheibe ist getroffen, aber nicht der Mittelpunct. Mit jenen Worten aber hoffe ich ihn zu treffen: die Poesie der Gelehrsamkeit ist der Vorzug dieser närrischen Briefe. Das Herz nimmt den Kopf bei der Hand und führt ihn durch die Jahrhunderte, über die Urgebirge, durch die Meere, die Lüfte, in den Kreisen der Sterne umher. Die Briefe enthalten das Leben, aber mit dem ganzen Inbegriffe des Wortes Leben eines Mannes, der viel gelernt und empfunden hat, und der noch viel lernt und empfindet. Aus dem Hörsaale, vom Schooße des Poeten, vom Fenster des liebenden Mädchens, von der Tribune des Redners sind die Blätter geflogen, und unser geschäftiger Narr hat sie alle aufgefangen und seine Noten dazu geschrieben und ein Buch daraus gemacht.

An die alten Grundsätze, die man immer wieder hört, glaubt man am Ende nicht mehr, oder überhört sie doch, nennt sie Gemeinplätze, die nicht viel sagen wollen, und das oft mit Recht. Aber wenn man in großen Umrissen sie bestätigt findet, da erstaunt man über die Atmosphäre von Vernünftigkeit, in welcher dieser Globus kreist. Wenn Du über die Haide gehst und ein Samenkorn verlierst, und Du kommst nach Jahren wieder und hast jenen Gang längst vergessen und findest den hohen Baum, der aufgeschossen ist aus dem Keime jenes Samenkorns, da staunst Du über den gewaltigen Sinn des einfachen Wortes: „Kein Korn, das gestreut wird, geht verloren.“ ? So gingen die Geister des neuen Jahrhunderts über die Haide unserer Literatur und warfen eine Hand voll Körner hin und sprachen: Die Wissenschaften sollen nicht starr und kalt wie Eiszapfen neben einander hängen, sondern in einen großen Strom zusammenfließen, in welchem der Mensch baden und die müden Kräfte erfrischen kann. Und wenn jene Geister die „Briefe eines Narren“ lesen, so werden sie sich die Augen reiben und anfänglich nicht wissen, wie ihnen geschieht, wenn sie die ernste Jungfrau Geschichte munter die Füße heben und hüpfend in geregeltem Takte herabtanzen sehen von den ägyptischen Pyramiden über die griechischen Rennbahnen, die römischen Plätze, die mittelalterlichen Kreuze und Burgen, die deutschen ledernen Bücher bis zu den Herzen der neuen Jahre. Und wenn sie die Religion, der sonst Niemand ungestraft ins Auge sehen durfte, als einen scherzenden Genius erblicken, der Blumen und Küsse austheilt und mit schwellender Lippe alte Geschichte von Brandopfern, Geißelhieben, verzückten Mördern, rechthaberischen Tyrannen, [168] predigenden Dummköpfen, vorträgt, da werden sie erstaunt fragen: „Wie ist uns?“ Und unser lieber Narr wird ihnen antworten: Seht nur recht zu, es ist jener Baum, an dessen Entstehen ihr selbst schuld seyd. Die kleinen, jungen Ideen sind groß geworden und gefallen nur Vielen noch nicht, weil sie eben in den Flegeljahren stehen. Und das ist ja das Charmante an ihnen, daß sie wie die harmlose Jugend Interesse an Allem nehmen, was zwischen den Sonnenstäubchen spielt, daß sie nichts von Privilegien wissen und Alles lieben, wie der gewaltigste Kaiser, so lange er jung ist, mit Allen spielt, die ihm begegnen. Ich will rasch noch einige Proben aus unsern närrischen Briefen, diesem Demokratismus der Wissenschaften, diesem Kosmopolitismus der Dinge, diesem Humanitätsgastmahle aller höhern Interessen anführen, und den bunten Narren schön bitten, bald wieder zu kommen.

„O, Du Herrliche, daß ich morgen erst lesen lernte! Daß ich so Vieles nicht wüßte, was mich verhindert, Besseres zu wissen. Daß ich jene Fülle von geistiger Spannkraft und Energie zurückbekäme, die ich einst an den todten Buchstaben verwitterter Pergamentblätter nach der Sitte jener Zeit vergeudet habe. Warum muß ich so alt seyn und in dieser Frühlingsgegenwart nur Eis und Schnee unter meinen Augen haben, daß ich nun an ewigem Thauwetter leide. O, ihr Glücklichen, die ihr heute zum ersten Male in die Welt blickt!“ —

„Ich trage mich mit dem Vorhaben, die ganze Weltgeschichte von Adam und Eva bis auf mich und Dich in einer neuen Weise zu bearbeiten. Man erzählt mir zu viel in der Geschichte, man schildert nicht. Man verwechselt das Bequeme in der Methode mit dem Passenden. Die Geschichte ist kein Drama, sondern ein Epos. Der Historiker muß seine Personen zu lebenden Bildern ordnen ? ? ? ? weil die Synchronistik eingeführt werden muß.“

Ich verweise hier auf meine vorhergehende Recension der Heine’schen französ. Zustände ? wie sie einander ansehen, da sie sich auf schmalem Wege plötzlich begenen. So bildet sich die neue Gesellschaft, so finden sich die Geister, und Jeder hat seinen Kreis, und jeder Kreis hat Berührungspuncte mit einem andern, und so wird eine neue Welt, auch eine der Wissenschaft.

„Wenn die Baumeister des babylonischen Thurmes das Wesen Gottes mit Kalk und Steinen begreifen wollten, so ist das dieselbe Thorheit, die in den Versuchen der Gewalthaber liegt, wenn sie einen mächtigen Strom dämmen wollen. Der Strom glaubt ja nicht mehr an die Nothwendigkeit seines alten Bettes, wird er hier aufgehalten, so bahnt er sich dort einen neuen Weg, und das mit reißender, zerstörender Gewalt. So verfehlen sie nicht nur an der einen Seite ihre Absicht, sondern machen an einer andern Seite den Schaden größer, als er je zuvor war.“

„Ein thörichtes Weib (die Legitimität) hatte ein Kästchen voll schönster Pretiosen, Ringe, Kronen, Diademe. Um es vor jedem Einbruche aufs sicherste zu verwahren, verriegelte sie es dreifach und vierfach. Ein Dieb mühte sich aber die Nacht über nicht damit ab, es zu öffnen, und trug nicht nur die Kostbarkeiten, sondern auch das festverschlossene Kästchen mi[t] sich fort. Daheim mag er wohl Mittel gefunden haben, den Inhalt heraus zu bekommen.“

„Schon Viele sind der Sache des Liberalismus untreu geworden. Nicht darum lassen sie die Arme sinken, weil sie schwach und ermattet sind, sondern sie wollen bemerkt haben, daß sie da Streiche in die Luft geführt, wo sie nach den Befehlen der Ordner den dichtesten Streichen hätten begegnen müssen. Sie haben sich selbst auf einem gewissen Indifferentismus ertappt; sie sehen zwar ein, daß die Gegner hier und da im Irrthume befangen sind, erschrecken aber vor dem Gedanken, daß doch etwas Bestimmtes, ein gewisser Inhalt, ein Interesse ist, was Jene vertheidigen. Auch sie wollen nun mehr seyn als ein Medium, woran sich die im Hintergrunde gähnenden Massen zersetzen. ? ? Von jeher hat es Männer gegeben, die über dem Kampfe der Parteien erst den wahren Mittelpunct ihres Lebens finden wollten. ? ? ? Diese Leute verlangen von der Wahrheit, daß sie auch immer neu von ihrer Darstellung, daß sie überraschend sey. Daher verschmähen sie eine Gemeinde, wo der Schüler vom Meister nur durch den Unterschied des Alters getrennt wird. Wir Deutschen würden mehr Vertheidiger der politischen Freiheit aufweisen können, wenn sie mit unserer Kunst, Wissenschaft und Literatur inniger zusammenhinge. ? ? Es gibt in Preußen Leute, die sich schämen, das Wort Constitution in den Mund zu nehmen, und es sind sonst die schlechtesten noch nicht. ? ? Wir Deutschen, bisher allem öffentlichen Leben entfremdet, haben von den Goldminen der Wissenschaft nie geahnt, daß sie unter dem Boden des Staatslebens sich fortziehen. Unser politisches Streiten ist demokratisch, wir sind aber gewohnt, nie die Feder zu ergreifen als im Geiste unserer literarischen Aristokratie[.] ? ? Andere konnten den Nachwuchs eines neuen Geschlechts nicht ertragen. Die Menschen erschrecken nicht so sehr vor dem Was? als vor dem Wie? So sind in Deutschland die ehemaligen Heerführer des Liberalismus die legalsten Organe der Regierung geworden. Früher sprachen sie allein über gewisse Wahrheiten, jetzt thun es ihnen hundert Andere nach.“

„Du hast Recht, wir kämpfen nur um den Weg zum Ziele, kennen aber das Ziel selbst nicht ? ? dies ist aber auch das Gesetz unserer Zeit. Die Willenskraft muß bis zum Letzten im Volke wiedergeboren werden. Jetzt muß ein Jeder das unbeschränkte Gefühl seiner Person wieder gewonnen haben &c.“? ?

Es ist nichts mit den Auszügen, man bringt ein paar Blüthen und verlangt, daß die Leute den Frühling bewundern sollen.

4. Karl Gutzkow an Wolfgang Menzel, Berlin, 11. Oktober 1833. In: Houben, Gutzkow-Funde, S. 29-30.

Sie machen mir wegen meiner steigenden Bekanntschaft ein Compliment, aber Sie haben mir es nicht umsonst gemacht. Gestehen Sie es, daß Sie einen großen Theil der Schriftsteller in Ihrer Hand haben, Sie haben Spindler zu Etwas gemacht u. Spindler zehrt noch immer an dem noblen Anstrich, den er Ihren weitl?uftigen Anzeigen zu verdanken hat. Sie haben Posgaru [d. i. Karl Adolph Suckow, RJK] mit tausend Empfehlungen eingeführt, und es liegt nur an diesem selbst, daß er sie nicht benutzte. Ich will mit keinem von diesen gemessen sein, ich bitte Sie nur um die Begünstigung recht schnell etwas über mich sagen zu wollen. An meinen Briefen hatten Sie es versehen. Sie sprachen, nachdem sie im August erschienen waren, erst im Januar davon, als schon die Buchh?ndler ihre Packete schnürten, und die Krebse nach Leipzig zurückschickten. Nur Ihre sp?tere übertreibende Anzeige brachte das Vers?umte zum Theil wieder ein. Sie werden von jedem Autor und Verleger um baldige Anzeige ersucht, warum wollen Sie es aber gerade mir abschlagen?

5. H. L.: KURZE ANZEIGEN. VERMISCHTE SCHRIFTEN. Hamburg, b. Hoffmann und Campe: Briefe eines Narren an eine Närrin. 1832. X u. 326 S. 8. (1 Rthlr. 16 gr.). In: Ergänzungsblätter zur Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung. Jena u. Leipzig. Bd. 1, Nr. 9, 1834, Sp. 71-72. (Rasch Nachträge, 14/1.34.2)

Das Vorwort unterschrieb der Todtengräber Jonathan Kennedy zur Kirche des Bedlam in London. Der Vf. ist ein Deutscher, der kaum die Universität Jena verlassen hat, und voll Fictionen von Weltbegebenheiten, die größtentheils nie existirten. Er spottet über den geritterten Oberbibliothekar Münch, mit dem er sich um die Redaction des sultanischen Moniteur beworben haben will. Er schreibt [72] an einer Geschichte der Zukunft, ob an der Spree oder am Main, ist ungewiß; doch giebt er Hn. Buchholz guten Rath und lobt den edlen Rießer in Altona, verräth etwas Kantianismus, Bekanntschaft mit Menzel, Heine und Börne, und liebt die Polen. Er schließt mit Bengels Prophezeihungen, die im J. 1836 erfüllt werden sollen. Wie konnte der Verleger glauben, daß ein solches Buch der Narrheit gekauft werden würde!

5.1.2. Andere Dokumente zur Rezeptionsgeschichte

1. Urteil des Preußischen Ober-Zensur-Kollegiums über die Briefe eines Narren an eine Närrin vom 2. Oktober 1832 (zitiert nach Houben, Verb. Lit., S. 258-259).

Dieser Titel scheint theils um Aufmerksamkeit zu erregen, theils aber auch um deswillen gewählt zu seyn, damit unangemessene Dinge, ohne Zusammenhang und ohne Scheu dem Publicum mitgetheilt werden können. Hauptsächlich beschäftigt sich diese Schrift mit der Politik und es werden, dem schlechten Tone vieler Zeit- und Flugschriften gemäß, das Königthum nebst den Fürsten, dem Adel etc. herabgesetzt; die heilige Allianz, ferner die Bundesversammlung, und in Frankreich die Maßregeln zur Bekämpfung des unruhigen Geistes der Zeit etc. angegriffen. Namentlich wird Preußens, und des Preußen an Rußland knüpfenden verwandtschaftlichen Bandes auf eine so ganz ungeziemende Weise erwähnt, daß uns Maaßregeln gegen diese Schrift unerläßlich scheinen.

2. Ludwig Börne: Briefe aus Paris. Bd. 5. Paris: Brunet [Hamburg: Hoffmann & Campe], 1834. S. 12-16. (Rasch 14/1.33.02.28)

[12] Dienstag, den 13. November [1832].

Ein herrliches deutsches Buch habe ich hier gelesen; schicken Sie gleich hin es holen zu lassen. Briefe eines Narren an eine Närrin. Auch in Hamburg bei Campe erschienen, der seine Freude daran hat, die Briefe aller Narren an alle Närrinnen drucken zu lassen. Es ist so schnell abwechselnd erhaben und tief, daß Sie vielleicht müde werden es zu lesen, ich bin es selbst geworden und bin doch ein besserer Kopfhänger als Sie. Aber es ist der Anstrengung werth. Der Narr ist ein schöner und edler Geist und so unbekümmert um die schöne Form, welcher oft die besten Schriftsteller ihr Bestes aufopfern, daß diese, wie jede Kokette, weil verschmäht, sich ihm so eifriger zudringt. Der Verfasser schreibt schön ohne es zu wollen. Er ist ein Republikaner wie alle Narren; denn wenn die Republikaner klug wären, dann bliebe ihnen nicht lange mehr etwas zu wünschen übrig und sie gewönnen Zeit sich zu verlieben und Novellen zu schreiben. Nichts kommt ihm lächerlicher vor als das monarchische Wesen, nichts sündlicher gegen Gott und die Natur. Er theilt meinen Abscheu gegen die vergötterten großen Männer der Geschichte und meint, die schöne Zeit werde kommen, wo es wie keine Hofräthe, so auch keine Helden mehr geben [13] wird. Die Klügsten unter den Gegnern des Liberalismus haben diese[m] immer vorgeworfen, es sei ihm gar nicht um diese oder jene Regierungsform zu thun, sondern er wolle gar keine Regierung. Ich trage diese Sünde schon zwanzig Jahre in meinem Herzen und sie hat mich noch in keinem Schlafe, in keiner gefährlichen Krankheit beunruhigt. Die Tyrannei der Willkühr war mir nie so verhaßt, wie die der Gesetze. Der Staat, die Regierung, das Gesetz, sie müssen alle suchen sich überflüssig zu machen, und ein tugendhafter Justizrath seufzt gewiß, so oft er sein Quartal einkassirt und ruft: O Gott! wie lange wird dieser elende Zustand der Dinge noch dauern? Und bei dieser Betrachtung hat der Verfasser eine schöne Stelle, die ich wörtlich ausschreiben will. „Freilich ist das Firmament ein Staat, und Gott ein Monarch, der sich die Gesetze und die Bahnen unterordnet; aber die Sterne des Himmels werden einst auf die Erde fallen, und Gott wird sein strahlendes Scepter und die Sonnenkrone von sich werfen, und den Menschen weinend in die Arme fallen, und die zitternden Seelen um Vergebung bitten, daß er sie so lange in seinen allmächtigen Banden gefangen gehalten.“ Küssen Sie den Unbekannten in der Seele, der über die Wehen, die Geburten und Misgeburten dieser Zeit so schöne Dinge gesagt. Auch eine betrübte räthselhafte Er-[14]scheinung unserer Tage, erklärt der Verfasser gut. Woher kömmt es, das so Viele in Deutschland, die früher freisinnig gewesen, es später nicht geblieben? Spötter werden sagen: sie haben sich der Regierung verkauft; ich aber möchte nie so schlecht von den Menschen denken. Ich war immer überzeugt, daß ein Wechsel der Hoffnung, gewöhnlich dem Lohne vorausginge, mit dem Regierungen, zur Aufmunterung der Tugend, diesen Wechsel bezahlten. „Sie könnten den Nachwuchs eines neuen Geschlechtes nicht ertragen; sie wollten nicht, daß man munterer, dreister dem gemeinschaftlichen Feinde die Spitze bieten könne. Es ist in Frankreich ebenso gegangen. Die in der alten französischen Kammer einst die äußerste Linke bildeten, die ausgezeichnetsten Glieder der ehemaligen Opposition sind nur darum in die rechte Mitte des Centrums hinaufgerückt, weil sie nicht ertragen mochten, daß eine Weisheit, die ihnen geborgt war, sich in jugendlichern Gemüthern lebendiger bethätigte. So sind in Deutschland die ehemaligen Heerführer des Liberalismus die loyalsten Organe der Regierung geworden. Früher sprachen sie allein über gewisse Wahrheiten, jetzt thun es ihnen hundert Andere nach.“

An dem Buche habe ich nichts zu tadeln, als seinen Titel. Man soll sich nicht toll, oder betrunken stellen wenn man die Wahrheit sagt. Auch nicht ein-[15]mal im Scherze soll man eine solche Maske vorhalten, denn es gibt unwissende Menschen genug, welche die Vermummung als einen Beweis ansehen, daß man nicht jeden Tag das Recht habe die Wahrheit zu sagen, sondern nur während der Fastnachtszeit und in der Hanswurstjacke. Ueberhaupt sollten wir jetzt keinen Spaß machen, damit die großen Herren erkennen, daß uns gar nicht darum zu thun sei, witzig zu seyn, sondern sie selbst zu witzigen.

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[16] Mittwoch, den 14. November.

Ich muß noch einmal auf die Briefe eines Narren zurückkommen; das Wichtigste hätte ich fast vergessen. Stellen Sie sich vor es wird in dem Buche erzählt: der goldene Hahn auf der frankfurter Brücke sei abgenommen worden, und unsere Regierung habe es auf Befehl der Götter des taxischen Olymps thun müssen, weil der Hahn ein Symbol der Freiheit sei, der, ob er zwar nicht krähen könnte, sintemal er von Messing ist, doch als Kräh-Instrument in dem Munde eines sachsenhäuser Revolutionairs Staats- und diner-gefährlich werden könnte. Es wäre merkwürdig! aber ich glaube es nicht. Vielleicht war es ein Scherz von dem Verfasser, oder er hat es sich aufbinden lassen. Aber was ist in Frankfurt unmöglich? Ich bitte, lassen Sie doch **** auf die Sachsenhäuser Brücke gehen und nach dem uralten Hahne sehen. Ist er noch da, dann werde ich den närrischen Briefsteller öffentlich als einen Verläumder erklären.

3. Heinrich Heine: Vorrede zur Vorrede [zu „Französische Zustände“]. [Signiert „Ende November 1832.“]. In: DHA, Bd. 12/1, S. 453-454. (→? Heine-Portal); Erl. zu →? 50,21-22)

Mißlicher ist es, wenn die Freunde mich verkennen. Das dürfte mich verstimmen, und wirklich, es verstimmt mich. Ich will es aber nicht verhehlen, ich will es selber zur öffentlichen Kunde bringen, daß auch von Seiten der himmlischen Parthey mein guter Leumund angegriffen worden. Diese hat jedoch Phantasie, und ihre Insinuazionen sind nicht so platt prosaisch wie die der böotischen, sodomitischen und abderitischen Parthey. Oder gehörte nicht eine große Phantasie dazu, daß man mich in jüngster Zeit der antiliberalsten Tendenzen bezüchtigte und der Sache der Freyheit abtrünnig glaubte? Eine gedruckte Aeußerung über diese angeschuldete Abtrünnigkeit fand ich diese Tage in einem Buche betitelt: „Briefe eines Narren an eine Närrin.“ Ob des vielen Guten und Geistreichen, das darin enthalten ist, ob der edlen Gesinnung des Verfassers überhaupt, verzeih ich diesem gern die mich betreffenden bösen Aeußerungen; ich weiß von welcher Himmelsgegend ihm dergleichen zugeblasen worden, ich weiß woher der Wind pfiff. Da giebt es nemlich unter unseren jakobinischen Enragés, die seit den Juliustagen so laut geworden, einige Nachahmer jener Polemik, die ich während der Restaurazionsperiode mit fester Rücksichtslosigkeit und zugleich mit besonnener Selbstsicherung, geführt habe. Jene aber haben ihre Sache sehr schlecht gemacht, und statt die persönlichen Bedrängnisse die ihnen daraus entstanden, nur ihrer eigenen Ungeschicklichkeit beyzumessen, fiel ihr Unmuth auf den Schreiber dieser Blätter, den sie unbeschädigt sahen.

4. [Anton Edmund Wollheim da Fonseca:] Spanischer Pfeffer gegen Deutsches Salz. Briefe einer Dame, herausgegeben von Dr. Anton Edmund Wollheim. Hamburg: Literatur-Comptoir, 1835.

5. [Anon.:] HAMBURG, im Literatur-Compt.: Spanischer Pfeffer gegen Deutsches Salz. Briefe einer Dame, herausgegeben von Dr. Anton Edmund Wollheim, 1835, II u. 327 S. 8. In: Ergänzungsblätter zur Allgemeinen Literatur-Zeitung. Halle. Nr. 86, September 1835, Sp. 686-688.

Dieser Spanische Pfeffer, gutes deutsches Gewächs, ist gegen das Deutsche Salz in der unlängst unter dem Titel: „Briefe eines Narren an eine Närrin“ erschienenen Flugschrift gerichtet, von dem wir nicht wissen, ob es taub ist oder scharf, denn – wir kennen des Narren Briefe nicht. Aus den Ant-[687]worten der Närrin, die vor uns liegen, ersehen wir nur, daß Jener ein republikanischer Narr ist, dagegen sie gemäßigt monarchisch. Ihr Pfeffer ist nicht ohne Schärfe. Die Närrin, angeblich eine vornehme Spanierin, Gattin eines bei der Gesandtschaft an einem großen deutschen Hofe Employirten, der, gleichfalls Republikaner, während sie an ihren Geliebten diese Briefe schreibt, in Madrid erschossen wird, läßt fast alle neuern Zustände, besonders aber die politischen und literarischen, die Revüe passiren.

6. Eugen St. Alban [d.i. Eduard Baldamus]: Bern wie es ist. Leipzig: Hartmann, 1835. Bd. 2, S. 116-117.

Ludwig Snell hat Anlage ein Narr zu werden, ein großer politischer Narr, viel zu groß für den alten Nürnberger Narrenspiegel. Am Stiftungstage der Helvetia wäre das Vernünftig-, das Kaltnüchternbleiben Versündigung an der neuen Heilsordnung gewesen. Uebrigens ist ja jede Begeisterung mehr oder weniger eine Folie. Die Narren, die vollständigen, die ganzen Narren, sind in meinen Augen Auserwählte, Heilige, die man mit einer Kniebeugung begrüssen sollte. Darum haben Gutzkow’s [117] Briefe eines Narren an eine Närrin für mich einen besondern Werth. Sie sind mir lieber als alle deutschen Literaturbriefe, lieber als die berüchtigten Englischen Juniusbriefe, lieber als die ganze Sendschreibenliteratur, selbst wenn diese durch Französische Juliusbriefe bereichert werden sollte.

5.2. Rezeptionsgeschichte

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
© by-nc-nd Editionsprojekt Karl Gutzkow, 2008. Not to be published in any form without the author's prior permission. / Layout Judith Näther & Juliane Schaefer.

Autor der Seite: Richard John Kavanagh (E-mail:rjkavanagh@eircom.net).
Seite angelegt im August 2008.
Fassung: 1.3.
Geschichte der Seitenänderungen: Fassung 1.0, August 2008; Fassung 1.1 April 2010 mit Korrekturen in DokEnt und Zusatz in Entstehungsgeschichte ML; Fassung 1.2 November 2011 mit Zusatz zur Entstehungsgeschichte (Hambach) ML,GV; Fassung 1.3 M?rz 2017 mit Zus?tzen in Entstehungsgeschichte und DokRez ML. Kleine weitere Korrekturen ohne neue Fassungsnummer ML Januar / Maerz 2018.
Letzte Änderung: 03.04.2018 17:59