Die Deutschen Uebersetzungsfabriken (Apparat)

Die Deutschen Uebersetzungsfabriken.

(Bearbeiterinnen: Christine Haug, Mainz; Ute Schneider, Mainz)

1. Textüberlieferung

1.1. Handschriften

1.1.1. Übersicht

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke

J [Anon.]: Die Deutschen Uebersetzungsfabriken. In: Telegraph für Deutschland (Hamburg), Nr. 7, [11.] Januar 1839, S. 49-52; Nr. 8, [12.] Januar 1839, S. 57-59. (Rasch 3.39.01.11)

2. Textdarbietung

2.1. Edierter Text

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

2.2. Lesarten und Varianten

Druckfehler: 4,19 räth] rätht J.

3. Quellen, Folien, Anspielungshorizonte

4. Entstehung

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte

4.2. Entstehungsgeschichte

5. Rezeption

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte

5.2. Rezeptionsgeschichte

6. Kommentierung

6.1. Globalkommentar

Mit dem Aufkommen einer massenhaft produzierten und preiswerten Literatur Mitte der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts setzte in Deutschland eine lebhafte und kontroverse Diskussion über die fortschreitende Technisierung der Buchherstellung und Kommerzialisierung des literarischen Marktes ein, an der sich Schriftsteller, Literaturkritiker, Buchhändler und Verleger sowie Leser rege beteiligten. Als freier Schriftsteller unmittelbar von der Entwicklung des Literaturmarktes abhängig, setzte sich auch Gutzkow in zahlreichen Zeitschriftenbeiträgen intensiv und fachkundig mit den Problemen auseinander, die die Industrialisierung des Literaturbetriebes mit sich brachte. Der Ausgangspunkt aller Beiträge war die enorme Zunahme der Buchproduktion seit dem Jahr 1815. Während die Buchhändler und Verleger unter den Folgen von Nachdruck und Schleuderpreisen für Bücher litten, wehrten sich die Schriftsteller gegen die teilweise unseriösen Übersetzungspraktiken der Verlagsunternehmen. Der in den 1820er Jahren stark expandierende Buchhandel reagierte mit seinem breiten und preiswerten Angebot von übersetzter Literatur aus dem englischen, französischen und amerikanischen Sprachraum auf neu artikulierte Lektürebedürfnisse eines sozial zunehmend heterogenen Lesepublikums. Diese Bedürfnisse richteten sich besonders auf belletristische Unterhaltung. Die deutsche Leserschaft favorisierte die im Ausland entstandenen historischen Romane, Pionier-, Mysterien- oder Gesellschaftsromane sowie Genreskizzen aus dem Alltag. Erfolgsautoren: Edward Lytton Bulwer, James Fenimore Cooper, Charles Dickens, Alexandre Dumas, George P. Rainsford James, Paul de Kock, Walter Scott, Eugène Sue. Die Werke dieser Schriftsteller gehörten zu den Spitzentiteln in den deutschen Leihbibliotheken.

Die von Gutzkow angeprangerten Verlagsunternehmen beschäftigten Hunderte von Übersetzern, die gewöhnlich schlecht bezahlt und in größter Eile arbeiteten, und brachten die Übersetzungen in billigen Romanreihen heraus, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem deutschen Buchmarkt großer Resonanz erfreuten. Ein wesentlicher Faktor für den rapiden Aufschwung des Übersetzungswesens war das rechtliche Vakuum auf dem internationalen literarischen Markt. Fehlende inner- und außereuropäische Urheberrechtsregelungen erlaubten den deutschen Verlegern, nicht autorisierte Übersetzungen herzustellen und auf dem deutschen Markt anzubieten. Die ausländischen Romane waren im internationalen Literaturgeschäft nicht geschützt, und der Verfasser des Originals hatte keinen Anspruch auf Honorar. Die große Beliebtheit der Romane Walter Scotts - Kritiker sprachen von der "Scottomanie" - brachte in den zwanziger Jahren eine Vielzahl konkurrierender Scott-Übersetzungen hervor; die Verleger versuchten sich mit Billigangeboten zu unterbieten und überschwemmten, wie die Gebrüder Schumann in Zwickau (→ Erläuterung zu 6,20-21), mit Taschenausgaben für weniger als vier Groschen den Markt. Deutsche Literaturkritiker, z. B. Robert Prutz, wandten sich nicht gegen die ausländische Literatur an sich, sondern gegen die buchhändlerischen Praktiken im Übersetzungswesen. Die Originalromane wurden teilweise in weniger als vierzehn Tagen übersetzt und wiesen deshalb zahlreiche stilistische Mängel, Übertragungsfehler und Textentstellungen auf. In den deutschen Literaturblättern entfachten diese Übersetzungspraktiken in den 1830er Jahren eine publizistische Debatte, und deutsche Rezensenten polemisierten gegen die "Übersetzungsmanie" oder "Fließband- und Dampfmaschinenübersetzungen", u. a. Wilhelm Hauff in seiner Satire "Die Bücher und die Lesewelt" im Jahr 1827. Gutzkows Kritik richtete sich dagegen nicht nur gegen den Buchhandel, sondern auch gegen das deutsche Lesepublikum, das die ausländische Belletristik der deutschen Literatur vorzog, eine Entwicklung, die von den Verlegern befördert wurde. Gutzkows beißender Spott zielte auf die literarisch oft weniger anspruchsvollen, aber höchst erfolgreichen Unterhaltungsliteraten des europäischen Auslandes, und gerade der finanzielle Erfolg seiner ausländischen Konkurrenten stimmte Gutzkow missgünstig. Er selbst war mit seinen 1837 als Fortsetzungswerk veröffentlichten Zeitgenossen, die er als Übersetzung aus dem Englischen des E. L. Bulwer ausgegeben hatte, weit weniger erfolgreich gewesen als der englische Autor bzw. seine deutschen Verleger. (→ ZgWWW, Rezeptionsgeschichte) Gutzkows Ärger entsprang also der Erfahrung, dass dieselben Qualitäten, die einem besseren ausländischen Schriftsteller sofort die Gunst der deutschen Leser sicherte (Urbanität des Stils, Genauigkeit der Beobachtung, Unterhaltsamkeit und Kenntnisreichtum), einem deutschen Autor nicht annähernd denselben Erfolg bescherten. Die Dominanz übersetzter Literatur auf dem deutschen Markt blockierte ironischerweise gerade Gutzkows Versuch, die ‚junge', europäisch orientierte deutsche Literatur, die seit Beginn der 1830er Jahre hervorgetreten war, als neue Strömung der nachromantischen Zeit zu etablieren - sein Telegraph für Deutschland diente als Sammelpunkt zu diesem Zweck. Übrigens hatte Gutzkows Methode einer öffentlichen Stigmatisierung derjenigen Verlagsunternehmen, die sich im Übersetzungsgeschäft betätigten, im Buchhandel Tradition. Bereits die Raub- und Nachdrucker im 18. Jahrhundert wurden in den literarischen Intelligenzblättern, einer frühen Form des buchhändlerischen Fachblattes, öffentlich bloßgestellt. (→ Erläuterung zu 3,24-25) Die Wirkung dieser Maßnahmen war allerdings gering, dominierte doch das Gewinnstreben über das Buchhändlerethos.

6.2. Einzelstellenerläuterungen

1,14 Buchhändler] in diesem Fall meint Gutzkow Verlagsbuchhändler (=Verleger).

1,14 vom Spekulationsteufel besessen] Die Entstehung eines dynamischen und schnell wachsenden Buchmarkts in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entfachte den literarischen Diskurs über das spekulative Moment am Buchhandel. Der Hamburger Buchhändler Friedrich Perthes konstatierte 1834 in seiner Programmschrift "Die Bedeutung des deutschen Buchhandels, besonders in der neuesten Zeit" die Unvereinbarkeit von kommerzieller Spekulation und buchhändlerischem Standesethos. Die ersten kapitalistischen buchgewerblichen Großbetriebe, die sich nicht auf eine Bedarfsdeckung beschränkten, wurden zeitgenössisch als "speculativ" bezeichnet. Gutzkows persönlicher Standpunkt war von einer bemerkenswerten Ambivalenz geprägt, die ihre Ursache in seiner finanziell stets prekären Situation und im andauernden Konflikt zwischen schriftstellerischem Standesbewusstsein und der existenziellen Notwendigkeit einer massenhaften und auf Leserbedürfnisse ausgerichteten literarischen Produktion hatte.

1,30 Miß Trollope] Frances Trollope (1780-1863), englische Schriftstellerin. Berühmt geworden durch ihre Schilderungen amerikanischer Umgangsformen: "Domestic Manners of the Americans" (1832). Dieses äußerst erfolgreiche Werk brachte ihr Aufträge zu weiteren ähnlichen Studien über Länder und Sitten ein. - So entstanden "Belgium and Western Germany in 1833; including visits to Baden-Baden, Wiesbaden, Cassel, Hanover, the Harz Mountains, etc." (1834), "Paris and the Parisians" (1835) und "Vienna and the Austrians" (1838), das Buch, auf das Gutzkow sich hier bezieht. Seine Kritik zielt auf Trollopes offen metternich-freundliche Darstellung der österreichischen Verhältnisse und auf die keineswegs unangefochtene Stellung der Verfasserin in ihrem eigenen Land. Als Konservative stand sie quer zum Zeitgeist der 1830er Jahre. Außer ihren Reiseschilderungen schrieb sie über dreißig Romane. Frances (Fanny) Trollope, die Mutter des viktorianischen Romanschriftstellers Anthony Trollope, war eine der ersten Frauen, die sich durch Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienten.

2,1 W. Scott] Sir Walter Scott (1771-1832), einer der erfolgreichsten und meist übersetzten Verfasser von historischen Romanen. Dem ersten Roman, "Waverley" (1814), folgten bis 1831 etwa dreißig weitere, allesamt anonym erschienen. Die außerordentliche Produktivität des Autors ließ die Kritiker ein Autorenkartell vermuten. Es kursierten Informationen über eine "Waverley-Firma", und auch deutsche Autoren, u. a. Willibald Alexis, tarnten ihre Erstlingswerke als "Waverley-Übersetzungen", um sich ihres Erfolges sicher sein zu können. 1827 bekräftigte Scott allerdings seine Autorschaft der von ihm verfassten Romane.

2,2 Cooper] James Fenimore Cooper (1789-1851), amerikanischer Schriftsteller und Verfasser zahlreicher Pionierromane, die die Erschließung des Mittleren Westens Amerikas zum Thema hatten. Er verarbeitete seine persönlichen Erfahrungen in der Waldwildnis in zahllosen Siedler- und Indianerromanen; Cooper begründete mit seinen Pioniergeschichten ein neues literarisches Genre, das sich im Gegensatz zum Abenteuerroman stark an der Realität der Landnahme- und Grenzergeschichte orientierte und eine detaillierte Kultur- und Sittengeschichte von Amerika bot; mit seinen "Lederstrumpf"-Romanen erlebte er als erster amerikanischer Autor einen Welterfolg.

2,2 Bulwer] Edward George Earle Lytton Bulwer (1803-1873; → Lexikon), englischer Schriftsteller und Verfasser von knapp dreißig Unterhaltungsromanen, in denen er z. T. Elemente des Mysterien- und Kriminalromans mit spiritualistischen und okkulten Motiven geschickt kombinierte. Bulwer hatte großen Einfluss auf die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts, außer auf Gutzkow u. a. auf Karl Immermann, Wilhelm Raabe und Gustav Freytag. Zu den verschiedenen gleichzeitig erscheinenden deutschen Bulwer-Ausgaben vgl. den Kommentar zu den Zeitgenossen (→ ZgWWW, Quellen, Folien, Anspielungshorizonte: Gattungsfolien).

2,5-7 Eliza Bray [...] werden durch zwei Buchhandlungen "sämmtliche Werke" verbreitet] Anna Eliza Bray (1790-1833), englische Schriftstellerin. Die Ankündigung von "Sämmtlichen Werken" oder "Gesammelten Werken" eines bekannten Unterhaltungsliteraten war wichtiger Bestandteil der verlegerischen Absatzstrategien, wurde den Käufern dadurch doch suggeriert, mit dem Erwerb der Gesamtausgabe, gewöhnlich in Taschenbuchformat offeriert, sich finanziell besser zu stellen als beim Erwerb von Einzeltiteln. Die fehlenden internationalen Urheberrechtsregelungen ermöglichten es darüber hinaus, dass zwei Verleger gleichzeitig das Gesamtwerk Eliza Brays in deutscher Übersetzung anbieten konnten. Während eine Ausgabe in 21 Bänden in der Universitätsbuchhandlung Kiel erschien, bot die Augsburger Verlagsbuchhandlung Jenisch & Stage die Werke Brays in 12 Bänden an.

2,8 James] George Payne Rainsford James (1799-1860), englischer Verfasser von populären Geschichtswerken und historischen Romanen: "Richelieu" (1829); "Darnley" (1830); "Life of Edward the Black Prince" (1836).

2,9 Marryat] Frederick Marryat (1792-1848), englischer Marinekapitän und Schriftsteller. Schrieb zahlreiche Romane, u. a. "The Naval Officer: or Scenes and Adventures in the Life of Frank Mildmay" (1829); "Mr. Midshipman Easy" (1836); "The Phantom Ship" (1839); "Poor Jack" (1840). Bei Eduard Vieweg in Braunschweig erschienen im Zeitraum von 1837 bis 1843 seine "Gesammelten Werke" in 82 Bänden. (→ Erläuterung zu 5,10)

2,10 Chamier] Frederick Chamier (1796-1870), englischer Schriftsteller, Verfasser von zahlreichen Unterhaltungsromanen. Die bekanntesten Romane erschienen in der Unterhaltungsreihe "Bibliothek der neuesten und besten Romane der englischen Literatur" (1837-1843) bei Eduard Vieweg. (→ Erläuterung zu 5,10)

2,10-13 von dem prosaischen, häßlichen Boz [...] frazzigen Sittengemälde zu übersetzen] Gutzkow wiederholt hier seine bereits einige Tage zuvor im "Telegraph" geäußerte Kritik (→ Erläuterung zu 3,16-18) an Charles Dickens, dessen frühe Publikationen unter dem Pseudonym "Boz" erschienen. Der Vorwurf der ‚Hässlichkeit' richtet sich u. a. gegen Dickens' karikaturhafte Figurendarstellung, eine Tendenz, die durch die begleitenden Illustrationen und den serienmäßigen Publikationstypus verstärkt wurde. Dickens hatte seine Laufbahn als Gerichts- und Parlamentsreporter begonnen, und seine ersten literarischen Veröffentlichungen waren journalistische Skizzen des städtischen Alltags, 1833-36 in verschiedenen Zeitungen erschienen und 1836-37 mit Illustrationen von George Cruikshank als "Sketches by Boz. Illustrative of Every-day Life and Every-day People" in Buchform veröffentlicht. Dickens' nächstes Werk, die "Pickwick Papers", begann als Text zu bereits vorliegenden Skizzen des Illustrators Seymour, entwickelte sich aber bald zum eigenständigen Roman und erschien in zwanzig monatlichen Einzellieferungen 1836-37. In der von Dickens redigierten illustrierten Zeitschrift "Bentley's Miscellany" kamen dann seine beiden folgenden Romane zuerst in Fortsetzungen heraus: "Oliver Twist" 1837-39; "Nicholas Nickleby" 1838-39.

3,16-18 Wo las man [...] ein [...] sachkundiges Urtheil über Boz] Gutzkow bezieht sich auf Levin Schückings Artikel über Dickens und vor allem auf seine eigene daran anschließende redaktionelle Anmerkung im "Telegraph" (Nr. 4, [5.] Januar 1839, S. 28; Rasch 3.39.01.05.1; → auch Erläuterung zu 2,10-13). Dort heißt es: Auch wir von unsrer Seite wollen dem Oliver Twist z. B. eine gute Beobachtung englischer Volkssitten, eine treue Zeichnung niedrer Charaktere und eine achtbare gegen das englische Armensystem gerichtete Tendenz nicht absprechen. Indessen stoßen auch wir in allen Arbeiten dieses Boz auf eine Häßlichkeit, die sich durch Naturtreue nicht entschuldigen läßt. Der Humor dieser Romane ist so karikatur- und fratzenartig, wie die Zeichnungen zu ihnen, die wir unausstehlich finden. Die Engländer von heute können starke Portionen häßlicher Naturwahrheit vertragen; wir Deutsche aber sollten Protest gegen den Unfug der deutschen Buchhändler einlegen, die uns durch ihre Übersetzungsfabriken allerhand Schmutz und packleinene Literatur aus dem Auslande bringen und durch solche Fratzengebilde wie diese Boziana sind, nur den geläuterten Geschmack der Nation verderben. Es weht ein Branntweingeruch durch diese pseudo-humoristischen Romane; eine stinkige, ordinäre Unfläterei; ein totaler Mangel an aller idealischen Färbung. Es ist gut, wenn der Dichter die Natur belauscht; aber vor dieser öligen, schmierigen, steinkohlenqualmigen englischen Natur möge uns der Himmel bewahren! (Zitiert nach DE, S. 292)

3,19 den Herren Westermann und Weber] Georg Westermann (1810-1879) gründete 1838 in Braunschweig eine Verlagshandlung. Anfang der vierziger Jahre erschienen hier wichtige Geschichtswerke, u. a. Karl von Rottecks "Allgemeine Geschichte vom Anfang der historischen Kenntniß bis auf unsere Zeiten", und Übersetzungen aus dem englischen Sprachraum, u. a. Charles Dickens' Romane. Westermann erweiterte sein Verlagsprogramm um belletristische Unterhaltungsreihen, z. B. "Klassische Bibliothek der älteren Romandichter Englands", die in dreißig Bänden von 1839 bis 1842 erschien. Ihr folgte die zwölfbändige "Roman-Bibliothek des Auslands". Er gründete 1856 eine der frühesten deutschen Monatsschriften ("Illustrirte deutsche Monatshefte"). - Johann Jacob Weber (1803-1880) übernahm 1830 als Geschäftsführer die Leipziger Niederlassung des französischen Verlagshauses Martin Bossange (→ Erläuterung zu 3,33) und begründete, gemeinsam mit Bossange, 1833 nach dem Vorbild des englischen Verlegers Charles Knight das "Pfennigmagazin", das Bossange zugleich in Frankreich einführte (→ Erläuterung zu 3,34). 1834 machte sich Weber in Leipzig selbständig und gab seit 1843 die "Leipziger Illustrirte Zeitung" heraus, die sich zu einem beachtlichen Verlagserfolg entwickelte. Webers verlegerische Aktivitäten konzentrierten sich auf die Herausgabe von zahlreichen und außerordentlich absatzstarken illustrierten Zeitschriften sowie auf die Herstellung von gut verkäuflichen belletristischen Unterhaltungsreihen.

3,24-25 Nachdruckergilden [...] Firmen derselben namhaft] Anspielung auf einen nicht weniger heftigen Konflikt, der im ausgehenden 18. Jahrhundert die Buchbranche beschäftigte (→ Globalkommentar). Die norddeutschen Verlagsbuchhändler denunzierten in gezielten publizistischen Kampagnen Geschäftskollegen, die vornehmlich mit Nachdrucken handelten. Die Einführung des Nettohandels, d. h. Barbezahlung ohne Rückgaberecht bei geringem Rabatt, durch sächsische Verleger zum Nachteil der vor allem im süddeutschen Raum tätigen Verlagsbuchhändler führte dazu, dass sich im Süden Deutschlands (z. B. Christian Gottlieb Schmieder in Karlsruhe) und in der Habsburger Monarchie (Johann Thomas Trattner in Wien) professionelle Nachdruckerunternehmen gründeten, die die norddeutsche Verlagsproduktion systematisch nachdruckten und ihre Raubdrucke zu billigen Preisen im süddeutschen Raum distribuierten.

3,33 Bossange] Martin Bossange (1765-1865), franz. Verleger und Buchhändler, eröffnete 1785 eine Buchhandlung in Paris und errichtete ein weltweit aktives Filialunternehmen mit Zweigstellen in London, Leipzig (→ Erläuterung zu 3,19), Neapel, Santo Domingo, Montreal, Mexiko und Rio de Janeiro.

3,34 Pfennigsmagazin] Das erste Pfennigmagazin Europas, "The Penny Magazine of the Society for the Diffusion of Useful Knowledge", erschien von März 1832 an im Londoner Verlagshaus Charles Knight. Der sensationelle Erfolg dieser Publikationsform lag in der klugen Konzeption der Zeitschrift begründet, in der Verbindung von Belehrung und Unterhaltung in Gestalt von kurzen Beiträgen über verschiedene Wissensgebiete; die Beiträge wurden von augenfälligen Illustrationen begleitet. Der Preis für die jeden Samstag erscheinenden Ausgaben betrug nur einen Penny, und das Pfennigmagazin erreichte die Zielgruppe, für die es konzipiert war, nämlich die finanziell nicht privilegierten arbeitenden Bevölkerungsschichten. Das von Bossange und Weber nach Deutschland importierte "Pfennigmagazin" (→ auch Erläuterung zu 3,19) erreichte bereits im ersten Jahr seines Erscheinens eine Auflage von über 35.000 Exemplaren. Das Phänomen des Pfennigmagazins verschwand, wie viele Zeitschriften des Vormärz, nach 1848 vom Markt.

4,3 F. A. Brockhaus] Friedrich Arnold Brockhaus (1772-1823), einer der frühesten Vertreter eines kapitalistisch geführten literarischen Großbetriebs. Neben mehrbändigen und in Lieferungen publizierten Konversationslexika gab Brockhaus zahlreiche belletristische Unterhaltungsjournale und Romanreihen heraus. Einen besonderen Schwerpunkt legte er auf Übersetzungen ausländischer Literatur, die seit dem Ende der dreißiger Jahre in der Reihe "Ausgewählte Bibliothek der Classiker des Auslandes" erschienen. 1837 übernahm Brockhaus, gemeinsam mit dem Verleger Eduard Avenarius, das französische Filialunternehmen Martin Bossange und damit unter anderem das "Pfennigmagazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnis".

4,13-16 Herr Weber [...] giebt eine sehr überflüssige Zeitung für Buchhändler heraus] "Leipziger Allgemeine Zeitung für Buchhandel und Bücherkunde", von 1838 bis 1839 bei Weber in Leipzig erschienen.

4,17 Wetterkalendern] Der Kalender diente nicht nur der Unterhaltung, sondern hatte wegen seiner vielfältigen thematischen Ausrichtung als Ratgeber eine wichtige Funktion in der Wissensvermittlung vor allem für die ländliche Bevölkerung. Im Buchhandel des 19. Jahrhunderts spielte er jedoch nur eine marginale Rolle und unterstreicht hier die vorgebliche Wertlosigkeit der von Gutzkow kritisierten buchhändlerischen Fachzeitschrift.

4,20-21 daselbst einen Agenten zu haben] Anspielung auf eine bewährte Praxis deutscher Verlagshäuser, in den europäischen literarischen Zentren Agenten zu beschäftigten, die zum frühestmöglichen Zeitpunkt Informationen über die Entstehung eines möglichen "Bestsellers" an ihre deutschen Auftraggeber lieferten. Die Verleger nahmen noch vor Erscheinen des Originals Übersetzer in Vertrag, und teilweise, das Einverständnis des Originalverfassers voraussetzend, übersetzten diese bereits das Manuskript parallel zum Druck. Deshalb erschienen die Originalausgaben und deutschen Übersetzungen oftmals mit nur wenigen Wochen Zeitunterschied.

4,23-24 Pickwick-Unsinn] → Erläuterung zu 2,10-13.

5,3 Ph. Reclam in Leipzig] Anton Philipp Reclam (1807-1896). Mit dem Ertrag aus dem Verkauf seines "Literarischen Museums" gründete Reclam 1837 in Leipzig einen Verlag. Neben dem Verlag von klassischer Literatur und politisch liberalen Broschüren betätigte sich Reclam aktiv im Übersetzungsgeschäft, um sein noch junges Unternehmen finanziell entsprechend zu konsolidieren.

5,4-5 Lügenchroniken der Pariser Gesellschaft] Im Verlag Ph. Reclam erschienen in den vierziger Jahren zahlreiche ‚pikante' Enthüllungsgeschichten aus dem gesellschaftlichen und aristokratischen Leben, u. a. die "Chronique scandaleuse des Petersburger Hofes", "Chronique scandaleuse des Pariser Hofes seit den Zeiten Ludwigs XIV" (Doris de Bourges) und "Galanterie, Abenteuer und Liebschaften einer jungen Dame von Stande" (Etienne Léon Baron de Lamothe-Langon). ‚Pikante' Anekdoten aus aristokratischen Kreisen gehörten zu den typischen Modeerscheinungen dieser Zeit.

5,10 Vieweg in Braunschweig] Das Unternehmen Friedrich Vieweg & Sohn, 1786 in Berlin gegründet und aus zensurpolitischen Gründen 1799 nach Braunschweig verlegt, zählte zu den renommiertesten Verlagen Deutschlands. Sein Schwerpunkt lag auf naturwissenschaftlichen Schriften und Fachperiodika. Von Vieweg verlegte Bücher zeichneten sich durch eine gediegene Einbandgestaltung und ausgewählte Typographie aus. In den vierziger Jahren spezialisierte sich das Unternehmen auf Übersetzungsliteratur und betreute mehrere belletristische Reihen für ausländische Literatur, u. a. "Bibliothek der neuesten und besten Romane der englischen Literatur" (1837-1843) und "Bibliothek auserwählter neuer Romane des Auslandes" (1843-1846). Bei Eduard Vieweg erschienen des weiteren in den vierziger Jahren die Gesamtausgaben der englischen Unterhaltungsschriftsteller Frederick Marryat (→ Erläuterung zu 2,9), Frederick Chamier (→ Erläuterung zu 2,10) und James Morier (→ Erläuterung zu 5,22).

5,15 Industriecomptoir] Kontor.

5,18 Müllners] Adolf Amandus Gottfried Müllner (1774-1829), Dramatiker, Journalist und Theaterkritiker (Pseudonym: Modestin). Seinen ersten literarischen Erfolg verbuchte Müllner 1812 mit dem Stück "Die Vertrauten", das am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde. Seine zahlreichen trivialen Schicksalstragödien dominierten die deutschen und österreichischen Bühnen bis 1830.

5,18 Cotta] Johann Friedrich Cotta (1764-1832) zählte zu den renommiertesten Verlegern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts und war vor allem als Verleger der Weimarer Klassik bekannt.

5,19 Göschen] Georg Joachim Göschen (1752-1828), renommierter Verlagsbuchhändler. Das Unternehmen wurde 1785 in Leipzig gegründet und avancierte zum bedeutendsten Verlag der deutschen Klassiker.

5,21 Mayer in Aachen] Jakob Abraham Mayer (1782-1857), Verleger. 1838 erschienen bei ihm in deutscher Erstausgabe Molières sämtliche Werke. (→ auch Erläuterung zu 6,20-21)

5,22 Morier] James Justinian Morier (1780[?]-1849), englischer Diplomat in Persien und Schriftsteller. Bekannt für seine Schilderungen des Orients und seine Romane mit orientalischen Stoffen. 1837 erschien sein Gesamtwerk in deutscher Übersetzung als Taschenbuchausgabe in 15 Bänden bei Eduard Vieweg. (→ auch Erläuterung zu 5,10)

6,4-5 schlottrigsten aller Blaustrümpfe] Aus dem Englischen ("blue stocking") ein Spottname für die weiblichen Mitglieder des literarischen Kreises um Elizabeth Montagu, an deren Treffen der Botaniker Benjamin Stillingfleet (1702-1771) statt in den üblichen schwarzen Strümpfen in blauen Wollstrümpfen teilnahm. In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland üblich gewordene (abwertende) Bezeichnung für eine Frau, die für soziale, rechtliche und politische Gleichberechtigung eintrat, v. a. für die intellektuelle Frau, die sich von den als typisch weiblich geltenden Eigenschaften distanzierte.

6,8 Meyer senior in Braunschweig] Carl Joseph Meyer (1796-1856), Begründer des Bibliographischen Instituts (1826), war in den dreißiger Jahren marktführend auf dem Sektor der Klassikerbibliotheken. Neben Brockhaus gehörte Meyer zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Großindustrie. Seinen ersten großen Verlagserfolg erlebte er 1827 mit dem Projekt "Cabinet-Bibliothek der Deutschen Classiker". Meyers Verlagskonzept gründete auf der Kombination von "Bildung und Billigkeit" und seine belletristischen Unterhaltungsreihen wurden als Lieferungswerk an Abonnenten abgegeben, eine Geschäftspraxis, die es dem Verleger ermöglichte, das Projekt bei geringem Eigenkapital zu finanzieren.

6,10 Belgischen Nachdrücken] Zwischen 1830 und 1845 unterhielt der belgische Buchhandel einen florierenden Handel mit Nachdrucken französischer Literatur, der erst durch die franko-belgische Konvention von 1854 unterbunden wurde.

6,12 Paul de Kock] Charles Paul de Kock (1794-1871), neben Eugène Sue einer der meistgelesenen französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.

6,20-21 nach einem Autor, der gleich Bulwer populär werden dürfte] Von den drei Verlagen, bei denen Werke Bulwers (→ Erläuterung zu 2,2; → Lexikon) in deutscher Übersetzung herauskamen, darf J. A. Mayer (→ Erläuterung zu 5,21) das ‚Entdeckungsrecht' zugesprochen werden. Als die Gebrüder Schumann in Zwickau (→ Globalkommentar) und Metzler in Stuttgart (→ Erläuterungen zu 6,24; 6,25) jeweils 1833 ihre Werkausgaben des englischen Autors eröffneten, hatte Mayer schon vier Jahre lang regelmäßig die Romane Bulwers (und seine für Gutzkow bedeutsame Schrift "England and the English") in Übersetzung publiziert. Die "E. L. Bulwer's sämmtliche Werke" betitelte Ausgabe bei Mayer erschien dann ebenfalls ab 1833. Vgl. auch den Apparat zu den Zeitgenossen (→ ZgWWW, Quellen, Folien, Anspielungshorizonte: Gattungsfolien)

6,24 Metzler'schen Buchhandlung in Stuttgart] Traditionelles Stuttgarter Verlagshaus, das seit 1816 von dem Verleger und Buchhändler Heinrich Erhard geleitet wurde. Die sich durch zahlreiche Neuetablierungen verschärfende Konkurrenz im Stuttgarter Verlagswesen zwang Erhard zur Umstrukturierung des wissenschaftlichen Verlags und zu innovativen Werbemaßnahmen. Sein Verlagsprogramm zeichnete sich deshalb seit den dreißiger Jahren zunehmend durch die Aufnahme von literarischen Massenartikeln aus. (→ Erläuterung zu 6,20-21)

6,25 Übersetzungs-Maschienen Gustav Pfizer und Notter] Gustav Pfizer (1807-1890), Philologe, Lyriker, Redakteur und einer der produktivsten Übersetzer der dreißiger und vierziger Jahre. Er übertrug 1835-39 die Werke Byrons in die deutsche Sprache und war Mitübersetzer der bei Metzler erscheinenden Werke Bulwers in 150 Bändchen (1833-53). (→ Die Zeitgenossen; ZgWWW, Rezeptionsgeschichte) Ab 1836 war er Redakteur der Zeitschrift "Blätter zur Kunde der Literatur des Auslandes". - Friedrich Notter (1801-1884), wie Pfizer Philologe und Mitglied des schwäbischen Dichterkreises, war einer der Hausübersetzer bei Metzler und ebenfalls stark an der Übertragung von Bulwers Werken beteiligt.

6,29 Kollmann in Leipzig] Christian Ernst Kollmann _▄(...)¯▀, Verleger in Leipzig, dessen Produktionsschwerpunkt auf dem Sektor der Unterhaltungsliteratur lag. Er produzierte belletristische Literatur für Leihbibliotheken und gab zahllose preiswerte Unterhaltungs- und Jugendbibliotheken heraus.

6,32 Tarnow] Fanny Tarnow, eigentlich Franciska Christiane Johanne Frederike Tarnow (1779-1862), Schriftstellerin und Übersetzerin. Tarnow verfasste zahlreiche Frauenromane und Erzählungen, die gerade beim weiblichen Lesepublikum auf eine bemerkenswerte Resonanz stießen. Eine zwölfbändige Ausgabe ihrer gesammelten Schriften erschien 1830 in Leipzig bei Christian Ernst Kollmann. Für das Leipziger Verlagshaus war sie auch als Übersetzerin tätig und übertrug Werke von George Sand, Honoré de Balzac und der irischen Erzählerin Lady Sydney Morgan ins Deutsche.

6,32 Kruse] Lauritz Kruse (1778-1839), Verfasser von Kriminalromanen und Detektivgeschichten, die er vor allem in Almanchen, Taschenbüchern und Unterhaltungszeitschriften veröffentlichte. Als Übersetzer übertrug er neben Molière viele französische Unterhaltungsliteraten ins Deutsche; Kruse spielte aber auch eine wichtige Vermittlerrolle für skandinavische Literatur. Er übersetzte die Werke der dänischen Schriftsteller Andersen, Blicher und Oehlenschläger und aus dem Deutschen ins Dänische die Werke Tiecks und Houwalds.

Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, herausgegeben vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.
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